Minden

Tanzen statt schweigen: "One Billion Rising" setzt Zeichen gegen Gewalt

Anja Peper

Mutige Frauen ermutigen Frauen: Das ist die Idee hinter der Kampagne „One Billion Rising“. Knapp hundert Teilnehmerinnen – und ein paar Männer – tanzten gestern in der Mindener Innenstadt. MT-Foto: Alex Lehn - © Alex Lehn
Mutige Frauen ermutigen Frauen: Das ist die Idee hinter der Kampagne „One Billion Rising“. Knapp hundert Teilnehmerinnen – und ein paar Männer – tanzten gestern in der Mindener Innenstadt. MT-Foto: Alex Lehn (© Alex Lehn)

Minden. Nach außen heile Welt: Großes Haus, schicke Frau, wohlerzogene Kinder. Doch der schöne Schein kann trügen: Häusliche Gewalt kommt in allen Bildungs-und Einkommensschichten und auch bei allen Nationalitäten vor. Beleidigt, gedemütigt, geschlagen: Die Formen der Gewalt sind vielfältig. Nicht alle Betroffenen schalten die Polizei ein. Scham- und Schuldgefühle erschweren es, sich anzuvertrauen und Hilfe zu suchen. Erneut haben gestern in Minden rund hundert Frauen – und auch ein paar Männer – ein Zeichen gegen Gewalt gesetzt. Betroffene sollen wissen, dass sie auf ihrem Weg aus der Gewalt nicht alleine sind.

One Billion Rising (deutsch: Eine Milliarde erhebt sich) ist eine weltweite Kampagne für ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen und für Gleichstellung. Pink ist die Farbe der Initiative, viele Mützen, Handschuhe und Schals leuchteten in der Farbe. Auch Sönke Kirsch (48) hat sich die erste pinkfarbene Mütze seines Lebens über den Kopf gezogen, um die Kampagne zu unterstützen. Er hat als 13-Jähriger Gewalt innerhalb der Familie miterleben müssen. Ein Kindheitstrauma, das er nicht vergisst, wurde zur Motivation für gesellschaftliches Engagement.

One Billion Rising (Plus-Inhalt)

Maja Kurth (Aktionskreis One Billion Rising Minden) begrüßte die Aktiven und die Zuschauer auf dem Markt. Bewegend war die kurze Rede einer jungen Frau aus dem Iran. In ihrer Heimat verbieten Religionsgelehrte das Tanzen. „Das Gesetz ist gegen uns.“ In Minden unbehelligt an „One Billion Rising“ teilnehmen, über den Marktplatz zu tanzen und die Stimme erheben zu können – für sie ein Stück Freiheit. Auch die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Minden, Luisa Arndt, war dabei. Sie wies in ihrer Rede darauf hin, dass Begriffe wie „Familiendrama“ oder „Ehrenmord“ im Grunde irreführend seien, weil sie die Täter entschuldigen. Korrekt sei der Begriff „Femizid“: Das heißt: Morde an Frauen passieren, weil sie Frauen sind.

Das Thema häusliche Gewalt fällt in den Arbeitsbereich von Birgit Thinnes, Kriminalhauptkommissarin bei der Polizei Minden-Lübbecke (Kriminalprävention/Opferschutz). In ihrer Statistik tauchen nur die Fälle auf, die auch bei der Polizei angezeigt wurden, was längst nicht immer passiert. Die Dunkelziffer ist hoch. Scham- und Schuldgefühle erschweren es, sich anzuvertrauen und Hilfe zu suchen. Zwar liegen die genauen Zahlen für 2019 noch nicht vor, weil die Statistik noch nicht bekannt gegeben wurde. „Die Tendenz ist aber steigend“, sagt Birgit Thinnes. Allein die Übersicht der angezeigten Straftatbestände in den vergangenen Jahren zeigt eine deutliche Sprache. 2018 wurden 628 Straftatbestände angezeigt, ein Jahr zuvor waren es lediglich 455. Auch die Anzahl der Wohnungsverweisungen sind deutlich angestiegen. Das bedeutet: Das Opfer bleibt, der Täter geht. Mit der Wohnungsverweisung kann die Polizei ein Rückkehrverbot für zehn Tage aussprechen, wenn die Gefahr weiterer Gewalthandlungen besteht.

Das Problem ist also massiv. Erschwerend kommt hinzu, dass das Mindener Frauenhaus überlastet ist. Die acht Plätze reichen schon lange nicht mehr aus, der Bedarf hat zugenommen (Bericht im MT). Im Jahr 2018 mussten 62 Frauen mit Kindern und 52 Frauen ohne Kinder aus Platzgründen abgewiesen werden. Dabei gibt es im Kreis Minden-Lübbecke, im Gegensatz zu vielen anderen Landkreisen, sogar zwei Frauenhäuser.

Auf dem Weg zum Markt haben die Frauen gestern rote Rosen verteilt. Angeheftet an die Blumen waren die Notfallkarten des Kreises mit Hilfenummern, die bei Gewalt und Not angerufen werden können. Betroffene sollen wissen, dass sie auf ihrem Weg aus der Gewalt nicht alleine sind. Hierbei kann sie das Hilfetelefon (Tel. 08000 - 116 016) unterstützen.

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MindenTanzen statt schweigen: "One Billion Rising" setzt Zeichen gegen GewaltAnja PeperMinden. Nach außen heile Welt: Großes Haus, schicke Frau, wohlerzogene Kinder. Doch der schöne Schein kann trügen: Häusliche Gewalt kommt in allen Bildungs-und Einkommensschichten und auch bei allen Nationalitäten vor. Beleidigt, gedemütigt, geschlagen: Die Formen der Gewalt sind vielfältig. Nicht alle Betroffenen schalten die Polizei ein. Scham- und Schuldgefühle erschweren es, sich anzuvertrauen und Hilfe zu suchen. Erneut haben gestern in Minden rund hundert Frauen – und auch ein paar Männer – ein Zeichen gegen Gewalt gesetzt. Betroffene sollen wissen, dass sie auf ihrem Weg aus der Gewalt nicht alleine sind. One Billion Rising (deutsch: Eine Milliarde erhebt sich) ist eine weltweite Kampagne für ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen und für Gleichstellung. Pink ist die Farbe der Initiative, viele Mützen, Handschuhe und Schals leuchteten in der Farbe. Auch Sönke Kirsch (48) hat sich die erste pinkfarbene Mütze seines Lebens über den Kopf gezogen, um die Kampagne zu unterstützen. Er hat als 13-Jähriger Gewalt innerhalb der Familie miterleben müssen. Ein Kindheitstrauma, das er nicht vergisst, wurde zur Motivation für gesellschaftliches Engagement. Maja Kurth (Aktionskreis One Billion Rising Minden) begrüßte die Aktiven und die Zuschauer auf dem Markt. Bewegend war die kurze Rede einer jungen Frau aus dem Iran. In ihrer Heimat verbieten Religionsgelehrte das Tanzen. „Das Gesetz ist gegen uns.“ In Minden unbehelligt an „One Billion Rising“ teilnehmen, über den Marktplatz zu tanzen und die Stimme erheben zu können – für sie ein Stück Freiheit. Auch die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Minden, Luisa Arndt, war dabei. Sie wies in ihrer Rede darauf hin, dass Begriffe wie „Familiendrama“ oder „Ehrenmord“ im Grunde irreführend seien, weil sie die Täter entschuldigen. Korrekt sei der Begriff „Femizid“: Das heißt: Morde an Frauen passieren, weil sie Frauen sind. Das Thema häusliche Gewalt fällt in den Arbeitsbereich von Birgit Thinnes, Kriminalhauptkommissarin bei der Polizei Minden-Lübbecke (Kriminalprävention/Opferschutz). In ihrer Statistik tauchen nur die Fälle auf, die auch bei der Polizei angezeigt wurden, was längst nicht immer passiert. Die Dunkelziffer ist hoch. Scham- und Schuldgefühle erschweren es, sich anzuvertrauen und Hilfe zu suchen. Zwar liegen die genauen Zahlen für 2019 noch nicht vor, weil die Statistik noch nicht bekannt gegeben wurde. „Die Tendenz ist aber steigend“, sagt Birgit Thinnes. Allein die Übersicht der angezeigten Straftatbestände in den vergangenen Jahren zeigt eine deutliche Sprache. 2018 wurden 628 Straftatbestände angezeigt, ein Jahr zuvor waren es lediglich 455. Auch die Anzahl der Wohnungsverweisungen sind deutlich angestiegen. Das bedeutet: Das Opfer bleibt, der Täter geht. Mit der Wohnungsverweisung kann die Polizei ein Rückkehrverbot für zehn Tage aussprechen, wenn die Gefahr weiterer Gewalthandlungen besteht. Das Problem ist also massiv. Erschwerend kommt hinzu, dass das Mindener Frauenhaus überlastet ist. Die acht Plätze reichen schon lange nicht mehr aus, der Bedarf hat zugenommen (Bericht im MT). Im Jahr 2018 mussten 62 Frauen mit Kindern und 52 Frauen ohne Kinder aus Platzgründen abgewiesen werden. Dabei gibt es im Kreis Minden-Lübbecke, im Gegensatz zu vielen anderen Landkreisen, sogar zwei Frauenhäuser. Auf dem Weg zum Markt haben die Frauen gestern rote Rosen verteilt. Angeheftet an die Blumen waren die Notfallkarten des Kreises mit Hilfenummern, die bei Gewalt und Not angerufen werden können. Betroffene sollen wissen, dass sie auf ihrem Weg aus der Gewalt nicht alleine sind. Hierbei kann sie das Hilfetelefon (Tel. 08000 - 116 016) unterstützen.