Minden

Kraken, Wracks und bunte Fische: Erwin Wieschollek aus Minden hat ein ganz besonderes Hobby

Robert Kauffeld

Mit professioneller Software werden die einzelnen Aufnahmen bearbeitet und zu einem eindrucksvollen Film zusammengefügt. Foto: Robert Kauffeld - © Robert Kauffeld
Mit professioneller Software werden die einzelnen Aufnahmen bearbeitet und zu einem eindrucksvollen Film zusammengefügt. Foto: Robert Kauffeld (© Robert Kauffeld)

Minden. Jahrelang hatte der Mindener Erwin Wieschollek mit seiner Familie einen „ganz normalen Strandurlaub“ gemacht. Doch allein das Nichtstun, unterbrochen vom Baden im Meer, langweilte ihn bald. Als sie in den 80-er-Jahren Urlaub im spanischen Benidorm machten, lernte er den Tauchlehrer Klaus Orlick kennen, der ihn für das Tauchen begeisterte und mit dem ihn eine lange Freundschaft verbinden sollte, bis hin zu späteren gemeinsamen Tauchgängen in Thailand.

Erwin Wieschollek schwärmt von seinen Taucherlebnissen: „Man lernt eine neue Welt kennen, wenn man schwerelos durch das Wasser gleitet. Von der bunten Vielfalt der Fische ist man sofort beeindruckt, doch auch wunderschöne filigrane Federsterne, bunte sich wellenförmig bewegende Nacktschnecken führen zum staunenden Betrachten, und auch Pflanzen, wie die großen fächerartigen Gorgonien fallen ins Auge.“ Und er berichtet von Begegnungen mit großen Zackenbarschen, die sich neugierig näherten, von den pfeilschnellen torpedoförmigen Barrakudas, die wegen ihrer scharfen Zähne mehr zu fürchten sind als ein Leopardenhai, dem er sich „auf Tuchfühlung“ nähern konnte. Seepferdchen, Tintenfische, Muränen, Seeschlangen, Karettschildkröten: Unzählige Wunder der Natur bieten sich dem aufmerksamen Beobachter.

Mindener hält Unterwasserwelt mit der Kamera fest (Plus-Inhalt)

Hatte der Hobbytaucher bisher seine Familie mit der Bauer Super-Acht gefilmt, so stand schnell für ihn fest, dass er auch die Taucherlebnisse mit der Filmkamera festhalten wollte. „Dass ich das mal professionell machen würde, habe ich damals nicht gedacht“, sagt der heute 72-jährige Mindener. Sein Entschluss, mit der EUMIG-Nautica sofort eine professionelle Kamera zu erwerben, mit der man bis zu 40 Meter Wassertiefe tauchen konnte, erwies sich als die richtige Entscheidung, „wenn auch der Preis von 800 DM damals recht beachtlich war“, sagt er und fügt hinzu: „Meine Frau Gisela war da sehr tolerant und hat mich auch später bei meinen Exkursionen unterstützt.“

Sigurd Tesche (links) und Erwin Wieschollek bei Filmaufnahmen in Kanada. Repro: Robert Kauffeld - © Repro Robert Kauffeld
Sigurd Tesche (links) und Erwin Wieschollek bei Filmaufnahmen in Kanada. Repro: Robert Kauffeld (© Repro Robert Kauffeld)

In Benidorm lernte der damals noch Hobbyfilmer den professionellen Filmemacher Sigurd Tesche (gestorben am 12. Januar 2020) kennen, der zahlreiche Naturfilme für das WDR-Fernsehen gedreht hat. Wieschollek konnte ihn über den Standort von Tintenfischen beraten, als dieser einen Film über das Paarungsverhalten der Tintenfische drehen wollte. Tesche muss wohl schnell erkannt haben, dass Erwin Wieschollek bei den Exkursionen ein fähiger Mitarbeiter sein würde, und so wurde er bald als Assistent engagiert, was zu einer langen Freundschaft führte.

Medusen sind aus der Ferne wunderschön. Ihr Körper besteht zu rund 98 Prozent aus Wasser. Unter dem Schirm schweben die langen Tentakel, die Meeresschwimmer wegen ihrer Nesselzellen und dem daraus bei Kontakt abgesonderten giftigen Sekret fürchten. Fotos: Robert Kauffeld - © Robert Kauffeld
Medusen sind aus der Ferne wunderschön. Ihr Körper besteht zu rund 98 Prozent aus Wasser. Unter dem Schirm schweben die langen Tentakel, die Meeresschwimmer wegen ihrer Nesselzellen und dem daraus bei Kontakt abgesonderten giftigen Sekret fürchten. Fotos: Robert Kauffeld (© Robert Kauffeld)

Die erste große gemeinsame Exkursion ging 1985 nach Island. „Ich musste unbezahlten Urlaub nehmen, aber mein Chef bei Melitta war sehr großzügig“, so Wieschollek, der bei der Mindener Firma unter anderem als Maschinenbauer in der Entwicklung tätig war. Geysire wurden gefilmt. Die eigene Kamera setzte er ein, als in den Schlund des Geysirs Strokkur gefilmt wurde. An ein Brett angebunden wurde die Kamera nach unten gelassen. Das war nicht ungefährlich, denn alle drei Minuten schleudert der Geysir 80 Grad heißes Wasser hoch, und nur diese kurze Zeit stand zur Verfügung, bis man sich und die Geräte in Sicherheit bringen musste. Zu Fuß und bei Rundflügen über die Kraterlandschaft entstanden weitere Aufnahmen, bis schließlich dem WDR ein eindrucksvoller Film zur Verfügung gestellt werden konnte.

Eine Reise zum St. Lorenz-Strom, der die Grenze zwischen dem US-Bundesstaat New York und der kanadischen Provinz Ontario bildet, schloss sich an und bot wesentlich schönere Bilder, denn es wurden Finnwale gefilmt. „Wale gesichtet, hieß es früh morgens, und es ging ohne Frühstück los“ berichtet Erwin Wieschollek. „Wir sind mit dem Schlauchboot gefahren, bei starkem Seegang und eiskalten Temperaturen musste die Kamera mit den Händen gehalten werden.“ Und verschmitzt fügt er hinzu: „Ein Schluck aus der Whiskyflasche verschaffte zumindest das Gefühl innerer Wärme.“

Kanada war 1993 auch das Ziel einer weiteren Reise. Es sollte bei Nova Scotia dokumentiert werden, wie sich die Unterwasserwelt Jahre nach der Ölkatastrophe entwickelt hat, die von der Havarie des Tankers Odyssey verursacht wurde. Man hat festgestellt, dass der zerbrochene Rumpf teilweise bewachsen war, dass aber immer noch in vielen Bereichen Schwerölreste an den Metallteilen hafteten.

Als sich im Mittelmeer vor Monaco tropische Algen schnell vermehrten und die Fischbrut zerstörten, wurde hier eine gemeinsame Dokumentation gedreht. Als wenig erfreulich erwies sich auch 1995 eine Reise in die USA, wo bei Cape Cod, einer Halbinsel im Südosten von Massachusetts, tote Buckelwale angeschwemmt wurden. Filmaufnahmen, auch vom Sezieren der Tiere, waren die Aufgabe des Teams.

Als echtes Kontrastprogramm erwiesen sich Filmaufnahmen bei der medizinischen Hochschule in Hannover, wo Sigurd Tesche eine Lebertransplantation filmte und sein Assistent Erwin feststellen musste, dass seine Hilfe für ihn selbst „eine verdammt psychische Belastung“ war.

Tauchen und das Meer waren aber die wirklichen Höhepunkte. Als eine achtteilige Sendereihe mit dem Titel „Mittelmeer 2000“ für den WDR gedreht wurde, begleitete Wieschollek sechs Wochen lang das Team auf der 6.000 Kilometer langen Fahrt der „Minibex“ in alle Bereiche des Mittelmeeres. Mit Unterstützung von namhaften Wissenschaftlern sollte insbesondere dokumentiert werden, wie sich Einleitungen von Abwässern aus Siedlungen und verschmutzten Flüssen, Ölteppiche und andere Belastungen auf die Wasserqualität und die Tier- und Pflanzenwelt auswirken. Auf dem Schiff fuhr auch als Berater der bekannte Zoologe und Meeresforscher Hans Hass mit, der durch seine Dokumentarfilme über Haie und seinen Einsatz für den Umweltschutz bekannt wurde.

An ein Erlebnis erinnert sich Erwin Wieschollek besonders. Als eine Tauchglocke heruntergelassen wurde, sollte dieser Vorgang von außen gefilmt werden. Erwin begleitete den Kameramann. Da der die Kamera bedienen und nicht selbst den mit zunehmender Tiefe einzustellenden Druckausgleich an der Tarierweste einstellen konnte, übernahm das Erwin, vergaß dabei aber, diesen Vorgang bei sich selbst durchzuführen. Als er sich dann nicht mehr am Kameramann festhielt „ging es ab wie Fahrstuhl“ – kein schönes Gefühl bei 1.000 Metern Wassertiefe. Um den Taucher in der gewünschten Wassertiefe zu halten, trägt er einen Bleigurt und, sozusagen zur Feinabstimmung, eine Tarierweste, in die der Taucher die richtige Menge Pressluft einlassen muss. Je tiefer er ist, umso schneller geht es abwärts, wenn dieser Ausgleich nicht stattfindet. „Ich bekam einen gehörigen Schreck, als ich sah, wie über mir das Boot verschwand“, so Wieschollek, „betätigte aber sofort das Ventil, um zusätzlich Luft in die Weste einzublasen, und dann ging es wieder nach oben“.

An Bord der „Minibex“ war auch Wissenschaftsredakteur Alfred Thorwarth, der damals Leiter der Fernsehprogrammgruppe Wissenschaft/Ökologie des WDR war und über die Exkursion einen Bildband „Mittelmeer 2000“ herausgegeben hat. Die eindrucksvollen Fotos stammen von Sigurd Tesche und dessen Tochter Natali.

Bei wissenschaftlichen Aufnahmen im Genfer See lernte Erwin Wieschollek auch den Schweizer Ozeanographen Jacques Piccard kennen, der das U-Boot „F.A Forel“ entwickelt hatte, um die Schweizer Seen zu erforschen. Wieschollek konnte selbst an einer Tauchfahrt teilnehmen.

Der begeisterte Taucher und Filmer kann noch über viele Exkursionen berichten, die er mit seinem Freund Sigurd Tesche unternommen hat. Der Tauchgang zu einem abgeschossenen deutschen Bomber vor Korsika, im Jahr 2008 das Filmen von Bibern in einem deutschen Fluss, das Tauchen unter staatlicher Aufsicht nach Amphoren vor Griechenland, die Fahrt mit dem früheren Ausbildungsschiff der DDR „Störtebeker“ auf der Suche nach Wracks im früheren Sperrgebiet in der Ostsee – das alles sind packende Geschichten eines Mannes, dessen Hobbys sich längst zu professionellem Können entwickelt haben. Als Assistent von Sigurd Tesche und auch mit dem Einsatz seiner eigenen Kamera hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass sehenswerte Naturfilme entstanden.

„Nur zum Vergnügen“ – das gab es immer wieder für ihn – führte ihn auch eine Reise nach Thailand, wo er seinen Tauchlehrer Klaus Orlick traf, der hier eine eigene Tauchschule unterhält. Orlick ist weltweit bekannt für seine Professionalität und Fachkenntnisse aus über 50 Jahren Berufserfahrung. Er hat als Berater bei zahlreichen Filmen über Tauchen und die Unterwasserwelt mitgewirkt. Seine Schiffsausflüge zum „Shark-Point“, wo man mit großer Wahrscheinlichkeit Haie antreffen kann, und seine mehrtägige Fahrten zu den Similan-Inseln in die Andamanensee bieten Tauchern besondere Erlebnisse.

Bei gemeinsamen Tauchgängen zeigte Erwin Wieschollek in Thailand seiner inzwischen verstorbenen Ehefrau die Schönheiten der Unterwasserwelt. Höhepunkt war die Begegnung mit einem etwa zehn Meter langen Walhai, den er – dieser Fisch ist völlig ungefährlich – ans Maul fassen konnte, um sich ein Stück mitziehen zu lassen.

Heute dreht Erwin Wieschollek, „weil es mir immer noch Freunde macht“, Filme aus der hiesigen Region, Filme von der Natur und von geschichtlichen Ereignissen, wie vom Um- und Neubau am Kaiser-Wilhelm-Denkmal. „Hundert Jahre Schachtschleuse“, ein Titel, und 2019 entstand ein Film über das Mindener Freischießen, (bei YouTube unter dem Suchbegriff „Mindener Freischießen 2019 Paradetag“ zu finden). Mit einer professionellen Software und der Kontrolle über zwei Monitore werden alle Filme geschnitten und zu sehenswerten Dokumentationen bearbeitet.

Sigurd Tesche, mit dem Erwin Wieschollek bis zu dessen Tode befreundet war, hat mehr als 600 Filme gedreht, die sich unter anderem mit Haien, Kraken, Seepferdchen und anderen Meerestieren, aber auch mit der hiesigen Unterwasserwelt befassen. So war am 9. April 2019 im WDR-Fernsehen in der Reihe Abenteuer Erde sein Film „Die wilde Wupper“ zu sehen.

Filmen und Tauchen waren Erwin Wiescholleks große Leidenschaft. Er zehrt noch immer von seinen früheren Erlebnissen und bekennt, dass er sich „wie in einer anderen Welt“ fühlt, wenn er am Computer seine Filmaufnahmen betrachtet und sie zu sehenswerten Filmen bearbeitet.

Mit großer Sorge betrachtet er die Verschmutzung der Meere. „Ich habe in der langen Zeit, in der ich mit Sigurd Tesche gefahren bin, mit Entsetzen festgestellt, dass die Verschmutzung der Ozeane rasant zugenommen hat. Wir haben immer mehr beobachten müssen, dass verschmutztes, oftmals veröltes Wasser über die Flüsse von Städten und Dörfern ins Meer eingeleitet wird und dass inzwischen auch immer mehr Plastikmüll das Leben von Pflanzen und Tieren bedroht. Ich bin traurig, wenn ich an die Zerstörung dieser wunderbaren Welt denke.“

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

MindenKraken, Wracks und bunte Fische: Erwin Wieschollek aus Minden hat ein ganz besonderes HobbyRobert KauffeldMinden. Jahrelang hatte der Mindener Erwin Wieschollek mit seiner Familie einen „ganz normalen Strandurlaub“ gemacht. Doch allein das Nichtstun, unterbrochen vom Baden im Meer, langweilte ihn bald. Als sie in den 80-er-Jahren Urlaub im spanischen Benidorm machten, lernte er den Tauchlehrer Klaus Orlick kennen, der ihn für das Tauchen begeisterte und mit dem ihn eine lange Freundschaft verbinden sollte, bis hin zu späteren gemeinsamen Tauchgängen in Thailand. Erwin Wieschollek schwärmt von seinen Taucherlebnissen: „Man lernt eine neue Welt kennen, wenn man schwerelos durch das Wasser gleitet. Von der bunten Vielfalt der Fische ist man sofort beeindruckt, doch auch wunderschöne filigrane Federsterne, bunte sich wellenförmig bewegende Nacktschnecken führen zum staunenden Betrachten, und auch Pflanzen, wie die großen fächerartigen Gorgonien fallen ins Auge.“ Und er berichtet von Begegnungen mit großen Zackenbarschen, die sich neugierig näherten, von den pfeilschnellen torpedoförmigen Barrakudas, die wegen ihrer scharfen Zähne mehr zu fürchten sind als ein Leopardenhai, dem er sich „auf Tuchfühlung“ nähern konnte. Seepferdchen, Tintenfische, Muränen, Seeschlangen, Karettschildkröten: Unzählige Wunder der Natur bieten sich dem aufmerksamen Beobachter. Hatte der Hobbytaucher bisher seine Familie mit der Bauer Super-Acht gefilmt, so stand schnell für ihn fest, dass er auch die Taucherlebnisse mit der Filmkamera festhalten wollte. „Dass ich das mal professionell machen würde, habe ich damals nicht gedacht“, sagt der heute 72-jährige Mindener. Sein Entschluss, mit der EUMIG-Nautica sofort eine professionelle Kamera zu erwerben, mit der man bis zu 40 Meter Wassertiefe tauchen konnte, erwies sich als die richtige Entscheidung, „wenn auch der Preis von 800 DM damals recht beachtlich war“, sagt er und fügt hinzu: „Meine Frau Gisela war da sehr tolerant und hat mich auch später bei meinen Exkursionen unterstützt.“ In Benidorm lernte der damals noch Hobbyfilmer den professionellen Filmemacher Sigurd Tesche (gestorben am 12. Januar 2020) kennen, der zahlreiche Naturfilme für das WDR-Fernsehen gedreht hat. Wieschollek konnte ihn über den Standort von Tintenfischen beraten, als dieser einen Film über das Paarungsverhalten der Tintenfische drehen wollte. Tesche muss wohl schnell erkannt haben, dass Erwin Wieschollek bei den Exkursionen ein fähiger Mitarbeiter sein würde, und so wurde er bald als Assistent engagiert, was zu einer langen Freundschaft führte. Die erste große gemeinsame Exkursion ging 1985 nach Island. „Ich musste unbezahlten Urlaub nehmen, aber mein Chef bei Melitta war sehr großzügig“, so Wieschollek, der bei der Mindener Firma unter anderem als Maschinenbauer in der Entwicklung tätig war. Geysire wurden gefilmt. Die eigene Kamera setzte er ein, als in den Schlund des Geysirs Strokkur gefilmt wurde. An ein Brett angebunden wurde die Kamera nach unten gelassen. Das war nicht ungefährlich, denn alle drei Minuten schleudert der Geysir 80 Grad heißes Wasser hoch, und nur diese kurze Zeit stand zur Verfügung, bis man sich und die Geräte in Sicherheit bringen musste. Zu Fuß und bei Rundflügen über die Kraterlandschaft entstanden weitere Aufnahmen, bis schließlich dem WDR ein eindrucksvoller Film zur Verfügung gestellt werden konnte. Eine Reise zum St. Lorenz-Strom, der die Grenze zwischen dem US-Bundesstaat New York und der kanadischen Provinz Ontario bildet, schloss sich an und bot wesentlich schönere Bilder, denn es wurden Finnwale gefilmt. „Wale gesichtet, hieß es früh morgens, und es ging ohne Frühstück los“ berichtet Erwin Wieschollek. „Wir sind mit dem Schlauchboot gefahren, bei starkem Seegang und eiskalten Temperaturen musste die Kamera mit den Händen gehalten werden.“ Und verschmitzt fügt er hinzu: „Ein Schluck aus der Whiskyflasche verschaffte zumindest das Gefühl innerer Wärme.“ Kanada war 1993 auch das Ziel einer weiteren Reise. Es sollte bei Nova Scotia dokumentiert werden, wie sich die Unterwasserwelt Jahre nach der Ölkatastrophe entwickelt hat, die von der Havarie des Tankers Odyssey verursacht wurde. Man hat festgestellt, dass der zerbrochene Rumpf teilweise bewachsen war, dass aber immer noch in vielen Bereichen Schwerölreste an den Metallteilen hafteten. Als sich im Mittelmeer vor Monaco tropische Algen schnell vermehrten und die Fischbrut zerstörten, wurde hier eine gemeinsame Dokumentation gedreht. Als wenig erfreulich erwies sich auch 1995 eine Reise in die USA, wo bei Cape Cod, einer Halbinsel im Südosten von Massachusetts, tote Buckelwale angeschwemmt wurden. Filmaufnahmen, auch vom Sezieren der Tiere, waren die Aufgabe des Teams. Als echtes Kontrastprogramm erwiesen sich Filmaufnahmen bei der medizinischen Hochschule in Hannover, wo Sigurd Tesche eine Lebertransplantation filmte und sein Assistent Erwin feststellen musste, dass seine Hilfe für ihn selbst „eine verdammt psychische Belastung“ war. Tauchen und das Meer waren aber die wirklichen Höhepunkte. Als eine achtteilige Sendereihe mit dem Titel „Mittelmeer 2000“ für den WDR gedreht wurde, begleitete Wieschollek sechs Wochen lang das Team auf der 6.000 Kilometer langen Fahrt der „Minibex“ in alle Bereiche des Mittelmeeres. Mit Unterstützung von namhaften Wissenschaftlern sollte insbesondere dokumentiert werden, wie sich Einleitungen von Abwässern aus Siedlungen und verschmutzten Flüssen, Ölteppiche und andere Belastungen auf die Wasserqualität und die Tier- und Pflanzenwelt auswirken. Auf dem Schiff fuhr auch als Berater der bekannte Zoologe und Meeresforscher Hans Hass mit, der durch seine Dokumentarfilme über Haie und seinen Einsatz für den Umweltschutz bekannt wurde. An ein Erlebnis erinnert sich Erwin Wieschollek besonders. Als eine Tauchglocke heruntergelassen wurde, sollte dieser Vorgang von außen gefilmt werden. Erwin begleitete den Kameramann. Da der die Kamera bedienen und nicht selbst den mit zunehmender Tiefe einzustellenden Druckausgleich an der Tarierweste einstellen konnte, übernahm das Erwin, vergaß dabei aber, diesen Vorgang bei sich selbst durchzuführen. Als er sich dann nicht mehr am Kameramann festhielt „ging es ab wie Fahrstuhl“ – kein schönes Gefühl bei 1.000 Metern Wassertiefe. Um den Taucher in der gewünschten Wassertiefe zu halten, trägt er einen Bleigurt und, sozusagen zur Feinabstimmung, eine Tarierweste, in die der Taucher die richtige Menge Pressluft einlassen muss. Je tiefer er ist, umso schneller geht es abwärts, wenn dieser Ausgleich nicht stattfindet. „Ich bekam einen gehörigen Schreck, als ich sah, wie über mir das Boot verschwand“, so Wieschollek, „betätigte aber sofort das Ventil, um zusätzlich Luft in die Weste einzublasen, und dann ging es wieder nach oben“. An Bord der „Minibex“ war auch Wissenschaftsredakteur Alfred Thorwarth, der damals Leiter der Fernsehprogrammgruppe Wissenschaft/Ökologie des WDR war und über die Exkursion einen Bildband „Mittelmeer 2000“ herausgegeben hat. Die eindrucksvollen Fotos stammen von Sigurd Tesche und dessen Tochter Natali. Bei wissenschaftlichen Aufnahmen im Genfer See lernte Erwin Wieschollek auch den Schweizer Ozeanographen Jacques Piccard kennen, der das U-Boot „F.A Forel“ entwickelt hatte, um die Schweizer Seen zu erforschen. Wieschollek konnte selbst an einer Tauchfahrt teilnehmen. Der begeisterte Taucher und Filmer kann noch über viele Exkursionen berichten, die er mit seinem Freund Sigurd Tesche unternommen hat. Der Tauchgang zu einem abgeschossenen deutschen Bomber vor Korsika, im Jahr 2008 das Filmen von Bibern in einem deutschen Fluss, das Tauchen unter staatlicher Aufsicht nach Amphoren vor Griechenland, die Fahrt mit dem früheren Ausbildungsschiff der DDR „Störtebeker“ auf der Suche nach Wracks im früheren Sperrgebiet in der Ostsee – das alles sind packende Geschichten eines Mannes, dessen Hobbys sich längst zu professionellem Können entwickelt haben. Als Assistent von Sigurd Tesche und auch mit dem Einsatz seiner eigenen Kamera hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass sehenswerte Naturfilme entstanden. „Nur zum Vergnügen“ – das gab es immer wieder für ihn – führte ihn auch eine Reise nach Thailand, wo er seinen Tauchlehrer Klaus Orlick traf, der hier eine eigene Tauchschule unterhält. Orlick ist weltweit bekannt für seine Professionalität und Fachkenntnisse aus über 50 Jahren Berufserfahrung. Er hat als Berater bei zahlreichen Filmen über Tauchen und die Unterwasserwelt mitgewirkt. Seine Schiffsausflüge zum „Shark-Point“, wo man mit großer Wahrscheinlichkeit Haie antreffen kann, und seine mehrtägige Fahrten zu den Similan-Inseln in die Andamanensee bieten Tauchern besondere Erlebnisse. Bei gemeinsamen Tauchgängen zeigte Erwin Wieschollek in Thailand seiner inzwischen verstorbenen Ehefrau die Schönheiten der Unterwasserwelt. Höhepunkt war die Begegnung mit einem etwa zehn Meter langen Walhai, den er – dieser Fisch ist völlig ungefährlich – ans Maul fassen konnte, um sich ein Stück mitziehen zu lassen. Heute dreht Erwin Wieschollek, „weil es mir immer noch Freunde macht“, Filme aus der hiesigen Region, Filme von der Natur und von geschichtlichen Ereignissen, wie vom Um- und Neubau am Kaiser-Wilhelm-Denkmal. „Hundert Jahre Schachtschleuse“, ein Titel, und 2019 entstand ein Film über das Mindener Freischießen, (bei YouTube unter dem Suchbegriff „Mindener Freischießen 2019 Paradetag“ zu finden). Mit einer professionellen Software und der Kontrolle über zwei Monitore werden alle Filme geschnitten und zu sehenswerten Dokumentationen bearbeitet. Sigurd Tesche, mit dem Erwin Wieschollek bis zu dessen Tode befreundet war, hat mehr als 600 Filme gedreht, die sich unter anderem mit Haien, Kraken, Seepferdchen und anderen Meerestieren, aber auch mit der hiesigen Unterwasserwelt befassen. So war am 9. April 2019 im WDR-Fernsehen in der Reihe Abenteuer Erde sein Film „Die wilde Wupper“ zu sehen. Filmen und Tauchen waren Erwin Wiescholleks große Leidenschaft. Er zehrt noch immer von seinen früheren Erlebnissen und bekennt, dass er sich „wie in einer anderen Welt“ fühlt, wenn er am Computer seine Filmaufnahmen betrachtet und sie zu sehenswerten Filmen bearbeitet. Mit großer Sorge betrachtet er die Verschmutzung der Meere. „Ich habe in der langen Zeit, in der ich mit Sigurd Tesche gefahren bin, mit Entsetzen festgestellt, dass die Verschmutzung der Ozeane rasant zugenommen hat. Wir haben immer mehr beobachten müssen, dass verschmutztes, oftmals veröltes Wasser über die Flüsse von Städten und Dörfern ins Meer eingeleitet wird und dass inzwischen auch immer mehr Plastikmüll das Leben von Pflanzen und Tieren bedroht. Ich bin traurig, wenn ich an die Zerstörung dieser wunderbaren Welt denke.“