Minden.

Missionar aus Minden lebt mit seiner Familie unter Ureinwohnern in Argentinien

Julika Bergermann

Vom Elektriker zum Pastor und Missionar – Torben Friese (45) mit Angehörigen der Guaraní in Argentinien.
Vom Elektriker zum Pastor und Missionar – Torben Friese (45) mit Angehörigen der Guaraní in Argentinien.

Minden. Im Jahr 2014 packt Familie Friese in Minden ihre Koffer – und zieht nach Argentinien. Mit den drei kleinen Kindern geht es nach Jardín América, hoch im Nordosten des Landes. Hier oben, in den Wäldern, leben noch Teile der Mbya Guaraní, eines südamerikanischen Indianerstammes. Ihretwegen ist die deutsche Familie gekommen. Denn Torben und Damaris Friese sind Missionare.

Auf den ersten Blick ein Beruf, der aus der Zeit gefallen wirkt. Doch es gibt sie noch, die Menschen, die in entlegenen Orten der Welt das Evangelium verkünden. Dahinter stehen nicht nur freikirchliche Gemeinden – auch die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) entsendet weiterhin Missionare ins Ausland. Vor allem Afrika und Südamerika sind dafür beliebte Ziele.

Im Alltag geht es hauptsächlich um Gemeinschaft. Auch Damaris Friese nimmt aktiv am Dorfleben teil. - © Foto: Torben Friese/pr
Im Alltag geht es hauptsächlich um Gemeinschaft. Auch Damaris Friese nimmt aktiv am Dorfleben teil. (© Foto: Torben Friese/pr)

Torben Friese ist über Umwege zu der ungewöhnlichen Tätigkeit gelangt: Er verdient zunächst als Elektriker sein Geld, bevor er sein Engagement in der freikirchlichen Jugendarbeit zum Beruf macht. Mit seiner Frau Damaris teilt er den Wunsch, das Evangelium zu verkündigen und zu verbreiten.

Damaris Friese zieht es seit ihrer Schulzeit nach Argentinien – inspiriert von dem Film „Mission“, der die Missionierung der Guaraní im 18. Jahrhundert thematisiert. Eine gemeinsame Reise an ihr Wunschziel, unternommen im Jahr 2005, überzeugt letztlich auch ihren Ehemann.

Allerdings vergehen fast zehn Jahre, bis der Traum Realität wird. Denn es gibt viel zu tun: Frieses müssen theologisch ausgebildet werden, Spanisch lernen und vor allem auf die richtige Gelegenheit warten. Diese ergibt sich mithilfe der Velberter Mission, die seit 1954 Interessierte bei ihren Missionsplänen unterstützt.

Inzwischen leitet Torben Friese in Argentinien ein internationales Missionsteam, das auch eine lokale Kirchengemeinde unterstützt. Das Projekt finanziert sich ausschließlich über Spenden.

Alle drei Jahre steht der Heimaturlaub an, dann besuchen Frieses mit ihren inzwischen vier Kindern für ein paar Monate die Verwandtschaft in Minden. So auch an diesem Wintertag: Torben Friese sitzt im Paul-Gerhardt-Haus in Meißen, umringt von aufmerksamen Zuhörern. Der Raum im Gemeindezentrum bedeutet ihm viel – hier hat er vor Jahren das erste Mal einen Missionar von seiner Tätigkeit erzählen hören. Heute berichtet er selbst von seinem Leben und Wirken in der argentinischen Wahlheimat.

Den Anwesenden ist die Neugier anzumerken: Wie sieht Missionsarbeit im 21. Jahrhundert aus? Hilfe zur Selbsthilfe, so lautet das Motto. „Wir verteilen keine Hilfsgüter“, erzählt Friese. Stattdessen liege der Fokus darauf, die Einheimischen zu schulen – allein schon, um die künftige Versorgung der Gemeinschaft sicherzustellen. Denn die staatliche Unterstützung, die die Guaraní in Argentinien bis vor kurzem noch erhalten hätten, sei passé.

Das Missionsteam um Friese legt mit den Einheimischen Gemüsegärten an und errichtet beispielhafte Wohnhütten. Friese muss schmunzeln, wenn er an die Reaktion der Guaraní auf die erste errichtete Hütte denkt. „Sie waren ganz überrascht, dass das ein Platz zum Wohnen wird – und keine Kirche.“

Die Einheimischen reagierten positiv darauf, dass sie nicht nur „bepredigt“ würden. Und darauf, dass die Missionare vor allem an der Gemeinschaft mit ihnen interessiert seien.

Warum aber überhaupt predigen, wenn doch der Fokus auf praktischer Hilfe liegt? „Im Westen trennen wir das Praktische vom Religiösen“, erklärt Friese. „Die Ureinwohner tun das aber nicht.“ Sie seien Animisten, die allen Dingen eine Seele zusprächen. Und ihre Spiritualität erlege ihnen viele Tabus auf, die ihnen letztlich das Leben erschwerten. So müsse schon mal eine ganze Siedlung umziehen, weil ein böser Geist im Bach lebe.

„Es geht mir nicht darum, den Guaraní die Existenz von Geistern auszureden“, sagt Friese. „Ich will nur, dass sie wissen: Es gibt auch einen guten Geist, und der ist stärker als die anderen.“ Ein alter Mann sei beispielsweise in Tränen ausgebrochen, als er die Schöpfungsgeschichte gehört habe. Nun wisse er endlich, zu wem er bete, habe er gesagt. Und eine Frau, stolz auf ihren prächtigen Gemüsegarten, habe verkündet: „Er gedeiht so gut, weil ich jeden Tag für ihn bete.“ Friese muss beim Gedanken an ihre Worte lächeln. „Da kann ich als Missionar noch was von lernen“, sagt er.

Und generell lehrten ihn die Guaraní vieles. Zum einen sei da die Genügsamkeit, die die Menschen an den Tag legten. „Manche besitzen Fernseher, aber wenn das Essen knapp wird, sind die ganz schnell verkauft“, sagt Friese. Die Guaraní hingen nicht sehr an derlei Besitztümern. Auch herrsche in der Siedlung viel Ruhe, lautes Sprechen sei verpönt. „Nach dortigen Maßstäben schreie ich Sie gerade an“, erklärt er seinem Mindener Publikum.

Im März geht es für Familie Friese zurück nach Argentinien, für die nächsten drei Jahre unter den Guaraní. Bis auf Familienmitglieder und Freunde vermissen die Frieses dort nicht viel. Zumindest, seit Torben Friese im Nachbarland Brasilien Melitta-Kaffee im Supermarkt entdeckte. „Als Mindener geht einem da das Herz auf“, sagt er mit einem Lachen.

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Minden.Missionar aus Minden lebt mit seiner Familie unter Ureinwohnern in ArgentinienJulika BergermannMinden. Im Jahr 2014 packt Familie Friese in Minden ihre Koffer – und zieht nach Argentinien. Mit den drei kleinen Kindern geht es nach Jardín América, hoch im Nordosten des Landes. Hier oben, in den Wäldern, leben noch Teile der Mbya Guaraní, eines südamerikanischen Indianerstammes. Ihretwegen ist die deutsche Familie gekommen. Denn Torben und Damaris Friese sind Missionare. Auf den ersten Blick ein Beruf, der aus der Zeit gefallen wirkt. Doch es gibt sie noch, die Menschen, die in entlegenen Orten der Welt das Evangelium verkünden. Dahinter stehen nicht nur freikirchliche Gemeinden – auch die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) entsendet weiterhin Missionare ins Ausland. Vor allem Afrika und Südamerika sind dafür beliebte Ziele. Torben Friese ist über Umwege zu der ungewöhnlichen Tätigkeit gelangt: Er verdient zunächst als Elektriker sein Geld, bevor er sein Engagement in der freikirchlichen Jugendarbeit zum Beruf macht. Mit seiner Frau Damaris teilt er den Wunsch, das Evangelium zu verkündigen und zu verbreiten. Damaris Friese zieht es seit ihrer Schulzeit nach Argentinien – inspiriert von dem Film „Mission“, der die Missionierung der Guaraní im 18. Jahrhundert thematisiert. Eine gemeinsame Reise an ihr Wunschziel, unternommen im Jahr 2005, überzeugt letztlich auch ihren Ehemann. Allerdings vergehen fast zehn Jahre, bis der Traum Realität wird. Denn es gibt viel zu tun: Frieses müssen theologisch ausgebildet werden, Spanisch lernen und vor allem auf die richtige Gelegenheit warten. Diese ergibt sich mithilfe der Velberter Mission, die seit 1954 Interessierte bei ihren Missionsplänen unterstützt. Inzwischen leitet Torben Friese in Argentinien ein internationales Missionsteam, das auch eine lokale Kirchengemeinde unterstützt. Das Projekt finanziert sich ausschließlich über Spenden. Alle drei Jahre steht der Heimaturlaub an, dann besuchen Frieses mit ihren inzwischen vier Kindern für ein paar Monate die Verwandtschaft in Minden. So auch an diesem Wintertag: Torben Friese sitzt im Paul-Gerhardt-Haus in Meißen, umringt von aufmerksamen Zuhörern. Der Raum im Gemeindezentrum bedeutet ihm viel – hier hat er vor Jahren das erste Mal einen Missionar von seiner Tätigkeit erzählen hören. Heute berichtet er selbst von seinem Leben und Wirken in der argentinischen Wahlheimat. Den Anwesenden ist die Neugier anzumerken: Wie sieht Missionsarbeit im 21. Jahrhundert aus? Hilfe zur Selbsthilfe, so lautet das Motto. „Wir verteilen keine Hilfsgüter“, erzählt Friese. Stattdessen liege der Fokus darauf, die Einheimischen zu schulen – allein schon, um die künftige Versorgung der Gemeinschaft sicherzustellen. Denn die staatliche Unterstützung, die die Guaraní in Argentinien bis vor kurzem noch erhalten hätten, sei passé. Das Missionsteam um Friese legt mit den Einheimischen Gemüsegärten an und errichtet beispielhafte Wohnhütten. Friese muss schmunzeln, wenn er an die Reaktion der Guaraní auf die erste errichtete Hütte denkt. „Sie waren ganz überrascht, dass das ein Platz zum Wohnen wird – und keine Kirche.“ Die Einheimischen reagierten positiv darauf, dass sie nicht nur „bepredigt“ würden. Und darauf, dass die Missionare vor allem an der Gemeinschaft mit ihnen interessiert seien. Warum aber überhaupt predigen, wenn doch der Fokus auf praktischer Hilfe liegt? „Im Westen trennen wir das Praktische vom Religiösen“, erklärt Friese. „Die Ureinwohner tun das aber nicht.“ Sie seien Animisten, die allen Dingen eine Seele zusprächen. Und ihre Spiritualität erlege ihnen viele Tabus auf, die ihnen letztlich das Leben erschwerten. So müsse schon mal eine ganze Siedlung umziehen, weil ein böser Geist im Bach lebe. „Es geht mir nicht darum, den Guaraní die Existenz von Geistern auszureden“, sagt Friese. „Ich will nur, dass sie wissen: Es gibt auch einen guten Geist, und der ist stärker als die anderen.“ Ein alter Mann sei beispielsweise in Tränen ausgebrochen, als er die Schöpfungsgeschichte gehört habe. Nun wisse er endlich, zu wem er bete, habe er gesagt. Und eine Frau, stolz auf ihren prächtigen Gemüsegarten, habe verkündet: „Er gedeiht so gut, weil ich jeden Tag für ihn bete.“ Friese muss beim Gedanken an ihre Worte lächeln. „Da kann ich als Missionar noch was von lernen“, sagt er. Und generell lehrten ihn die Guaraní vieles. Zum einen sei da die Genügsamkeit, die die Menschen an den Tag legten. „Manche besitzen Fernseher, aber wenn das Essen knapp wird, sind die ganz schnell verkauft“, sagt Friese. Die Guaraní hingen nicht sehr an derlei Besitztümern. Auch herrsche in der Siedlung viel Ruhe, lautes Sprechen sei verpönt. „Nach dortigen Maßstäben schreie ich Sie gerade an“, erklärt er seinem Mindener Publikum. Im März geht es für Familie Friese zurück nach Argentinien, für die nächsten drei Jahre unter den Guaraní. Bis auf Familienmitglieder und Freunde vermissen die Frieses dort nicht viel. Zumindest, seit Torben Friese im Nachbarland Brasilien Melitta-Kaffee im Supermarkt entdeckte. „Als Mindener geht einem da das Herz auf“, sagt er mit einem Lachen.