Minden

MT-Interview mit Anna Mateur: „Wir werden Minden schon finden“

Ursula Koch

Minden. Es ist lange her, dass Anna Mateur die Bühne im Stadttheater gerockt hat. 2008 hatte die Jazz-Sängerin, Texterin und Schauspielerin aus Dresden den „Stichling“ erhalten und hatte das Publikum 2009 zusammen mit den Außensaitern und dem Programm „Walgesänge“ geflasht. Mittlerweile ist sie auch mit dem Deutschen Kleinkunstpreis (2008), dem Salzburger Stier (2009), dem Bayrischen Kabarettpreis (2010) und dem Deutschen Kabarett-Preis (2018) dekoriert. Zu den Kabarett-Tagen (20. bis 26. Februar) kommt sie endlich zurück: Mit den Beuys und dem brandneuen Programm „Kaoshüter„, das erst am 12. Februar in der Bar jeder Vernunft in Berlin Premiere feierte, ist die Dresdnerin, mit bürgerlichem Namen Anna Maria Vogt, am 22. Februar im Stadttheater zu erleben.

- © david campesino
(© david campesino)

Haben Sie damals schlechte Erfahrungen mit Minden gemacht oder warum haben Sie so lange einen Bogen um die Stadt gemacht?

Nein, keine schlechten Erfahrungen. Wir spielen ja im deutschsprachigen Raum, also Deutschland, Österreich und Schweiz. Da kann es schon passieren, dass man um Minden herum spielt, aber nicht in! Minden. Also, auf ein Neues! Wir werden Minden schon finden... und was sich reimt ist wahr. Pumukl.

Seitdem ist eine Menge passiert. Die Außensaiter sind ausgemustert, jetzt sind die Beuys mit Piano und Gitarre in wechselnden Besetzungen an Ihrer Seite. Warum sind Ihre musikalischen Beziehungen so sprunghaft?

Ich toure jetzt schon seit mehreren Jahren mit denselben Musikern. Samuel Halscheidt aus Berlin und Kim Efert aus Detmold sind meine Gitarristen. Wenn man mich mit einem wahnsinnigen Pianisten erleben möchte, muss man zu Mimikri kommen. Das spiele ich nur und ausschließlich mit meinem geschätzten Kommilitonen aus Dresdner Musikhochschulzeiten, Andreas Gundlach. Auch Samuel Halscheidt lernte ich damals an der Hochschule kennen. Kim Efert wurde mir von unserem damaligen Cellisten Stephan Braun angetragen. Er half uns in einer der letzten Shows „Bandaufstellung nach Bert Hellinger“ aus und musste dazu Libertango im Liegen spielen. Das war eine Feuertaufe! Und er ist immer noch dabei. Also so wechselhaft ist es gar nicht bei uns. Wichtiger Satz noch im Nachhinein: Ich arbeite mit sehr virtuosen Musikern. Man kann es Ihnen also nicht verübeln, wenn sie versuchen ihre Solokarrieren anzufachen und auch außerhalb der Kleinkunst ihr Glück versuchen.

Dabei spielen Sie selbst mehrere Instrumente, darunter Klavier. Haben Sie schon mal über ein Solo nachgedacht?

Meine musikalischen Fähigkeiten nutze ich dazu, ein sehr versierter Sänger zu sein. Die körperlichen Voraussetzungen habe ich längst hinter mir gelassen. Das wäre ein Geeiere, das will ich keinem antun. Und doch tut es gut zu wissen, dass man weiß wo die 1 ist und wo nicht ... und, dass man nicht zum Volk unwissender Sänger gehört, die einzig gut aussehen und denen man mit einem Polizeimusikkorps, 30 Elefanten und vier Fanfaren anzeigen muss, wann ihr nächster Part wäre ... (Spaß).

Sie haben im vergangenen Jahr zusammen mit Katharina Thalbach und Meret Becker als Cowboy in „Die fünf glorreichen Sieben“ in der Berliner „Bar jeder Vernunft“ auf der Bühne gestanden. Wie kam es dazu?

Da fehlen noch zwei Kolleginnen, die mir sehr wichtig sind: Zum Einen ist das die großartige Andreja Schneider, bekannt aus dem Trio Geschwister Pfister und unsere jüngste im Bunde, Anna Fischer. Wir fünf bilden die fünf Glorreichen 7 und man kann es nicht verhehlen, es hat viel von Tingeltangel. Aber wir sind alle ganz verliebt in das Stück! Wir haben es jetzt schon eine Saison in der Bar jeder Vernunft gespielt und es ist auch ständig ausverkauft, aber wir können nicht in einen anderen Raum gehen, weil das Spiegelzelt so schön „pufft“ und genau richtig ist für unsere Herrengeschichte. Andreja Schneider hatte mich für die Paul Lincke Operette „Frau Luna“ im TIPI am Kanzleramt in Berlin als Sekretärin der Frau auf dem Mond angefragt. Das spielten wir immer 2-3 Monate drei Jahre lang. Sie spielte parallel auch mit Kati „2 auf einer Bank“ ....und dann kamen sie gemeinsam auf die Idee einer Cowboyshow nur mit Frauen. Aber eben keine Tussencowboy-show und auch keine „Wir hassen Männer Show“... . Es macht wahnsinnig Spaß und ist zudem auch sehr körperlich. Da wird gekämpft, geschossen, getanzt, gesquaredanced, gejagt, gegrillt... was das Zeug hält.

Welches Kaos gilt es jetzt zu hüten oder sind die Beuys die eigentlichen Kaoshüter?

Kaoshüter sind Emotionsarbeiter. Wir spielen mit der Sehnsucht. Wir sind Traum und Tanzverantwortliche. Wir betanken die Seelen mit Tiefe und Nonsens. Jeder Mensch hat zu jeder Zeit Sehnsucht danach, dass was passiert, oder Sehnsucht, dass alles so bleibt. Ordnungshüter halten die Regeln ein. Alle Kreativen, alle InFragesteller, ÜberdieGrenzengeher, Neudenker, Waswärewennspieler, Unmittelbarreagierer....Intuitive, Improvisierer, Rebellen, Menschen, die mit Kindern arbeiten...Menschen, die sich bewegen, die reisen... sind Kaoshüter. Alle Menschen, die mit Liebe, Humor, Kreativität, Neuem, Unnachvollziehbarem, Unmittelbarem... arbeiten, sind Kaoshüter. Da sind also auch genug Kaos- und auch Ordnungshüter im Publikum. Kaos ist nicht besser als Ordnung ist nicht besser als Kaos. Nur liegt der Fokus in Deutschland mehr auf der Ordnung, man fürchtet sich vor Kaos. Drum: DADA gegen Goliath.

Die Kabarett-Tage im Stadttheater Minden starten am 20. Februar mit Song-Comedy-Duo „Die Feisten“. Ihnen folgen „Basta“ (21. Februar, ausverkauft), Anna Mateur (22. Februar), Rainald Grebe (23. Februar, ausverkauft), Öczan Cosar (24. Februar), Horst Evers (25. Februar, ausverkauft) und zum Schluss Sebastian Pufpaff (26. Februar, ausverkauft).

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MindenMT-Interview mit Anna Mateur: „Wir werden Minden schon finden“Ursula KochMinden. Es ist lange her, dass Anna Mateur die Bühne im Stadttheater gerockt hat. 2008 hatte die Jazz-Sängerin, Texterin und Schauspielerin aus Dresden den „Stichling“ erhalten und hatte das Publikum 2009 zusammen mit den Außensaitern und dem Programm „Walgesänge“ geflasht. Mittlerweile ist sie auch mit dem Deutschen Kleinkunstpreis (2008), dem Salzburger Stier (2009), dem Bayrischen Kabarettpreis (2010) und dem Deutschen Kabarett-Preis (2018) dekoriert. Zu den Kabarett-Tagen (20. bis 26. Februar) kommt sie endlich zurück: Mit den Beuys und dem brandneuen Programm „Kaoshüter„, das erst am 12. Februar in der Bar jeder Vernunft in Berlin Premiere feierte, ist die Dresdnerin, mit bürgerlichem Namen Anna Maria Vogt, am 22. Februar im Stadttheater zu erleben. Haben Sie damals schlechte Erfahrungen mit Minden gemacht oder warum haben Sie so lange einen Bogen um die Stadt gemacht? Nein, keine schlechten Erfahrungen. Wir spielen ja im deutschsprachigen Raum, also Deutschland, Österreich und Schweiz. Da kann es schon passieren, dass man um Minden herum spielt, aber nicht in! Minden. Also, auf ein Neues! Wir werden Minden schon finden... und was sich reimt ist wahr. Pumukl. Seitdem ist eine Menge passiert. Die Außensaiter sind ausgemustert, jetzt sind die Beuys mit Piano und Gitarre in wechselnden Besetzungen an Ihrer Seite. Warum sind Ihre musikalischen Beziehungen so sprunghaft? Ich toure jetzt schon seit mehreren Jahren mit denselben Musikern. Samuel Halscheidt aus Berlin und Kim Efert aus Detmold sind meine Gitarristen. Wenn man mich mit einem wahnsinnigen Pianisten erleben möchte, muss man zu Mimikri kommen. Das spiele ich nur und ausschließlich mit meinem geschätzten Kommilitonen aus Dresdner Musikhochschulzeiten, Andreas Gundlach. Auch Samuel Halscheidt lernte ich damals an der Hochschule kennen. Kim Efert wurde mir von unserem damaligen Cellisten Stephan Braun angetragen. Er half uns in einer der letzten Shows „Bandaufstellung nach Bert Hellinger“ aus und musste dazu Libertango im Liegen spielen. Das war eine Feuertaufe! Und er ist immer noch dabei. Also so wechselhaft ist es gar nicht bei uns. Wichtiger Satz noch im Nachhinein: Ich arbeite mit sehr virtuosen Musikern. Man kann es Ihnen also nicht verübeln, wenn sie versuchen ihre Solokarrieren anzufachen und auch außerhalb der Kleinkunst ihr Glück versuchen. Dabei spielen Sie selbst mehrere Instrumente, darunter Klavier. Haben Sie schon mal über ein Solo nachgedacht? Meine musikalischen Fähigkeiten nutze ich dazu, ein sehr versierter Sänger zu sein. Die körperlichen Voraussetzungen habe ich längst hinter mir gelassen. Das wäre ein Geeiere, das will ich keinem antun. Und doch tut es gut zu wissen, dass man weiß wo die 1 ist und wo nicht ... und, dass man nicht zum Volk unwissender Sänger gehört, die einzig gut aussehen und denen man mit einem Polizeimusikkorps, 30 Elefanten und vier Fanfaren anzeigen muss, wann ihr nächster Part wäre ... (Spaß). Sie haben im vergangenen Jahr zusammen mit Katharina Thalbach und Meret Becker als Cowboy in „Die fünf glorreichen Sieben“ in der Berliner „Bar jeder Vernunft“ auf der Bühne gestanden. Wie kam es dazu? Da fehlen noch zwei Kolleginnen, die mir sehr wichtig sind: Zum Einen ist das die großartige Andreja Schneider, bekannt aus dem Trio Geschwister Pfister und unsere jüngste im Bunde, Anna Fischer. Wir fünf bilden die fünf Glorreichen 7 und man kann es nicht verhehlen, es hat viel von Tingeltangel. Aber wir sind alle ganz verliebt in das Stück! Wir haben es jetzt schon eine Saison in der Bar jeder Vernunft gespielt und es ist auch ständig ausverkauft, aber wir können nicht in einen anderen Raum gehen, weil das Spiegelzelt so schön „pufft“ und genau richtig ist für unsere Herrengeschichte. Andreja Schneider hatte mich für die Paul Lincke Operette „Frau Luna“ im TIPI am Kanzleramt in Berlin als Sekretärin der Frau auf dem Mond angefragt. Das spielten wir immer 2-3 Monate drei Jahre lang. Sie spielte parallel auch mit Kati „2 auf einer Bank“ ....und dann kamen sie gemeinsam auf die Idee einer Cowboyshow nur mit Frauen. Aber eben keine Tussencowboy-show und auch keine „Wir hassen Männer Show“... . Es macht wahnsinnig Spaß und ist zudem auch sehr körperlich. Da wird gekämpft, geschossen, getanzt, gesquaredanced, gejagt, gegrillt... was das Zeug hält. Welches Kaos gilt es jetzt zu hüten oder sind die Beuys die eigentlichen Kaoshüter? Kaoshüter sind Emotionsarbeiter. Wir spielen mit der Sehnsucht. Wir sind Traum und Tanzverantwortliche. Wir betanken die Seelen mit Tiefe und Nonsens. Jeder Mensch hat zu jeder Zeit Sehnsucht danach, dass was passiert, oder Sehnsucht, dass alles so bleibt. Ordnungshüter halten die Regeln ein. Alle Kreativen, alle InFragesteller, ÜberdieGrenzengeher, Neudenker, Waswärewennspieler, Unmittelbarreagierer....Intuitive, Improvisierer, Rebellen, Menschen, die mit Kindern arbeiten...Menschen, die sich bewegen, die reisen... sind Kaoshüter. Alle Menschen, die mit Liebe, Humor, Kreativität, Neuem, Unnachvollziehbarem, Unmittelbarem... arbeiten, sind Kaoshüter. Da sind also auch genug Kaos- und auch Ordnungshüter im Publikum. Kaos ist nicht besser als Ordnung ist nicht besser als Kaos. Nur liegt der Fokus in Deutschland mehr auf der Ordnung, man fürchtet sich vor Kaos. Drum: DADA gegen Goliath. Die Kabarett-Tage im Stadttheater Minden starten am 20. Februar mit Song-Comedy-Duo „Die Feisten“. Ihnen folgen „Basta“ (21. Februar, ausverkauft), Anna Mateur (22. Februar), Rainald Grebe (23. Februar, ausverkauft), Öczan Cosar (24. Februar), Horst Evers (25. Februar, ausverkauft) und zum Schluss Sebastian Pufpaff (26. Februar, ausverkauft).