Minden

Stichlinge sind mit drei Neuen gut aufgestellt

Ursula Koch

Verzweifelte: 
Annika Huss braucht dringend eine Betreuung für den dementen Opa an der Leine. Dealer Martin Jahnke findet eine geniale Lösung.
Verzweifelte:
Annika Huss braucht dringend eine Betreuung für den dementen Opa an der Leine. Dealer Martin Jahnke findet eine geniale Lösung.

Minden. Es ist definitiv das 54. Programm der Stichlinge und vermutlich ihre 50. Premiere auf der Sparkassen-Bühne – so genau haben das weder der Hausherr noch seine Gäste gezählt. Das klingt schwer nach Tradition. Die wird bei der Kabarettgruppe groß geschrieben, aber trotzdem hat sich die Truppe um Birger Hausmann wieder einmal neu erfunden. In ihrem 54. Jahr geht Deutschlands ältestes aktives Amateur-Kabarett mit dem Programm „Loch an Loch und hält doch“ und drei neuen Darstellern an den Start – und gewinnt damit viel Spielwitz hinzu.

Claudia Brase, Martin Jahnke und Mario Hancke harmonieren gut mit dem bewährten Darsteller-Trio Kirsten Gerlhof, Annika Hus und Frank Oesterwinter. Claudia Brase ist vor allem in den Gesangsnummern eine sichere Mitstreiterin. Die Apothekerin aus Petershagen zeigt sich aber auch in den Sketchen als wandlungsfähig, ob nun als Fragen stellende Flüchtlings-Retterin im Mittelmeer, als singende Chimäre oder als sich nach einer „Diktateuse“ sehnenden Bürgerin.

Formulierungskünstler:

Als Alternativer Pressesprecher findet Mario Hancke für jeden Tathergang die richtige Formulierung.
Formulierungskünstler:
Als Alternativer Pressesprecher findet Mario Hancke für jeden Tathergang die richtige Formulierung.

Löcher findet die Truppe in Mindens Haushalt und auch sonst überall: Als Dealer kann Martin Jahnke der uniformarmen Bundeswehr mit Restbeständen aus dem Ersten Weltkrieg helfen, Waffen hat er noch aus dem Nachlass von Robin Hood auf Lager. Bei der fehlenden Pflegekraft muss allerdings auch er passen. Bei den fehlenden Lehrern beinahe auch, doch dann fällt ihm der demente Opa wieder ein. Das ist neben einer Szene um die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer eine der schärfsten Pointen: „Im Mittelmeer sind schon so viele Flüchtlinge ersoffen, wenn da noch ein paar dazu kommen, kannst Du da zu Fuß rüber.“

Führungsduo: Kirsten Gerlhof und Birger Hausmann singen als Annalena und Robert, von der grünen Sehnsucht nach einem Neubeginn.
Führungsduo: Kirsten Gerlhof und Birger Hausmann singen als Annalena und Robert, von der grünen Sehnsucht nach einem Neubeginn.

Die drei Damen, die sich einen Diktator wünschen – „oder einer Diktateuse, aber eine Böse“ –, wissen ganz genau, was Populisten brauchen: Einen Sündenbock. Außerdem müssen Demagogen darauf achten, dass sie immer zugleich Opfer und Täter sind. Und sie brauchen ein Problem, das sie aber auf keinen Fall lösen dürfen. Das einfache Volk heißt in dieser Gleichung übrigens „Populuschen“.

Diagnostiker: 

Jürgen Juchtmann untersucht den Patienten Minden nach allen Regeln der Kunst und findet zahlreiche Schwachstellen.
Diagnostiker:
Jürgen Juchtmann untersucht den Patienten Minden nach allen Regeln der Kunst und findet zahlreiche Schwachstellen.

Der Quereinsteiger als Physiklehrer war früher Fachverkäufer für Deckenbeleuchtung. Nun versucht er, den Schülern am Thunberg-Gymnasium ein „Licht aufgehen zu lassen“. Zwei Nummern sind dabei, deren P0inte noch nicht so richtig zündet: Das Nachleben der anschmiegsamen Silly etwa oder die Debatte, wie man Fußball für die Zuschauer noch attraktiver machen kann. Dafür trifft die „Klimakanzlerin“ voll ins Schwarze, wenn Kirsten Gerlhof souffliert von zwei mafiösen Vertretern der Automobilindustrie ihre Klimaziele immer weicher formuliert. „Mach nicht mit bei der Klima-Hysterie. Fahr SUV“, heißt ihr Refrain, den nur noch Birger Hausmann als Greta toppen kann: „Mit 17 hat man noch Träume für das Klima der Zukunft.“

Martin Jahnke, der bis zu seiner Pensionierung bei der Kreisverwaltung arbeitete, gibt bei den Stichlingen den renitenten SPD-Zwerg, aalglatten Mafiosi, gewitzten Dealer für Raritäten aller Art oder den begeisterungsfähigen Wohnungssuchenden. Mario Hancke ist als Pressesprecher der Rechten oder als Nachrichtensprecher nah an seinem Zivilberuf als Journalist. Er hat noch den kleineren Part im Programm, zeigt aber Potenzial.

Nach einem Jahr krankheitsbedingter Zwangspause ist Frank Oesterwinter zu den Stichlingen zurückgekehrt. Ob als Hermännchen, als Mafiosi oder als umsichtiger Kapitän Notnagel auf dem Rettungsschiff im Mittelmeer, bringt der Bielefelder Wandlungsfähigkeit und gleich mehrere Dialekte ins Spiel. Gemeinsam mit Regisseur Birger Hausmann und Kirsten Gerlhof dreht und wendet er die Themen zur spitzfindigen Pointe.

Neben ihm ist Kirsten Gerlhof auf der Bühne die tragende Säule des Programms, die aber auch ihren Mitspielern Raum zur Entfaltung lässt. Als Kanzlerinnen-Double ist sie einfach umwerfend, ebenso als naive Hausfrau oder spitzfindige Maklerin. Annika Hus steht ihr als Energiebündel zur Seite, das auch schräge Töne nicht scheut. Mit immer den richtigen Tönen untermalt der Bückeburger Stephan Winkelhake die Auftritte am Klavier.

Jürgen Juchtmann gibt wie gewohnt den Diagnostiker, der vor allem den Patienten Minden untersucht. Er verschreibt dem Bürgermeister Ballettstunden, damit der „Eiertanz um die Tibetfahne“ ästhetischer wird, als der um die Multifunktionshalle. Dem Landrat attestiert er, dass der sich als Auftraggeber für Gutachten zur Kampa-Halle den Titel „Geheimrat“ verdient hat. Ihm gehe es wie Prof. Börne im Münster-“Tatort“: „Er weiß alles, ist aber immer zu spät dran“. Die AfD frage sich dagegen: „Wird die Halle mit 5.000 Plätzen für den Reichsparteitag 2030 reichen?“ Und noch ein Loch hat er ausgemacht: Die Blänke, das „Freibad für Lurchis und Fadenwürmer“.

Auftritte in Minden:

Im Vortragssaal der Sparkasse Minden-Lübbecke, Königswall 2, sind die Stichlinge noch am 31. Januar, 1., 2., 14., 15., 28. und 29. Februar sowie am 6. und 7. März zu erleben. Beginn ist um 20 Uhr, sonntags um 19 Uhr.

Die beiden Vorstellungenim Stadttheater Minden sind ausverkauft.

Vorverkaufsstellen: Express-Ticketservice, Obermarktstraße 26-30, Postagentur im Wez, Ringstraße 74. Feinkosthaus Müller, Großer Domhof 5

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Die Apothekerin aus Petershagen zeigt sich aber auch in den Sketchen als wandlungsfähig, ob nun als Fragen stellende Flüchtlings-Retterin im Mittelmeer, als singende Chimäre oder als sich nach einer „Diktateuse“ sehnenden Bürgerin. Löcher findet die Truppe in Mindens Haushalt und auch sonst überall: Als Dealer kann Martin Jahnke der uniformarmen Bundeswehr mit Restbeständen aus dem Ersten Weltkrieg helfen, Waffen hat er noch aus dem Nachlass von Robin Hood auf Lager. Bei der fehlenden Pflegekraft muss allerdings auch er passen. Bei den fehlenden Lehrern beinahe auch, doch dann fällt ihm der demente Opa wieder ein. Das ist neben einer Szene um die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer eine der schärfsten Pointen: „Im Mittelmeer sind schon so viele Flüchtlinge ersoffen, wenn da noch ein paar dazu kommen, kannst Du da zu Fuß rüber.“ Die drei Damen, die sich einen Diktator wünschen – „oder einer Diktateuse, aber eine Böse“ –, wissen ganz genau, was Populisten brauchen: Einen Sündenbock. Außerdem müssen Demagogen darauf achten, dass sie immer zugleich Opfer und Täter sind. Und sie brauchen ein Problem, das sie aber auf keinen Fall lösen dürfen. Das einfache Volk heißt in dieser Gleichung übrigens „Populuschen“. Der Quereinsteiger als Physiklehrer war früher Fachverkäufer für Deckenbeleuchtung. Nun versucht er, den Schülern am Thunberg-Gymnasium ein „Licht aufgehen zu lassen“. Zwei Nummern sind dabei, deren P0inte noch nicht so richtig zündet: Das Nachleben der anschmiegsamen Silly etwa oder die Debatte, wie man Fußball für die Zuschauer noch attraktiver machen kann. Dafür trifft die „Klimakanzlerin“ voll ins Schwarze, wenn Kirsten Gerlhof souffliert von zwei mafiösen Vertretern der Automobilindustrie ihre Klimaziele immer weicher formuliert. „Mach nicht mit bei der Klima-Hysterie. Fahr SUV“, heißt ihr Refrain, den nur noch Birger Hausmann als Greta toppen kann: „Mit 17 hat man noch Träume für das Klima der Zukunft.“ Martin Jahnke, der bis zu seiner Pensionierung bei der Kreisverwaltung arbeitete, gibt bei den Stichlingen den renitenten SPD-Zwerg, aalglatten Mafiosi, gewitzten Dealer für Raritäten aller Art oder den begeisterungsfähigen Wohnungssuchenden. Mario Hancke ist als Pressesprecher der Rechten oder als Nachrichtensprecher nah an seinem Zivilberuf als Journalist. Er hat noch den kleineren Part im Programm, zeigt aber Potenzial. Nach einem Jahr krankheitsbedingter Zwangspause ist Frank Oesterwinter zu den Stichlingen zurückgekehrt. Ob als Hermännchen, als Mafiosi oder als umsichtiger Kapitän Notnagel auf dem Rettungsschiff im Mittelmeer, bringt der Bielefelder Wandlungsfähigkeit und gleich mehrere Dialekte ins Spiel. Gemeinsam mit Regisseur Birger Hausmann und Kirsten Gerlhof dreht und wendet er die Themen zur spitzfindigen Pointe. Neben ihm ist Kirsten Gerlhof auf der Bühne die tragende Säule des Programms, die aber auch ihren Mitspielern Raum zur Entfaltung lässt. Als Kanzlerinnen-Double ist sie einfach umwerfend, ebenso als naive Hausfrau oder spitzfindige Maklerin. Annika Hus steht ihr als Energiebündel zur Seite, das auch schräge Töne nicht scheut. Mit immer den richtigen Tönen untermalt der Bückeburger Stephan Winkelhake die Auftritte am Klavier. Jürgen Juchtmann gibt wie gewohnt den Diagnostiker, der vor allem den Patienten Minden untersucht. Er verschreibt dem Bürgermeister Ballettstunden, damit der „Eiertanz um die Tibetfahne“ ästhetischer wird, als der um die Multifunktionshalle. Dem Landrat attestiert er, dass der sich als Auftraggeber für Gutachten zur Kampa-Halle den Titel „Geheimrat“ verdient hat. Ihm gehe es wie Prof. Börne im Münster-“Tatort“: „Er weiß alles, ist aber immer zu spät dran“. Die AfD frage sich dagegen: „Wird die Halle mit 5.000 Plätzen für den Reichsparteitag 2030 reichen?“ Und noch ein Loch hat er ausgemacht: Die Blänke, das „Freibad für Lurchis und Fadenwürmer“. Auftritte in Minden: Im Vortragssaal der Sparkasse Minden-Lübbecke, Königswall 2, sind die Stichlinge noch am 31. Januar, 1., 2., 14., 15., 28. und 29. Februar sowie am 6. und 7. März zu erleben. Beginn ist um 20 Uhr, sonntags um 19 Uhr. Die beiden Vorstellungenim Stadttheater Minden sind ausverkauft. Vorverkaufsstellen: Express-Ticketservice, Obermarktstraße 26-30, Postagentur im Wez, Ringstraße 74. Feinkosthaus Müller, Großer Domhof 5