Minden

Sechs Flüchtlinge leben in Minden im Kirchenasyl

Stefan Koch

Die beiden Iraner dürfen den Kirchhof von St. Marien nicht verlassen. - © Foto: Alex Lehn
Die beiden Iraner dürfen den Kirchhof von St. Marien nicht verlassen. (© Foto: Alex Lehn)

Minden (mt). Das alte Foto auf dem Smartphone zeigt das Paar im Licht. Es schaut in einer Ausstellung für Klimatechnik in die Kamera und steht am Anfang seiner Karriere. Das war im Iran. Jetzt führen beide ein Schattendasein in Minden. Denn Elma (32) und Mehdi (35) mussten fliehen. Im Kirchenasyl der St. Mariengemeinde sind sie vorerst vor der Abschiebung nach Kroatien sicher. Dort seien sie bereits schon einmal von der Polizei misshandelt worden, erklären die Innenarchitektin und der Unternehmer.

Zur Flucht kam es, weil sie einer christlichen Kirchengemeinde angehörten, die im Iran nur im Verborgenen existieren darf. Da sie als Muslime zum christlichen Glauben übergetreten waren, hatten sie gegen das im Iran geltende Gesetz verstoßen und mussten auf der Hut sein. Wie sie berichten, hatten eines Tages die Behörden einen Hinweis erhalten. Als die Polizei in ihrer Abwesenheit ihre Wohnung durchsuchte, riefen Bekannte sie rechtzeitig an, damit sie untertauchen und den Iran verlassen konnten. Denn Muslime müssen dort mit der Todesstrafe rechnen, wenn sie eine andere Glaubensrichtung wählen.

Pfarrer Frieder Küppers engagiert sich bei Pulse of Europe. - © Lehn Alexander
Pfarrer Frieder Küppers engagiert sich bei Pulse of Europe. (© Lehn Alexander)

Zu Fuß überquerte das Paar die Grenze vom Iran in die Türkei. Dort ging es mit dem Bus weiter nach Istanbul und dann zu Fuß nach Griechenland. „Nachts waren wir unterwegs und ruhten uns tagsüber in den Wäldern aus“, berichtet Elma. Unterwegs hätten sie sich meist von Schokolade und Brot ernährt, es schneite und ständig sei die Kleidung nass gewesen.

Ein Fluchthelfer brachte die beiden bis zur bosnischen Grenze nach Kroatien. Wie sie berichten hatten kroatische Polizisten sie nach dem Grenzübertritt festgenommen und verhört. Sie mussten ihre Smartphones und ihre Geldvorräte in Euro abgeben und wurden dann in einem Kastenwagen zurück nach Bosnien gebracht. „Dabei hatten mich Polizisten geschlagen und verletzt“, erinnert sich Mehdi. Ein Tierarzt aus einem Dorf habe ihn versorgt. Es gelang über einen Kontaktmann in Bosnien, durch Banküberweisung neues Geld aus dem Iran zu besorgen. Nachdem die Kroatische Polizei sie noch zweimal an der Grenze aufgriff, wurden sie in Serbien ausgesetzt. „Eigentlich wollten wir in Kroatien Asyl beantragen, aber das war nicht möglich“, sagt das Paar. So ging die Flucht weiter Richtung Deutschland. Dort kamen sie im Februar an.

Frieder Küppers, Pfarrer der Mariengemeinde, erklärt, dass nach dem Dublin-Verfahren die Iraner nach Kroatien als Erstaufnahmeland abgeschoben werden sollen. „Das würde für beide weitere Misshandlungen bedeuten, dazu kommt noch, dass die Frau schwanger ist.“ Aus diesem Grund sei das Mindener Kirchenasyl der einzige sichere Ort bis das Bundesamt für Migration seine Abschiebeanordnung aufhebt.

Wie es sich im Kirchenasyl lebt? Den Kirchplatz können Elma und Mehdi, denen die kroatische Polizei die Personaldokumente abgenommen hatte, nicht verlassen, weil sie bei einer Personenkontrolle mit dem Schlimmsten rechnen müssen. „Wir lernen deutsch – damit verbringen wird unsere Zeit“, sagt Elma. Als Hilfsmittel haben sie dazu ein paar Bücher und das Smartphone. Außerdem können sie in der Küche des Marienstifts helfen. Es gibt eine Gruppe Geflüchteter aus dem Iran, die sich einmal in der Woche trifft. Und dann singen sie auch noch in einem Chor.

Wie in einem Versteck – so wie unterwegs auf der Flucht – empfinden sie ihr Dasein in Minden nicht, sagen die Iraner. Aber die Erlebnisse unterwegs haben sie verändert. „Wenn die Tür aufgeht, werden wir immer noch nervös“, meint Mehdi. Nachts hätten sie Alpträume.

Neben dem Paar gibt es noch vier weitere Personen aus dem Iran und Tschetschenien, die in der St. Mariengemeinde Kirchenasyl gefunden haben. In zwei Fällen hat das Mindener Verwaltungsgericht die Abschiebeanordnung ausgesetzt. Die Betroffenen befürchten ihre Ermordung, wenn sie in ihre Aufnahmeländer zurückgeschickt werden.

Wie das Leben nach dem Schattendasein im Kirchenasyl weitergehen kann, zeigt das Schicksal eines Lehrers aus dem Nordirak. Im Januar hatte er in St. Marien ein sicheres Obdach gefunden, nachdem er sich als Jeside vor IS-Kämpfern in Sicherheit bringen musste. Ihm drohte die Rückführung nach Italien als Erstaufnahmeland, wo er ein Leben als Obdachloser unter Bedrohung von Salafisten auf sich zukommen sah. Mittlerweile ist er wieder zu seinem Lebensmittelpunkt nach Schleswig-Holstein zurückgekehrt und hat sich verlobt.

Kirchenasyl

Nürnberg (dpa). Die Zahl der Geflüchteten, die in Kirchengemeinden Schutz suchen, ist wieder rückläufig. Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) gingen von Januar bis August dieses Jahres pro Monat durchschnittlich 55 Kirchenasylmeldungen ein, wie die Behörde mitteilte. Von August bis Dezember 2018 meldeten die Gemeinden noch durchschnittlich 68 Fälle von Asylsuchenden. Zuvor war die Zahl bis Juli 2018 auf ihren bisherigen Höchststand von 204 Meldungen gestiegen. Zuvor hatte die Zeitung „Die Welt“ darüber berichtet.

Der Rückgang sei zu begrüßen, weil das Kirchenasyl nur für absolute Ausnahmefälle mit besonderen Härten vorgesehen sei, sagte ein Bamf-Sprecher. Von Januar bis August dieses Jahres suchten demnach in 441 Fällen 662 Menschen in Kirchen Schutz vor einer drohenden Abschiebung. Im gesamten Jahr 2018 hatte das Bamf 1.521 Fälle mit 2.273 Schutzsuchenden gezählt. In knapp 13 Prozent der Fälle stellte die Behörde eine besondere Härte fest. In diesem Jahr attestierte die Behörde bei den bisher bearbeiteten Fällen fünf Mal eine besondere Härte.

Allerdings hielten sich nur wenige Kirchengemeinden an das neue Kirchenasylverfahren. Eine Ablehnung durch das Bamf führe „nur im begrenzten Umfang“ zum Verlassen des Kirchenasyls, teilte die Behörde mit. So verblieben von August bis Dezember 2018 85 Prozent der Antragsteller nach ablehnender Entscheidung im Kirchenasyl, von Januar bis Juni 2019 90 Prozent.

Das seit August 2018 geltende Verfahren verpflichtet Kirchen dazu, für jeden Kirchenasylfall ein Härtefalldossier beim Bamf einzureichen. Stellt die Behörde daraufhin keine besondere Härte fest, müssen abgelehnte Asylbewerber das Kirchenasyl innerhalb von drei Tagen verlassen.

Positiv wertet das Bundesamt, dass inzwischen rund 75 Prozent der Kirchengemeinden die vereinbarten Dossiers tatsächlich vorlege. Auch sei der Anteil der Kirchenasylfälle gestiegen, bei denen wie vereinbart ein Kirchenvertreter beteiligt gewesen sei. „Dies ist ein Indiz dafür, dass die neuen Verfahrensvorgaben in der Fläche bekannt sind und die Kirchen sich um eine Umsetzung bemühen“, teilte das Bamf dazu mit.

Kirchenasylfälle betreffen laut dem Bamf fast ausschließlich sogenannte Dublin-Verfahren. Dabei komme es nicht darauf an, welche Verfolgungsgründe im Herkunftsland Asylbewerber für ihre Flucht angeben, sondern ob es weitere Gründe für eine Bearbeitung des Asylverfahrens in Deutschland gibt, etwa wenn Zweifel an der rechtsstaatlichen Vorgehensweise des erstaufnehmenden EU-Mitgliedslandes bestehen.

Den sogenannten Selbsteintritt hat Deutschland 2018 laut der Behörde in rund 7.800 Verfahren erklärt und damit auf das Überstellen eines eigentlich ausreisepflichtigen Asylbewerbers in das erstaufnehmende EU-Mitgliedsland verzichtet.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

3 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

MindenSechs Flüchtlinge leben in Minden im KirchenasylStefan KochMinden (mt). Das alte Foto auf dem Smartphone zeigt das Paar im Licht. Es schaut in einer Ausstellung für Klimatechnik in die Kamera und steht am Anfang seiner Karriere. Das war im Iran. Jetzt führen beide ein Schattendasein in Minden. Denn Elma (32) und Mehdi (35) mussten fliehen. Im Kirchenasyl der St. Mariengemeinde sind sie vorerst vor der Abschiebung nach Kroatien sicher. Dort seien sie bereits schon einmal von der Polizei misshandelt worden, erklären die Innenarchitektin und der Unternehmer. Zur Flucht kam es, weil sie einer christlichen Kirchengemeinde angehörten, die im Iran nur im Verborgenen existieren darf. Da sie als Muslime zum christlichen Glauben übergetreten waren, hatten sie gegen das im Iran geltende Gesetz verstoßen und mussten auf der Hut sein. Wie sie berichten, hatten eines Tages die Behörden einen Hinweis erhalten. Als die Polizei in ihrer Abwesenheit ihre Wohnung durchsuchte, riefen Bekannte sie rechtzeitig an, damit sie untertauchen und den Iran verlassen konnten. Denn Muslime müssen dort mit der Todesstrafe rechnen, wenn sie eine andere Glaubensrichtung wählen. Zu Fuß überquerte das Paar die Grenze vom Iran in die Türkei. Dort ging es mit dem Bus weiter nach Istanbul und dann zu Fuß nach Griechenland. „Nachts waren wir unterwegs und ruhten uns tagsüber in den Wäldern aus“, berichtet Elma. Unterwegs hätten sie sich meist von Schokolade und Brot ernährt, es schneite und ständig sei die Kleidung nass gewesen. Ein Fluchthelfer brachte die beiden bis zur bosnischen Grenze nach Kroatien. Wie sie berichten hatten kroatische Polizisten sie nach dem Grenzübertritt festgenommen und verhört. Sie mussten ihre Smartphones und ihre Geldvorräte in Euro abgeben und wurden dann in einem Kastenwagen zurück nach Bosnien gebracht. „Dabei hatten mich Polizisten geschlagen und verletzt“, erinnert sich Mehdi. Ein Tierarzt aus einem Dorf habe ihn versorgt. Es gelang über einen Kontaktmann in Bosnien, durch Banküberweisung neues Geld aus dem Iran zu besorgen. Nachdem die Kroatische Polizei sie noch zweimal an der Grenze aufgriff, wurden sie in Serbien ausgesetzt. „Eigentlich wollten wir in Kroatien Asyl beantragen, aber das war nicht möglich“, sagt das Paar. So ging die Flucht weiter Richtung Deutschland. Dort kamen sie im Februar an. Frieder Küppers, Pfarrer der Mariengemeinde, erklärt, dass nach dem Dublin-Verfahren die Iraner nach Kroatien als Erstaufnahmeland abgeschoben werden sollen. „Das würde für beide weitere Misshandlungen bedeuten, dazu kommt noch, dass die Frau schwanger ist.“ Aus diesem Grund sei das Mindener Kirchenasyl der einzige sichere Ort bis das Bundesamt für Migration seine Abschiebeanordnung aufhebt. Wie es sich im Kirchenasyl lebt? Den Kirchplatz können Elma und Mehdi, denen die kroatische Polizei die Personaldokumente abgenommen hatte, nicht verlassen, weil sie bei einer Personenkontrolle mit dem Schlimmsten rechnen müssen. „Wir lernen deutsch – damit verbringen wird unsere Zeit“, sagt Elma. Als Hilfsmittel haben sie dazu ein paar Bücher und das Smartphone. Außerdem können sie in der Küche des Marienstifts helfen. Es gibt eine Gruppe Geflüchteter aus dem Iran, die sich einmal in der Woche trifft. Und dann singen sie auch noch in einem Chor. Wie in einem Versteck – so wie unterwegs auf der Flucht – empfinden sie ihr Dasein in Minden nicht, sagen die Iraner. Aber die Erlebnisse unterwegs haben sie verändert. „Wenn die Tür aufgeht, werden wir immer noch nervös“, meint Mehdi. Nachts hätten sie Alpträume. Neben dem Paar gibt es noch vier weitere Personen aus dem Iran und Tschetschenien, die in der St. Mariengemeinde Kirchenasyl gefunden haben. In zwei Fällen hat das Mindener Verwaltungsgericht die Abschiebeanordnung ausgesetzt. Die Betroffenen befürchten ihre Ermordung, wenn sie in ihre Aufnahmeländer zurückgeschickt werden. Wie das Leben nach dem Schattendasein im Kirchenasyl weitergehen kann, zeigt das Schicksal eines Lehrers aus dem Nordirak. Im Januar hatte er in St. Marien ein sicheres Obdach gefunden, nachdem er sich als Jeside vor IS-Kämpfern in Sicherheit bringen musste. Ihm drohte die Rückführung nach Italien als Erstaufnahmeland, wo er ein Leben als Obdachloser unter Bedrohung von Salafisten auf sich zukommen sah. Mittlerweile ist er wieder zu seinem Lebensmittelpunkt nach Schleswig-Holstein zurückgekehrt und hat sich verlobt. Kirchenasyl Nürnberg (dpa). Die Zahl der Geflüchteten, die in Kirchengemeinden Schutz suchen, ist wieder rückläufig. Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) gingen von Januar bis August dieses Jahres pro Monat durchschnittlich 55 Kirchenasylmeldungen ein, wie die Behörde mitteilte. Von August bis Dezember 2018 meldeten die Gemeinden noch durchschnittlich 68 Fälle von Asylsuchenden. Zuvor war die Zahl bis Juli 2018 auf ihren bisherigen Höchststand von 204 Meldungen gestiegen. Zuvor hatte die Zeitung „Die Welt“ darüber berichtet. Der Rückgang sei zu begrüßen, weil das Kirchenasyl nur für absolute Ausnahmefälle mit besonderen Härten vorgesehen sei, sagte ein Bamf-Sprecher. Von Januar bis August dieses Jahres suchten demnach in 441 Fällen 662 Menschen in Kirchen Schutz vor einer drohenden Abschiebung. Im gesamten Jahr 2018 hatte das Bamf 1.521 Fälle mit 2.273 Schutzsuchenden gezählt. In knapp 13 Prozent der Fälle stellte die Behörde eine besondere Härte fest. In diesem Jahr attestierte die Behörde bei den bisher bearbeiteten Fällen fünf Mal eine besondere Härte. Allerdings hielten sich nur wenige Kirchengemeinden an das neue Kirchenasylverfahren. Eine Ablehnung durch das Bamf führe „nur im begrenzten Umfang“ zum Verlassen des Kirchenasyls, teilte die Behörde mit. So verblieben von August bis Dezember 2018 85 Prozent der Antragsteller nach ablehnender Entscheidung im Kirchenasyl, von Januar bis Juni 2019 90 Prozent. Das seit August 2018 geltende Verfahren verpflichtet Kirchen dazu, für jeden Kirchenasylfall ein Härtefalldossier beim Bamf einzureichen. Stellt die Behörde daraufhin keine besondere Härte fest, müssen abgelehnte Asylbewerber das Kirchenasyl innerhalb von drei Tagen verlassen. Positiv wertet das Bundesamt, dass inzwischen rund 75 Prozent der Kirchengemeinden die vereinbarten Dossiers tatsächlich vorlege. Auch sei der Anteil der Kirchenasylfälle gestiegen, bei denen wie vereinbart ein Kirchenvertreter beteiligt gewesen sei. „Dies ist ein Indiz dafür, dass die neuen Verfahrensvorgaben in der Fläche bekannt sind und die Kirchen sich um eine Umsetzung bemühen“, teilte das Bamf dazu mit. Kirchenasylfälle betreffen laut dem Bamf fast ausschließlich sogenannte Dublin-Verfahren. Dabei komme es nicht darauf an, welche Verfolgungsgründe im Herkunftsland Asylbewerber für ihre Flucht angeben, sondern ob es weitere Gründe für eine Bearbeitung des Asylverfahrens in Deutschland gibt, etwa wenn Zweifel an der rechtsstaatlichen Vorgehensweise des erstaufnehmenden EU-Mitgliedslandes bestehen. Den sogenannten Selbsteintritt hat Deutschland 2018 laut der Behörde in rund 7.800 Verfahren erklärt und damit auf das Überstellen eines eigentlich ausreisepflichtigen Asylbewerbers in das erstaufnehmende EU-Mitgliedsland verzichtet.