Zeugnisvergabe: Wie fair sind all die Einsen und Fünfen? Julika Bergermann Minden. Eine Fünf in Mathe und der Tag ist gelaufen – besonders, wenn der allzeit schweigsame Sitznachbar gerade noch mit einer Vier und einem erleichterten Lächeln davonkommt. Solche Frustrationen könnten heute wieder einige Mindener Schüler heimsuchen, denn die Halbjahreszeugnisse stehen an. Aber ist es überhaupt möglich, mit Ziffernoten Gerechtigkeit herzustellen? Oder gibt es bessere, gerechtere Formen der Bewertung? „Noten können niemals gerecht sein“, erklärt Christoph Gralla, pensionierter Schulleiter des Herder-Gymnasiums. Sie hingen immer von etlichen Faktoren ab, beispielsweise von der Klassengröße und der jeweiligen Lehrkraft. Auch Michael Conrads, stellvertretender Schulleiter des Ratsgymnasiums, weiß um die Fehlerfaktoren der Ziffernote. Seit Jahren stelle die Wissenschaft Untersuchungen dazu an. Gründe, aus denen die Mindener Primusschule bis zur 9. Klasse auf Zensuren verzichtet. Stattdessen erhalten die Schüler schriftliche Bewertungen, in denen ihre schulische Leistung rückgemeldet wird. „Noten sagen nicht genug aus“, erklärt Schulleiterin Antje Mismahl. „Sie bauen nur Druck auf, der nicht weiterhilft. Und ich finde, das muss man Kindern nicht antun.“ Mithilfe der schriftlichen Rückmeldungen gelinge es, die Kinder genauer zu betrachten und sie konstruktiv in ihrer Entwicklung zu beeinflussen. Die Schüler würden im Zeugnis und auch in regelmäßigen Beratungsgesprächen darüber informiert, was sie gut gemacht und wo sie noch Nachholbedarf haben. Ähnlich verfährt auch die Freie Waldorfschule Minden. Offiziell erhalten die Schüler hier erst im Abschlusszeugnis Noten. Allerdings werden intern bereits ab der 10. Klasse auch Zensuren vergeben – im Falle eines Schulwechsels oder des Berufseinstiegs. Eine Mitarbeiterin erklärt: „Wir sind hier der Meinung, dass man einen Menschen nicht in eine Zwei oder Drei reinpressen kann.“ Besonders für schwächere Schüler klingt das schriftliche Zeugnis damit nach einer schonenden Alternative zur kommentarlosen Fünf oder Sechs. Aber vermissen die starken Schüler nicht die glänzende Eins? „Auch gute Sätze sind motivierend“, findet Antje Mismahl. „Es ist doch für die Kinder schön zu lesen, wo ihre Stärken liegen oder dass sie ein Vorbild für die anderen sind.“ Die Berichtszeugnisse würden auch von den Eltern sehr gut angenommen, heißt es seitens der Freien Waldorfschule. Trotz ihrer guten Erfahrungen glaubt Primus-Schulleiterin Mismahl jedoch nicht daran, dass Ziffernoten in Deutschland noch zu ihren Lebzeiten abgeschafft werden. Es sei zwar ein gutes Zeichen, dass immer mehr Schulen schriftliche Bewertungen einführten. „Allerdings sind die Ziffernoten hierzulande einfach zu verfestigt“, erklärt sie. Das bekämen mitunter auch die Schüler zu spüren. Es komme vor, dass sie sich in ihrem Umfeld dafür verteidigen müssten, keine Noten vorweisen zu können. „Es ist gesellschaftlich nicht anerkannt, keine Noten zu bekommen“, sagt Mismahl. Sie habe erlebt, dass sich ein Großvater erkundigte, wie er sein Enkelkind denn nun für sein Zeugnis belohnen solle. Früher habe er den Geldbetrag an den Noten festgemacht. „Ich habe ihm dann gesagt, dass er doch einfach etwas schönes mit dem Kind unternehmen soll“, erzählt Mismahl. Michael Conrads vom Ratsgymnasium kennt das Arbeiten mit Berichtszeugnissen. „Ich habe selbst jahrelang an einer Gesamtschule nach dieser Variante gearbeitet und halte sie generell für eine gute Form der Rückmeldung“, erzählt er. Allerdings drohe die Gefahr, dass dabei auf Standardsätze zurückgegriffen werde: „Und dann verfliegt die Individualität“. Eine Befürchtung, die Christoph Gralla teilt – besonders angesichts der Vielzahl von Bewertungen, die das Lehrpersonal zu verfassen hätte. „Die Frage ist auch, ob Berichtszeugnisse wirklich gerechter sind“, sagt er. „Denn sie hängen natürlich ebenfalls vom Lehrpersonal ab.“ Gralla sieht sich eher als Vertreter der Ziffernoten. Streng genommen sei aber egal, ob nun Zensuren oder Texte das Zeugnis füllten. Das Wichtige sei doch, dass die Kinder überhaupt eine Rückmeldung bekämen. Ziffernoten böten allerdings einen besseren Eindruck davon, wo der Schüler gerade stehe. Denn in einen Text ließe sich viel hineininterpretieren. Er und Michael Conrads ziehen andere Konsequenzen aus der Fehlbarkeit von Noten. „Hängt sie nicht so hoch“, empfiehlt Gralla. Er werde ganz unruhig, wenn zu sehr auf die Noten geschielt werde. Dem kann Michael Conrads nur zustimmen: „Es ist wichtig, sich die begrenzte Aussagekraft von Noten bewusst zu machen.“ Und generell müsse die Gesellschaft in Puncto Leistung gelassener werden. „Noten und Zeugnisse sind nur Momentaufnahmen“, erklärt Gralla. Kinder und Jugendliche entwickelten sich ohnehin ständig weiter. Und mitunter sei der Abiturient mit der 2,7 im Studium erfolgreicher als der mit dem Einserschnitt. „In meinem Physik-Unterricht saß mal ein Schüler, der immer nur durchschnittliche Noten bekam“, erinnert sich Gralla. „Aber inzwischen lehrt er als Professor der Physik in Florida. Und er hat mit dazu beigetragen, die Gravitationstheorie zu beweisen.“ Rund 2,5 Millionen Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen erhalten heute ihre Halbjahreszeugnisse. Diese hätten die Funktion eines „Zwischenstandes“, erklärte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) am Donnerstag in Düsseldorf. Die Zeugnisse sollten „Ansporn und Bestätigung zugleich sein, nicht nachzulassen“. Für Schüler und Eltern, die Fragen zur Notengebung oder Schullaufbahn haben, böten die fünf Bezirksregierungen im Land wieder Zeugnistelefone an. Die Halbjahreszeugnisse der Viertklässler enthalten auch eine nicht bindende Empfehlung für die weiterführende Schule. Die stellvertretende Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE), Anne Deimel, appellierte an die betroffenen Eltern, sich gut über die verschiedenen infrage kommenden Schulen zu informieren und das Gespräch mit den Lehrerinnen und Lehrern der Grundschule zu suchen. „Ziel muss es sein, die weiterführende Schule zu finden, an der das eigene Kind möglichst optimal lernen kann“, erklärte Deimel am Donnerstag in Dortmund. Zeugnistelefon: Die Bezirksregierung Detmold richtet wieder die Rechtsberatung bei Fragen zu Noten und zur Schullaufbahn ein. Eltern und Schüler der Real-, Sekundar- und Gesamtschulen sowie Gymnasien und Berufskollegs können sich mit rechtlichen Fragen zur Versetzung, Notengebung und Schullaufbahn an die Mitarbeitenden der Schulaufsicht wenden. Das „Zeugnistelefon der Bezirksregierung Detmold“ ist am Freitag und Montag, 31. Januar und 3. Februar, jeweils von 8 bis 16 Uhr geschaltet. Die Rufnummer ist (0 52 31) 71 48 48. Darüber hinausgehende Hilfe bekommen Schüler und Eltern bei den schulpsychologischen Beratungsstellen im Regierungsbezirk. Informationen n gibt es bei den Schulämtern vor Ort oder im Internet unter www.schulpsychologie.de.

Zeugnisvergabe: Wie fair sind all die Einsen und Fünfen?

1, 2 oder 3? Bei der Benotung spielen verschiedenste Faktoren eine Rolle. Trotzdem halten sich Ziffernoten hartnäckig. Foto: Philipp Brandstädter/dpa

Minden. Eine Fünf in Mathe und der Tag ist gelaufen – besonders, wenn der allzeit schweigsame Sitznachbar gerade noch mit einer Vier und einem erleichterten Lächeln davonkommt. Solche Frustrationen könnten heute wieder einige Mindener Schüler heimsuchen, denn die Halbjahreszeugnisse stehen an. Aber ist es überhaupt möglich, mit Ziffernoten Gerechtigkeit herzustellen? Oder gibt es bessere, gerechtere Formen der Bewertung?

„Noten können niemals gerecht sein“, erklärt Christoph Gralla, pensionierter Schulleiter des Herder-Gymnasiums. Sie hingen immer von etlichen Faktoren ab, beispielsweise von der Klassengröße und der jeweiligen Lehrkraft. Auch Michael Conrads, stellvertretender Schulleiter des Ratsgymnasiums, weiß um die Fehlerfaktoren der Ziffernote. Seit Jahren stelle die Wissenschaft Untersuchungen dazu an.

Gründe, aus denen die Mindener Primusschule bis zur 9. Klasse auf Zensuren verzichtet. Stattdessen erhalten die Schüler schriftliche Bewertungen, in denen ihre schulische Leistung rückgemeldet wird. „Noten sagen nicht genug aus“, erklärt Schulleiterin Antje Mismahl. „Sie bauen nur Druck auf, der nicht weiterhilft. Und ich finde, das muss man Kindern nicht antun.“ Mithilfe der schriftlichen Rückmeldungen gelinge es, die Kinder genauer zu betrachten und sie konstruktiv in ihrer Entwicklung zu beeinflussen. Die Schüler würden im Zeugnis und auch in regelmäßigen Beratungsgesprächen darüber informiert, was sie gut gemacht und wo sie noch Nachholbedarf haben.

Ähnlich verfährt auch die Freie Waldorfschule Minden. Offiziell erhalten die Schüler hier erst im Abschlusszeugnis Noten. Allerdings werden intern bereits ab der 10. Klasse auch Zensuren vergeben – im Falle eines Schulwechsels oder des Berufseinstiegs. Eine Mitarbeiterin erklärt: „Wir sind hier der Meinung, dass man einen Menschen nicht in eine Zwei oder Drei reinpressen kann.“

Besonders für schwächere Schüler klingt das schriftliche Zeugnis damit nach einer schonenden Alternative zur kommentarlosen Fünf oder Sechs. Aber vermissen die starken Schüler nicht die glänzende Eins? „Auch gute Sätze sind motivierend“, findet Antje Mismahl. „Es ist doch für die Kinder schön zu lesen, wo ihre Stärken liegen oder dass sie ein Vorbild für die anderen sind.“ Die Berichtszeugnisse würden auch von den Eltern sehr gut angenommen, heißt es seitens der Freien Waldorfschule.

Trotz ihrer guten Erfahrungen glaubt Primus-Schulleiterin Mismahl jedoch nicht daran, dass Ziffernoten in Deutschland noch zu ihren Lebzeiten abgeschafft werden. Es sei zwar ein gutes Zeichen, dass immer mehr Schulen schriftliche Bewertungen einführten. „Allerdings sind die Ziffernoten hierzulande einfach zu verfestigt“, erklärt sie.

Das bekämen mitunter auch die Schüler zu spüren. Es komme vor, dass sie sich in ihrem Umfeld dafür verteidigen müssten, keine Noten vorweisen zu können. „Es ist gesellschaftlich nicht anerkannt, keine Noten zu bekommen“, sagt Mismahl. Sie habe erlebt, dass sich ein Großvater erkundigte, wie er sein Enkelkind denn nun für sein Zeugnis belohnen solle. Früher habe er den Geldbetrag an den Noten festgemacht. „Ich habe ihm dann gesagt, dass er doch einfach etwas schönes mit dem Kind unternehmen soll“, erzählt Mismahl.

Michael Conrads vom Ratsgymnasium kennt das Arbeiten mit Berichtszeugnissen. „Ich habe selbst jahrelang an einer Gesamtschule nach dieser Variante gearbeitet und halte sie generell für eine gute Form der Rückmeldung“, erzählt er. Allerdings drohe die Gefahr, dass dabei auf Standardsätze zurückgegriffen werde: „Und dann verfliegt die Individualität“. Eine Befürchtung, die Christoph Gralla teilt – besonders angesichts der Vielzahl von Bewertungen, die das Lehrpersonal zu verfassen hätte. „Die Frage ist auch, ob Berichtszeugnisse wirklich gerechter sind“, sagt er. „Denn sie hängen natürlich ebenfalls vom Lehrpersonal ab.“

Gralla sieht sich eher als Vertreter der Ziffernoten. Streng genommen sei aber egal, ob nun Zensuren oder Texte das Zeugnis füllten. Das Wichtige sei doch, dass die Kinder überhaupt eine Rückmeldung bekämen. Ziffernoten böten allerdings einen besseren Eindruck davon, wo der Schüler gerade stehe. Denn in einen Text ließe sich viel hineininterpretieren.

Er und Michael Conrads ziehen andere Konsequenzen aus der Fehlbarkeit von Noten. „Hängt sie nicht so hoch“, empfiehlt Gralla. Er werde ganz unruhig, wenn zu sehr auf die Noten geschielt werde. Dem kann Michael Conrads nur zustimmen: „Es ist wichtig, sich die begrenzte Aussagekraft von Noten bewusst zu machen.“ Und generell müsse die Gesellschaft in Puncto Leistung gelassener werden.

„Noten und Zeugnisse sind nur Momentaufnahmen“, erklärt Gralla. Kinder und Jugendliche entwickelten sich ohnehin ständig weiter. Und mitunter sei der Abiturient mit der 2,7 im Studium erfolgreicher als der mit dem Einserschnitt. „In meinem Physik-Unterricht saß mal ein Schüler, der immer nur durchschnittliche Noten bekam“, erinnert sich Gralla. „Aber inzwischen lehrt er als Professor der Physik in Florida. Und er hat mit dazu beigetragen, die Gravitationstheorie zu beweisen.“

Rund 2,5 Millionen Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen erhalten heute ihre Halbjahreszeugnisse. Diese hätten die Funktion eines „Zwischenstandes“, erklärte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) am Donnerstag in Düsseldorf. Die Zeugnisse sollten „Ansporn und Bestätigung zugleich sein, nicht nachzulassen“. Für Schüler und Eltern, die Fragen zur Notengebung oder Schullaufbahn haben, böten die fünf Bezirksregierungen im Land wieder Zeugnistelefone an.

Die Halbjahreszeugnisse der Viertklässler enthalten auch eine nicht bindende Empfehlung für die weiterführende Schule. Die stellvertretende Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE), Anne Deimel, appellierte an die betroffenen Eltern, sich gut über die verschiedenen infrage kommenden Schulen zu informieren und das Gespräch mit den Lehrerinnen und Lehrern der Grundschule zu suchen. „Ziel muss es sein, die weiterführende Schule zu finden, an der das eigene Kind möglichst optimal lernen kann“, erklärte Deimel am Donnerstag in Dortmund.

Zeugnistelefon: Die Bezirksregierung Detmold richtet wieder die Rechtsberatung bei Fragen zu Noten und zur Schullaufbahn ein. Eltern und Schüler der Real-, Sekundar- und Gesamtschulen sowie Gymnasien und Berufskollegs können sich mit rechtlichen Fragen zur Versetzung, Notengebung und Schullaufbahn an die Mitarbeitenden der Schulaufsicht wenden. Das „Zeugnistelefon der Bezirksregierung Detmold“ ist am Freitag und Montag, 31. Januar und 3. Februar, jeweils von 8 bis 16 Uhr geschaltet. Die Rufnummer ist (0 52 31) 71 48 48.

Darüber hinausgehende Hilfe bekommen Schüler und Eltern bei den schulpsychologischen Beratungsstellen im Regierungsbezirk. Informationen n gibt es bei den Schulämtern vor Ort oder im Internet unter www.schulpsychologie.de.

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