Minden

Verstorbener Sultan diente sieben Monate in Minden

Jürgen Langenkämper

Als Offizier 1962 in Minden: Sultan Qabus bin Said von Oman ist nach 50 Jahren im Amt in Maskat gestorben. Foto: Andrew Caballero-Reynolds/dpa - © Andrew Caballero-Reynolds
Als Offizier 1962 in Minden: Sultan Qabus bin Said von Oman ist nach 50 Jahren im Amt in Maskat gestorben. Foto: Andrew Caballero-Reynolds/dpa (© Andrew Caballero-Reynolds)

Minden. Nach fast 50 Jahren auf dem Thron ist Sultan Qabus on Oman am vergangenen Freitag im Alter von 79 Jahren verstorben. Als junger Mann absolvierte der Prinz von Oman einen Teil seiner militärischen Ausbildung bei der britischen Rheinarmee in Deutschland. Sieben Monate war der Sohn des Sultans von der arabischen Halbinsel 1962/63 in Minden stationiert – mit den „Cameronians“, einem schottischen Regiment, das nicht in guter Erinnerung blieb.

Qabus ibn Said, Sohn des Sultans im britischen Protektorat Oman, war 1958 mit 17 Jahren von seinem Vater auf eine Privatschule in England geschickt worden. Zwei Jahre später trat er in die Königliche Militärakademie Sandhurst ein. Nach dem Abschluss im September 1962 kam er zu den „Cameronians“, einem schottischen Regiment, nach Minden.

„Die Schotten“ genossen in jener Zeit nicht den besten Ruf in der Stadt. Auch die Zeitungen berichteten über Auseinandersetzungen, die Wogen schlugen hoch und schwappten über die englische Presse sogar ins britische Parlament. Schließlich schickte das Unterhaus eine Delegation nach Minden.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schrieb seinerzeit von der „zweiten Schlacht von Minden“, das Mindener Tageblatt war in der Ortsangabe präziser und bezeichnete die Prügelei in der „Co-Diele“ – „Co“ vom alten Kino „Colosseum“ – am 8. April 1962 als „die Schlacht in der Hermannstraße“.

Gewalttätige Auseinandersetzungen gab es aber nicht nur bei den meist jungen Soldaten untereinander oder mit der wenig zimperlichen Militärpolizei, sondern auch gegenüber Deutschen. Im Mai schlugen zwei „Cameronians“ in Meißen abends einen Passanten hinterrücks nieder. Dumm für die Täter, dass es sich um einen Polizeibeamten in Zivil auf dem Heimweg handelte. Er verfolgte das Duo bis zu den Elizabeth Barracks, der Gneisenau-Kaserne, und informierte die Wache.

Da hatten bereits Leserbriefe der Ehefrauen britischer Soldaten in englischen Zeitungen, sie seien in Deutschland auf offener Straße bespuckt worden, die Stimmung auf der Insel angeheizt. Die Rheinarmee steuerte gegen und stellte am 12. Juni 1962 fest: „Minden ist nicht antibritisch!“.

Der Besuch einer dreiköpfigen Delegation des Unterhauses im Mindener Rathaus verlief in friedlicher und freundlicher Atmosphäre. Alle Seiten zeigten guten Willen, zur Entspannung des Verhältnisses beizutragen, wovon hernach viele Berichte über Paraden, Blutspenden, Konzerte, sportliche Begegnungen und Tage der offenen Tür in den Kasernen zeugten, um das Bild der als „Giftzwerge“ titulierten Schotten aufzupolieren.

In diese angespannte Atmosphäre kam Prinz Qabus im September 1962 als Second Lieutenant an die Weser. In den folgenden Monaten setzte sich das friedliche Miteinander von Deutschen und Briten im Wesentlichen fort.

Die Eindrücke, die der Offizier in Minden gewann, mögen zu seinem positiven Bild von Deutschland bis an sein Lebensende beigetragen haben. So reiste er auch in späteren Jahren häufiger nach Deutschland. Seit 1974 besaß er ein großes Anwesen in Garmisch-Partenkirchen, wo er eine Moschee unterstützte, aber ebenso evangelische wie katholische Pfarreien. Religiöse Toleranz zeichnete den Alleinherrscher aus.

Seit 1970 regierte Qabus ibn Said als Sultan den Oman an der Südostspitze der arabischen Halbinsel autokratisch, Ein Putsch gegen seinen eigenen Vater, Sultan Said bin Taimur Al Said (1910-1972), der das Land abschotten wollte, hatte ihn am 23. Juli 1970 an die Macht gebracht, nachdem er – wie vom Vater und den Briten erhofft – das Militär seines Landes nach britischem Vorbild modernisiert hatte. Den Vater schickte er ins Exil nach England. Dann machte sich der Sohn daran, das rückständige Land zu modernisieren – mit Erfolg.

Einem UN-Bericht zufolge gilt der Oman als das Land, dessen Bewohner in den zurückliegenden 40 Jahren ihre soziale und wirtschaftliche Lage am meisten verbessern konnten – und das, obwohl sich die Bevölkerung auf mehr vier Millionen Menschen nahezu vervierfachte. Die Lebenserwartung stieg in der Regierungszeit Sultan Qabus’ um fast 50 Prozent von 52 auf 76 Jahre. Der Oman mauserte sich im Laufe der Zeit zu einem beliebten Reiseziel auch westlicher Touristen

In religiöser Hinsicht tolerant, war Sultan Qabus politisch ein absoluter Monarch, Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber in einem. Opposition wurde nicht geduldet. Die Macht ging nun an seinen Cousin Haitham bin Tariq Al Said über. Am Samstag wurde Sultan Qabus in Maskat beigesetzt.

Der Autor ist erreichbar unterTelefon (05 71) 882 168 oder Juergen.Langenkaemper@MT.de

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MindenVerstorbener Sultan diente sieben Monate in MindenJürgen LangenkämperMinden. Nach fast 50 Jahren auf dem Thron ist Sultan Qabus on Oman am vergangenen Freitag im Alter von 79 Jahren verstorben. Als junger Mann absolvierte der Prinz von Oman einen Teil seiner militärischen Ausbildung bei der britischen Rheinarmee in Deutschland. Sieben Monate war der Sohn des Sultans von der arabischen Halbinsel 1962/63 in Minden stationiert – mit den „Cameronians“, einem schottischen Regiment, das nicht in guter Erinnerung blieb. Qabus ibn Said, Sohn des Sultans im britischen Protektorat Oman, war 1958 mit 17 Jahren von seinem Vater auf eine Privatschule in England geschickt worden. Zwei Jahre später trat er in die Königliche Militärakademie Sandhurst ein. Nach dem Abschluss im September 1962 kam er zu den „Cameronians“, einem schottischen Regiment, nach Minden. „Die Schotten“ genossen in jener Zeit nicht den besten Ruf in der Stadt. Auch die Zeitungen berichteten über Auseinandersetzungen, die Wogen schlugen hoch und schwappten über die englische Presse sogar ins britische Parlament. Schließlich schickte das Unterhaus eine Delegation nach Minden. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schrieb seinerzeit von der „zweiten Schlacht von Minden“, das Mindener Tageblatt war in der Ortsangabe präziser und bezeichnete die Prügelei in der „Co-Diele“ – „Co“ vom alten Kino „Colosseum“ – am 8. April 1962 als „die Schlacht in der Hermannstraße“. Gewalttätige Auseinandersetzungen gab es aber nicht nur bei den meist jungen Soldaten untereinander oder mit der wenig zimperlichen Militärpolizei, sondern auch gegenüber Deutschen. Im Mai schlugen zwei „Cameronians“ in Meißen abends einen Passanten hinterrücks nieder. Dumm für die Täter, dass es sich um einen Polizeibeamten in Zivil auf dem Heimweg handelte. Er verfolgte das Duo bis zu den Elizabeth Barracks, der Gneisenau-Kaserne, und informierte die Wache. Da hatten bereits Leserbriefe der Ehefrauen britischer Soldaten in englischen Zeitungen, sie seien in Deutschland auf offener Straße bespuckt worden, die Stimmung auf der Insel angeheizt. Die Rheinarmee steuerte gegen und stellte am 12. Juni 1962 fest: „Minden ist nicht antibritisch!“. Der Besuch einer dreiköpfigen Delegation des Unterhauses im Mindener Rathaus verlief in friedlicher und freundlicher Atmosphäre. Alle Seiten zeigten guten Willen, zur Entspannung des Verhältnisses beizutragen, wovon hernach viele Berichte über Paraden, Blutspenden, Konzerte, sportliche Begegnungen und Tage der offenen Tür in den Kasernen zeugten, um das Bild der als „Giftzwerge“ titulierten Schotten aufzupolieren. In diese angespannte Atmosphäre kam Prinz Qabus im September 1962 als Second Lieutenant an die Weser. In den folgenden Monaten setzte sich das friedliche Miteinander von Deutschen und Briten im Wesentlichen fort. Die Eindrücke, die der Offizier in Minden gewann, mögen zu seinem positiven Bild von Deutschland bis an sein Lebensende beigetragen haben. So reiste er auch in späteren Jahren häufiger nach Deutschland. Seit 1974 besaß er ein großes Anwesen in Garmisch-Partenkirchen, wo er eine Moschee unterstützte, aber ebenso evangelische wie katholische Pfarreien. Religiöse Toleranz zeichnete den Alleinherrscher aus. Seit 1970 regierte Qabus ibn Said als Sultan den Oman an der Südostspitze der arabischen Halbinsel autokratisch, Ein Putsch gegen seinen eigenen Vater, Sultan Said bin Taimur Al Said (1910-1972), der das Land abschotten wollte, hatte ihn am 23. Juli 1970 an die Macht gebracht, nachdem er – wie vom Vater und den Briten erhofft – das Militär seines Landes nach britischem Vorbild modernisiert hatte. Den Vater schickte er ins Exil nach England. Dann machte sich der Sohn daran, das rückständige Land zu modernisieren – mit Erfolg. Einem UN-Bericht zufolge gilt der Oman als das Land, dessen Bewohner in den zurückliegenden 40 Jahren ihre soziale und wirtschaftliche Lage am meisten verbessern konnten – und das, obwohl sich die Bevölkerung auf mehr vier Millionen Menschen nahezu vervierfachte. Die Lebenserwartung stieg in der Regierungszeit Sultan Qabus’ um fast 50 Prozent von 52 auf 76 Jahre. Der Oman mauserte sich im Laufe der Zeit zu einem beliebten Reiseziel auch westlicher Touristen In religiöser Hinsicht tolerant, war Sultan Qabus politisch ein absoluter Monarch, Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber in einem. Opposition wurde nicht geduldet. Die Macht ging nun an seinen Cousin Haitham bin Tariq Al Said über. Am Samstag wurde Sultan Qabus in Maskat beigesetzt. Der Autor ist erreichbar unterTelefon (05 71) 882 168 oder Juergen.Langenkaemper@MT.de