Minden.

Das mysteriöse Päckchen: MT-Redakteur erhält Amazon-Sendung, die er nicht bestellt hat

Sebastian Radermacher

Dieses Amazon-Päckchen samt USB-Stick fand MT-Redakteur Thomas Lieske in seinem Briefkasten – bestellt hatte er es nicht. MT- - © Foto: Radermacher
Dieses Amazon-Päckchen samt USB-Stick fand MT-Redakteur Thomas Lieske in seinem Briefkasten – bestellt hatte er es nicht. MT- (© Foto: Radermacher)

Minden. Zwei Fragen hat er sich in den vergangenen Tagen oft gestellt: „Wer hat mir dieses Päckchen geschickt? Und warum?“ MT-Redakteur Thomas Lieske bezieht sich auf eine Sendung, die vor wenigen Tagen plötzlich im Briefkasten lag. Ein Paket des Logistik-Riesen Amazon, adressiert an ihn, mit einer langen Sendungsverfolgungsnummer. Allerdings ohne Hinweis auf den Absender, ohne Rechnung oder Lieferschein, ohne irgendeine Information über den Zusteller. In dem Päckchen befindet sich ein originalverpackter USB-Stick, 32 Gigabyte Speicherplatz, made in China. Mysteriös.

In Auftrag gegeben habe er diese Bestellung definitiv nicht, versichert der 27-Jährige. „Ich habe schon seit längerer Zeit nichts mehr über Amazon bestellt. Ich kann mir nicht erklären, wie das Päckchen zu mir gelangt ist.“ Viele weitere Fragen sind ungeklärt: Hat etwa ein Hacker sein Amazon-Konto geknackt? Woher kannte der Absender seine Adresse? Und was befindet sich auf dem USB-Stick?

Was mittlerweile fest steht: Das Kundenkonto des Mindeners ist sicher, einen Zugriff durch Fremde hat es nicht gegeben. Das bestätigt auch Amazon auf MT-Anfrage. Der Name des Zustellers bleibt aber unbekannt. Die Recherche der MT-Redaktion hat ergeben: Weder bei Dienstleistern wie DHL, Hermes oder DPD, noch beim regionalen Unternehmen Citipost führt die Sendungsnummer des Päckchens zu einem Treffer in der Datenbank.

Auf der Suche nach Antworten hört sich Lieske auch in seiner Nachbarschaft um. Haben die anderen Bewohner des Mehrfamilienhauses eventuell das gleiche Päckchen oder eine ähnliche Lieferung bekommen? Haben sie gesehen, wie ein Zusteller das Paket in den Briefkasten gesteckt hat? Fehlanzeige. Niemand hat etwas gesehen, und er ist der einzige Empfänger.

Trotzdem ist sein Fall längst keine Ausnahme. Das bestätigt die Verbraucherzentrale NRW gegenüber dem MT. „Es ist ein bekanntes Problem, das immer wieder vorkommt“, sagt Sprecher Georg Tryba. Auch wenn ihm zurzeit keine vergleichbaren Fälle aus Minden und Umgebung bekannt sind, so weiß er, dass im Internet mittlerweile diverse Amazon-Kunden den Inhalt aus unverlangten Paketen präsentierten, die mitunter bis zu sechsmal innerhalb einer Woche eingetrudelt seien. „Das Arsenal umfasst Handy-Hülle und iPhone-Kabel, Mausefalle und Sexspielzeug oder auch Fernglas und Überwachungskamera.“ Die Verbraucherzentrale berichtete darüber bereits im vergangenen Jahr – das Thema ist aber nach wie vor aktuell, wie Tryba betont.

Der Versuch, die Hintergründe des Paket-Mysteriums aufzuklären, sei bislang gescheitert. Was lediglich klar sei: „Die Pakete kommen nicht von Amazon selbst, sondern über den separaten Marketplace, auf dem sich tausende Händler tummeln“, erklärt der Sprecher. Eine seiner Vermutungen: Händler aus Fernost eröffnen einen Zweit-Account bei Amazon unter den Namen der Adressaten. Darüber wickeln sie den Verkauf von Artikeln ab. Ihr Vorteil: Die Produkte stiegen so im angezeigten Verkaufs-Ranking von Amazon. Und obendrein seien positive Bewertungen des Artikels oder Shops möglich. Eine zweite Vermutung: „Händler leeren angeblich so kostengünstig ihr gemietetes Lager bei Amazon. Statt Unverkauftes teuer wieder gen China zu verschiffen, schicken sie es einfach an willkürlich ausgewählte Adressen in Deutschland“, berichtet Tryba. Diese Maschen mögen auf Billigartikel passen, doch es gibt einen Haken: Es gebe nämlich auch Betroffene, die plötzlich ein mehrere Hundert Euro teures Smartphone zugeschickt bekamen.

Amazon selbst spreche von „betrügerischen Methoden“ und Richtlinien-Verstößen. „Wir gehen jedem Hinweis von Kunden nach, die unaufgefordert ein Paket erhalten haben, da dies gegen unsere Richtlinien verstößt“, unterstreicht ein Sprecher gegenüber dem MT. Er versichert: „Verkäufer haben in solchen Fällen weder Namen noch Adressen von Amazon erhalten. Verkäufer, die gegen unsere Richtlinien verstoßen, werden gesperrt, die Zahlungen werden zurückgehalten und wir leiten entsprechende rechtliche Schritte ein.“

Solche Strafen drohen den Empfängern solcher mysteriösen Pakete ausdrücklich nicht, stellt der Sprecher der Verbraucherzentrale klar. Rechtlich hätten sie nichts zu befürchten. „Juristisch gilt: Wer unverlangt Pakete von Händlern erhält, muss sie nicht aufbewahren.“ Nutzen , verschenken, entsorgen – diese Möglichkeiten habe man in solchen Fällen. Es sei nicht mal die Pflicht, den Absender zu kontaktieren, falls ein Herkunftsnachweis im Paket stecken sollte. „Auch eine beiliegende Rechnung muss selbstverständlich nicht bezahlt werden.“ Den einzigen Wermutstropfen möge ein Betroffener verschmerzen können: Auf so unverhofft ins Haus geflatterte Produkte verweigere Amazon die zweijährige Gewährleistung.

Zurück zum mysteriösen Mindener USB-Stick. Wurde auf ihm womöglich ein Virus oder Trojaner versteckt? Dann wäre der Computer des MT-Redakteurs womöglich durch das Einstecken des Sticks bereits infiziert. Es könnte aber auch eine Spionagesoftware durch Anklicken einer Datei geöffnet werden. Also einfach einstecken und abwarten? Dieses Risiko will Thomas Lieske nicht eingehen. Ein älterer, ausrangierter Rechner aus der Redaktion hält als Testgerät her. Ohne Verbindung zum Internet, ohne persönliche Programme oder hinterlegte Konten. Das Ergebnis ist unspektakulär: Auf dem USB-Stick befindet sich nichts. Keine Datei, keine Fotos, kein Video. Und was macht er nun mit diesem „Geschenk“? „Dafür finde ich auf jeden Fall eine Verwendung“, sagt Lieske.

Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 201 oder Sebastian.Radermacher@MT.de

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Minden.Das mysteriöse Päckchen: MT-Redakteur erhält Amazon-Sendung, die er nicht bestellt hatSebastian RadermacherMinden. Zwei Fragen hat er sich in den vergangenen Tagen oft gestellt: „Wer hat mir dieses Päckchen geschickt? Und warum?“ MT-Redakteur Thomas Lieske bezieht sich auf eine Sendung, die vor wenigen Tagen plötzlich im Briefkasten lag. Ein Paket des Logistik-Riesen Amazon, adressiert an ihn, mit einer langen Sendungsverfolgungsnummer. Allerdings ohne Hinweis auf den Absender, ohne Rechnung oder Lieferschein, ohne irgendeine Information über den Zusteller. In dem Päckchen befindet sich ein originalverpackter USB-Stick, 32 Gigabyte Speicherplatz, made in China. Mysteriös. In Auftrag gegeben habe er diese Bestellung definitiv nicht, versichert der 27-Jährige. „Ich habe schon seit längerer Zeit nichts mehr über Amazon bestellt. Ich kann mir nicht erklären, wie das Päckchen zu mir gelangt ist.“ Viele weitere Fragen sind ungeklärt: Hat etwa ein Hacker sein Amazon-Konto geknackt? Woher kannte der Absender seine Adresse? Und was befindet sich auf dem USB-Stick? Was mittlerweile fest steht: Das Kundenkonto des Mindeners ist sicher, einen Zugriff durch Fremde hat es nicht gegeben. Das bestätigt auch Amazon auf MT-Anfrage. Der Name des Zustellers bleibt aber unbekannt. Die Recherche der MT-Redaktion hat ergeben: Weder bei Dienstleistern wie DHL, Hermes oder DPD, noch beim regionalen Unternehmen Citipost führt die Sendungsnummer des Päckchens zu einem Treffer in der Datenbank. Auf der Suche nach Antworten hört sich Lieske auch in seiner Nachbarschaft um. Haben die anderen Bewohner des Mehrfamilienhauses eventuell das gleiche Päckchen oder eine ähnliche Lieferung bekommen? Haben sie gesehen, wie ein Zusteller das Paket in den Briefkasten gesteckt hat? Fehlanzeige. Niemand hat etwas gesehen, und er ist der einzige Empfänger. Trotzdem ist sein Fall längst keine Ausnahme. Das bestätigt die Verbraucherzentrale NRW gegenüber dem MT. „Es ist ein bekanntes Problem, das immer wieder vorkommt“, sagt Sprecher Georg Tryba. Auch wenn ihm zurzeit keine vergleichbaren Fälle aus Minden und Umgebung bekannt sind, so weiß er, dass im Internet mittlerweile diverse Amazon-Kunden den Inhalt aus unverlangten Paketen präsentierten, die mitunter bis zu sechsmal innerhalb einer Woche eingetrudelt seien. „Das Arsenal umfasst Handy-Hülle und iPhone-Kabel, Mausefalle und Sexspielzeug oder auch Fernglas und Überwachungskamera.“ Die Verbraucherzentrale berichtete darüber bereits im vergangenen Jahr – das Thema ist aber nach wie vor aktuell, wie Tryba betont. Der Versuch, die Hintergründe des Paket-Mysteriums aufzuklären, sei bislang gescheitert. Was lediglich klar sei: „Die Pakete kommen nicht von Amazon selbst, sondern über den separaten Marketplace, auf dem sich tausende Händler tummeln“, erklärt der Sprecher. Eine seiner Vermutungen: Händler aus Fernost eröffnen einen Zweit-Account bei Amazon unter den Namen der Adressaten. Darüber wickeln sie den Verkauf von Artikeln ab. Ihr Vorteil: Die Produkte stiegen so im angezeigten Verkaufs-Ranking von Amazon. Und obendrein seien positive Bewertungen des Artikels oder Shops möglich. Eine zweite Vermutung: „Händler leeren angeblich so kostengünstig ihr gemietetes Lager bei Amazon. Statt Unverkauftes teuer wieder gen China zu verschiffen, schicken sie es einfach an willkürlich ausgewählte Adressen in Deutschland“, berichtet Tryba. Diese Maschen mögen auf Billigartikel passen, doch es gibt einen Haken: Es gebe nämlich auch Betroffene, die plötzlich ein mehrere Hundert Euro teures Smartphone zugeschickt bekamen. Amazon selbst spreche von „betrügerischen Methoden“ und Richtlinien-Verstößen. „Wir gehen jedem Hinweis von Kunden nach, die unaufgefordert ein Paket erhalten haben, da dies gegen unsere Richtlinien verstößt“, unterstreicht ein Sprecher gegenüber dem MT. Er versichert: „Verkäufer haben in solchen Fällen weder Namen noch Adressen von Amazon erhalten. Verkäufer, die gegen unsere Richtlinien verstoßen, werden gesperrt, die Zahlungen werden zurückgehalten und wir leiten entsprechende rechtliche Schritte ein.“ Solche Strafen drohen den Empfängern solcher mysteriösen Pakete ausdrücklich nicht, stellt der Sprecher der Verbraucherzentrale klar. Rechtlich hätten sie nichts zu befürchten. „Juristisch gilt: Wer unverlangt Pakete von Händlern erhält, muss sie nicht aufbewahren.“ Nutzen , verschenken, entsorgen – diese Möglichkeiten habe man in solchen Fällen. Es sei nicht mal die Pflicht, den Absender zu kontaktieren, falls ein Herkunftsnachweis im Paket stecken sollte. „Auch eine beiliegende Rechnung muss selbstverständlich nicht bezahlt werden.“ Den einzigen Wermutstropfen möge ein Betroffener verschmerzen können: Auf so unverhofft ins Haus geflatterte Produkte verweigere Amazon die zweijährige Gewährleistung. Zurück zum mysteriösen Mindener USB-Stick. Wurde auf ihm womöglich ein Virus oder Trojaner versteckt? Dann wäre der Computer des MT-Redakteurs womöglich durch das Einstecken des Sticks bereits infiziert. Es könnte aber auch eine Spionagesoftware durch Anklicken einer Datei geöffnet werden. Also einfach einstecken und abwarten? Dieses Risiko will Thomas Lieske nicht eingehen. Ein älterer, ausrangierter Rechner aus der Redaktion hält als Testgerät her. Ohne Verbindung zum Internet, ohne persönliche Programme oder hinterlegte Konten. Das Ergebnis ist unspektakulär: Auf dem USB-Stick befindet sich nichts. Keine Datei, keine Fotos, kein Video. Und was macht er nun mit diesem „Geschenk“? „Dafür finde ich auf jeden Fall eine Verwendung“, sagt Lieske. Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 201 oder Sebastian.Radermacher@MT.de