Phantom im Gefängnis: Wuppertaler Gericht verurteilt Betrüger wegen Identitätsdiebstahls Sabine Maguire Wuppertal/Bielefeld/Minden. Ins Franziskus Hospital in Bielefeld ließ er sich mit dem Rettungswagen chauffieren. Den sollen Passanten gerufen haben, nachdem er auf der Straße bewusstlos zusammengesackt war. In der Klinik aufgenommen wurde er als „Heinrich Traue“ – privatversichert. Die Behandlungskosten solle man ihm in Rechnung stellen. Einzelzimmer? Dass müsse dann doch nicht sein, da genüge auch ein Zweibettzimmer. Aber den Chefarzt würde er schon gerne sehen. Nach der Entlassung vier Tage später ging´s gleich weiter nach Gütersloh – mittlerweile mit einem Doppelnamen: „Heinrich Traue-Steffen“. Wieder im Rettungswagen, auch diesmal ein Notfall. Privatpatient, Zweibettzimmer und der Chefarzt kommt zur Visite. Drei Wochen später dann die Uniklinik in Düsseldorf: Notaufnahme, irgendwas mit dem Herz. Als man sich die Sache dort genauer anschauen wollte, entließ sich der Angeklagte unter dem Namen „Heinrich Traue“ am nächsten Tag selbst – um kurz darauf mit der gleichen Diagnose, aber diesmal als „Ulrich Graf“, im Remscheider Sana-Klinikum vorstellig zu werden. Auch dort kam der Chefarzt, und rechnete später 700 Euro für seine Dienste ab. Auf der Rechnung standen dazu auch noch 2.100 Euro Pflegekosten für fünf Tage auf der Privatstation. Die Entlassung am 23. Dezember 2016 kam unpassend, so kurz vor Weihnachten. Im Wuppertaler Café „Extrablatt“ brach der falsche Ulrich Graf noch am selben Tag zusammen. Der herbeigeeilte Notarzt schickte den Patienten mit dem Rettungswagen ins Helios Klinikum: Verdacht auf Epilepsie. Es folgte die Einweisung in die Neurologie und selbstverständlich wurde der Privatpatient auch dort über die Weihnachtstage hinweg vom Chefarzt behandelt. Hätte sich nicht eine Krankenschwester an sein Gesicht und auch daran erinnert, ihn vor drei Jahren schon mal mit kriminellen Absichten auf der Station ertappt zu haben: Die ganze Geschichte wäre wohl noch längst nicht zu Ende erzählt. Die couragierte Frau informierte erst ihren Chef und rief dann die Polizei. Als die schließlich kam, hatte der Simulant bereits die Flucht ergriffen. Seine Tasche jedoch hatte er in der Eile vergessen – und darin fanden die Beamten später Rechnungen von Onlineversandhäusern und Versicherungen. Denn der Patient hatte sich unter falschem Namen auch noch Pakete in die Kliniken liefern lassen. Per Express-Post, es musste ja schnell gehen. Schließlich musste er sich fix wieder entlassen können, bevor der Schwindel aufflog. So drei bis vier Tage würde es dauern, bis bei den Versicherungen die Alarmglocken läuten – das will er so in den AGB´s gelesen haben. Und bis dahin musste er weg sein. Hätte er in Gütersloh nicht auch noch vom Krankenbett aus eine Sex-Hotline angerufen, was dort zur vorzeitigen Abrechnung der Telefonkosten geführt hatte: Er hätte wohl als vermeintlicher Selbstzahler noch ein paar Tage länger bleiben können. Knochenkrebs, Herzinfarkte und zwei Schlaganfälle? Glaubt man dem psychiatrischen Gutachter, stimmt davon nichts. Wie die Diagnosen in in den Krankenakten immer weiter fortgeschrieben werden konnten bis hin zur Annahme, der vermeintliche Patient leide an Krebs und seine Tage seien gezählt? All das habe der Angeklagte mit simulierten Krankheitssymptomen und Einweisungen in Krankenhäuser selbst vorangetrieben. Untersuchungen seien entweder nicht gemacht worden oder der betrügerische Simulant sei weg gewesen, bevor der Chefarzt zur Tat schreiten konnte. Auf den Stationen sei er sogar als Schmerzpatient geführt und ihm seien Opiate verabreicht worden. Seine angebliche Drogensucht, wegen der ihn die Rentenversicherung von einem zwischenzeitlichen Haftaufenthalt in eine Entzugsklinik hatte schicken wollen? Auch die stehe zwar in den Akten, sei aber wie auch alles andere keineswegs durch medizinische Befunde belegt. Auf der Anklagebank sitzend, wollte der Angeklagte von all dem nichts hören: Er sei seit den 1990er Jahren abhängig von Heroin, Haschisch und Kokain. Deswegen habe er auch unbedingt weg gewollt aus der Notschlafstelle in der Remscheider „Schüttendelle“, in der er nach dem letzten Haftaufenthalt untergekommen war. Dort hätten alle nur „gekifft und an der Nadel gehangen“. Mehrfach wegen ähnlicher Betrügereien in Haft, sei er zweimal bei einem begleiteten Ausgang aus dem offenen Vollzug rückfällig geworden. Einmal habe ihn ein ehrenamtlicher Betreuer in Bielefeld geradewegs neben dem Bahnhof auf der „Platte“ warten lassen, um für zwei Stunden auf dem Friedhof Blumen zu pflanzen. Und was solle man dort schon anderes tun, als sich Heroin zu beschaffen. Ein anderes Mal sei er in Remscheid bei einem begleiteten Ausgang ausgebüxt – auch dort aus dem offenen Vollzug und in Bahnhofsnähe, als ein Betreuer mit ihm Klamotten für die bevorstehende Entlassung habe kaufen wollen. Untergekommen sei er dann bei einem Bekannten in Remscheid, den er von der Notschlafstelle gekannt habe. Auch zu dessen Anschrift habe er sich weiter Pakete schicken lassen, wie auch an zwei weitere Adressen in Wuppertal. Angeblich, um mit den bestellten Waren und deren Weiterverkauf seine Drogensucht zu finanzieren. Was man von all dem wirklich glauben kann? Vom psychiatrischen Gutachter ist dazu zu hören, der Angeklagte leide unter dem Münchhausen-Syndrom und seine angeblichen Krankheiten müssten für Krankenhausaufenthalte und Betrügereien herhalten. Seit mindestens zehn Jahren soll der 55-Jährige mit dieser Masche nicht nur Kliniken und Versicherungen, sondern auch Versandhäuser und diejenigen geprellt haben, deren Identitäten er angenommen hat. In etlichen Fällen soll er auch Mitpatienten bestohlen und mit deren Kreditkarten eingekauft haben. Auch diesmal waren die Krankenhäuser auf ihren Behandlungskosten von 12.000 Euro sitzengeblieben. Das Wuppertaler Amtsgericht verurteilte den Angeklagten am vergangenen Freitag wegen gewerbsmäßigen Betrugs und unter Einbeziehung einer einschlägigen Vorstrafe zu vier Jahren Haft. Die Schäden, die der Mindener Heinrich Traue durch den Missbrauch seiner Identität über mehrere Jahre hinweg erlitten hat, sind mit dem Gerichtsurteil nicht ausgeglichen. Trotz seines langen Vorstrafenregisters blieb der Betrüger lange Zeit für die Ermittler nur ein Phantom. Noch heute muss sich Traue gegenüber Inkassobüros und Anwälten wegen offener Rechnungen, die der 56-Jährige unter seinem Namen hinterlassen hatte, verantworten. Am Mittwoch, 26. Februar, 20.15 Uhr, wird Traue in der Aktenzeichen-XY-Reihe „Vorsicht Betrug“ live dabei sein und über sein Schicksal berichten. Chronologie Ab Dezember 2016 erhält der Mindener Heinrich Traue Paketsendungen eines unbekannten Auftraggebers an seine Adresse. Vor allem Rechnungen von Krankenhäusern und Versandhändlern sind dabei. Traue schaltet noch 2016 die Polizei ein. Dennoch ist er in den Fokus von Inkassofirmen geraten. Im Februar 2017 erfährt Traue, dass der Unbekannte unter seinem Namen Familienunterlagen bestellte. Im Mai 2017 erfährt Traue, dass der Unbekannte unter seinem Namen in Tschechien einen Führerschein bestellte. Im August 2019 teilt die Polizei Traue mit, dass sie den Identitätsdieb aufgrund einer DNA-Analyse identifizieren konnte und er sich in Untersuchungshaft befindet. Der Betrüger soll sich am 15. November vor dem Wuppertaler Schöffengericht verantworten. Im Oktober 2019 erfährt Traue, dass der Betrüger verschwunden ist. Das Gericht hatte zuvor die Haft ausgesetzt, weil der Mann eine Richterin davon überzeu- gen konnte, dass er eine Drogen- therapie benötigt. Im November 2019 schnappt die Polizei den Identitätsdieb erneut. Zuvor hatte sich dieser an einen Journalisten der „Zeit“ gewandt, um ihm seine eigene Version des Tatablaufs darzu- stellen. Am Freitag, 17. Februar 2020, verurteilt das Wuppertaler Gericht den 56-Jährigen zu einer Haftstrafe von vier Jahren.

Phantom im Gefängnis: Wuppertaler Gericht verurteilt Betrüger wegen Identitätsdiebstahls

Wuppertal/Bielefeld/Minden. Ins Franziskus Hospital in Bielefeld ließ er sich mit dem Rettungswagen chauffieren. Den sollen Passanten gerufen haben, nachdem er auf der Straße bewusstlos zusammengesackt war. In der Klinik aufgenommen wurde er als „Heinrich Traue“ – privatversichert. Die Behandlungskosten solle man ihm in Rechnung stellen. Einzelzimmer? Dass müsse dann doch nicht sein, da genüge auch ein Zweibettzimmer. Aber den Chefarzt würde er schon gerne sehen.

Nach der Entlassung vier Tage später ging´s gleich weiter nach Gütersloh – mittlerweile mit einem Doppelnamen: „Heinrich Traue-Steffen“. Wieder im Rettungswagen, auch diesmal ein Notfall. Privatpatient, Zweibettzimmer und der Chefarzt kommt zur Visite.

Drei Wochen später dann die Uniklinik in Düsseldorf: Notaufnahme, irgendwas mit dem Herz. Als man sich die Sache dort genauer anschauen wollte, entließ sich der Angeklagte unter dem Namen „Heinrich Traue“ am nächsten Tag selbst – um kurz darauf mit der gleichen Diagnose, aber diesmal als „Ulrich Graf“, im Remscheider Sana-Klinikum vorstellig zu werden.

Auch dort kam der Chefarzt, und rechnete später 700 Euro für seine Dienste ab. Auf der Rechnung standen dazu auch noch 2.100 Euro Pflegekosten für fünf Tage auf der Privatstation. Die Entlassung am 23. Dezember 2016 kam unpassend, so kurz vor Weihnachten. Im Wuppertaler Café „Extrablatt“ brach der falsche Ulrich Graf noch am selben Tag zusammen. Der herbeigeeilte Notarzt schickte den Patienten mit dem Rettungswagen ins Helios Klinikum: Verdacht auf Epilepsie. Es folgte die Einweisung in die Neurologie und selbstverständlich wurde der Privatpatient auch dort über die Weihnachtstage hinweg vom Chefarzt behandelt. Hätte sich nicht eine Krankenschwester an sein Gesicht und auch daran erinnert, ihn vor drei Jahren schon mal mit kriminellen Absichten auf der Station ertappt zu haben: Die ganze Geschichte wäre wohl noch längst nicht zu Ende erzählt. Die couragierte Frau informierte erst ihren Chef und rief dann die Polizei. Als die schließlich kam, hatte der Simulant bereits die Flucht ergriffen. Seine Tasche jedoch hatte er in der Eile vergessen – und darin fanden die Beamten später Rechnungen von Onlineversandhäusern und Versicherungen. Denn der Patient hatte sich unter falschem Namen auch noch Pakete in die Kliniken liefern lassen. Per Express-Post, es musste ja schnell gehen. Schließlich musste er sich fix wieder entlassen können, bevor der Schwindel aufflog.

So drei bis vier Tage würde es dauern, bis bei den Versicherungen die Alarmglocken läuten – das will er so in den AGB´s gelesen haben. Und bis dahin musste er weg sein. Hätte er in Gütersloh nicht auch noch vom Krankenbett aus eine Sex-Hotline angerufen, was dort zur vorzeitigen Abrechnung der Telefonkosten geführt hatte: Er hätte wohl als vermeintlicher Selbstzahler noch ein paar Tage länger bleiben können.

Knochenkrebs, Herzinfarkte und zwei Schlaganfälle? Glaubt man dem psychiatrischen Gutachter, stimmt davon nichts. Wie die Diagnosen in in den Krankenakten immer weiter fortgeschrieben werden konnten bis hin zur Annahme, der vermeintliche Patient leide an Krebs und seine Tage seien gezählt? All das habe der Angeklagte mit simulierten Krankheitssymptomen und Einweisungen in Krankenhäuser selbst vorangetrieben. Untersuchungen seien entweder nicht gemacht worden oder der betrügerische Simulant sei weg gewesen, bevor der Chefarzt zur Tat schreiten konnte. Auf den Stationen sei er sogar als Schmerzpatient geführt und ihm seien Opiate verabreicht worden. Seine angebliche Drogensucht, wegen der ihn die Rentenversicherung von einem zwischenzeitlichen Haftaufenthalt in eine Entzugsklinik hatte schicken wollen? Auch die stehe zwar in den Akten, sei aber wie auch alles andere keineswegs durch medizinische Befunde belegt.

Auf der Anklagebank sitzend, wollte der Angeklagte von all dem nichts hören: Er sei seit den 1990er Jahren abhängig von Heroin, Haschisch und Kokain. Deswegen habe er auch unbedingt weg gewollt aus der Notschlafstelle in der Remscheider „Schüttendelle“, in der er nach dem letzten Haftaufenthalt untergekommen war. Dort hätten alle nur „gekifft und an der Nadel gehangen“.

Mehrfach wegen ähnlicher Betrügereien in Haft, sei er zweimal bei einem begleiteten Ausgang aus dem offenen Vollzug rückfällig geworden. Einmal habe ihn ein ehrenamtlicher Betreuer in Bielefeld geradewegs neben dem Bahnhof auf der „Platte“ warten lassen, um für zwei Stunden auf dem Friedhof Blumen zu pflanzen. Und was solle man dort schon anderes tun, als sich Heroin zu beschaffen. Ein anderes Mal sei er in Remscheid bei einem begleiteten Ausgang ausgebüxt – auch dort aus dem offenen Vollzug und in Bahnhofsnähe, als ein Betreuer mit ihm Klamotten für die bevorstehende Entlassung habe kaufen wollen. Untergekommen sei er dann bei einem Bekannten in Remscheid, den er von der Notschlafstelle gekannt habe. Auch zu dessen Anschrift habe er sich weiter Pakete schicken lassen, wie auch an zwei weitere Adressen in Wuppertal. Angeblich, um mit den bestellten Waren und deren Weiterverkauf seine Drogensucht zu finanzieren.

Was man von all dem wirklich glauben kann? Vom psychiatrischen Gutachter ist dazu zu hören, der Angeklagte leide unter dem Münchhausen-Syndrom und seine angeblichen Krankheiten müssten für Krankenhausaufenthalte und Betrügereien herhalten. Seit mindestens zehn Jahren soll der 55-Jährige mit dieser Masche nicht nur Kliniken und Versicherungen, sondern auch Versandhäuser und diejenigen geprellt haben, deren Identitäten er angenommen hat. In etlichen Fällen soll er auch Mitpatienten bestohlen und mit deren Kreditkarten eingekauft haben. Auch diesmal waren die Krankenhäuser auf ihren Behandlungskosten von 12.000 Euro sitzengeblieben. Das Wuppertaler Amtsgericht verurteilte den Angeklagten am vergangenen Freitag wegen gewerbsmäßigen Betrugs und unter Einbeziehung einer einschlägigen Vorstrafe zu vier Jahren Haft.

Die Schäden, die der Mindener Heinrich Traue durch den Missbrauch seiner Identität über mehrere Jahre hinweg erlitten hat, sind mit dem Gerichtsurteil nicht ausgeglichen. Trotz seines langen Vorstrafenregisters blieb der Betrüger lange Zeit für die Ermittler nur ein Phantom. Noch heute muss sich Traue gegenüber Inkassobüros und Anwälten wegen offener Rechnungen, die der 56-Jährige unter seinem Namen hinterlassen hatte, verantworten. Am Mittwoch, 26. Februar, 20.15 Uhr, wird Traue in der Aktenzeichen-XY-Reihe „Vorsicht Betrug“ live dabei sein und über sein Schicksal berichten.

Chronologie

Ab Dezember 2016 erhält der Mindener Heinrich Traue Paketsendungen eines unbekannten Auftraggebers an seine Adresse. Vor allem Rechnungen von Krankenhäusern und Versandhändlern sind dabei.

Traue schaltet noch 2016 die Polizei ein. Dennoch ist er in den Fokus von Inkassofirmen geraten.

Im Februar 2017 erfährt Traue, dass der Unbekannte unter seinem Namen Familienunterlagen bestellte.

Im Mai 2017 erfährt Traue, dass der Unbekannte unter seinem Namen in Tschechien einen Führerschein bestellte.

Im August 2019 teilt die Polizei Traue mit, dass sie den Identitätsdieb aufgrund einer DNA-Analyse identifizieren konnte und er sich in Untersuchungshaft befindet. Der Betrüger soll sich am 15. November vor dem Wuppertaler Schöffengericht verantworten.

Im Oktober 2019 erfährt Traue, dass der Betrüger verschwunden ist. Das Gericht hatte zuvor die Haft ausgesetzt, weil der Mann eine Richterin davon überzeu- gen konnte, dass er eine Drogen- therapie benötigt.

Im November 2019 schnappt die Polizei den Identitätsdieb erneut. Zuvor hatte sich dieser an einen Journalisten der „Zeit“ gewandt, um ihm seine eigene Version des Tatablaufs darzu- stellen.

Am Freitag, 17. Februar 2020, verurteilt das Wuppertaler Gericht den 56-Jährigen zu einer Haftstrafe von vier Jahren.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden