Zeit zum Entschleunigen: Nach 20 Jahren in der Frauenklinik geht Prof. Dr. Ulrich Cirkel in den Ruhestand Anja Peper Minden. Klares Ja zum Rasenmähen:Es ist sinnvoll, es ist meditativ und kann bei Sonne sogar Spaß machen. Also: Gleich den Rasenmäher anwerfen oder bis morgen warten? Allein die Freiheit, sich künftig spontan nach Lust und Laune entscheiden zu können, wird für Prof. Dr. Ulrich Cirkel (67) ein dickes Plus sein im Ruhestand. „Zeit zum Entschleunigen“, hat sein Sohn ihm nahe gelegt. Anfang Januar hat Cirkel die Leitung der Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an Prof. Dr. Philipp Soergel (40) abgegeben. 20 Jahre lang war die Frauenheilkunde eng mit dem Namen Cirkel verbunden. Vermutlich hat in Minden niemand mehr Babys willkommen geheißen als er. Darum kennt auch gefühlt die halbe Stadt seinen Namen – wenn auch nicht unbedingt die korrekte Schreibweise. Darum noch einmal fürs Protokoll: „Wie der Zirkel, aber vorne mit C.“ Auch seine Ehefrau Andrea, ebenfalls Frauenärztin (Praxis in Dankersen), hat den Satz schon oft abgespult. Sie wird noch einige Jahre praktizieren und auch er hängt den Beruf noch nicht ganz an den Nagel. Er wird weiter als Gutachter tätig sein. Außerdem würde er gerne noch Vorlesungen für die Bochumer Studenten halten, die Ausbildung macht ihm sichtlich Spaß. „Aber aus der täglichen Routine bin ich raus.“ Im Mai 1999 kam er als neuer Chefarzt an die Mindener Frauenklinik, damals noch an der Portastraße. 2005 etablierte er in Minden das Brustzentrum, eines der ersten in NRW. Im März 2008 wurde das neue Johannes Wesling Klinikum offiziell eröffnet. Das Brustzentrum sei eine Bestandsgarantie für die Klinik, so Cirkel. Im Jahr 2020 stellt sich die Frage: Wäre es bei der Nachfolge nicht an der Zeit gewesen für eine Frau an der Spitze? Gerade für die Fachgebiete Frauenheilkunde und Geburtshilfe scheint der Gedanke an eine Chefärztin naheliegend. Immer mehr junge Frauen studieren Medizin. Auf diesen Trend hat Ulrich Cirkel schon vor zehn Jahren bei einer Tagung im Preußen-Museum deutlich hingewiesen. Auf Kinder wollen sie jedoch nicht verzichten. An den Konflikten von damals hat sich nicht viel geändert. Beruf und Kinder unter einen Hut zu kriegen, ist immer noch nicht so leicht. Chefarzt sein heißt: Dauereinsatz zwischen Station, OP, Ambulanz, Büro und Kreißsaal. Etwa 1.900 Kinder pro Jahr erblicken im JWK das Licht der Welt. Hinzu kommen Krebserkrankungen wie der häufige Brustkrebs. Mehr als 70.000 Mal im Jahr stellen Ärzte die Diagnose Mammakarzinom. Wenn es einen Notfall gab, ist Cirkel auch nachts in die Klinik gefahren: Zum Beispiel, wenn ein Kind im Geburtskanal stecken blieb. Babys mit breiten Schultern können im Becken der Mutter steckenbleiben. Das Köpfchen ist dann oft schon geboren. In solchen Fällen war Cirkel zur Stelle. „An den Wochenenden haben meine Kinder nicht viel von mir gehabt.“ Über zwei Jahrzehnte hat sich im Medizinbetrieb viel verändert, unter anderem die Abrechnung stationärer Krankenhausleistungen. Die so genannten DRG-Pauschalen haben dazu geführt, dass Kaiserschnitte lukrativer sind als natürliche Geburten. Eine Entwicklung, die nicht nur der Deutsche Hebammenverband kritisch sieht. Natürlich geborene Kinder leiden seltener an Infekten und Allergien. Auch er selber sei nie ein Freund der Operation ohne Not gewesen, sagt Cirkel. „Wunsch-Kaiserschnitte hat es bei mir nicht gegeben.“ Nicht immer sei er mit dieser Linie auf Verständnis gestoßen, sondern im Berufsalltag durchaus auch mal angeeckt. Die Medizin befindet sich im Umbruch. Eine Folge davon könnte sein, dass künftig Frauen nach der Geburt früher zurück in die eigenen vier Wände kommen. Bei der ersten Geburt verbringen die meisten Mütter die ersten drei Tage stationär in der Klinik. „Die Aufgabe könnte aber auch eine qualifizierte Familienhebamme übernehmen“, meint Cirkel. Insgesamt würde er sich wünschen, dass die „sprechende Medizin“ mehr honoriert würde. Ein Beispiel, worüber er sich oft geärgert hat: „Da wurde einer Patientin schon Blut abgenommen und eine Computertomographie gemacht, bevor überhaupt mit ihr gesprochen wurde.“ Er würde sich wieder mehr ganzheitliche Medizin wünschen: Der Mensch im Mittelpunkt. Als Chefarzt war Dr. Ulrich Cirkel an diversen Forschungsprojekten beteiligt, hat Vorträge nicht nur in Europa gehalten, sondern auch in Nordamerika und Asien. Von daher hat er schon viel von der Welt gesehen. Zwei Traumziele für den Ruhestand hat der 67-Jährige dennoch im Hinterkopf: Zum einen den Pazifik, zum anderen Hurtigruten, die traditionelle norwegische Postschifflinie. Ansonsten: Rasenmähen, mehr Sport – und versuchen, den Hund zu erziehen. Labrador Barney ist noch ziemlich jung und ungestüm: „Und bisher hört er auf mich am allerwenigsten.“

Zeit zum Entschleunigen: Nach 20 Jahren in der Frauenklinik geht Prof. Dr. Ulrich Cirkel in den Ruhestand

MT- © Foto: Anja Peper

Minden. Klares Ja zum Rasenmähen:Es ist sinnvoll, es ist meditativ und kann bei Sonne sogar Spaß machen. Also: Gleich den Rasenmäher anwerfen oder bis morgen warten? Allein die Freiheit, sich künftig spontan nach Lust und Laune entscheiden zu können, wird für Prof. Dr. Ulrich Cirkel (67) ein dickes Plus sein im Ruhestand. „Zeit zum Entschleunigen“, hat sein Sohn ihm nahe gelegt. Anfang Januar hat Cirkel die Leitung der Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an Prof. Dr. Philipp Soergel (40) abgegeben.

20 Jahre lang war die Frauenheilkunde eng mit dem Namen Cirkel verbunden. Vermutlich hat in Minden niemand mehr Babys willkommen geheißen als er. Darum kennt auch gefühlt die halbe Stadt seinen Namen – wenn auch nicht unbedingt die korrekte Schreibweise. Darum noch einmal fürs Protokoll: „Wie der Zirkel, aber vorne mit C.“ Auch seine Ehefrau Andrea, ebenfalls Frauenärztin (Praxis in Dankersen), hat den Satz schon oft abgespult. Sie wird noch einige Jahre praktizieren und auch er hängt den Beruf noch nicht ganz an den Nagel. Er wird weiter als Gutachter tätig sein. Außerdem würde er gerne noch Vorlesungen für die Bochumer Studenten halten, die Ausbildung macht ihm sichtlich Spaß. „Aber aus der täglichen Routine bin ich raus.“

Im Mai 1999 kam er als neuer Chefarzt an die Mindener Frauenklinik, damals noch an der Portastraße. 2005 etablierte er in Minden das Brustzentrum, eines der ersten in NRW. Im März 2008 wurde das neue Johannes Wesling Klinikum offiziell eröffnet. Das Brustzentrum sei eine Bestandsgarantie für die Klinik, so Cirkel. Im Jahr 2020 stellt sich die Frage: Wäre es bei der Nachfolge nicht an der Zeit gewesen für eine Frau an der Spitze? Gerade für die Fachgebiete Frauenheilkunde und Geburtshilfe scheint der Gedanke an eine Chefärztin naheliegend. Immer mehr junge Frauen studieren Medizin. Auf diesen Trend hat Ulrich Cirkel schon vor zehn Jahren bei einer Tagung im Preußen-Museum deutlich hingewiesen. Auf Kinder wollen sie jedoch nicht verzichten. An den Konflikten von damals hat sich nicht viel geändert. Beruf und Kinder unter einen Hut zu kriegen, ist immer noch nicht so leicht. Chefarzt sein heißt: Dauereinsatz zwischen Station, OP, Ambulanz, Büro und Kreißsaal. Etwa 1.900 Kinder pro Jahr erblicken im JWK das Licht der Welt. Hinzu kommen Krebserkrankungen wie der häufige Brustkrebs. Mehr als 70.000 Mal im Jahr stellen Ärzte die Diagnose Mammakarzinom. Wenn es einen Notfall gab, ist Cirkel auch nachts in die Klinik gefahren: Zum Beispiel, wenn ein Kind im Geburtskanal stecken blieb. Babys mit breiten Schultern können im Becken der Mutter steckenbleiben. Das Köpfchen ist dann oft schon geboren. In solchen Fällen war Cirkel zur Stelle. „An den Wochenenden haben meine Kinder nicht viel von mir gehabt.“

Über zwei Jahrzehnte hat sich im Medizinbetrieb viel verändert, unter anderem die Abrechnung stationärer Krankenhausleistungen. Die so genannten DRG-Pauschalen haben dazu geführt, dass Kaiserschnitte lukrativer sind als natürliche Geburten. Eine Entwicklung, die nicht nur der Deutsche Hebammenverband kritisch sieht. Natürlich geborene Kinder leiden seltener an Infekten und Allergien. Auch er selber sei nie ein Freund der Operation ohne Not gewesen, sagt Cirkel. „Wunsch-Kaiserschnitte hat es bei mir nicht gegeben.“ Nicht immer sei er mit dieser Linie auf Verständnis gestoßen, sondern im Berufsalltag durchaus auch mal angeeckt.

Die Medizin befindet sich im Umbruch. Eine Folge davon könnte sein, dass künftig Frauen nach der Geburt früher zurück in die eigenen vier Wände kommen. Bei der ersten Geburt verbringen die meisten Mütter die ersten drei Tage stationär in der Klinik. „Die Aufgabe könnte aber auch eine qualifizierte Familienhebamme übernehmen“, meint Cirkel.

Insgesamt würde er sich wünschen, dass die „sprechende Medizin“ mehr honoriert würde. Ein Beispiel, worüber er sich oft geärgert hat: „Da wurde einer Patientin schon Blut abgenommen und eine Computertomographie gemacht, bevor überhaupt mit ihr gesprochen wurde.“ Er würde sich wieder mehr ganzheitliche Medizin wünschen: Der Mensch im Mittelpunkt.

Als Chefarzt war Dr. Ulrich Cirkel an diversen Forschungsprojekten beteiligt, hat Vorträge nicht nur in Europa gehalten, sondern auch in Nordamerika und Asien. Von daher hat er schon viel von der Welt gesehen. Zwei Traumziele für den Ruhestand hat der 67-Jährige dennoch im Hinterkopf: Zum einen den Pazifik, zum anderen Hurtigruten, die traditionelle norwegische Postschifflinie. Ansonsten: Rasenmähen, mehr Sport – und versuchen, den Hund zu erziehen. Labrador Barney ist noch ziemlich jung und ungestüm: „Und bisher hört er auf mich am allerwenigsten.“

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