Minden

Vom Besitzen besessen: Wie ein Schlosser aus Minden zum Messie wurde

Stefan Koch

Auf Ordnung legt der 60-Jährige keinen besonderen Wert. Dafür erfreut er sich an Dingen, die anderen wertlos erscheinen und die sie wegwerfen. Bekannt ist das Verhalten als „Messie-Syndrom“. MT-Fotos: Stefan Koch
Auf Ordnung legt der 60-Jährige keinen besonderen Wert. Dafür erfreut er sich an Dingen, die anderen wertlos erscheinen und die sie wegwerfen. Bekannt ist das Verhalten als „Messie-Syndrom“. MT-Fotos: Stefan Koch

Minden. „Ich kann einfach nichts wegwerfen“, sagt der 60-Jährige. Er steht inmitten seiner Bettwäsche, alten Lampen, Jacken aller Art, einem ausgedienten Fernseher und dem Weihnachtsbaum vom letzten Jahr. „Den hat mir mein Nachbar rübergebracht, der ist noch frisch und grün und duftet so herrlich“, erläutert er. Im Zimmer sei es kühl genug, damit der Baum nicht nadele. Sein besonderer Stolz ist die Lichterkette aus den 60er-Jahren. „Die Marke lautet Rotpfeil“, weiß der Spezialist.

Der Sammler redet ruhig wie ein Mensch, der in sich ruht. Seinen Namen will er nicht im MT lesen, obwohl er vor einigen Wochen in voller Präsenz im Fernsehen zu sehen war. Bei RTL 2 hatte er sich für das Format „Trödel-Trupp“ gemeldet, weil er hoffte, auf diese Weise Interessierte zu finden, denen er das geben kann, was für ihn einen Wert hat. Und davon besitzt er mehr, als er braucht. Doch sie brauchten einen Messie – das ist ein Mensch dem ein zwanghaftes Anhäufen von Gegenständen in der eigenen Wohnung nachgesagt wird. So trat der 60-Jährige nach Verhandlungen mit dem Produzenten im Format „Extrem sauber – Putzteufel im Messie-Chaos“ auf. Zu sehen war, wie eine junge, auf Hygiene bedachte Frau mit ihm zusammen die Wohnung entrümpelt.

Der Kronleuchter in der Diele ist für den Sammler eine Rarität.
Der Kronleuchter in der Diele ist für den Sammler eine Rarität.

„Ja, ich bin ein Messie“, urteilt der 60-Jährige nachträglich über sich selbst. Deutlich wurde das dem Schlosser nach der Trennung von seiner Frau vor 20 Jahren. Immer mehr Dinge nahm er in der Folge der Scheidung in seinem Haus auf. Wegen der wachsenden Unordnung machten sich die Besucher von seinem Tischtennisverein zusehends rarer. „Einmal standen sie dann vor der Tür und wollten gar nicht mehr reinkommen – seitdem bin ich allein.“ Kontakt habe er heute nur noch zu seinem Sohn, der gelegentlich bei ihm übernachtet.

Überall liegen Dinge herum, die dem 60-Jährigen als brauchbar erscheinen.
Überall liegen Dinge herum, die dem 60-Jährigen als brauchbar erscheinen.

Weil er fortwährend alles vom Sticker bis zum großen Bücherschrank sammelt, wurde seine Wohnung irgendwann zu klein. Auf der Suche nach mehr Platz fand sich schließlich im Mindener Land ein renovierungsbedürftiges Bauerngehöft mit mehreren Nebengebäuden, das die Bäuerin aus Altersgründen aufgeben musste. „Als ich das alles übernahm, sagte ich ihr, dass sie die komplette Einrichtung stehen lassen kann“, erinnert sich der Sammler. „Da habe ich dann einen Röhrenverstärker aus den 50er-Jahren auf der Stiege gefunden und für 70 Euro verkauft.“ Solche Triumphe lassen ihn dann doch daran zweifeln, dass er nur ein Messie ist. Denn das was er hat, scheint wertvoll zu sein.

Viele „alte Schätzchen“ haben sich angesammelt wie diese teilweise noch funktionsfähigen Radios.
Viele „alte Schätzchen“ haben sich angesammelt wie diese teilweise noch funktionsfähigen Radios.

Neben dem Sperrmüll der Vorbesitzerin bietet das Gehöft ausreichend Platz für weitere Möbel, eine umfangreiche Sammlung von Altgeräten aller Art – vor allem Radios – sowie Schallplatten, Bücher, Dekoobjekten und vielem mehr. Nur einen Raum mit Holzofen nutzt der 60-Jährige auf der großen Fläche für sich selbst als Wohn- und Schlafzimmer. Dekoriert hat er es mit Ölschinken voller Gebirgslandschaften und tanzenden Putten. Ob Bilder gerade an der Wand hängen, spielt keine Rolle – manche stehen auch nur im Regal. Neben Kisten mit Brennholz vor einem Vorleger mit Perserteppich-Muster steht ein Sofa, dessen 50er-Jahre-Charme längst verblichen ist. „So etwas kriegt man heute gar nicht mehr“, sagt der Eigentümer. Die Küche kann er dagegen nicht mehr nutzen, weil sie mit Gegenständen aller Art zugestellt ist. Außerdem sei es dort im Winter viel zu kalt. Der Bewohner legt Wert auf die Feststellung, dass er sich gesund ernähre und jederzeit beim Nachbarn kochen könne.

Ob er unter seinem Messie-Dasein leidet? „Das kann ich so nicht sagen.“ Außerdem störe es ihn auch nicht, in einem unaufgeräumten Haus zu wohnen. Er lebe ja schließlich nicht in vergammelndem Müll und achte auf Körperhygiene. Zudem habe seine Sammelleidenschaft viel Gutes. „Seit 20 Jahren mache ich bei Flohmärkten mit, ich verkaufe alte Radios, Nähmaschinen, Schallplatten und so weiter – das macht mir Spaß, ich komme mit vielen Leuten zusammen, kann feilschen und verhandeln, das ist wie eine große Familie.“

Die Schattenseite ist, dass er auf den Flohmärkten auch vieles findet, dann kauft und in sein Bauernhaus schleppt, das damit nur noch voller wird. Einen Überblick über seine Besitztümer hat er nicht. Nur einzelne Objekte haben eine besondere Bedeutung wie ein alter Kronleuchter, der in der Diele über dem dort herumliegenden Gerümpel thront. „Das ist eine Rarität, die passt genau dorthin.“ Oder ein alter Gasofen, dessen Modell in der Adenauer-Zeit vielerorts in der Bundesrepublik für warme Stuben gesorgt hatte. „Den hatte ich bei eBay entdeckt und wollte ihn unbedingt haben. Dazu bin ich dann bis nach Duisburg gefahren, um die Versandkosten zu sparen.“ Aus Mecklenburg-Vorpommern reiste dagegen ein gusseiserner Ofen aus den 20er-Jahren an, den er besitzen musste.

Sein Dasein finanziert der 60-Jährige, der nach eigenen Angaben „von der Hand in den Mund“ lebt, weder durch Sozialhilfe noch durch Frührente. Vielmehr hält er sich mit 450 Euro-Jobs über Wasser. „Ich habe zwölf Jahre lang Kühlschränke, Wasch- und Spülmaschinen angeschlossen und arbeite auch als Briefzusteller.“ Und für seinen Fernsehauftritt bei RTL hatten sie ihm zudem 600 Euro Honorar versprochen. „Das ist aber noch nicht bei mir angekommen.“

Dennoch könnte die Begegnung mit den Medien mehr als ein Zubrot gewesen sein. Denn für das Drehteam musste er nach ausgiebigen Diskussionen mit seiner Fernsehpartnerin vor laufenden Kameras unbrauchbares Mobiliar und anderen Krimskrams in eine Kippmulde werfen und sich für immer davon verabschieden. „Ich habe dabei die Erfahrung gemacht, dass man Dinge auch wegwerfen kann.“ Jetzt will er sich einen Anhänger besorgen und Sachen aus seinem Bauernhaus zum Wertstoffhof bringen. Am Wochenende, so hat er sich vorgenommen, möchte er auch die Terrasse freiräumen.

Ob er selbst daran glaubt? „Einer hat mal zu mir gesagt, dass ich zu viele Baustellen auf einmal habe.“ Da sei etwas dran. Das stelle er immer wieder bei sich fest. Außerdem falle es ihm zunehmend schwerer, sein Leben zu regulieren. „Da muss mir mein Nachbar gelegentlich helfen und mir einen einen Anstoß geben.“

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MindenVom Besitzen besessen: Wie ein Schlosser aus Minden zum Messie wurdeStefan KochMinden. „Ich kann einfach nichts wegwerfen“, sagt der 60-Jährige. Er steht inmitten seiner Bettwäsche, alten Lampen, Jacken aller Art, einem ausgedienten Fernseher und dem Weihnachtsbaum vom letzten Jahr. „Den hat mir mein Nachbar rübergebracht, der ist noch frisch und grün und duftet so herrlich“, erläutert er. Im Zimmer sei es kühl genug, damit der Baum nicht nadele. Sein besonderer Stolz ist die Lichterkette aus den 60er-Jahren. „Die Marke lautet Rotpfeil“, weiß der Spezialist. Der Sammler redet ruhig wie ein Mensch, der in sich ruht. Seinen Namen will er nicht im MT lesen, obwohl er vor einigen Wochen in voller Präsenz im Fernsehen zu sehen war. Bei RTL 2 hatte er sich für das Format „Trödel-Trupp“ gemeldet, weil er hoffte, auf diese Weise Interessierte zu finden, denen er das geben kann, was für ihn einen Wert hat. Und davon besitzt er mehr, als er braucht. Doch sie brauchten einen Messie – das ist ein Mensch dem ein zwanghaftes Anhäufen von Gegenständen in der eigenen Wohnung nachgesagt wird. So trat der 60-Jährige nach Verhandlungen mit dem Produzenten im Format „Extrem sauber – Putzteufel im Messie-Chaos“ auf. Zu sehen war, wie eine junge, auf Hygiene bedachte Frau mit ihm zusammen die Wohnung entrümpelt. „Ja, ich bin ein Messie“, urteilt der 60-Jährige nachträglich über sich selbst. Deutlich wurde das dem Schlosser nach der Trennung von seiner Frau vor 20 Jahren. Immer mehr Dinge nahm er in der Folge der Scheidung in seinem Haus auf. Wegen der wachsenden Unordnung machten sich die Besucher von seinem Tischtennisverein zusehends rarer. „Einmal standen sie dann vor der Tür und wollten gar nicht mehr reinkommen – seitdem bin ich allein.“ Kontakt habe er heute nur noch zu seinem Sohn, der gelegentlich bei ihm übernachtet. Weil er fortwährend alles vom Sticker bis zum großen Bücherschrank sammelt, wurde seine Wohnung irgendwann zu klein. Auf der Suche nach mehr Platz fand sich schließlich im Mindener Land ein renovierungsbedürftiges Bauerngehöft mit mehreren Nebengebäuden, das die Bäuerin aus Altersgründen aufgeben musste. „Als ich das alles übernahm, sagte ich ihr, dass sie die komplette Einrichtung stehen lassen kann“, erinnert sich der Sammler. „Da habe ich dann einen Röhrenverstärker aus den 50er-Jahren auf der Stiege gefunden und für 70 Euro verkauft.“ Solche Triumphe lassen ihn dann doch daran zweifeln, dass er nur ein Messie ist. Denn das was er hat, scheint wertvoll zu sein. Neben dem Sperrmüll der Vorbesitzerin bietet das Gehöft ausreichend Platz für weitere Möbel, eine umfangreiche Sammlung von Altgeräten aller Art – vor allem Radios – sowie Schallplatten, Bücher, Dekoobjekten und vielem mehr. Nur einen Raum mit Holzofen nutzt der 60-Jährige auf der großen Fläche für sich selbst als Wohn- und Schlafzimmer. Dekoriert hat er es mit Ölschinken voller Gebirgslandschaften und tanzenden Putten. Ob Bilder gerade an der Wand hängen, spielt keine Rolle – manche stehen auch nur im Regal. Neben Kisten mit Brennholz vor einem Vorleger mit Perserteppich-Muster steht ein Sofa, dessen 50er-Jahre-Charme längst verblichen ist. „So etwas kriegt man heute gar nicht mehr“, sagt der Eigentümer. Die Küche kann er dagegen nicht mehr nutzen, weil sie mit Gegenständen aller Art zugestellt ist. Außerdem sei es dort im Winter viel zu kalt. Der Bewohner legt Wert auf die Feststellung, dass er sich gesund ernähre und jederzeit beim Nachbarn kochen könne. Ob er unter seinem Messie-Dasein leidet? „Das kann ich so nicht sagen.“ Außerdem störe es ihn auch nicht, in einem unaufgeräumten Haus zu wohnen. Er lebe ja schließlich nicht in vergammelndem Müll und achte auf Körperhygiene. Zudem habe seine Sammelleidenschaft viel Gutes. „Seit 20 Jahren mache ich bei Flohmärkten mit, ich verkaufe alte Radios, Nähmaschinen, Schallplatten und so weiter – das macht mir Spaß, ich komme mit vielen Leuten zusammen, kann feilschen und verhandeln, das ist wie eine große Familie.“ Die Schattenseite ist, dass er auf den Flohmärkten auch vieles findet, dann kauft und in sein Bauernhaus schleppt, das damit nur noch voller wird. Einen Überblick über seine Besitztümer hat er nicht. Nur einzelne Objekte haben eine besondere Bedeutung wie ein alter Kronleuchter, der in der Diele über dem dort herumliegenden Gerümpel thront. „Das ist eine Rarität, die passt genau dorthin.“ Oder ein alter Gasofen, dessen Modell in der Adenauer-Zeit vielerorts in der Bundesrepublik für warme Stuben gesorgt hatte. „Den hatte ich bei eBay entdeckt und wollte ihn unbedingt haben. Dazu bin ich dann bis nach Duisburg gefahren, um die Versandkosten zu sparen.“ Aus Mecklenburg-Vorpommern reiste dagegen ein gusseiserner Ofen aus den 20er-Jahren an, den er besitzen musste. Sein Dasein finanziert der 60-Jährige, der nach eigenen Angaben „von der Hand in den Mund“ lebt, weder durch Sozialhilfe noch durch Frührente. Vielmehr hält er sich mit 450 Euro-Jobs über Wasser. „Ich habe zwölf Jahre lang Kühlschränke, Wasch- und Spülmaschinen angeschlossen und arbeite auch als Briefzusteller.“ Und für seinen Fernsehauftritt bei RTL hatten sie ihm zudem 600 Euro Honorar versprochen. „Das ist aber noch nicht bei mir angekommen.“ Dennoch könnte die Begegnung mit den Medien mehr als ein Zubrot gewesen sein. Denn für das Drehteam musste er nach ausgiebigen Diskussionen mit seiner Fernsehpartnerin vor laufenden Kameras unbrauchbares Mobiliar und anderen Krimskrams in eine Kippmulde werfen und sich für immer davon verabschieden. „Ich habe dabei die Erfahrung gemacht, dass man Dinge auch wegwerfen kann.“ Jetzt will er sich einen Anhänger besorgen und Sachen aus seinem Bauernhaus zum Wertstoffhof bringen. Am Wochenende, so hat er sich vorgenommen, möchte er auch die Terrasse freiräumen. Ob er selbst daran glaubt? „Einer hat mal zu mir gesagt, dass ich zu viele Baustellen auf einmal habe.“ Da sei etwas dran. Das stelle er immer wieder bei sich fest. Außerdem falle es ihm zunehmend schwerer, sein Leben zu regulieren. „Da muss mir mein Nachbar gelegentlich helfen und mir einen einen Anstoß geben.“