Zu wenig Hebammen: AG Frauen nimmt Thema Geburtshilfe im Kreis in den Fokus Anja Peper Minden/Lübbecke (mt). „Kennt jemand eine Hebamme, die noch Zeit hat?“ Fragen wie diese ploppen oft in lokalen Facebook-Gruppen auf. Meist ist der Zeitdruck dann schon hoch. Oft wissen Frauen überhaupt nur von Freundinnen oder aus anderen privaten Quellen, was ihnen alles zusteht vom Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit. Die AG Frauen Minden-Lübbecke hat sich des Themas Hebammen-Mangel angenommen und will sich für das Thema bessere Geburtshilfe stark machen. Ein möglicher Schritt: „Eine Informationsstelle beim Kreis, wo sich jeder umfassend informieren kann – analog zur Altenpflege.“ Denn wo ein geordnetes Vorgehen fehlt, werden Frauen bildungsferner Schichten oder Migrantinnen mit mangelnden Deutschkenntnissen schnell benachteiligt. „Sie alle sollten wissen, dass sie dem System nicht einfach hilflos ausgeliefert sind“, formuliert es Marlis Klocke (Vorstand). Eine Bündelung der Angebote und Zuständigkeiten auf Kreisebene sei dringend erforderlich. Volle Kreißsäle, schwierige Hebammensuche: Seit geraumer Zeit werden Versorgungslücken bei der Geburt und im Wochenbett diskutiert worden. Eine NRW-weite Untersuchung liefert Zahlen zur Lage. Die Arbeitsgemeinschaft von Frauengruppen und engagieren Bürgerinnen im Kreis Minden-Lübbecke (AG Frauen) ist schon lange dran am Thema: Es gab Gespräche mit Hebammen, eine Podiumsdiskussion im März in Lübbecke und ein Schreiben mit den zentralen Punkten, das Ende September an zwei Fachausschüsse im Kreis ging. Geschehen ist wenig: „Im Sommer 2020 soll das Thema erneut auf die Agenda“, habe es geheißen. Welchen Stellenwert das Thema Geburtshilfe im Jahr der Kommunalwahl bekommt, bleibt abzuwarten. Die AG Frauen will dranbleiben. Etwas zum Besseren zu bewegen, ist eine Herausforderung – auch deshalb, weil die Geburtshilfe bis heute männlich dominiert ist. Weil Geburt als etwas Privates gilt, worüber nicht geredet wird, gibt es kaum eine Lobby. „Und die Mütter haben alle Hände voll zu tun“, sagt Katja Sonntag. Sie selbst hat ihre Töchter in Hausgeburten auf die Welt gebracht (1998 und 1999). Daher ist sie überzeugt, dass die Wahlfreiheit und die Bedingungen großen Einfluss auf den Verlauf der Geburt haben. „Schwangere sollen selbst entscheiden können, wo und wie sie ihr Kind zur Welt bringen möchten.“ Katja Sonntag wirbt für die Idee, weiß aber auch, dass die Praxis heute anders aussieht. In Deutschland liegt die Kaiserschnittrate laut Hebammenverband bei rund 30 Prozent. „Das sind rund 20 Prozent mehr, als die Weltgesundheitsorganisation für medizinisch notwendig hält. Kaiserschnitte können Leben retten. Aber sie sollten nur im Notfall angewendet werden, da sie Risiken haben.“ Dazu zählen fürs Kind unter anderem erhöhtes Risiko für Asthma, Diabetes und Allergien. Der geplante Kaiserschnitt passt allerdings besser in die Abläufe einer Klinik als eine Spontangeburt, bei der unklar ist, wie lange sie dauert. Der Deutsche Hebammenverband fordert daher veränderte Abrechnungspauschalen in der Geburtshilfe. Sie sollen einen Anreiz für physiologische Geburten bieten, also solche, die ohne fremdes Eingreifen ablaufen. Der Forderung schließt sich die AG Frauen an. Das DRG-System müsse so verändert werden, dass auch eine natürliche Geburt wieder finanziell attraktiv werde, heißt es in dem Schreiben an die Ausschüsse. Angesprochen sind bei dem Thema Geburtshilfe sowohl der Gesundheits- und Sozialausschuss als auch der Gleichstellungsausschuss. Manche Probleme der Hebammen werden sich auf lokaler Ebene nicht lösen lassen. Dazu zählt die Höhe der Haftpflichtprämien bei den freiberuflichen Frauen. Von 2002 bis 2019 haben sich die Haftpflichtversicherungsprämien mehr als verzehnfacht. Das hält viele junge Frauen davon ab, den Beruf zu ergreifen. Auch hier fordert der Hebammenverband eine tragfähige und zukunftssichere Lösung. Die Frauen AG hat bei Berufsstarterinnen nachgefragt und sie ihre Wünsche notieren lassen. Auf einer der Karten steht zum Beispiel: „Ich wünsche mir einen ambulanten Hebammen-Dienst, bei dem ich einfach als Angestellte und Versicherte meinen Beruf ausüben kann. Ich möchte mein Wissen, meine Zeit, meine Freude in vollem Umfang zu den Frauen bringen, ohne Zeit und Energie für Papierkram zu verschwenden.“ Der Wunsch dürfte sich mit dem vieler junger Familien decken. „Besorgniserregende Situation“ - Auch landesweit gibt es Engpässe bei der Schwangeren- und Wochenbettbetreuung Kliniken, die Frauen in den Wehen abweisen müssen und Hebammen, die Alarm schlagen: Eine landesweite Untersuchung zur Hebammenversorgung in NRW zeigt Missstände auf. Von einer „besorgniserregenden Situation“ spricht Nicola Bauer, Leiterin des Studienbereichs Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit in Bochum, angesichts der Ergebnisse. Die Hochschule für Gesundheit hat Tausende Mütter und Hebammen zur Teilnahme aufgerufen. Antworten von 1783 Müttern sowie 1924 Hebammen flossen in die Untersuchung ein. So gab jede vierte der befragten Hebammen an, dass ihr Kreißsaal in den vergangenen vier Wochen vorübergehend geschlossen werden musste, weil Personal fehlte oder kein Platz da war. Jede siebte befragte Mutter hätte sich während der Geburt mehr Betreuung durch die Hebamme gewünscht – eine Mehrheit von 78,3 Prozent war jedoch zufrieden. „Eine gut betreute Geburt ist eine wichtige Weichenstellung für die Gesundheit des Kindes und der Mutter“, sagt die Hebammenwissenschaftlerin Bauer. Vorschnelle Kaiserschnitte oder traumatisierende Geburtsverläufe für die Mutter könnten die Folge eines mangelhaften Versorgungssystems sein. „Bis zu einer an den Bedürfnissen der Familie orientierten Geburtshilfe ist es noch ein weiter Weg“, kritisiert auch Katharina Desery, Sprecherin der Elterninitiative Mother Hood. Übervolle Geburtsstationen und Hebammen, die zu wenig Zeit haben: „Das sorgt für enormen Stress, der den Geburtsverlauf hemmen kann und so eine Spirale unnötiger medizinischer Eingriffe in Gang setzt“, sagt Desery. Auch bei Schwangeren- und Wochenbettbetreuung offenbart die Befragung Engpässe: Im Schnitt mussten Schwangere vier Hebammen kontaktieren, um eine Betreuung für das Wochenbett sicherzustellen.

Zu wenig Hebammen: AG Frauen nimmt Thema Geburtshilfe im Kreis in den Fokus

Eine Hebamme hört die Herztöne eines Babys ab. Foto: MT-Archiv/Uli Deck/dpa © Uli Deck

Minden/Lübbecke (mt). „Kennt jemand eine Hebamme, die noch Zeit hat?“ Fragen wie diese ploppen oft in lokalen Facebook-Gruppen auf. Meist ist der Zeitdruck dann schon hoch. Oft wissen Frauen überhaupt nur von Freundinnen oder aus anderen privaten Quellen, was ihnen alles zusteht vom Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit. Die AG Frauen Minden-Lübbecke hat sich des Themas Hebammen-Mangel angenommen und will sich für das Thema bessere Geburtshilfe stark machen. Ein möglicher Schritt: „Eine Informationsstelle beim Kreis, wo sich jeder umfassend informieren kann – analog zur Altenpflege.“

Denn wo ein geordnetes Vorgehen fehlt, werden Frauen bildungsferner Schichten oder Migrantinnen mit mangelnden Deutschkenntnissen schnell benachteiligt. „Sie alle sollten wissen, dass sie dem System nicht einfach hilflos ausgeliefert sind“, formuliert es Marlis Klocke (Vorstand). Eine Bündelung der Angebote und Zuständigkeiten auf Kreisebene sei dringend erforderlich.

Die AG Frauen macht sich für die Hebammen und junge Familien stark (von links): Marlis Klocke, Angela Gradler-Gebecke, Katja Maria Sonntag und Heidi Bierbaum. MT- - © Foto: Anja Peper
Die AG Frauen macht sich für die Hebammen und junge Familien stark (von links): Marlis Klocke, Angela Gradler-Gebecke, Katja Maria Sonntag und Heidi Bierbaum. MT- - © Foto: Anja Peper

Volle Kreißsäle, schwierige Hebammensuche: Seit geraumer Zeit werden Versorgungslücken bei der Geburt und im Wochenbett diskutiert worden. Eine NRW-weite Untersuchung liefert Zahlen zur Lage. Die Arbeitsgemeinschaft von Frauengruppen und engagieren Bürgerinnen im Kreis Minden-Lübbecke (AG Frauen) ist schon lange dran am Thema: Es gab Gespräche mit Hebammen, eine Podiumsdiskussion im März in Lübbecke und ein Schreiben mit den zentralen Punkten, das Ende September an zwei Fachausschüsse im Kreis ging. Geschehen ist wenig: „Im Sommer 2020 soll das Thema erneut auf die Agenda“, habe es geheißen. Welchen Stellenwert das Thema Geburtshilfe im Jahr der Kommunalwahl bekommt, bleibt abzuwarten. Die AG Frauen will dranbleiben.

Etwas zum Besseren zu bewegen, ist eine Herausforderung – auch deshalb, weil die Geburtshilfe bis heute männlich dominiert ist. Weil Geburt als etwas Privates gilt, worüber nicht geredet wird, gibt es kaum eine Lobby. „Und die Mütter haben alle Hände voll zu tun“, sagt Katja Sonntag. Sie selbst hat ihre Töchter in Hausgeburten auf die Welt gebracht (1998 und 1999). Daher ist sie überzeugt, dass die Wahlfreiheit und die Bedingungen großen Einfluss auf den Verlauf der Geburt haben. „Schwangere sollen selbst entscheiden können, wo und wie sie ihr Kind zur Welt bringen möchten.“ Katja Sonntag wirbt für die Idee, weiß aber auch, dass die Praxis heute anders aussieht. In Deutschland liegt die Kaiserschnittrate laut Hebammenverband bei rund 30 Prozent. „Das sind rund 20 Prozent mehr, als die Weltgesundheitsorganisation für medizinisch notwendig hält. Kaiserschnitte können Leben retten. Aber sie sollten nur im Notfall angewendet werden, da sie Risiken haben.“ Dazu zählen fürs Kind unter anderem erhöhtes Risiko für Asthma, Diabetes und Allergien.

Der geplante Kaiserschnitt passt allerdings besser in die Abläufe einer Klinik als eine Spontangeburt, bei der unklar ist, wie lange sie dauert. Der Deutsche Hebammenverband fordert daher veränderte Abrechnungspauschalen in der Geburtshilfe. Sie sollen einen Anreiz für physiologische Geburten bieten, also solche, die ohne fremdes Eingreifen ablaufen. Der Forderung schließt sich die AG Frauen an. Das DRG-System müsse so verändert werden, dass auch eine natürliche Geburt wieder finanziell attraktiv werde, heißt es in dem Schreiben an die Ausschüsse. Angesprochen sind bei dem Thema Geburtshilfe sowohl der Gesundheits- und Sozialausschuss als auch der Gleichstellungsausschuss.

Manche Probleme der Hebammen werden sich auf lokaler Ebene nicht lösen lassen. Dazu zählt die Höhe der Haftpflichtprämien bei den freiberuflichen Frauen. Von 2002 bis 2019 haben sich die Haftpflichtversicherungsprämien mehr als verzehnfacht. Das hält viele junge Frauen davon ab, den Beruf zu ergreifen. Auch hier fordert der Hebammenverband eine tragfähige und zukunftssichere Lösung. Die Frauen AG hat bei Berufsstarterinnen nachgefragt und sie ihre Wünsche notieren lassen. Auf einer der Karten steht zum Beispiel: „Ich wünsche mir einen ambulanten Hebammen-Dienst, bei dem ich einfach als Angestellte und Versicherte meinen Beruf ausüben kann. Ich möchte mein Wissen, meine Zeit, meine Freude in vollem Umfang zu den Frauen bringen, ohne Zeit und Energie für Papierkram zu verschwenden.“ Der Wunsch dürfte sich mit dem vieler junger Familien decken.

„Besorgniserregende Situation“ - Auch landesweit gibt es Engpässe bei der Schwangeren- und Wochenbettbetreuung

Kliniken, die Frauen in den Wehen abweisen müssen und Hebammen, die Alarm schlagen: Eine landesweite Untersuchung zur Hebammenversorgung in NRW zeigt Missstände auf. Von einer „besorgniserregenden Situation“ spricht Nicola Bauer, Leiterin des Studienbereichs Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit in Bochum, angesichts der Ergebnisse. Die Hochschule für Gesundheit hat Tausende Mütter und Hebammen zur Teilnahme aufgerufen. Antworten von 1783 Müttern sowie 1924 Hebammen flossen in die Untersuchung ein.

So gab jede vierte der befragten Hebammen an, dass ihr Kreißsaal in den vergangenen vier Wochen vorübergehend geschlossen werden musste, weil Personal fehlte oder kein Platz da war. Jede siebte befragte Mutter hätte sich während der Geburt mehr Betreuung durch die Hebamme gewünscht – eine Mehrheit von 78,3 Prozent war jedoch zufrieden.

„Eine gut betreute Geburt ist eine wichtige Weichenstellung für die Gesundheit des Kindes und der Mutter“, sagt die Hebammenwissenschaftlerin Bauer. Vorschnelle Kaiserschnitte oder traumatisierende Geburtsverläufe für die Mutter könnten die Folge eines mangelhaften Versorgungssystems sein. „Bis zu einer an den Bedürfnissen der Familie orientierten Geburtshilfe ist es noch ein weiter Weg“, kritisiert auch Katharina Desery, Sprecherin der Elterninitiative Mother Hood. Übervolle Geburtsstationen und Hebammen, die zu wenig Zeit haben: „Das sorgt für enormen Stress, der den Geburtsverlauf hemmen kann und so eine Spirale unnötiger medizinischer Eingriffe in Gang setzt“, sagt Desery.

Auch bei Schwangeren- und Wochenbettbetreuung offenbart die Befragung Engpässe: Im Schnitt mussten Schwangere vier Hebammen kontaktieren, um eine Betreuung für das Wochenbett sicherzustellen.

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