Minden

Ein Betrüger stiehlt einem Mindener die Identität und geht damit an die Presse

Stefan Koch

Grafik: Alex Lehn
Grafik: Alex Lehn

Minden. „Erst in der letzten Woche hat mich eine Frau im Penny-Markt angesprochen“, sagt Heinrich Traue (61), der nur ungern im Licht der Öffentlichkeit zu steht. Vor mehr als drei Jahren begannen Medien mit Berichten darüber, wie ein Betrüger unter seiner Identität eine monströse Serie an Straftaten beging. Die Folgen erreichten den ehemaligen Berufskraftfahrer erstmals im Dezember 2016, als der Tatverdächtige Päckchen mit Herrenschuhen an seine Mindener Adresse dirigierte. Es folgten Rechnungen für ärztliche Behandlungen, Krankenhausaufenthalte, Lebensversicherungen, Waren aller Art und vor allem Dienste von Sex-Hotlines. Lange Zeit blieb der Auftraggeber für die Fahnder der Gütersloher Polizei nur ein Phantom bis er sich im vergangenen Jahr durch eine DNA-Spur verriet und gefasst wurde. Nicht nur das MT, sondern Radio Westfalica und der WDR berichteten mehrfach über den Fall. In der Bildzeitung und dem Wochenblatt „Die Zeit“ standen Artikel darüber. Derzeit bereitet sich Traue auf einen Live-Fernsehauftritt am 26. Februar in der Aktenzeichen-XY-Reihe „Vorsicht Betrug“ in München vor. Nach einem Vorab-Drehtermin in Minden war er dazu am 8. Januar erneut einen ganzen Tag im Wuppertaler Flemings-Hotel, um vor laufender Kamera von seinem Schicksal zu erzählen. „Es ist kein Spaß, wenn man ins Rampenlicht geraten ist“, meint Traue. „Alle wissen jetzt alles von mir.“ Dass er sich dazu hergebe, habe nur einen Grund: „Ich will anderen zeigen, wie schlimm es werden kann, wenn man zum Betrugsopfer wird – damit sie gewarnt sind.“

Mit Medien hat der 56-jährige Urheber seiner Misere weniger Probleme. Als der seit Jahrzehnten bei Polizei und Gerichten bekannte Bernd U. von den Recherchen eines Journalisten für „Die Zeit“ erfuhr, meldete er sich über Facebook bei dem Pressevertreter. „Ich hatte den Eindruck, dass es ihm wirklich darum ging, seine eigene Wahrheit öffentlich zu machen und dass weniger gerichtstaktische Erwägungen im Vordergrund standen“, sagt der Autor Paul J. Hildebrandt auf MT-Nachfrage zu diesem außergewöhnlichen Kontakt. Damals befand sich der von der Polizei Gesuchte gerade einmal wieder auf freiem Fuß. In seinem am 27. Dezember erschienen Bericht bewertet der Journalist die ihm gegenüber abgegebenen Darstellungen als den „Wahrheitsbegriff eines Menschen, der seit mehr als 30 Jahren mit der Lüge lebt“.

So behauptete Bernd U., dass er sich Traues Identität hätte aneignen müssen, um sein eigenes Leben zu schützen. Denn Gefängnisärzte hätten ihn als Krebspatienten nicht angemessen behandeln wollen, so dass er keine andere Wahl gehabt hätte, als sich unter falschem Namen in Gütersloh, Bielefeld, Wuppertal, Remscheid und Düsseldorf als Patient einzuschleichen, um notwendige medizinische Hilfe zu erhalten. Und warum er dabei vom Krankenbett aus Sexhotlines anrief? Lebensversicherungen abschloss? Einen tschechischen Führerschein haben wollte? Kredite beantragte? Schuhe und Bekleidung bestellte? Telefonverträge abschloss? Und Familienpapiere anforderte? Bislang versagte die Justiz bei der Beantwortung dieser Fragen.

Nach seiner Ergreifung im September vergangenen Jahres foppte nämlich Bernd U. eine Wuppertaler Haftrichterin. Sie entließ ihn ungeachtet seines Vorstrafenregisters aus der Untersuchungshaft in Remscheid, weil er ihr glaubhaft machen konnte, dass er sich einer Drogentherapie unterziehen wollte. Dann tauchte er ab und der Prozessauftakt am 15. November vor dem Wuppertaler Schöffengericht war geplatzt. Erst am 20. November vergangenen Jahres – es war der Tag, als das XY-Drehteam Traues Schicksal im Victoria-Hotel aufzeichnete – fing die Polizei den Gesuchten wieder ein. So ist nun ein neuer Gerichtstermin am Freitag, 17. Februar, anberaumt. Die Kriminalpolizei legt dem Tatverdächtigen mehr als 80 Delikte zur Last, die er seit Anfang 2016 begangen haben soll. Darunter Sexualdelikte, Körperverletzung und Betrug. Vor dem Amtsgericht werden davon sechs Betrugsdelikte, darunter nur drei unter Traues Namen, verhandelt, wie die zuständige Staatsanwaltschaft mitteilte.

Ob Traue beim Prozessauftakt in Wuppertal dabei sein wird? „Ich komme nicht“, sagt er. Die Staatsanwaltschaft habe ihm beschieden, dass er als Zeuge nicht gebraucht werde. „Außerdem macht meine Gesundheit diese Fahrerei nicht mit.“ Wie der Tatverdächtige aussehe, wisse er bereits aus den Ermittlungsakten, die ihm sein Anwalt in Kopie übergeben hatte. 600 Seiten in etlichen Ordnern sind es. Um das Material aufzubewahren musste sich Traue einen Rollkoffer kaufen.

Er glaubt nicht, dass er von Bernd U. jemals vor Gericht eine wahre Stellungnahme zu hören bekommt. So hatte der Angeklagte in dem Zeit-Artikel behauptet, ihn in einer Mindener Bar kennengelernt zu haben, wo er an dessen Personaldaten gelangt wäre. „Den Kerl habe ich noch nie gesehen“, empört sich Traue. In Minden gebe es auch schon seit Jahrzehnten keinen Barbetrieb mehr. Der Mindener vermutet, dass die fatale Begegnung vielmehr in der Klinik für Rheumatologie des St. Josef-Stifts Sendenhorst zustande gekommen ist. Dort muss sich der Frührentner als chronisch Kranker in regelmäßigen Zeitabständen stationär behandeln lassen. „Dort hat man mir vor einigen Jahren auch die Karte für das Krankenhaustelefon und den Fernseher im Zimmer gestohlen“, erinnert er sich. Damals sei sogar die Kriminalpolizei eingeschaltet worden. Aber an Bernd U. als Mitpatienten könne er sich beim besten Willen nicht erinnern. Vielleicht aber werde er wenigstens bei der Urteilsverkündung dabei sein. „Ich will wissen, wie hoch die Strafe für den ausfällt, der mir das alles angetan hat.“

Und das ist eine Menge. Da der Name Heinrich Traue im Mindener Land häufig vorkommt, gerieten auch andere gegenüber Inkassounternehmen oder Anwälten in Erklärungsnot, nachdem der Identitätsdieb offene Rechnungen unter der Adresse des 61-Jährigen hinterlassen hatte. „Immer wieder musste ich denen gegenüber erklären, dass ich nicht schuld an der ganzen Angelegenheit bin.“ Das war auch der Grund, aus dem er sich an die Medien gewandt hatte, denn er musste um seinen Ruf kämpfen. Jedes Mal, wenn Gläubiger Rechnungen schickten, führte Traue zig Telefonate und schrieb Briefe, um die Missverständnisse aufzuklären. Trotzdem bleibt er in der Schuldnerdatei Schufa als kreditunwürdige Person gespeichert, die immer noch 5.000 Euro Außenstände verzeichnet. Und erst Anfang vergangener Woche kam eine neue Forderung eines Inkassobüros in Höhe von 166 Euro für eine sechsmonatige Mitgliedschaft bei einem Sex-Dating-Portal, die er im März 2018 eingegangen sein sollte. „Ich bin psychisch vollkommen am Ende“, sagt Traue, der eine vage Hoffnung darauf setzt, dass nach der Verurteilung von Bernd U. auch die Schufa-Einträge gelöscht werden und der Spuk irgendwann vorbei ist.

Dass er sich bei seiner angeschlagenen Gesundheit und der Belastung nicht aufgegeben habe, sagt Traue, verdanke er vor allem der Krankenhausseelsorgerin von Sendenhorst. „Birgit Hollenhorst hat mir sehr geholfen und ist immer für mich da.“ Sie habe ihn betreut und auch bei den Terminen mit den Medien begleitet. „Sonst würde ich das alles nicht durchstehen.“

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MindenEin Betrüger stiehlt einem Mindener die Identität und geht damit an die PresseStefan KochMinden. „Erst in der letzten Woche hat mich eine Frau im Penny-Markt angesprochen“, sagt Heinrich Traue (61), der nur ungern im Licht der Öffentlichkeit zu steht. Vor mehr als drei Jahren begannen Medien mit Berichten darüber, wie ein Betrüger unter seiner Identität eine monströse Serie an Straftaten beging. Die Folgen erreichten den ehemaligen Berufskraftfahrer erstmals im Dezember 2016, als der Tatverdächtige Päckchen mit Herrenschuhen an seine Mindener Adresse dirigierte. Es folgten Rechnungen für ärztliche Behandlungen, Krankenhausaufenthalte, Lebensversicherungen, Waren aller Art und vor allem Dienste von Sex-Hotlines. Lange Zeit blieb der Auftraggeber für die Fahnder der Gütersloher Polizei nur ein Phantom bis er sich im vergangenen Jahr durch eine DNA-Spur verriet und gefasst wurde. Nicht nur das MT, sondern Radio Westfalica und der WDR berichteten mehrfach über den Fall. In der Bildzeitung und dem Wochenblatt „Die Zeit“ standen Artikel darüber. Derzeit bereitet sich Traue auf einen Live-Fernsehauftritt am 26. Februar in der Aktenzeichen-XY-Reihe „Vorsicht Betrug“ in München vor. Nach einem Vorab-Drehtermin in Minden war er dazu am 8. Januar erneut einen ganzen Tag im Wuppertaler Flemings-Hotel, um vor laufender Kamera von seinem Schicksal zu erzählen. „Es ist kein Spaß, wenn man ins Rampenlicht geraten ist“, meint Traue. „Alle wissen jetzt alles von mir.“ Dass er sich dazu hergebe, habe nur einen Grund: „Ich will anderen zeigen, wie schlimm es werden kann, wenn man zum Betrugsopfer wird – damit sie gewarnt sind.“ Mit Medien hat der 56-jährige Urheber seiner Misere weniger Probleme. Als der seit Jahrzehnten bei Polizei und Gerichten bekannte Bernd U. von den Recherchen eines Journalisten für „Die Zeit“ erfuhr, meldete er sich über Facebook bei dem Pressevertreter. „Ich hatte den Eindruck, dass es ihm wirklich darum ging, seine eigene Wahrheit öffentlich zu machen und dass weniger gerichtstaktische Erwägungen im Vordergrund standen“, sagt der Autor Paul J. Hildebrandt auf MT-Nachfrage zu diesem außergewöhnlichen Kontakt. Damals befand sich der von der Polizei Gesuchte gerade einmal wieder auf freiem Fuß. In seinem am 27. Dezember erschienen Bericht bewertet der Journalist die ihm gegenüber abgegebenen Darstellungen als den „Wahrheitsbegriff eines Menschen, der seit mehr als 30 Jahren mit der Lüge lebt“. So behauptete Bernd U., dass er sich Traues Identität hätte aneignen müssen, um sein eigenes Leben zu schützen. Denn Gefängnisärzte hätten ihn als Krebspatienten nicht angemessen behandeln wollen, so dass er keine andere Wahl gehabt hätte, als sich unter falschem Namen in Gütersloh, Bielefeld, Wuppertal, Remscheid und Düsseldorf als Patient einzuschleichen, um notwendige medizinische Hilfe zu erhalten. Und warum er dabei vom Krankenbett aus Sexhotlines anrief? Lebensversicherungen abschloss? Einen tschechischen Führerschein haben wollte? Kredite beantragte? Schuhe und Bekleidung bestellte? Telefonverträge abschloss? Und Familienpapiere anforderte? Bislang versagte die Justiz bei der Beantwortung dieser Fragen. Nach seiner Ergreifung im September vergangenen Jahres foppte nämlich Bernd U. eine Wuppertaler Haftrichterin. Sie entließ ihn ungeachtet seines Vorstrafenregisters aus der Untersuchungshaft in Remscheid, weil er ihr glaubhaft machen konnte, dass er sich einer Drogentherapie unterziehen wollte. Dann tauchte er ab und der Prozessauftakt am 15. November vor dem Wuppertaler Schöffengericht war geplatzt. Erst am 20. November vergangenen Jahres – es war der Tag, als das XY-Drehteam Traues Schicksal im Victoria-Hotel aufzeichnete – fing die Polizei den Gesuchten wieder ein. So ist nun ein neuer Gerichtstermin am Freitag, 17. Februar, anberaumt. Die Kriminalpolizei legt dem Tatverdächtigen mehr als 80 Delikte zur Last, die er seit Anfang 2016 begangen haben soll. Darunter Sexualdelikte, Körperverletzung und Betrug. Vor dem Amtsgericht werden davon sechs Betrugsdelikte, darunter nur drei unter Traues Namen, verhandelt, wie die zuständige Staatsanwaltschaft mitteilte. Ob Traue beim Prozessauftakt in Wuppertal dabei sein wird? „Ich komme nicht“, sagt er. Die Staatsanwaltschaft habe ihm beschieden, dass er als Zeuge nicht gebraucht werde. „Außerdem macht meine Gesundheit diese Fahrerei nicht mit.“ Wie der Tatverdächtige aussehe, wisse er bereits aus den Ermittlungsakten, die ihm sein Anwalt in Kopie übergeben hatte. 600 Seiten in etlichen Ordnern sind es. Um das Material aufzubewahren musste sich Traue einen Rollkoffer kaufen. Er glaubt nicht, dass er von Bernd U. jemals vor Gericht eine wahre Stellungnahme zu hören bekommt. So hatte der Angeklagte in dem Zeit-Artikel behauptet, ihn in einer Mindener Bar kennengelernt zu haben, wo er an dessen Personaldaten gelangt wäre. „Den Kerl habe ich noch nie gesehen“, empört sich Traue. In Minden gebe es auch schon seit Jahrzehnten keinen Barbetrieb mehr. Der Mindener vermutet, dass die fatale Begegnung vielmehr in der Klinik für Rheumatologie des St. Josef-Stifts Sendenhorst zustande gekommen ist. Dort muss sich der Frührentner als chronisch Kranker in regelmäßigen Zeitabständen stationär behandeln lassen. „Dort hat man mir vor einigen Jahren auch die Karte für das Krankenhaustelefon und den Fernseher im Zimmer gestohlen“, erinnert er sich. Damals sei sogar die Kriminalpolizei eingeschaltet worden. Aber an Bernd U. als Mitpatienten könne er sich beim besten Willen nicht erinnern. Vielleicht aber werde er wenigstens bei der Urteilsverkündung dabei sein. „Ich will wissen, wie hoch die Strafe für den ausfällt, der mir das alles angetan hat.“ Und das ist eine Menge. Da der Name Heinrich Traue im Mindener Land häufig vorkommt, gerieten auch andere gegenüber Inkassounternehmen oder Anwälten in Erklärungsnot, nachdem der Identitätsdieb offene Rechnungen unter der Adresse des 61-Jährigen hinterlassen hatte. „Immer wieder musste ich denen gegenüber erklären, dass ich nicht schuld an der ganzen Angelegenheit bin.“ Das war auch der Grund, aus dem er sich an die Medien gewandt hatte, denn er musste um seinen Ruf kämpfen. Jedes Mal, wenn Gläubiger Rechnungen schickten, führte Traue zig Telefonate und schrieb Briefe, um die Missverständnisse aufzuklären. Trotzdem bleibt er in der Schuldnerdatei Schufa als kreditunwürdige Person gespeichert, die immer noch 5.000 Euro Außenstände verzeichnet. Und erst Anfang vergangener Woche kam eine neue Forderung eines Inkassobüros in Höhe von 166 Euro für eine sechsmonatige Mitgliedschaft bei einem Sex-Dating-Portal, die er im März 2018 eingegangen sein sollte. „Ich bin psychisch vollkommen am Ende“, sagt Traue, der eine vage Hoffnung darauf setzt, dass nach der Verurteilung von Bernd U. auch die Schufa-Einträge gelöscht werden und der Spuk irgendwann vorbei ist. Dass er sich bei seiner angeschlagenen Gesundheit und der Belastung nicht aufgegeben habe, sagt Traue, verdanke er vor allem der Krankenhausseelsorgerin von Sendenhorst. „Birgit Hollenhorst hat mir sehr geholfen und ist immer für mich da.“ Sie habe ihn betreut und auch bei den Terminen mit den Medien begleitet. „Sonst würde ich das alles nicht durchstehen.“ Weitere Artikel zum Thema finden sie hier