Rainald Grebe und die Stunden der Wahrheit Rolf Graff Minden (rgr). Gewandet in eine Kuscheldecke mit Reißverschluss und Ärmeln mit Rüschen und gekrönt mit einer LED-Lichterkette, betritt Rainald Grebe die Bühne des Mindener Stadttheaters. Erst vor zwei Wochen feierte er mit seinem sechsten Soloprogramm „Das Münchhausenkonzert“ Premiere in der Berliner Philharmonie, das er nun im Rahmen der 15. Mindener Kabaretttage – „Kabarett statt Karneval“ des Kulturbüros OWL präsentierte. Er tourt erst einmal durch die kleinen Buden mit einem nicht so anspruchsvollen Publikum, wie er es in etwa beschreibt. Solch kleine Seitenhiebe nimmt ihm das Mindener Publikum nicht übel, es geht an diesem Abend ja schließlich um Lügen. Erst einmal kommt Grebe mit seinem Tourmanager Franz Schumacher hinter dem Mischpult ins Gespräch. Es geht um die Anzahl ihrer Abonnenten in sozialen Netzwerken. Schumacher postet Fotos von seinen Klettertouren und liegt damit hinter Grebe, der Bowls postet. Er richtet sein Essen in Schüsseln an und fotografiert diese, hat in ihrer Form aber auch ein Grundelement dieser Welt erkannt und beweist dies im Laufe des Abends mit so einigen Fotocollagen. Später sticht er die Kletterbilder seines Mitarbeiters mit Roofing-Fotos aus, die ihn schwindelfrei auf hohen Gebäuden stehend zeigen. Er versprach ja „nichts als die Wahrheit“ und dem Lügenbaron hat er ein Lied geschrieben, in dem auch die Telefonnummer und das Kfz-Kennzeichen von Bodenwerder vorkommen. Er begleitet sich auf dem großen Flügel und später auf einer Uralt-Orgel à la Dieter Hüsch, den er zu seinen Vorbildern zählt. Der „Stern“ beschrieb ihn mal als eine Mischung aus Udo Jürgens und Helge Schneider, worauf man eigentlich nicht kommen kann. Will man ihn in eine Schublade packen, sollte man sie vorher mit Rainald Grebe beschriften. Sein Auftreten wirkt improvisiert, und seine Songtexte scheinen spontan entstanden zu sein. Letztlich fügt sich aber alles. So bei dem Lied über eine Fahrt durch Deutschland mit kleinen Momentaufnahmen, die eine „mega nice Zeit“ versprechen, aber in Wahrheit eher verstören. „Ich hätte gern ein Madel aus gutem alten Adel“ kalauert er im Refrain des nächsten Liedes, um dann über die Lügen von Kabarettisten („ihr seid das beste Publikum“) und Veranstalter („sonst ist es hier immer voll“) aufzuklären. Der nächste Song „Ich will das Klicken“ beschreibt die schnelle Verfügbarkeit von Inhalten und Waren. Helfen uns die Rechten unsere Identität zurückzubekommen, die uns das Verbieten von Tieren im Zirkus, von Rauchen in der Öffentlichkeit oder der Benutzung von Worten wie Zigeunersoße oder Negerkuss genommen haben? Auch der inflationäre Gebrauch des Wortes Kultur ist sein Thema. Seinem Begleiter Franz Schumacher hat er einen neuen Text über dessen Tätigkeit auf den alten DDR-Song „Bau auf“ geschrieben, den dieser selbst von seinem Platz aus singen darf. Die Thesen des Philosophen Immanuel Kant aus Königsberg bringt er geschickt in Verbindung mit der russischen Troll-Fabrik im gleichen Ort. Ernten wir heute, was die Philosophen einst ausgesät haben? Oft muss der Zuschauer sehr genau hinhören, um Grebes Anliegen zu erkennen, denn das hat er, auch wenn seine Texte vordergründig keine Botschaft erkennen lassen. Unterhaltsam ist er zudem und auch nach fast drei Stunden zeigte das Publikum noch Lust auf Zugaben.

Rainald Grebe und die Stunden der Wahrheit

Rainald Grebe widmet sein neues Programm den Lügen und Halbwahrheiten und unterhält damit brillant. © Foto: Rolf Graff

Minden (rgr). Gewandet in eine Kuscheldecke mit Reißverschluss und Ärmeln mit Rüschen und gekrönt mit einer LED-Lichterkette, betritt Rainald Grebe die Bühne des Mindener Stadttheaters. Erst vor zwei Wochen feierte er mit seinem sechsten Soloprogramm „Das Münchhausenkonzert“ Premiere in der Berliner Philharmonie, das er nun im Rahmen der 15. Mindener Kabaretttage – „Kabarett statt Karneval“ des Kulturbüros OWL präsentierte. Er tourt erst einmal durch die kleinen Buden mit einem nicht so anspruchsvollen Publikum, wie er es in etwa beschreibt. Solch kleine Seitenhiebe nimmt ihm das Mindener Publikum nicht übel, es geht an diesem Abend ja schließlich um Lügen.

Erst einmal kommt Grebe mit seinem Tourmanager Franz Schumacher hinter dem Mischpult ins Gespräch. Es geht um die Anzahl ihrer Abonnenten in sozialen Netzwerken. Schumacher postet Fotos von seinen Klettertouren und liegt damit hinter Grebe, der Bowls postet. Er richtet sein Essen in Schüsseln an und fotografiert diese, hat in ihrer Form aber auch ein Grundelement dieser Welt erkannt und beweist dies im Laufe des Abends mit so einigen Fotocollagen. Später sticht er die Kletterbilder seines Mitarbeiters mit Roofing-Fotos aus, die ihn schwindelfrei auf hohen Gebäuden stehend zeigen.

Rainald Grebe widmet sein neues Programm den Lügen und Halbwahrheiten und unterhält damit brillant. - © Foto: Rolf Graff
Rainald Grebe widmet sein neues Programm den Lügen und Halbwahrheiten und unterhält damit brillant. - © Foto: Rolf Graff

Er versprach ja „nichts als die Wahrheit“ und dem Lügenbaron hat er ein Lied geschrieben, in dem auch die Telefonnummer und das Kfz-Kennzeichen von Bodenwerder vorkommen. Er begleitet sich auf dem großen Flügel und später auf einer Uralt-Orgel à la Dieter Hüsch, den er zu seinen Vorbildern zählt. Der „Stern“ beschrieb ihn mal als eine Mischung aus Udo Jürgens und Helge Schneider, worauf man eigentlich nicht kommen kann. Will man ihn in eine Schublade packen, sollte man sie vorher mit Rainald Grebe beschriften. Sein Auftreten wirkt improvisiert, und seine Songtexte scheinen spontan entstanden zu sein. Letztlich fügt sich aber alles. So bei dem Lied über eine Fahrt durch Deutschland mit kleinen Momentaufnahmen, die eine „mega nice Zeit“ versprechen, aber in Wahrheit eher verstören.

„Ich hätte gern ein Madel aus gutem alten Adel“ kalauert er im Refrain des nächsten Liedes, um dann über die Lügen von Kabarettisten („ihr seid das beste Publikum“) und Veranstalter („sonst ist es hier immer voll“) aufzuklären. Der nächste Song „Ich will das Klicken“ beschreibt die schnelle Verfügbarkeit von Inhalten und Waren. Helfen uns die Rechten unsere Identität zurückzubekommen, die uns das Verbieten von Tieren im Zirkus, von Rauchen in der Öffentlichkeit oder der Benutzung von Worten wie Zigeunersoße oder Negerkuss genommen haben? Auch der inflationäre Gebrauch des Wortes Kultur ist sein Thema. Seinem Begleiter Franz Schumacher hat er einen neuen Text über dessen Tätigkeit auf den alten DDR-Song „Bau auf“ geschrieben, den dieser selbst von seinem Platz aus singen darf.

Die Thesen des Philosophen Immanuel Kant aus Königsberg bringt er geschickt in Verbindung mit der russischen Troll-Fabrik im gleichen Ort. Ernten wir heute, was die Philosophen einst ausgesät haben? Oft muss der Zuschauer sehr genau hinhören, um Grebes Anliegen zu erkennen, denn das hat er, auch wenn seine Texte vordergründig keine Botschaft erkennen lassen. Unterhaltsam ist er zudem und auch nach fast drei Stunden zeigte das Publikum noch Lust auf Zugaben.

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