Ende der Mindener Hebammenschule könnte Fachkräftemangel verschärfen Doris Christoph Minden. Die Tage der Mindener Hebammenschule sind gezählt, denn seit diesem Jahr sollen Hebammen an Hochschulen ausgebildet werden. Aber warum müssen die jetzt überhaupt studieren? Wie wirkt sich die Reform der Hebammenausbildung auf die Region aus? Und warum kann das zum Problem werden? Das MT hat Antworten gesucht. Was ist das Problem? Bislang gibt es zwei Hebammenschulen in Ostwestfalen-Lippe. Neben der in Minden noch eine in Paderborn. Die Mühlenkreiskliniken (MKK) profitierten dabei vom sogenannten „Klebeeffekt“: Wer in Minden seine Ausbildung macht, der bleibt oft auch nach deren Ende im Kreisgebiet. Mehr als die Hälfte der 20 Absolventinnen werden in der Regel von den Mühlenkreiskliniken übernommen, berichtet Ramona Schulze aus der Pressestelle. „In diesem Jahr fangen fünf der Absolventen im Johannes Wesling Klinikum an.“ Davor seien es ebenfalls vier allein in Minden gewesen, so Schulze. Insgesamt arbeiten 50 Hebammen in den Kreißsälen der MKK in Minden, Bad Oeynhausen und Lübbecke. Der „Nachschub“ an diesen Fachkräften könnte mit dem Studium ein Ende haben. „Wir machen uns Sorgen, dass durch ein Angebot des Studiums ausschließlich an Hochschulen in Ballungsgebieten, die Versorgung mit Nachwuchskräften in OWL nicht mehr gegeben ist“, erklärt Oliver Neuhaus, Direktor der Akademie für Pflegeberufe. Denn: „Studierende werden sich eher einen Praxisplatz im Umfeld der Hochschule suchen.“ Auch bei freiberuflichen Hebammen könnte sich die Lage zuspitzen. Wie sah die bisherige Ausbildung aus? Bislang absolvierten angehende Hebammen eine dreijährige Ausbildung an einer Schule. Voraussetzung dafür war die Mittlere Reife. In Minden gibt es seit 1990 die Hebammenschule an der Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken (MKK). Hier vermittelten drei Lehrkräfte den theoretischen Teil der Ausbildung. Die Praxis bekamen die Hebammen und Entbindungspfleger – so der Titel für die Männer in diesem Beruf – in den drei Kreißsälen der MKK beigebracht. Außerdem lernten sie bei freien Hebammen im Kreisgebiet die Wochenbettbetreuung kennen. Alle drei Jahre startete an der Hebammenschule ein neuer Ausbildungsgang mit circa 20 Teilnehmerinnen. Im Schnitt bewerben sich auf die Plätze rund 150 Interessierte, so Martina Höfel, Leiterin der Mindener Hebammenschule. In den ersten Jahrgängen gab es sogar rund 1.000 Bewerber. Warum nun ein Studium? Im vergangenen September hat der Bundestag das „Gesetz zur Reform der Hebammenausbildung“ verabschiedet, das künftig ein Duales Studium vorschreibt. Es soll mindestens sechs Semester umfassen. Bedeutet das im Umkehrschluss, dass die bisherige Ausbildung nicht gut genug war? Martina Höfel schüttelt den Kopf: „Nein. Im Gegenteil: Bislang wurden uns die Absolventinnen aus den Händen gerissen, auch im Ausland.“ Wer hier Examen gemacht habe, hätte direkt ohne Probleme am nächsten Tag in einem anderen Kreißsaal anfangen können. „Tatsächlich handelt es sich um eine EU-weite Angleichung“, erklärt Simone Könemann, Kreisvorsitzende des Hebammenverbands NRW. Eine EG-Richtlinie von 2013 sieht statt der Mittleren Reife eine zwölfjährige allgemeine Schulbildung (Abitur) als Zugangsvoraussetzung für eine Hebammenausbildung vor. Die meisten EU-Länder haben die Ausbildung bereits akademisiert. Für Absolventinnen aus Deutschland bedeutete das zunehmend Probleme, im Ausland zu arbeiten, weiß Könemann. Der Berufsverband der Hebammen begrüße deshalb das neue Studium. „Er steht voll dahinter“, so Könemann. Die Hebammen würden so mehr auf Augenhöhe mit den Medizinern gebracht. Denn: „Es wird von ihnen erwartet, dass sie wissenschaftlich arbeiten.“ Zudem ist der Verband froh, dass das Studium, wie auch die frühere Ausbildung, vergütet wird. Auch Martina Höfel hält ein Studium für angebracht: Die bisherige Ausbildungs- und Prüfungsverordnung stamme aus dem Jahr 1985, einige Vorgaben seien veraltet. „Das Gesundheitssystem hat sich gewandelt. Situationen sind komplexer geworden, es gibt ständig neue Leitlinien“, sagt Höfel. Beispielsweise seien das Diabetes-Screening und die Pränataldiagnostik dazu gekommen. „Damit haben die Hebammen zwar primär nichts zu tun, aber sie müssen darüber Bescheid wissen.“ Da es künftig dann Hebammen mit unterschiedlichen Abschlüssen auf dem Arbeitsmarkt gibt, könnte es dann auch Unterschiede bei der Bezahlung geben. „Das kann in der Übergangsphase zu Problemen führen“, meint Könemann. Der Hebammenverband strebe allerdings eine Angleichung der Bezahlung an. Wird es einen Studiengang in Minden geben? Wann und wo Hebammenstudiengänge an den Start gehen, scheint noch unklar zu sein. Auf MT-Nachfrage teilt das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen mit, dass die Hochschule für Gesundheit in Bochum „einen für den Hebammenberuf primärqualifizierenden Studiengang“ anbiete. Sie ist derzeit die einzige in NRW. Zudem hätten Hochschulen aus Aachen, Krefeld, Bonn, Köln, Düsseldorf und Bielefeld ein Interesse daran bekundet. „Mögliche Startzeitpunkte der Studiengänge sind dabei auch abhängig von den jeweiligen Akkreditierungsverfahren“, heißt es schwammig weiter. Neuhaus führt nun Gespräche mit zwei Hochschulen, um als Kooperationspartner zumindest den Praxisteil des Studiums in Minden zu behalten – und vielleicht auch die Theorie hierher zu holen. Mögliche Partner seien die Katholische Hochschule NRW in Köln und die Fachhochschule Bielefeld, mit der die Akademie bereits den Modellstudiengang Gesundheits- und Krankenpflege am Campus Minden anbietet. Allerdings: Wann es in Minden losgehen könnte, ist noch unklar. Die Pressestelle der FH Bielefeld bestätigt zwar das Interesse an einem Hebammenstudium. Dessen Inhalt solle gemeinsam mit der Katholischen Hochschule NRW erarbeitet werden. Aber Rahmenbedingungen wie etwa der Beginn stünden noch nicht fest. Mit dem unsicheren Studienbeginn ist auch noch nicht klar, wann die ersten Absolventinnen fertig sind. Neuhaus rechnet nicht vor Frühjahr 2024 damit. Die MKK haben vorsorglich einen weiteren Hebammenkurs eingerichtet, der im April startet. Die letzten Absolventinnen machen dann 2023 ihr Examen. Eine Lücke entsteht dann auf den jeden Fall. Die Autorin ist erreichbar unter (05 71) 882 239 oderDoris.Christoph@MT.de

Ende der Mindener Hebammenschule könnte Fachkräftemangel verschärfen

© Doris Christoph

Minden. Die Tage der Mindener Hebammenschule sind gezählt, denn seit diesem Jahr sollen Hebammen an Hochschulen ausgebildet werden. Aber warum müssen die jetzt überhaupt studieren? Wie wirkt sich die Reform der Hebammenausbildung auf die Region aus? Und warum kann das zum Problem werden? Das MT hat Antworten gesucht.

Was ist das Problem?

Bislang gibt es zwei Hebammenschulen in Ostwestfalen-Lippe. Neben der in Minden noch eine in Paderborn. Die Mühlenkreiskliniken (MKK) profitierten dabei vom sogenannten „Klebeeffekt“: Wer in Minden seine Ausbildung macht, der bleibt oft auch nach deren Ende im Kreisgebiet. Mehr als die Hälfte der 20 Absolventinnen werden in der Regel von den Mühlenkreiskliniken übernommen, berichtet Ramona Schulze aus der Pressestelle. „In diesem Jahr fangen fünf der Absolventen im Johannes Wesling Klinikum an.“ Davor seien es ebenfalls vier allein in Minden gewesen, so Schulze. Insgesamt arbeiten 50 Hebammen in den Kreißsälen der MKK in Minden, Bad Oeynhausen und Lübbecke.

Der „Nachschub“ an diesen Fachkräften könnte mit dem Studium ein Ende haben. „Wir machen uns Sorgen, dass durch ein Angebot des Studiums ausschließlich an Hochschulen in Ballungsgebieten, die Versorgung mit Nachwuchskräften in OWL nicht mehr gegeben ist“, erklärt Oliver Neuhaus, Direktor der Akademie für Pflegeberufe. Denn: „Studierende werden sich eher einen Praxisplatz im Umfeld der Hochschule suchen.“ Auch bei freiberuflichen Hebammen könnte sich die Lage zuspitzen.

Wie sah die bisherige Ausbildung aus?

Bislang absolvierten angehende Hebammen eine dreijährige Ausbildung an einer Schule. Voraussetzung dafür war die Mittlere Reife. In Minden gibt es seit 1990 die Hebammenschule an der Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken (MKK). Hier vermittelten drei Lehrkräfte den theoretischen Teil der Ausbildung. Die Praxis bekamen die Hebammen und Entbindungspfleger – so der Titel für die Männer in diesem Beruf – in den drei Kreißsälen der MKK beigebracht.

Außerdem lernten sie bei freien Hebammen im Kreisgebiet die Wochenbettbetreuung kennen. Alle drei Jahre startete an der Hebammenschule ein neuer Ausbildungsgang mit circa 20 Teilnehmerinnen. Im Schnitt bewerben sich auf die Plätze rund 150 Interessierte, so Martina Höfel, Leiterin der Mindener Hebammenschule. In den ersten Jahrgängen gab es sogar rund 1.000 Bewerber.

Warum nun ein Studium?

Im vergangenen September hat der Bundestag das „Gesetz zur Reform der Hebammenausbildung“ verabschiedet, das künftig ein Duales Studium vorschreibt. Es soll mindestens sechs Semester umfassen.

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass die bisherige Ausbildung nicht gut genug war? Martina Höfel schüttelt den Kopf: „Nein. Im Gegenteil: Bislang wurden uns die Absolventinnen aus den Händen gerissen, auch im Ausland.“ Wer hier Examen gemacht habe, hätte direkt ohne Probleme am nächsten Tag in einem anderen Kreißsaal anfangen können.

„Tatsächlich handelt es sich um eine EU-weite Angleichung“, erklärt Simone Könemann, Kreisvorsitzende des Hebammenverbands NRW. Eine EG-Richtlinie von 2013 sieht statt der Mittleren Reife eine zwölfjährige allgemeine Schulbildung (Abitur) als Zugangsvoraussetzung für eine Hebammenausbildung vor. Die meisten EU-Länder haben die Ausbildung bereits akademisiert. Für Absolventinnen aus Deutschland bedeutete das zunehmend Probleme, im Ausland zu arbeiten, weiß Könemann. Der Berufsverband der Hebammen begrüße deshalb das neue Studium. „Er steht voll dahinter“, so Könemann. Die Hebammen würden so mehr auf Augenhöhe mit den Medizinern gebracht. Denn: „Es wird von ihnen erwartet, dass sie wissenschaftlich arbeiten.“ Zudem ist der Verband froh, dass das Studium, wie auch die frühere Ausbildung, vergütet wird.

Auch Martina Höfel hält ein Studium für angebracht: Die bisherige Ausbildungs- und Prüfungsverordnung stamme aus dem Jahr 1985, einige Vorgaben seien veraltet. „Das Gesundheitssystem hat sich gewandelt. Situationen sind komplexer geworden, es gibt ständig neue Leitlinien“, sagt Höfel. Beispielsweise seien das Diabetes-Screening und die Pränataldiagnostik dazu gekommen. „Damit haben die Hebammen zwar primär nichts zu tun, aber sie müssen darüber Bescheid wissen.“

Da es künftig dann Hebammen mit unterschiedlichen Abschlüssen auf dem Arbeitsmarkt gibt, könnte es dann auch Unterschiede bei der Bezahlung geben. „Das kann in der Übergangsphase zu Problemen führen“, meint Könemann. Der Hebammenverband strebe allerdings eine Angleichung der Bezahlung an.

Wird es einen Studiengang in Minden geben?

Wann und wo Hebammenstudiengänge an den Start gehen, scheint noch unklar zu sein. Auf MT-Nachfrage teilt das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen mit, dass die Hochschule für Gesundheit in Bochum „einen für den Hebammenberuf primärqualifizierenden Studiengang“ anbiete. Sie ist derzeit die einzige in NRW. Zudem hätten Hochschulen aus Aachen, Krefeld, Bonn, Köln, Düsseldorf und Bielefeld ein Interesse daran bekundet. „Mögliche Startzeitpunkte der Studiengänge sind dabei auch abhängig von den jeweiligen Akkreditierungsverfahren“, heißt es schwammig weiter.

Neuhaus führt nun Gespräche mit zwei Hochschulen, um als Kooperationspartner zumindest den Praxisteil des Studiums in Minden zu behalten – und vielleicht auch die Theorie hierher zu holen. Mögliche Partner seien die Katholische Hochschule NRW in Köln und die Fachhochschule Bielefeld, mit der die Akademie bereits den Modellstudiengang Gesundheits- und Krankenpflege am Campus Minden anbietet. Allerdings: Wann es in Minden losgehen könnte, ist noch unklar. Die Pressestelle der FH Bielefeld bestätigt zwar das Interesse an einem Hebammenstudium. Dessen Inhalt solle gemeinsam mit der Katholischen Hochschule NRW erarbeitet werden. Aber Rahmenbedingungen wie etwa der Beginn stünden noch nicht fest.

Mit dem unsicheren Studienbeginn ist auch noch nicht klar, wann die ersten Absolventinnen fertig sind. Neuhaus rechnet nicht vor Frühjahr 2024 damit. Die MKK haben vorsorglich einen weiteren Hebammenkurs eingerichtet, der im April startet. Die letzten Absolventinnen machen dann 2023 ihr Examen. Eine Lücke entsteht dann auf den jeden Fall.

Die Autorin ist erreichbar unter (05 71) 882 239 oderDoris.Christoph@MT.de

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