Minden

Die Rockstars der Oper: "The Cast" zündet ein Feuerwerk an Ideen

Wolfgang Krems

Fernab jeder steifen Etikette haben die Sängerinnen und Sänger ein Programm kreiert, das die Klassiker der Oper so zeigt, wie sie einmal waren: Aufregend, sinnlich und zeitgemäß. - © Foto: Wolfgang Krems
Fernab jeder steifen Etikette haben die Sängerinnen und Sänger ein Programm kreiert, das die Klassiker der Oper so zeigt, wie sie einmal waren: Aufregend, sinnlich und zeitgemäß. (© Foto: Wolfgang Krems)

Minden. Hochklassige Musik und ein Feuerwerk an Ideen: Das bot „The Cast“ am Donnerstag im Stadttheater. Opern als Unterhaltung – das war zu ihren Entstehungszeiten eine Selbstverständlichkeit. Heute sind sie „Kultur“ und werden immer wieder auf einen (manchmal zu hohen) Sockel gehoben oder aber durch übertriebene Regie auf einen für Unkundige unverständlichen Meta-Level gehievt. Ganz anders bei den sechs internationalen Sängerinnen und Sängern.

Schon die Programmgestaltung war angenehm anders. Kommt meist im zweiten Konzertteil die „leichtere“ Muse zur Geltung, bot sie hier Raum für Besinnliches, Nachdenkliches. Die durch Maria Callas so berühmt gewordene Arie „La mamma morta“ aus „André Chenier“ wurde ergreifend – und frei von jedweder Albernheit – von Bryn Vertese interpretiert; auch Schumanns „Die alten, bösen Lieder“ aus der „Dichterliebe“ erfuhr eine bewegende Wiedergabe. Selbst die inzwischen etwas angestrengt klingende Stimme von Till Bleckwedel konnte dem nichts anhaben.

Ungewöhnlich auch die augenscheinlich wunderbar kollegiale Stimmung innerhalb der Gruppe, die dem jeweils anderen den Erfolg in keiner Weise zu neiden scheint. Auch der vorzügliche Pianist Yu Chen, der einfühlsam begleitete, bekam einen Soloauftritt, den er für fulminante Variationen über Mozarts „Türkischen Marsch“ aus der bekannten A-Dur-Sonate nutzte.

Die „Band“ (die keine ist, sondern ein Gesangsensemble, aber das nur am Rande) nutzte Show-Elemente, die jedoch niemals „nur“ Klamauk waren sondern stets inhaltlich motiviert. Natürlich endet das Liebesduett zwischen Don Giovanni und Zerline nicht wie an diesem Abend – dass sich zwei konkurrierende Don Giovannis am Ende als schwules Paar finden und Zerline leer ausgeht -, aber inhaltlich steht auch dieses witzige Ende grundsätzlich nicht im Gegensetz zum Original. „Cleopatras“ (ebenfalls vorzüglich: Carrieanne Winter) Liegestütz wiederum verdeutlichen einerseits ihre Macht und Stärke, die in Händels Arie beschworen wird, und zeigen andererseits die Anforderungen, denen Sänger inzwischen gerecht werden müssen. Ein anderer „Show“-Anteil bestand daraus, dass allgemeinverständliche und humorvolle Informationen zu den dargebotenen Stücken eingeflochten wurden. So sprach Anne Byrne von „zu vielen Noten“ in ihrer Rossini-Arie aus dem „Barbier“, und dass sie sich auf die „Cabaletta“ – also den schnellen Schlussteil – freute.

Der Hörer war also auf die schier endlosen – und bravourös gemeisterten – Koloraturen gefasst und wusste am Ende, was „Cabaletta“ bedeutet.

Doch die Solisten konnten nicht nur durch facettenreichen Gesang überzeugen, sondern auch durch ihre kraftvollen Stimmen, die das vergleichsweise kleine Stadttheater mühelos füllten (gleich zu Beginn grandios: Rolandos „kleiner Bruder“ Guillermo Valdés). Müßig, alle anderen Namen ebenfalls aufzuführen; das Ensemble wirkt – trotz aller individueller Unterschiede und Stärken – wie aus einem Guss, und alle sind einander ebenbürtig.

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MindenDie Rockstars der Oper: "The Cast" zündet ein Feuerwerk an IdeenWolfgang KremsMinden. Hochklassige Musik und ein Feuerwerk an Ideen: Das bot „The Cast“ am Donnerstag im Stadttheater. Opern als Unterhaltung – das war zu ihren Entstehungszeiten eine Selbstverständlichkeit. Heute sind sie „Kultur“ und werden immer wieder auf einen (manchmal zu hohen) Sockel gehoben oder aber durch übertriebene Regie auf einen für Unkundige unverständlichen Meta-Level gehievt. Ganz anders bei den sechs internationalen Sängerinnen und Sängern. Schon die Programmgestaltung war angenehm anders. Kommt meist im zweiten Konzertteil die „leichtere“ Muse zur Geltung, bot sie hier Raum für Besinnliches, Nachdenkliches. Die durch Maria Callas so berühmt gewordene Arie „La mamma morta“ aus „André Chenier“ wurde ergreifend – und frei von jedweder Albernheit – von Bryn Vertese interpretiert; auch Schumanns „Die alten, bösen Lieder“ aus der „Dichterliebe“ erfuhr eine bewegende Wiedergabe. Selbst die inzwischen etwas angestrengt klingende Stimme von Till Bleckwedel konnte dem nichts anhaben. Ungewöhnlich auch die augenscheinlich wunderbar kollegiale Stimmung innerhalb der Gruppe, die dem jeweils anderen den Erfolg in keiner Weise zu neiden scheint. Auch der vorzügliche Pianist Yu Chen, der einfühlsam begleitete, bekam einen Soloauftritt, den er für fulminante Variationen über Mozarts „Türkischen Marsch“ aus der bekannten A-Dur-Sonate nutzte. Die „Band“ (die keine ist, sondern ein Gesangsensemble, aber das nur am Rande) nutzte Show-Elemente, die jedoch niemals „nur“ Klamauk waren sondern stets inhaltlich motiviert. Natürlich endet das Liebesduett zwischen Don Giovanni und Zerline nicht wie an diesem Abend – dass sich zwei konkurrierende Don Giovannis am Ende als schwules Paar finden und Zerline leer ausgeht -, aber inhaltlich steht auch dieses witzige Ende grundsätzlich nicht im Gegensetz zum Original. „Cleopatras“ (ebenfalls vorzüglich: Carrieanne Winter) Liegestütz wiederum verdeutlichen einerseits ihre Macht und Stärke, die in Händels Arie beschworen wird, und zeigen andererseits die Anforderungen, denen Sänger inzwischen gerecht werden müssen. Ein anderer „Show“-Anteil bestand daraus, dass allgemeinverständliche und humorvolle Informationen zu den dargebotenen Stücken eingeflochten wurden. So sprach Anne Byrne von „zu vielen Noten“ in ihrer Rossini-Arie aus dem „Barbier“, und dass sie sich auf die „Cabaletta“ – also den schnellen Schlussteil – freute. Der Hörer war also auf die schier endlosen – und bravourös gemeisterten – Koloraturen gefasst und wusste am Ende, was „Cabaletta“ bedeutet. Doch die Solisten konnten nicht nur durch facettenreichen Gesang überzeugen, sondern auch durch ihre kraftvollen Stimmen, die das vergleichsweise kleine Stadttheater mühelos füllten (gleich zu Beginn grandios: Rolandos „kleiner Bruder“ Guillermo Valdés). Müßig, alle anderen Namen ebenfalls aufzuführen; das Ensemble wirkt – trotz aller individueller Unterschiede und Stärken – wie aus einem Guss, und alle sind einander ebenbürtig.