Minden gegen den Rechtsruck: Friedlicher Protest und ein starkes Zeichen Henning Wandel Minden. „Wir sind die Mitte“, ruft Pfarrer Frieder Küppers in die Menge, während ein kräftiger Windstoß über den Platz weht. „Und niemand soll die Mitte mit Hass vergiften.“ Im Gegenteil: Die Spirale des Hasses müsse zurückgedreht werden: „Das Netzwerk der Nächstenliebe trägt uns alle.“ An diesem Samstag trägt es die Menschen auf dem Kleinen Domhof. Mindestens 1.500 sind gekommen, um Gesicht zu zeigen und ein deutliches Zeichen zu setzen. Vielleicht sind es auch mehr, der Platz ist bis an die Ränder gefüllt, auch nach dem Beginn um 12 Uhr kommen mehr und mehr Menschen hinzu. Dabei war die Mahnwache offiziell nur mit 300 Menschen angemeldet. Für die Polizei sei das kein Problem, sagt Einsatzleiter Martin Weynans. Rund um die Mahnwache habe es keine Probleme gegeben: „Es war alles ganz friedlich.“ Die Anmeldung der Demonstration lag noch vor der Terrornacht von Hanau. Die rassistisch motivierten Morde haben die Mindener offensichtlich endgültig wachgerüttelt, nachdem schon die Festnahmen von drei Terrorverdächtigen in Minden und Porta Westfalica für Fassungslosigkeit gesorgt hatten. Es sei erschreckend, wie dicht die rechtsextreme Gewalt herangerückt sei, sagt Bürgermeister Michael Jäcke. Er erinnert in seiner Rede auch an die Gewalttaten von Rostock-Lichtenhagen und Solingen Anfang der 90er Jahre sowie die Mordserie des NSU: „Die Gewalt ist nicht vom Himmel gefallen. Wir müssen Schluss machen mit dem Relativieren der rechten Gefahr.“ Alle seien gefordert, dieser Entwicklung die Stirn zu bieten: „Minden ist unsere Stadt, eine Stadt der Vielfalt und der Nächstenliebe.“ Die Aktion steht auf einem breiten Fundament. 50 Organisationen und Initiativen hätten den Aufruf von „Minden gegen Rechts“ mit unterzeichnet, sagt Jannes Tilicke (SPD). Darunter sind neben Parteien wie SPD, CDU, Bündnis 90 und Linke auch der DGB, die Gewerkschaft der Polizei und die türkisch-islamische Gemeinde. „Fridays for Future“ ist genauso so präsent wie die „Omas gegen Rechts“, die mit ihrem „Wir sind mehr“ schnell den gesamten Platz anstecken. Amal Hamdan kam vor 33 Jahren aus dem Libanon nach Minden, vor dem Dom spricht sie als Vorsitzende des Integrationsrates. „Minden ist meine Heimat und mein Zuhause“ sagt sie. Sie lebe gerne hier, in einer offenen Stadt mit einem respektvollen Miteinander. Gleichzeitig warnt sie: „Die Hemmschwelle sinkt.“ Immer wieder höre sie beschwichtigende Floskeln: Das sei doch nicht so gemeint, sie solle nicht so empfindlich sein. Schon dem müsse sich eine Gesellschaft entschieden entgegenstellen sagt sie: „Wir müssen von Anfang an den Nährboden entziehen und Einfalt mit Vielfalt begegnen.“ Dieser 22. Februar ist auch historisch ein bedeutsames Datum. An diesem Tag vor 77 Jahren wurden Sophie und Hans Scholl in München hingerichtet. Micha Heitkamp (SPD) erinnerte daran mit einem Zitat: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt“, hieß es auf Flugblättern der Weißen Rose im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Zwischen den Redebeiträgen verliest Heitkamp immer wieder Grüße: Von einem Professor, der mit seine Anzeige für die Verurteilung des Vorsitzenden der Partei „Die Rechte“ gesorgt hat. Von dem Mindener Kabarettisten Bernd Gieseking. Von einer Mindenerin, die jetzt in Kirchheim unter Teck lebt, wo vergangene Woche ebenfalls ein Mitglied der rechtsextremen Terrorzelle verhaftet worden war. Gleichgültig ist niemand an diesem Tag. Ans Mikrofon treten auch Ronja, Meret und Julia von „Fridays for Future“. Ihr Kampf für den Klimaschutz sei gleichzeitig ein Kampf gegen Ausgrenzung und Gewalt: Wenn die Menschen gleichgültig seien, „reichen ein paar Spinner, um unsere Gesellschaft zu zerstören“, sagen sie. Und auch Elke Bikowski von der „Seebrücke Minden“ ruft dazu auf, sich jeden Tag für seine Nächsten einzusetzen. Im Mai soll es als weiteres sichtbares Zeichen eine Menschenkette von der Nordsee bis zum Mittelmeer geben, eine „Rettungskette für die Menschenrechte“, sagt sie: „Und wie es der Zufall will, liegt Minden genau auf dem Weg.“ Immer wieder werden die Redner von lautem Beifall unterbrochen, die Mindener rücken an diesem Tag offenbar nicht nur räumlich ganz eng zusammen. „Eine Demokratie ist nur so stark, wie die Menschen, die sie verteidigen“, ruft Paul von „Fridays for Future“ zum Schluss in die Menge, während irgendwo das jüdische Lied „Havenu Shalom Alechem“ angestimmt wird – „Wir wollen Frieden für alle“. Minden hat am Samstag ein starkes Zeichen gesetzt.

Minden gegen den Rechtsruck: Friedlicher Protest und ein starkes Zeichen

Bis zum Durchgang in Richtung Markt drängen sich die Menschen auf dem Kleinen Domhof. Die Flaggen vor dem Rathaus sind wegen der Morde von Hanau auf halbmast. MT-Foto: Wandel © Henning Wandel

Minden. „Wir sind die Mitte“, ruft Pfarrer Frieder Küppers in die Menge, während ein kräftiger Windstoß über den Platz weht. „Und niemand soll die Mitte mit Hass vergiften.“ Im Gegenteil: Die Spirale des Hasses müsse zurückgedreht werden: „Das Netzwerk der Nächstenliebe trägt uns alle.“ An diesem Samstag trägt es die Menschen auf dem Kleinen Domhof. Mindestens 1.500 sind gekommen, um Gesicht zu zeigen und ein deutliches Zeichen zu setzen. Vielleicht sind es auch mehr, der Platz ist bis an die Ränder gefüllt, auch nach dem Beginn um 12 Uhr kommen mehr und mehr Menschen hinzu. Dabei war die Mahnwache offiziell nur mit 300 Menschen angemeldet. Für die Polizei sei das kein Problem, sagt Einsatzleiter Martin Weynans. Rund um die Mahnwache habe es keine Probleme gegeben: „Es war alles ganz friedlich.“

Die Anmeldung der Demonstration lag noch vor der Terrornacht von Hanau. Die rassistisch motivierten Morde haben die Mindener offensichtlich endgültig wachgerüttelt, nachdem schon die Festnahmen von drei Terrorverdächtigen in Minden und Porta Westfalica für Fassungslosigkeit gesorgt hatten. Es sei erschreckend, wie dicht die rechtsextreme Gewalt herangerückt sei, sagt Bürgermeister Michael Jäcke. Er erinnert in seiner Rede auch an die Gewalttaten von Rostock-Lichtenhagen und Solingen Anfang der 90er Jahre sowie die Mordserie des NSU: „Die Gewalt ist nicht vom Himmel gefallen. Wir müssen Schluss machen mit dem Relativieren der rechten Gefahr.“ Alle seien gefordert, dieser Entwicklung die Stirn zu bieten: „Minden ist unsere Stadt, eine Stadt der Vielfalt und der Nächstenliebe.“

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Die Aktion steht auf einem breiten Fundament. 50 Organisationen und Initiativen hätten den Aufruf von „Minden gegen Rechts“ mit unterzeichnet, sagt Jannes Tilicke (SPD). Darunter sind neben Parteien wie SPD, CDU, Bündnis 90 und Linke auch der DGB, die Gewerkschaft der Polizei und die türkisch-islamische Gemeinde. „Fridays for Future“ ist genauso so präsent wie die „Omas gegen Rechts“, die mit ihrem „Wir sind mehr“ schnell den gesamten Platz anstecken.

Amal Hamdan kam vor 33 Jahren aus dem Libanon nach Minden, vor dem Dom spricht sie als Vorsitzende des Integrationsrates. „Minden ist meine Heimat und mein Zuhause“ sagt sie. Sie lebe gerne hier, in einer offenen Stadt mit einem respektvollen Miteinander. Gleichzeitig warnt sie: „Die Hemmschwelle sinkt.“ Immer wieder höre sie beschwichtigende Floskeln: Das sei doch nicht so gemeint, sie solle nicht so empfindlich sein. Schon dem müsse sich eine Gesellschaft entschieden entgegenstellen sagt sie: „Wir müssen von Anfang an den Nährboden entziehen und Einfalt mit Vielfalt begegnen.“

Dieser 22. Februar ist auch historisch ein bedeutsames Datum. An diesem Tag vor 77 Jahren wurden Sophie und Hans Scholl in München hingerichtet. Micha Heitkamp (SPD) erinnerte daran mit einem Zitat: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt“, hieß es auf Flugblättern der Weißen Rose im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Zwischen den Redebeiträgen verliest Heitkamp immer wieder Grüße: Von einem Professor, der mit seine Anzeige für die Verurteilung des Vorsitzenden der Partei „Die Rechte“ gesorgt hat. Von dem Mindener Kabarettisten Bernd Gieseking. Von einer Mindenerin, die jetzt in Kirchheim unter Teck lebt, wo vergangene Woche ebenfalls ein Mitglied der rechtsextremen Terrorzelle verhaftet worden war. Gleichgültig ist niemand an diesem Tag.

Ans Mikrofon treten auch Ronja, Meret und Julia von „Fridays for Future“. Ihr Kampf für den Klimaschutz sei gleichzeitig ein Kampf gegen Ausgrenzung und Gewalt: Wenn die Menschen gleichgültig seien, „reichen ein paar Spinner, um unsere Gesellschaft zu zerstören“, sagen sie. Und auch Elke Bikowski von der „Seebrücke Minden“ ruft dazu auf, sich jeden Tag für seine Nächsten einzusetzen. Im Mai soll es als weiteres sichtbares Zeichen eine Menschenkette von der Nordsee bis zum Mittelmeer geben, eine „Rettungskette für die Menschenrechte“, sagt sie: „Und wie es der Zufall will, liegt Minden genau auf dem Weg.“

Immer wieder werden die Redner von lautem Beifall unterbrochen, die Mindener rücken an diesem Tag offenbar nicht nur räumlich ganz eng zusammen. „Eine Demokratie ist nur so stark, wie die Menschen, die sie verteidigen“, ruft Paul von „Fridays for Future“ zum Schluss in die Menge, während irgendwo das jüdische Lied „Havenu Shalom Alechem“ angestimmt wird – „Wir wollen Frieden für alle“. Minden hat am Samstag ein starkes Zeichen gesetzt.

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