Minden

MT-Serie Licht und Schatten: Mit dem Bleistift zur Erleuchtung

Andreas Laubig

Minden (lbg). Licht und Schatten sind die DNA der Kunst. Fotografie bannt das Licht mit Hilfe chemischer Prozesse auf Papier, dem Maler oder Zeichner verlangt dieser Vorgang genaues Hinschauen, handwerkliches Geschick und Kunstfertigkeit ab.

- © Andreas Laubig
(© Andreas Laubig)

Ich lasse mich von einem Fachmann in die Grundlagen des zeichnerischen Abbildens einweisen. Mit dem Daumen, Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand umfasst der Mindener Künstler Ulrich Kügler den Bleistift, etwa einen Daumen breit oberhalb der Anspitzkante. „Zwischen Daumen und Zeigefinger muss der Stift auf der Handfläche aufliegen, der Unterarm auf dem Tisch, die Bewegung kommt aus dem Handgelenk – schön locker bleiben.“ Kügler legt eine bräunlich-schwarze, unebene Eisenkugel von etwa zehn Zentimeter Durchmesser auf eine orangefarbene Untertasse – unser abzubildendes Objekt. „Das Tageslicht kommt seitlich und von oben durch eine Fensterreihe, lässt Konturen auf der Oberfläche hervortreten, wirft – entsprechend dem Lichteinfall – einen ovalen Schattenriss auf die Untertasse, von wo das Licht, farbig angereichert, zurückgeworfen wird“.

Mit geschultem Blick weist der Künstler auf Details und feine Nuancierungen hin. Das banale Alltagsobjekt zeigt – ohne Effekt oder Inszenierung – ein hochkomplexes Zusammenspiel von Licht, getrübtem Halblicht, Reflexen, Schattenwurf und Düsternis. Um mich nicht bereits bei den Anfängen einer zeichnerischen Wiedergabe verzweifeln zu lassen, beschränken wir uns auf eine Bleistiftzeichnung, Kunst ist schließlich auch Reduktion. Dann geht es mit lockerer Hand ans „Schummern“: kleine, kreisförmige Rundbewegungen des Bleistiftes schaffen Grauwerte – von wenig auf Null kommen, weiche Übergänge, keine Kanten.

Küglers Erfahrungen als Kunstpädagoge sind hilfreich, doch schnell drängt sich der Verdacht auf, dass Kunst vielleicht doch von „Können“ abzuleiten sein könnte. Durch geschummerte Abstufungen von hell- bis dunkelgrau lassen sich zwar Lichtquellen und Schatten nachempfinden, doch bis zu einer – lediglich auf schwarz-weiß-grau reduzierten – Wiedergabe des Sichtbaren ist es noch ein ganz weiter Weg.

Eine andere Technik ist die Schraffur. Mit parallel gebündelter Strichführung, per Kreuzschraffur reduzieren wir die Erleuchtung auf ein Minimum, beschränkt auf schwarz, weiß, grau. Natürlich ist es im Schatten weniger hell, aber doch nicht farblos. Mit Tusche könnten wir uns einer farbigen Wiedergabe annähern – die Farben mit weiß aufhellen und mit schwarz abdunkeln. Bei genauer Betrachtung unserer Vorlage – jetzt eine blaue Tasse auf der Untertasse – zeigen sich orangene Lichtreflexe auf der blauen Lasur der Tasse. Zwei Komplementärfarben, illuminiert vom matten November-Tageslicht, lassen in dieser Konstellation verschwommene Konturen und neue Farbnuancierungen entstehen.

Die Kommatechnik der Impressionisten empfiehlt mir Kügler als Annäherung. Pastöse Farbe auf die Leinwand tupfen. So schaffte Claude Monet Ende des 19. Jahrhunderts farbige Schatten und entzückte die Kunstwelt. Doch ich bekenne mich zu meinen limitierten Möglichkeiten und wir widmen uns noch kurz aktuellen Künstlern wie James Turell und Olafur Eliasson. Sie arbeiten mit Licht als Medium und erschließen neue Wahrnehmungsebenen. Räume, deren Konturen sich in gleißender Helligkeit auflösen oder fließende Bewegungen, die von flackerndem Stroposkoplicht eingefroren werden. Zu sehen auch im Internationalen Museum für Lichtkunst in Unna, ein erhellender Ausflug in dieser dusteren Jahreszeit.

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MindenMT-Serie Licht und Schatten: Mit dem Bleistift zur ErleuchtungAndreas LaubigMinden (lbg). Licht und Schatten sind die DNA der Kunst. Fotografie bannt das Licht mit Hilfe chemischer Prozesse auf Papier, dem Maler oder Zeichner verlangt dieser Vorgang genaues Hinschauen, handwerkliches Geschick und Kunstfertigkeit ab. Ich lasse mich von einem Fachmann in die Grundlagen des zeichnerischen Abbildens einweisen. Mit dem Daumen, Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand umfasst der Mindener Künstler Ulrich Kügler den Bleistift, etwa einen Daumen breit oberhalb der Anspitzkante. „Zwischen Daumen und Zeigefinger muss der Stift auf der Handfläche aufliegen, der Unterarm auf dem Tisch, die Bewegung kommt aus dem Handgelenk – schön locker bleiben.“ Kügler legt eine bräunlich-schwarze, unebene Eisenkugel von etwa zehn Zentimeter Durchmesser auf eine orangefarbene Untertasse – unser abzubildendes Objekt. „Das Tageslicht kommt seitlich und von oben durch eine Fensterreihe, lässt Konturen auf der Oberfläche hervortreten, wirft – entsprechend dem Lichteinfall – einen ovalen Schattenriss auf die Untertasse, von wo das Licht, farbig angereichert, zurückgeworfen wird“. Mit geschultem Blick weist der Künstler auf Details und feine Nuancierungen hin. Das banale Alltagsobjekt zeigt – ohne Effekt oder Inszenierung – ein hochkomplexes Zusammenspiel von Licht, getrübtem Halblicht, Reflexen, Schattenwurf und Düsternis. Um mich nicht bereits bei den Anfängen einer zeichnerischen Wiedergabe verzweifeln zu lassen, beschränken wir uns auf eine Bleistiftzeichnung, Kunst ist schließlich auch Reduktion. Dann geht es mit lockerer Hand ans „Schummern“: kleine, kreisförmige Rundbewegungen des Bleistiftes schaffen Grauwerte – von wenig auf Null kommen, weiche Übergänge, keine Kanten. Küglers Erfahrungen als Kunstpädagoge sind hilfreich, doch schnell drängt sich der Verdacht auf, dass Kunst vielleicht doch von „Können“ abzuleiten sein könnte. Durch geschummerte Abstufungen von hell- bis dunkelgrau lassen sich zwar Lichtquellen und Schatten nachempfinden, doch bis zu einer – lediglich auf schwarz-weiß-grau reduzierten – Wiedergabe des Sichtbaren ist es noch ein ganz weiter Weg. Eine andere Technik ist die Schraffur. Mit parallel gebündelter Strichführung, per Kreuzschraffur reduzieren wir die Erleuchtung auf ein Minimum, beschränkt auf schwarz, weiß, grau. Natürlich ist es im Schatten weniger hell, aber doch nicht farblos. Mit Tusche könnten wir uns einer farbigen Wiedergabe annähern – die Farben mit weiß aufhellen und mit schwarz abdunkeln. Bei genauer Betrachtung unserer Vorlage – jetzt eine blaue Tasse auf der Untertasse – zeigen sich orangene Lichtreflexe auf der blauen Lasur der Tasse. Zwei Komplementärfarben, illuminiert vom matten November-Tageslicht, lassen in dieser Konstellation verschwommene Konturen und neue Farbnuancierungen entstehen. Die Kommatechnik der Impressionisten empfiehlt mir Kügler als Annäherung. Pastöse Farbe auf die Leinwand tupfen. So schaffte Claude Monet Ende des 19. Jahrhunderts farbige Schatten und entzückte die Kunstwelt. Doch ich bekenne mich zu meinen limitierten Möglichkeiten und wir widmen uns noch kurz aktuellen Künstlern wie James Turell und Olafur Eliasson. Sie arbeiten mit Licht als Medium und erschließen neue Wahrnehmungsebenen. Räume, deren Konturen sich in gleißender Helligkeit auflösen oder fließende Bewegungen, die von flackerndem Stroposkoplicht eingefroren werden. Zu sehen auch im Internationalen Museum für Lichtkunst in Unna, ein erhellender Ausflug in dieser dusteren Jahreszeit.