Minden

Großer Ärger: Blutbuche war als Naturdenkmal vorgemerkt - und wurde gefällt

Thomas Lieske

Innerhalb weniger Stunden waren die schwersten Äste der 150 Jahre alten Blutbuche abgesägt. Die laut Kreis vorhandenen Faulstellen seien hier nicht zu sehen, sagt Annette Harting. - © Foto: pr
Innerhalb weniger Stunden waren die schwersten Äste der 150 Jahre alten Blutbuche abgesägt. Die laut Kreis vorhandenen Faulstellen seien hier nicht zu sehen, sagt Annette Harting. (© Foto: pr)

Minden. Annette und Andre Harting können immer noch nicht glauben, dass die Blutbuche auf dem Nachbargrundstück, für deren Schutz sie sich seit Jahren eingesetzt hatten, nun nicht mehr steht. Am Mittwoch heulten wieder die Kettensägen auf. Mit dumpfen Schlägen krachten die schweren Äste auf den Boden. Innerhalb von Stunden war der Baum, der zuvor 150 Jahre lang gewachsen war, dem Erdboden gleich gemacht.

Nachdem Polizei und Ordnungsbehörde eine erste Fällaktion Ende Januar, die von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht worden war, zunächst gestoppt hatten und die untere Naturschutzbehörde den Baum vorläufig sicherstellte (MT berichtete), nahm der Fall allerdings an Fahrt auf. Denn als das Ehepaar Harting Anfang Februar von der Behörde den Hinweis bekam, dass der Baum, der bereits als Naturdenkmal vorgemerkt war, nun doch nicht mehr schützenswert sei, meldeten sie sich beim Verwaltungsgericht Minden, um den Schutzstatus aufrecht zu erhalten, notfalls per Eilklage. Das Gericht gab dem Antrag der Hartings statt. Der Baum solle erhalten werden.

Grund zur Freude gab es allerdings kaum. Denn der Kreis wendet sich per Einspruch an das Oberverwaltungsgericht (OVG). Und das entscheidet aus rein formalen Gründen, dass das Urteil des Mindener Gerichts nicht haltbar sei, weil Hartings nicht antragsberechtigt seien. Sie könnten dagegen zwar innerhalb von vier Wochen Einspruch einlegen. Doch bereits einen Tag nach Erlass des OVG heulen die Kettensägen auf. „Ein Einspruch wäre widersinnig“, beklagt Andre Harting, selbst Anwalt. Allerdings enthält das Urteil einen Hinweis des Gerichts an den Kreis: Es müsse keine konkrete Gefahr für einen Baum vorliegen, um ihn sicherzustellen. Es reiche bereits die abstrakte Gefahr. Gegenüber Familie Harting betonte der Kreis immer wieder, dass keine konkrete Gefahr für den Baum bestehe. Obwohl dem Kreis seit Juli 2019 bekannt war, dass ein Bauantrag für das Grundstück vorliegt.

Der Kreis bleibt dagegen bei seiner Einschätzung, dass der Baum durch eine Faulstelle in der Krone und vorsätzlich zugefügte Einritzungen im Stammbereich nicht mehr erhaltenswert sei. 2016 war der Baum auf Hinweis der Hartings allerdings noch als kerngesund für die Liste der Naturdenkmäler vorgemerkt worden. „Es ist möglich, dass 2016 bereits vorhandene Faulstellen im Kronenbereich nicht erkannt wurden; ebenso ist es denkbar, dass vorhandene Faulstellen sich in drei Jahren deutlich stärker entwickelt haben“, erklärt Kreissprecherin Sabine Ohnesorge auf MT-Anfrage. Annette Harting will das nicht glauben. Sie hat von ihrem Grundstück aus Fotos von den Sägeprofilen der Krone gemacht. Darauf sind tatsächlich keine Faulstellen zu sehen. Und die Einritzungen, sagt Harting mit Berufung auf Naturschutzverbände, könnten in einem Selbstheilungsprozess überwuchern.

Familie Harting ist enttäuscht vom Vorgehen der Naturschutzbehörde. Mehr noch: Sie erheben schwere Vorwürfe , auch angesichts anderer ähnlicher Fälle aus Porta Westfalica und Petershagen, in denen die Behörde immer nach Fällungen aktiv wurde. Sie nehme ihre Aufgabe als Schutzbehörde nicht hinreichend wahr. In einem Telefonat mit der Behörde sei ihm gesagt worden, dass kein ausreichender Etat zur Verfügung stehe, um Bäume unter Schutz zu stellen, sagt Andre Harting. Denn gilt ein Baum als Naturdenkmal, muss der Kreis für die Unterhaltungskosten aufkommen.

„Bei einer möglichen Unterschutzstellung von Bäumen als Naturdenkmale ist im Sinne einer langfristig sinnvollen Verwendung von Haushaltsmitteln darauf zu achten, dass erkennbar vitale und mit einer langen Lebensperspektive versehene Bäume, die zudem die Kriterien des Bundesnaturschutzgesetzes erfüllen, geschützt werden“, erklärt Ohnesorge darauf. Sie spricht aber auch davon, dass es sich hierbei nicht um eine primär definierte Pflichtaufgabe des Kreises handele.

Das sieht Familie Harting allerdings anders. Eine Stellungnahme der Grundstückseigentümer war indessen nicht zu bekommen.

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MindenGroßer Ärger: Blutbuche war als Naturdenkmal vorgemerkt - und wurde gefälltThomas LieskeMinden. Annette und Andre Harting können immer noch nicht glauben, dass die Blutbuche auf dem Nachbargrundstück, für deren Schutz sie sich seit Jahren eingesetzt hatten, nun nicht mehr steht. Am Mittwoch heulten wieder die Kettensägen auf. Mit dumpfen Schlägen krachten die schweren Äste auf den Boden. Innerhalb von Stunden war der Baum, der zuvor 150 Jahre lang gewachsen war, dem Erdboden gleich gemacht. Nachdem Polizei und Ordnungsbehörde eine erste Fällaktion Ende Januar, die von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht worden war, zunächst gestoppt hatten und die untere Naturschutzbehörde den Baum vorläufig sicherstellte (MT berichtete), nahm der Fall allerdings an Fahrt auf. Denn als das Ehepaar Harting Anfang Februar von der Behörde den Hinweis bekam, dass der Baum, der bereits als Naturdenkmal vorgemerkt war, nun doch nicht mehr schützenswert sei, meldeten sie sich beim Verwaltungsgericht Minden, um den Schutzstatus aufrecht zu erhalten, notfalls per Eilklage. Das Gericht gab dem Antrag der Hartings statt. Der Baum solle erhalten werden. Grund zur Freude gab es allerdings kaum. Denn der Kreis wendet sich per Einspruch an das Oberverwaltungsgericht (OVG). Und das entscheidet aus rein formalen Gründen, dass das Urteil des Mindener Gerichts nicht haltbar sei, weil Hartings nicht antragsberechtigt seien. Sie könnten dagegen zwar innerhalb von vier Wochen Einspruch einlegen. Doch bereits einen Tag nach Erlass des OVG heulen die Kettensägen auf. „Ein Einspruch wäre widersinnig“, beklagt Andre Harting, selbst Anwalt. Allerdings enthält das Urteil einen Hinweis des Gerichts an den Kreis: Es müsse keine konkrete Gefahr für einen Baum vorliegen, um ihn sicherzustellen. Es reiche bereits die abstrakte Gefahr. Gegenüber Familie Harting betonte der Kreis immer wieder, dass keine konkrete Gefahr für den Baum bestehe. Obwohl dem Kreis seit Juli 2019 bekannt war, dass ein Bauantrag für das Grundstück vorliegt. Der Kreis bleibt dagegen bei seiner Einschätzung, dass der Baum durch eine Faulstelle in der Krone und vorsätzlich zugefügte Einritzungen im Stammbereich nicht mehr erhaltenswert sei. 2016 war der Baum auf Hinweis der Hartings allerdings noch als kerngesund für die Liste der Naturdenkmäler vorgemerkt worden. „Es ist möglich, dass 2016 bereits vorhandene Faulstellen im Kronenbereich nicht erkannt wurden; ebenso ist es denkbar, dass vorhandene Faulstellen sich in drei Jahren deutlich stärker entwickelt haben“, erklärt Kreissprecherin Sabine Ohnesorge auf MT-Anfrage. Annette Harting will das nicht glauben. Sie hat von ihrem Grundstück aus Fotos von den Sägeprofilen der Krone gemacht. Darauf sind tatsächlich keine Faulstellen zu sehen. Und die Einritzungen, sagt Harting mit Berufung auf Naturschutzverbände, könnten in einem Selbstheilungsprozess überwuchern. Familie Harting ist enttäuscht vom Vorgehen der Naturschutzbehörde. Mehr noch: Sie erheben schwere Vorwürfe , auch angesichts anderer ähnlicher Fälle aus Porta Westfalica und Petershagen, in denen die Behörde immer nach Fällungen aktiv wurde. Sie nehme ihre Aufgabe als Schutzbehörde nicht hinreichend wahr. In einem Telefonat mit der Behörde sei ihm gesagt worden, dass kein ausreichender Etat zur Verfügung stehe, um Bäume unter Schutz zu stellen, sagt Andre Harting. Denn gilt ein Baum als Naturdenkmal, muss der Kreis für die Unterhaltungskosten aufkommen. „Bei einer möglichen Unterschutzstellung von Bäumen als Naturdenkmale ist im Sinne einer langfristig sinnvollen Verwendung von Haushaltsmitteln darauf zu achten, dass erkennbar vitale und mit einer langen Lebensperspektive versehene Bäume, die zudem die Kriterien des Bundesnaturschutzgesetzes erfüllen, geschützt werden“, erklärt Ohnesorge darauf. Sie spricht aber auch davon, dass es sich hierbei nicht um eine primär definierte Pflichtaufgabe des Kreises handele. Das sieht Familie Harting allerdings anders. Eine Stellungnahme der Grundstückseigentümer war indessen nicht zu bekommen.