Minden.

Nach 18 Jahren als Schulleiter geht Michael Paul in den Ruhestand

Henning Wandel

„Beim Freiherrn fühle ich mich immer wohl“: Michael Paul leitet noch bis Ende des Monats die nach dem preußischen Reformer benannte Schule. MT-Foto: Henning Wandel - © Henning Wandel
„Beim Freiherrn fühle ich mich immer wohl“: Michael Paul leitet noch bis Ende des Monats die nach dem preußischen Reformer benannte Schule. MT-Foto: Henning Wandel (© Henning Wandel)

Minden. Die Bilder an den Wänden sind schon verschwunden, auf dem Schreibtisch liegen nur wenige Papiere. Michael Paul überlässt ein aufgeräumtes Büro, wenn er Ende des Monats in den Ruhestand geht. Mehr als 18 Jahre war er dann an der Spitze des Freiherr-vom-Stein-Berufskollegs.

In dieser Zeit haben sich Schulen verändert. Vor allem die Digitalisierung war ein großes Thema. Oder besser: Sie ist es noch immer. „Wir wollten nicht warten, bis alles fertig ist“, sagt er im Gespräch mit dem MT, „wir fangen an.“ Vor allem, weil die Digitalisierung kein Prozess ist, der irgendwann zu Ende ist. Seit 2015 werden die Schüler sukzessive mit Tablets ausgestattet. Inzwischen arbeiten knapp 1.500 Schüler und alle 150 Lehrer digital. Unzählige Gespräche seien dafür notwendig gewesen, so Paul. Die Betriebe mussten für ihre Auszubildenden investieren, bei den Vollzeitschülern die Eltern. Für die Lehrer hat der Kreis Minden-Lübbecke als Schulträger die Geräte beschafft. Und bald soll auch der Anschluss an das schnelle Glasfasernetz kommen.

Kann Michael Paul ausgerechnet jetzt loslassen? „Das müssen sie mich in ein paar Wochen noch einmal fragen.“ Er mache seine Arbeit gerne, sagt der 64-Jährige. Und er hätte auch noch weitermachen können. Aber: „Es ist jetzt der richtige Moment.“ Andere würden den Weg fortsetzen, sagt Paul. „Und das wird sehr gut weitergehen.“ Auch wegen des Kollegiums. Immer wieder lobt er sein Team, auch und besonders bei der Digitalisierung.

Seit Beginn des laufenden Halbjahres steht Michael Paul nicht mehr selbst vor der Klasse, „der Altersbonus“ wie er sagt. In den zurückliegenden Jahren konnten seine Schüler ihn in Sport, Deutsch und Betriebswirtschaft auch als Lehrer erleben, wegen seiner Funktion als Schulleiter allerdings mit einer überschaubaren Stundenzahl. Dabei kam BWL erst später dazu, als sein Weg ihn bereits an die Berufsschule geführt hatte. Es habe ihm gefallen, mit jungen Menschen zu arbeiten, die frisch in den Beruf gingen, sagt er. Aber die Entscheidung fiel auch aus ganz praktischen Gründen: Damals gab es zu viele Lehrer, vor allem in Fächern wie Deutsch und Sport. „Sie müssen sich gar nicht erst bewerben“, habe noch kurz vor der Prüfung jemand zu ihm gesagt. Und doch wurde das Freiherr-vom-Stein zu einer beruflichen Konstante, gleichsam Start wie beruflicher Endpunkt. Hier war Michael Paul Referendar und Lehrer, bevor er 1996 als stellvertretender Leiter an das Friedrich-List-Berufskolleg nach Herford ging. 2001 kam der gebürtige Dankerser zurück.

Das Freiherr-vom-Stein deckt den kaufmännischen Bereich der Minden-Lübbecker Berufsschulen ab. Hier werden angehende Bankkaufleute ebenso unterrichtet wie Groß- und Einzelhandelskaufleute, Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte oder Industriekaufleute. Aber die Berufsschule macht nur etwa die Hälfte des Angebotes aus. Ein typisches Missverständnis, das Michael Paul offensichtlich schon oft aus der Welt räumen musste. Unter dem Dach des FvS gibt es auch noch zwei Handelschulen, ein Wirtschaftsgymnasium und die Fachschule für Wirtschaft. „Wir können den jungen Menschen Wege aufzeigen bis hin zum Studium“, sagt der Schulleiter.

Dabei bringen die Schüler ganz unterschiedlichen Voraussetzungen mit, kommen aus verschiedenen Städten und von unterschiedlichen Schulformen. Das zu begleiten, sei unglaublich spannend, sagt Paul. Es verwundert nicht, wenn er sich vor diesem Hintergrund auch nicht auf die immer wieder aufflammende Debatte um die schulischen Leistungen von Berufsstartern einlässt, die vermeintlich immer schlechter werden. Viele brächten sogar ganz neue Kompetenzen mit, zum Beispiel in der Digitalisierung. Und schließlich liege das Freiherr-vom-Stein mit den Prüfungsergebnissen im Vergleich regelmäßig über dem Durchschnitt.

Michael Paul wünscht sich, dass eher noch mehr in gute Bildung investiert würde: „Gesellschaft ist wie ein Ast mit vielen Zweigen, das sind wir alle“, sagt er. Und wenn die Schulen keine gute Arbeit machen könnten, wovon solle eine Gesellschaft dann leben? Der Satz erscheint ihm im Nachhinein schon fast zu politisch, wie er schnell hinterherschickt. Dabei war er in der Vergangenheit schon zweimal als möglicher Bürgermeisterkandidat in Minden im Gespräch. Doch aus dieser Karriere wurde nichts. Einerseits, weil Michael Paul parteilos ist. Aber auch, weil er von seiner Schule nicht lassen wollte. Und auch im Ruhestand steht eine politische Karriere nicht im Raum. Stattdessen dürfte die Musik wieder wichtiger werden. So hat Paul vor einem Jahr begonnen, eine Musicalgruppe organisatorisch zu unterstützen. Und auch bei anderen Gruppen möchte er sich verstärkt engagieren. Schließlich ist da auch noch der Lions-Club, für den der Pädagoge weiterhin aktiv sein wird.

Auch der Kontakt zur Schule reißt nicht vollständig ab. „Ich werde noch ein paar Jahre als Schulleitungscoach unterwegs sein“, sagt Paul. Nach Pension will sich das alles noch nicht so richtig anhören: „Ich werde die Freizeit ein bisschen ausbauen.“

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Minden.Nach 18 Jahren als Schulleiter geht Michael Paul in den RuhestandHenning WandelMinden. Die Bilder an den Wänden sind schon verschwunden, auf dem Schreibtisch liegen nur wenige Papiere. Michael Paul überlässt ein aufgeräumtes Büro, wenn er Ende des Monats in den Ruhestand geht. Mehr als 18 Jahre war er dann an der Spitze des Freiherr-vom-Stein-Berufskollegs. In dieser Zeit haben sich Schulen verändert. Vor allem die Digitalisierung war ein großes Thema. Oder besser: Sie ist es noch immer. „Wir wollten nicht warten, bis alles fertig ist“, sagt er im Gespräch mit dem MT, „wir fangen an.“ Vor allem, weil die Digitalisierung kein Prozess ist, der irgendwann zu Ende ist. Seit 2015 werden die Schüler sukzessive mit Tablets ausgestattet. Inzwischen arbeiten knapp 1.500 Schüler und alle 150 Lehrer digital. Unzählige Gespräche seien dafür notwendig gewesen, so Paul. Die Betriebe mussten für ihre Auszubildenden investieren, bei den Vollzeitschülern die Eltern. Für die Lehrer hat der Kreis Minden-Lübbecke als Schulträger die Geräte beschafft. Und bald soll auch der Anschluss an das schnelle Glasfasernetz kommen. Kann Michael Paul ausgerechnet jetzt loslassen? „Das müssen sie mich in ein paar Wochen noch einmal fragen.“ Er mache seine Arbeit gerne, sagt der 64-Jährige. Und er hätte auch noch weitermachen können. Aber: „Es ist jetzt der richtige Moment.“ Andere würden den Weg fortsetzen, sagt Paul. „Und das wird sehr gut weitergehen.“ Auch wegen des Kollegiums. Immer wieder lobt er sein Team, auch und besonders bei der Digitalisierung. Seit Beginn des laufenden Halbjahres steht Michael Paul nicht mehr selbst vor der Klasse, „der Altersbonus“ wie er sagt. In den zurückliegenden Jahren konnten seine Schüler ihn in Sport, Deutsch und Betriebswirtschaft auch als Lehrer erleben, wegen seiner Funktion als Schulleiter allerdings mit einer überschaubaren Stundenzahl. Dabei kam BWL erst später dazu, als sein Weg ihn bereits an die Berufsschule geführt hatte. Es habe ihm gefallen, mit jungen Menschen zu arbeiten, die frisch in den Beruf gingen, sagt er. Aber die Entscheidung fiel auch aus ganz praktischen Gründen: Damals gab es zu viele Lehrer, vor allem in Fächern wie Deutsch und Sport. „Sie müssen sich gar nicht erst bewerben“, habe noch kurz vor der Prüfung jemand zu ihm gesagt. Und doch wurde das Freiherr-vom-Stein zu einer beruflichen Konstante, gleichsam Start wie beruflicher Endpunkt. Hier war Michael Paul Referendar und Lehrer, bevor er 1996 als stellvertretender Leiter an das Friedrich-List-Berufskolleg nach Herford ging. 2001 kam der gebürtige Dankerser zurück. Das Freiherr-vom-Stein deckt den kaufmännischen Bereich der Minden-Lübbecker Berufsschulen ab. Hier werden angehende Bankkaufleute ebenso unterrichtet wie Groß- und Einzelhandelskaufleute, Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte oder Industriekaufleute. Aber die Berufsschule macht nur etwa die Hälfte des Angebotes aus. Ein typisches Missverständnis, das Michael Paul offensichtlich schon oft aus der Welt räumen musste. Unter dem Dach des FvS gibt es auch noch zwei Handelschulen, ein Wirtschaftsgymnasium und die Fachschule für Wirtschaft. „Wir können den jungen Menschen Wege aufzeigen bis hin zum Studium“, sagt der Schulleiter. Dabei bringen die Schüler ganz unterschiedlichen Voraussetzungen mit, kommen aus verschiedenen Städten und von unterschiedlichen Schulformen. Das zu begleiten, sei unglaublich spannend, sagt Paul. Es verwundert nicht, wenn er sich vor diesem Hintergrund auch nicht auf die immer wieder aufflammende Debatte um die schulischen Leistungen von Berufsstartern einlässt, die vermeintlich immer schlechter werden. Viele brächten sogar ganz neue Kompetenzen mit, zum Beispiel in der Digitalisierung. Und schließlich liege das Freiherr-vom-Stein mit den Prüfungsergebnissen im Vergleich regelmäßig über dem Durchschnitt. Michael Paul wünscht sich, dass eher noch mehr in gute Bildung investiert würde: „Gesellschaft ist wie ein Ast mit vielen Zweigen, das sind wir alle“, sagt er. Und wenn die Schulen keine gute Arbeit machen könnten, wovon solle eine Gesellschaft dann leben? Der Satz erscheint ihm im Nachhinein schon fast zu politisch, wie er schnell hinterherschickt. Dabei war er in der Vergangenheit schon zweimal als möglicher Bürgermeisterkandidat in Minden im Gespräch. Doch aus dieser Karriere wurde nichts. Einerseits, weil Michael Paul parteilos ist. Aber auch, weil er von seiner Schule nicht lassen wollte. Und auch im Ruhestand steht eine politische Karriere nicht im Raum. Stattdessen dürfte die Musik wieder wichtiger werden. So hat Paul vor einem Jahr begonnen, eine Musicalgruppe organisatorisch zu unterstützen. Und auch bei anderen Gruppen möchte er sich verstärkt engagieren. Schließlich ist da auch noch der Lions-Club, für den der Pädagoge weiterhin aktiv sein wird. Auch der Kontakt zur Schule reißt nicht vollständig ab. „Ich werde noch ein paar Jahre als Schulleitungscoach unterwegs sein“, sagt Paul. Nach Pension will sich das alles noch nicht so richtig anhören: „Ich werde die Freizeit ein bisschen ausbauen.“