Rechte Terrorzelle: Mindener Verdächtiger im Internet sehr aktiv

Jan Henning Rogge

Am Freitag griff die Polizei hier in den frühen Morgenstunden zu.
Am Freitag griff die Polizei hier in den frühen Morgenstunden zu.

Minden. Schneeglöckchen blühen im Vorgarten des schlichten und in die Jahre gekommenen Einfamilienhauses im Mindener Norden. Die immergrüne Hecke ist sorgsam gestutzt, kein Zweig ragt auf den Gehweg. In der Nachbarschaft werden die Gärten gepflegt, der unerwartet sonnige Tag lockt die Menschen vor die Tür. Nichts weist darauf hin, dass hier am Tag zuvor der mutmaßliche Mitbegründer einer rechtsextremen Terrorzelle festgenommen wurde, die sich nach Informationen der „Welt am Sonntag" selbst „Der harte Kern" genannt haben soll.

Nachbarn hatten die Aufforderung der Beamten gehört, nicht das Haus zu verlasen, sich aber bald nach dem Zugriff ihren Alltagsgeschäften gewidmet. Schließlich hatte es in dem Haus bereits vor einigen Jahren einen Polizeieinsatz gegeben, ohne dass die Gründe bekannt waren. „Ich dachte, es wäre einfach mal wieder so weit", sagt ein Nachbar.

Rechte Terrorzelle in Minden und Porta Westfalica (Plus-Inhalt)

Nach außen sichtbare Zeichen der politischen Einstellung des aus Ostdeutschland stammenden Handwerkers sind offenbar lediglich die Aufkleber auf dem Transporter, der vor der Tür des Hauses geparkt ist. Sie weisen auf seine Nähe zu den sogenannten „Reichsbürgern" hin, die die Bundesrepublik als Nachfolgestaat des Deutschen Reichs nicht anerkennen. Menschen, die den selbstständigen Handwerker durch seine Arbeit kannten, beschreiben ihn als eigensinnig und nicht besonders zugänglich. Seine politische Haltung habe er nur gemäßigt preisgegeben.

Drastisch deutlicher wird seine Haltung jedoch auf seinem öffentlich einsehbaren Facebook-Profil, auf dem er seit 2014 aktiv ist. Seinen mehr als 4.600 Kontakten zeigte er hier mitunter mehrfach täglich politisch motivierte Posts. Oft sind das mit nordisch-germanischer Mythologie durchsetzte beschriftete Bilder von archaischen Kriegern, die zu Widerstand, Opferbereitschaft und Kampf aufrufen. „Wotan wird uns zum Sieg führen", steht in seinem Steckbrief auf der Seite, eigentlich eine Personenbeschreibung.

Wogegen gekämpft werden soll, erschließt sich dann in anderen Posts: Immer wieder wird besonders Angela Merkel, aber auch anderen Politikern, unredliches Handeln vorgeworfen, die Bundesrepublik als Unrechtsstaat oder von den Alliierten bis heute besetztes Land dargestellt – eine von Reichsbürgern häufig behauptete These. Dazwischen gibt es Videos und Artikel mit Verschwörungstheorien. So warnt der Mann seine Facebook-Bekanntschaften mehrfach vor der angeblich drohenden „Umvolkung", vor Impfschäden und vor sogenannten „Chemtrails", von Flugzeugen ausgebrachte Giftstoffe, mit denen zum Beispiel die Bevölkerung reduziert werden soll. Quellen dieser Videos und Texte sind häufig der politischen Rechten nahestehende Onlinemagazine.

Ebenso teilte er Beiträge der vom staatlichen russischen Medienunternehmen Rossija Sewodnja finanzierten Portale „Russia Today" und „Sputniknews". Mehrfach postete er Links, die in das ebenfalls aus Russland stammende VK-Netzwerk verweisen. Das Netzwerk ist heftig umstritten, weil es rechtsradikalen Gruppen offen steht, nicht aber russischen Regierungskritikern.

Am Samstagabend wurde der Mindener wie auch die anderen festgenommenen Männer in Karlsruhe dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt, der gegen alle Beschuldigten einen Haftbefehl erließ. Damit bleiben die vier Hauptverdächtigen und acht mutmaßlichen Unterstützer, darunter auch ein Mann aus Kleinenbremen, vorerst in Untersuchungshaft. In Kleinenbremen sollen auch größere Mengen an Waffen und Sprengsätzen gefunden worden sein.

Wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet, sollen sich am vergangenen Samstag (8. Februar) mehr als zehn Mitglieder und Unterstützer der Gruppe in Minden getroffen haben. Das Treffen sei von den Sicherheitsbehörden "mit großem Aufwand observiert" worden. Bereits seit September hätte Fahnder des Stuttgarter Landeskriminalamts das nach dem Anführer Werner S. intern als "Gruppe S." bezeichnete Netzwerk im Blick gehabt. Am Freitag erfolgte dann der Zugriff.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Rechte Terrorzelle: Mindener Verdächtiger im Internet sehr aktivJan Henning RoggeMinden. Schneeglöckchen blühen im Vorgarten des schlichten und in die Jahre gekommenen Einfamilienhauses im Mindener Norden. Die immergrüne Hecke ist sorgsam gestutzt, kein Zweig ragt auf den Gehweg. In der Nachbarschaft werden die Gärten gepflegt, der unerwartet sonnige Tag lockt die Menschen vor die Tür. Nichts weist darauf hin, dass hier am Tag zuvor der mutmaßliche Mitbegründer einer rechtsextremen Terrorzelle festgenommen wurde, die sich nach Informationen der „Welt am Sonntag" selbst „Der harte Kern" genannt haben soll. Nachbarn hatten die Aufforderung der Beamten gehört, nicht das Haus zu verlasen, sich aber bald nach dem Zugriff ihren Alltagsgeschäften gewidmet. Schließlich hatte es in dem Haus bereits vor einigen Jahren einen Polizeieinsatz gegeben, ohne dass die Gründe bekannt waren. „Ich dachte, es wäre einfach mal wieder so weit", sagt ein Nachbar. Nach außen sichtbare Zeichen der politischen Einstellung des aus Ostdeutschland stammenden Handwerkers sind offenbar lediglich die Aufkleber auf dem Transporter, der vor der Tür des Hauses geparkt ist. Sie weisen auf seine Nähe zu den sogenannten „Reichsbürgern" hin, die die Bundesrepublik als Nachfolgestaat des Deutschen Reichs nicht anerkennen. Menschen, die den selbstständigen Handwerker durch seine Arbeit kannten, beschreiben ihn als eigensinnig und nicht besonders zugänglich. Seine politische Haltung habe er nur gemäßigt preisgegeben. Drastisch deutlicher wird seine Haltung jedoch auf seinem öffentlich einsehbaren Facebook-Profil, auf dem er seit 2014 aktiv ist. Seinen mehr als 4.600 Kontakten zeigte er hier mitunter mehrfach täglich politisch motivierte Posts. Oft sind das mit nordisch-germanischer Mythologie durchsetzte beschriftete Bilder von archaischen Kriegern, die zu Widerstand, Opferbereitschaft und Kampf aufrufen. „Wotan wird uns zum Sieg führen", steht in seinem Steckbrief auf der Seite, eigentlich eine Personenbeschreibung. Wogegen gekämpft werden soll, erschließt sich dann in anderen Posts: Immer wieder wird besonders Angela Merkel, aber auch anderen Politikern, unredliches Handeln vorgeworfen, die Bundesrepublik als Unrechtsstaat oder von den Alliierten bis heute besetztes Land dargestellt – eine von Reichsbürgern häufig behauptete These. Dazwischen gibt es Videos und Artikel mit Verschwörungstheorien. So warnt der Mann seine Facebook-Bekanntschaften mehrfach vor der angeblich drohenden „Umvolkung", vor Impfschäden und vor sogenannten „Chemtrails", von Flugzeugen ausgebrachte Giftstoffe, mit denen zum Beispiel die Bevölkerung reduziert werden soll. Quellen dieser Videos und Texte sind häufig der politischen Rechten nahestehende Onlinemagazine. Ebenso teilte er Beiträge der vom staatlichen russischen Medienunternehmen Rossija Sewodnja finanzierten Portale „Russia Today" und „Sputniknews". Mehrfach postete er Links, die in das ebenfalls aus Russland stammende VK-Netzwerk verweisen. Das Netzwerk ist heftig umstritten, weil es rechtsradikalen Gruppen offen steht, nicht aber russischen Regierungskritikern. Am Samstagabend wurde der Mindener wie auch die anderen festgenommenen Männer in Karlsruhe dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt, der gegen alle Beschuldigten einen Haftbefehl erließ. Damit bleiben die vier Hauptverdächtigen und acht mutmaßlichen Unterstützer, darunter auch ein Mann aus Kleinenbremen, vorerst in Untersuchungshaft. In Kleinenbremen sollen auch größere Mengen an Waffen und Sprengsätzen gefunden worden sein. Wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet, sollen sich am vergangenen Samstag (8. Februar) mehr als zehn Mitglieder und Unterstützer der Gruppe in Minden getroffen haben. Das Treffen sei von den Sicherheitsbehörden "mit großem Aufwand observiert" worden. Bereits seit September hätte Fahnder des Stuttgarter Landeskriminalamts das nach dem Anführer Werner S. intern als "Gruppe S." bezeichnete Netzwerk im Blick gehabt. Am Freitag erfolgte dann der Zugriff.