Minden

Drama in der Luft: Eifersüchtiges Falkenweibchen greift Konkurrentin an

Michael Grundmeier

Minden (mig). Was für ein Schock: Kaum eine Minute nach seiner Freisetzung wird das vor einigen Wochen aufgefundene Wanderfalken-Weibchen angegriffen und erneut verletzt. Tierarzt Dr. Florian Brandes muss das Tier wieder mitnehmen.

Nach der Attacke: Tierarzt Dr. Florian Brandes untersucht das verletzte Falken-Weibchen, das sich langsam berappelt. Foto: Michael Grundmeier - © Picasa
Nach der Attacke: Tierarzt Dr. Florian Brandes untersucht das verletzte Falken-Weibchen, das sich langsam berappelt. Foto: Michael Grundmeier (© Picasa)

Dabei hatte zu Beginn alles so gut ausgesehen. Trotz des hohen Alters waren sämtliche Verletzungen, die das Weibchen vor einigen Wochen erlitten hatte, abgeheilt, der Flug stabil. Brandes wollte seinen Patienten deshalb möglichst schnell wieder aussetzen. „Die Tiere sind die Freiheit gewöhnt“, sagt der Leiter der „Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen“. Also rein in die eine Kiste und ab zur Marienkirche. Hier hat das 15 Jahre alte Weibchen einen gemeinsamen Horst mit einem Partner, hier sollte es in die Freiheit entlassen werden.

Empfangen wurde der Rekonvaleszent von einigen alten Bekannten: Erwin Mattegiet und Gerhard Neuhaus von der „AG Wanderfalkenschutz NRW“ des Nabu Nordrhein-Westfalen, der Feuerwehrmann Jan Hoberg aus Bad Oeynhausen sowie die beiden Vogel-Retter Christian Graupner und Bruno Nather. Sie hatten den Wanderfalken im Marienglacis gefunden.

Graupner kann sich noch gut an den Spaziergang mit seiner Familie erinnern. Plötzlich entdeckt der 39-Jährige mitten im dunklen Laub den Vogel. Schnell ist klar, dass irgendwas nicht stimmt mit dem Vogel, die Familie ruft die Polizei, die wiederum die Tierrettung der Feuerwehr Bad Oeynhausen alarmiert. „Wenn wir nichts getan hätten, wäre der Falke jetzt ganz sicher tot“, sagt Graupners Schwiegervater Bruno Nather.

Dass sich die Familie richtig verhalten hat, bestätigt auch Gerhard Neuhaus. „Bei jungen Vögel muss man vorsichtig sein, da sieht es manchmal so aus, als wären sie verlassen, die Mutter ist aber in der Nähe“, sagt Neuhaus. In diesem Fall aber habe es sich um einen alten Vogel gehandelt, „der wäre ohne die Hilfe der Familie sicher gestorben“.

Neuhaus und Mattegiet kennen das Tier schon lange. Sie haben mehrfach seine Ringnummer abgelesen und an das „Institut für Vogelforschung“ auf Helgoland weitergemeldet. Den Alltag des Falken haben sie ebenfalls kennenlernen dürfen. Eine versteckt angebrachte Kamera hat die Tiere in ihrem Horst genau beobachtet. Ziel der Kontrolle ist es, den Bestand im Blick zu halten und ein erneutes Aussterben wie in den 60er Jahren in NRW zu verhindern. Wie es derzeit um den Bestand im Mühlenkreis bestellt ist, will Gerhard Neuhaus nicht im Detail aufschlüsseln. Der Wanderfalke sei eben nicht bei allen beliebt, erläutert er. Immerhin so viel: Der Bestand habe sich stabilisiert, man sei zufrieden.

Dann endlich ist es soweit: Florian Brandes und Jan Hoberg holen eine Kiste aus dem Auto und heben sie auf eine Mauer. In der Kiste rumort es schon vernehmlich. „Der will raus“, meint Erwin Mattegiet schmunzelnd. Und tatsächlich: Kaum hat Brandes die kleine Käfigtür geöffnet, schwingt sich der Falke schon in der Luft. Man muss schon gute Augen haben, um den schnellen Flug mit dem Blick verfolgen zu können. Als das Weibchen Richtung Turm fliegt, sind Schreie zu hören. Das Männchen freut sich, dass seine Partnerin zurückgekehrt ist. Dann der Schock. Ein dritter Falke kommt herangeschossen und attackiert das alte Weibchen. Die beiden verkrallen sich und fallen auf die Straße. Brandes und Hoberg eilen dem Vogel zu Hilfe.

Als die beiden unten angekommen sind, hat sich das Weibchen schon wieder etwas berappelt. Es hoppelt an den Autos entlang, verfolgt und angegriffen von einigen Krähen. „Die mögen sich nicht“, sagt Gerhard Neuhaus. Auch andere Vögel ergreifen jede Gelegenheit, um einen Falken zu attackieren. Inzwischen hat Dr. Brandes das alte Weibchen erreicht. Das Tier ist verletzt, viel ist aber nicht zu sehen. Es braucht eine genauere Untersuchung etwa des Flügels. „Wir werden das Tier jetzt erst einmal zurück nach Sachsenhagen bringen, da kann es seine Wunden lecken“, lässt Brandes die Umstehenden wissen. Dort werde man auch überlegen, wie es mit dem Vogel weitergehen kann. „Vielleicht werden wir nach einem neuen Standort für das Tier suchen.“

Für das Drama hat Brandes folgende Erklärung: „Offenbar hat sich das Männchen, während das alte Weibchen weg war, eine neue Partnerin genommen.“ Die beiden Weibchen hätten um ihren Verbleib im Revier gekämpft. „Schade“, meint Gerhard Neuhaus kopfschüttelnd: „So einen Empfang hat sie nun wirklich nicht verdient.“

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MindenDrama in der Luft: Eifersüchtiges Falkenweibchen greift Konkurrentin anMichael GrundmeierMinden (mig). Was für ein Schock: Kaum eine Minute nach seiner Freisetzung wird das vor einigen Wochen aufgefundene Wanderfalken-Weibchen angegriffen und erneut verletzt. Tierarzt Dr. Florian Brandes muss das Tier wieder mitnehmen. Dabei hatte zu Beginn alles so gut ausgesehen. Trotz des hohen Alters waren sämtliche Verletzungen, die das Weibchen vor einigen Wochen erlitten hatte, abgeheilt, der Flug stabil. Brandes wollte seinen Patienten deshalb möglichst schnell wieder aussetzen. „Die Tiere sind die Freiheit gewöhnt“, sagt der Leiter der „Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen“. Also rein in die eine Kiste und ab zur Marienkirche. Hier hat das 15 Jahre alte Weibchen einen gemeinsamen Horst mit einem Partner, hier sollte es in die Freiheit entlassen werden. Empfangen wurde der Rekonvaleszent von einigen alten Bekannten: Erwin Mattegiet und Gerhard Neuhaus von der „AG Wanderfalkenschutz NRW“ des Nabu Nordrhein-Westfalen, der Feuerwehrmann Jan Hoberg aus Bad Oeynhausen sowie die beiden Vogel-Retter Christian Graupner und Bruno Nather. Sie hatten den Wanderfalken im Marienglacis gefunden. Graupner kann sich noch gut an den Spaziergang mit seiner Familie erinnern. Plötzlich entdeckt der 39-Jährige mitten im dunklen Laub den Vogel. Schnell ist klar, dass irgendwas nicht stimmt mit dem Vogel, die Familie ruft die Polizei, die wiederum die Tierrettung der Feuerwehr Bad Oeynhausen alarmiert. „Wenn wir nichts getan hätten, wäre der Falke jetzt ganz sicher tot“, sagt Graupners Schwiegervater Bruno Nather. Dass sich die Familie richtig verhalten hat, bestätigt auch Gerhard Neuhaus. „Bei jungen Vögel muss man vorsichtig sein, da sieht es manchmal so aus, als wären sie verlassen, die Mutter ist aber in der Nähe“, sagt Neuhaus. In diesem Fall aber habe es sich um einen alten Vogel gehandelt, „der wäre ohne die Hilfe der Familie sicher gestorben“. Neuhaus und Mattegiet kennen das Tier schon lange. Sie haben mehrfach seine Ringnummer abgelesen und an das „Institut für Vogelforschung“ auf Helgoland weitergemeldet. Den Alltag des Falken haben sie ebenfalls kennenlernen dürfen. Eine versteckt angebrachte Kamera hat die Tiere in ihrem Horst genau beobachtet. Ziel der Kontrolle ist es, den Bestand im Blick zu halten und ein erneutes Aussterben wie in den 60er Jahren in NRW zu verhindern. Wie es derzeit um den Bestand im Mühlenkreis bestellt ist, will Gerhard Neuhaus nicht im Detail aufschlüsseln. Der Wanderfalke sei eben nicht bei allen beliebt, erläutert er. Immerhin so viel: Der Bestand habe sich stabilisiert, man sei zufrieden. Dann endlich ist es soweit: Florian Brandes und Jan Hoberg holen eine Kiste aus dem Auto und heben sie auf eine Mauer. In der Kiste rumort es schon vernehmlich. „Der will raus“, meint Erwin Mattegiet schmunzelnd. Und tatsächlich: Kaum hat Brandes die kleine Käfigtür geöffnet, schwingt sich der Falke schon in der Luft. Man muss schon gute Augen haben, um den schnellen Flug mit dem Blick verfolgen zu können. Als das Weibchen Richtung Turm fliegt, sind Schreie zu hören. Das Männchen freut sich, dass seine Partnerin zurückgekehrt ist. Dann der Schock. Ein dritter Falke kommt herangeschossen und attackiert das alte Weibchen. Die beiden verkrallen sich und fallen auf die Straße. Brandes und Hoberg eilen dem Vogel zu Hilfe. Als die beiden unten angekommen sind, hat sich das Weibchen schon wieder etwas berappelt. Es hoppelt an den Autos entlang, verfolgt und angegriffen von einigen Krähen. „Die mögen sich nicht“, sagt Gerhard Neuhaus. Auch andere Vögel ergreifen jede Gelegenheit, um einen Falken zu attackieren. Inzwischen hat Dr. Brandes das alte Weibchen erreicht. Das Tier ist verletzt, viel ist aber nicht zu sehen. Es braucht eine genauere Untersuchung etwa des Flügels. „Wir werden das Tier jetzt erst einmal zurück nach Sachsenhagen bringen, da kann es seine Wunden lecken“, lässt Brandes die Umstehenden wissen. Dort werde man auch überlegen, wie es mit dem Vogel weitergehen kann. „Vielleicht werden wir nach einem neuen Standort für das Tier suchen.“ Für das Drama hat Brandes folgende Erklärung: „Offenbar hat sich das Männchen, während das alte Weibchen weg war, eine neue Partnerin genommen.“ Die beiden Weibchen hätten um ihren Verbleib im Revier gekämpft. „Schade“, meint Gerhard Neuhaus kopfschüttelnd: „So einen Empfang hat sie nun wirklich nicht verdient.“