Wochenende: Gefundenes Fressen

Hartmut Nolte

Früher war alles besser. Ich hasse diesen Satz. Aber er stimmt. Ich muss das so feststellen, weil das jede ältere Generation sagt. Wahrscheinlich schon seit grauer Vorzeit, als mit der „Erfindung“ des Faustkeils als Werkzeug die Jagd mit Speeren einfacher und ertragreicher wurde. Die Neandertaler Opas und Omas fanden es dagegen einfacher, sich wie gewohnt von dem sowieso schon mundgerecht seit Wochen im Wald tot herumliegenden Hirsch zu ernähren. Der Spruch der älteren Neandertaler vom gefundenen Fressen hat sich bis heute erhalten. Geblieben ist nur der Spruch. Schon aus Zeitgründen gewinnt immer die Jugend. „Früher war alles besser“, ist die letzte Abwehr, das nicht zugeben zu müssen. Und es ist der vergebliche Versuch, sich Neuerungen nicht anpassen zu wollen.

Geniale Entdeckungen brauchen meist etliche Generationen bis zur Serienreife. Das Feuer zu bändigen, es dann zum Kochen und Braten zu nutzen, ist das beste Beispiel dafür. Über die Nutzung der Elektrizität sind es dann nur noch wenige Schritte bis zum Induktionsherd und zur vorgebackenen Tiefkühl-Pizza. Vorgekochtes zu essen braucht weniger Kaubewegungen. Also weniger Kraftaufwand und einen kleineren Kiefer. Das führt zu mehr Energie und mehr Platz fürs Gehirn. Fertiggerichte machen schlau. Das ist der wahre Fortschritt.

Was der moderne Mensch am Ende des Anthropozäns, kurz vor dem Zeitalter der künstlichen Intelligenz, dem Algorithmozän, aus diesen kognitiven Vorteilen machen kann, hat jetzt die Stadt Köln entdeckt. Den Schlauköpfen im Straßenverkehrsamt der Karnevalistenmetropole ist eingefallen, dass erwischte Parksünder sie nicht wegen jedes Knöllchens im Rathaus belästigen oder zum Bankschalter rennen müssen. Warum nicht beim Einkauf gleich an der Supermarktkasse das Knöllchen bezahlen? Da kann man doch jetzt schon Bargeld abheben.

Das wird für die Supermarktketten und Discounter ein, um im obigen Bild zu bleiben, gefundenes Fressen. Ich sehe schon die Werbung: „Aktionswoche: Treuepunkte für jedes Knöllchen, sogar dreifach bei über 30 Euro“. Oder: „Bei zwei Kästen Bier und zwei Knöllchen diese Woche zehn Prozent Rabatt* (Kleingedruckt: *nur aufs Bier)

Wenn das so funktioniert wie die Kölner Jecken sich das vorstellen, können die Düsseldorfer bald ihre Müllabfuhrgebühren beim Discounter bezahlen. Macht sogar Sinn, denn woher hat man denn den ganzen Verpackungsabfall ins Haus geschleppt? Ob in Mainz noch vor Rosenmontag bekanntgegeben wird, ob man dort auch vom Gericht verhängte Geldstrafen bezahlen kann, habe ich noch nicht rausgefunden, Ich muss jetzt zum Aldi, meine GEZ-Gebühren einzahlen.

In dem Sinne ein schönes Wochenende.

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Wochenende: Gefundenes FressenHartmut NolteFrüher war alles besser. Ich hasse diesen Satz. Aber er stimmt. Ich muss das so feststellen, weil das jede ältere Generation sagt. Wahrscheinlich schon seit grauer Vorzeit, als mit der „Erfindung“ des Faustkeils als Werkzeug die Jagd mit Speeren einfacher und ertragreicher wurde. Die Neandertaler Opas und Omas fanden es dagegen einfacher, sich wie gewohnt von dem sowieso schon mundgerecht seit Wochen im Wald tot herumliegenden Hirsch zu ernähren. Der Spruch der älteren Neandertaler vom gefundenen Fressen hat sich bis heute erhalten. Geblieben ist nur der Spruch. Schon aus Zeitgründen gewinnt immer die Jugend. „Früher war alles besser“, ist die letzte Abwehr, das nicht zugeben zu müssen. Und es ist der vergebliche Versuch, sich Neuerungen nicht anpassen zu wollen. Geniale Entdeckungen brauchen meist etliche Generationen bis zur Serienreife. Das Feuer zu bändigen, es dann zum Kochen und Braten zu nutzen, ist das beste Beispiel dafür. Über die Nutzung der Elektrizität sind es dann nur noch wenige Schritte bis zum Induktionsherd und zur vorgebackenen Tiefkühl-Pizza. Vorgekochtes zu essen braucht weniger Kaubewegungen. Also weniger Kraftaufwand und einen kleineren Kiefer. Das führt zu mehr Energie und mehr Platz fürs Gehirn. Fertiggerichte machen schlau. Das ist der wahre Fortschritt. Was der moderne Mensch am Ende des Anthropozäns, kurz vor dem Zeitalter der künstlichen Intelligenz, dem Algorithmozän, aus diesen kognitiven Vorteilen machen kann, hat jetzt die Stadt Köln entdeckt. Den Schlauköpfen im Straßenverkehrsamt der Karnevalistenmetropole ist eingefallen, dass erwischte Parksünder sie nicht wegen jedes Knöllchens im Rathaus belästigen oder zum Bankschalter rennen müssen. Warum nicht beim Einkauf gleich an der Supermarktkasse das Knöllchen bezahlen? Da kann man doch jetzt schon Bargeld abheben. Das wird für die Supermarktketten und Discounter ein, um im obigen Bild zu bleiben, gefundenes Fressen. Ich sehe schon die Werbung: „Aktionswoche: Treuepunkte für jedes Knöllchen, sogar dreifach bei über 30 Euro“. Oder: „Bei zwei Kästen Bier und zwei Knöllchen diese Woche zehn Prozent Rabatt* (Kleingedruckt: *nur aufs Bier) Wenn das so funktioniert wie die Kölner Jecken sich das vorstellen, können die Düsseldorfer bald ihre Müllabfuhrgebühren beim Discounter bezahlen. Macht sogar Sinn, denn woher hat man denn den ganzen Verpackungsabfall ins Haus geschleppt? Ob in Mainz noch vor Rosenmontag bekanntgegeben wird, ob man dort auch vom Gericht verhängte Geldstrafen bezahlen kann, habe ich noch nicht rausgefunden, Ich muss jetzt zum Aldi, meine GEZ-Gebühren einzahlen. In dem Sinne ein schönes Wochenende.