Minden

Handarbeit für jedes Exponat: Im Musem entsteht eine Bier-Ausstellung

Ursula Koch

Christian Cordes zeigt den aufwändig gestalteten Deckel eines Bierkruges. MT-Fotos: Alex Lehn
Christian Cordes zeigt den aufwändig gestalteten Deckel eines Bierkruges. MT-Fotos: Alex Lehn

Minden (mt). Für kurze Zeit verwandelt sich die Diele des Hauses Ritterstraße 23 der Museumszeile in eine Werkstatt. Vor dem Fenster zum Innenhof ist ein Arbeitstisch aufgebaut, neben der Treppe stehen große Kartons, auf dem Boden steht noch ein großes Metallbehältnis, das auf die endgültige Platzierung wartet.

Das Berliner Unternehmen Zehnpfennig und Weber richtet für das Mindener Museum die Ausstellung über Bier ein. Dafür sind die beiden Objekteinrichter Christian Cordes und Martin Joef angereist. „Wir haben nicht das Pesonal, um solche Aufgaben zu erledigen“, berichtet die stellvertretende Museumsleiterin Dr. Marion Tüting, die zusammen mit Philipp Koch und der Museumspädagogin den laufenden Betrieb managt. Das Konzept für die Ausstellung hat die Mindener Historikerin Uschi Bender-Wittmann erarbeitet. Sie hat die Themenkomplexe festgelegt, die Exponate aus dem Depot ausgewählt und die Erläuterungstexte geschrieben.

Mit solchen Hohlmaßen aus Messing regulierte die Stadt schon im 16. Jahrhundert die Bierherstellung.
Mit solchen Hohlmaßen aus Messing regulierte die Stadt schon im 16. Jahrhundert die Bierherstellung.

Damit, die Objekte einfach in Vitrinen zu stellen, ist es nicht getan. Historische Glasgefäße müssen gesichert werden, damit sie nicht durch Erschütterungen des Bodens umkippen können. Außerdem sollen die Besucher möglichst auf den ersten Blick erkennen können, worum es sich bei dem Objekt handelt oder Hefte müssen so aufgestellt werden, dass sich das Publikum nicht verrenken muss, um den Text lesen zu können.

Dafür ist viel Expertenwissen notwendig, denn die historischen Objekte sind empfindlich. Darum ist es nun Aufgabe von Joef und Cordes, die Vitrinen nach den Vorgaben einzurichten. Joef schneidet aus säurefreiem Karton ein kleine Podest für ein kleines Heftchen, Cordes biegt Edelstahldraht zurecht. Damit will er einen Brandstempel schwebend in der Vitrine aufstellen, damit der Besucher das Stadtwappen und die Jahreszahl 1690 entziffern kann. Für einige Objekte muss jeweils eine individuelle Halterung angepasst werden.

Die kunstvoll dekorierten Krüge sind Beleg dafür, dass Bier über lange Zeit zu den Grundnahrungsmitteln gehörte.
Die kunstvoll dekorierten Krüge sind Beleg dafür, dass Bier über lange Zeit zu den Grundnahrungsmitteln gehörte.

Um den Draht zu löten, wechselt Cordes in einen der Innenhöfe, damit kein Brandmelder Alarm schlägt. Die Museumsdiele ist eben doch nur eine improvisierte Werkstatt. „In den 70er Jahren wurde in Museen viel mit Kunstharz gearbeitet“, berichtet Joef. Darum sei heute allerdings von manchen historischen Objekten nur noch die äußere Hülle übrig. Marion Tüting hat schlechte Erfahrungen mit „Museumswachs“ gemacht. „Das war in das Tongefäß hineingezogen. Das hatte ich bei einem Produkt, das als Museumswachs bezeichnet wird, nicht erwartet“, erinnert sie sich.

Cordes und Joef haben beide Kunst studiert, Joef ist Bildhauer, Cordes Maler und Designer. Beide gestalten bereits seit Jahrzehnten Ausstellungen für Museen. In drei Tagen wollen sie alle Vitrinen, die von einem anderen Spezialunternehmen angefertigt worden sind, mit den Exponaten bestückt haben. Beide waren zuletzt in der Schweiz tätig, in Weimar, Kempten und in Pforzheim haben sie ein Schmuckmuseum eingerichtet. Die Arbeit ist vielseitig, die Anforderungen sind es auch. Hassobjekt beider Experten sind Münzen: Das bedeutet viel Fummelarbeit, weil für jedes einzelne Stück eine zierliche Drahthalterung gebaut werden muss, die der Betrachter möglichst gar nicht bemerken soll.

In Minden sind es allerdings vor allem Gefäße, darunter ein sogenanntes Daubenschälchen. „Das ist ein Holzschälchen aus dem 12. Jahrhundert und war damals ein ganz übliches Trinkgefäß“, erläutert Tüting. Es sei in der großen Ausgrabung in der Bäckerstraße entdeckt worden. Ein Foto, das die Fundsituation zeigt, wird in der Schublade der Vitrine zu sehen sein.

In einer weiteren Vitrine liegen Hohlmaße aus Messing aus dem 16. Jahrhundert, die der Stadt gehörten. Sie sind Ausdruck dafür, dass es schon damals auf die korrekte Menge ankam. In einer großen Vitrine steht das untere Fach voller historischer Bierflaschen in den unterschiedlichsten Formen. Darüber sind die unterschiedlichen Gläser der verschiedenen Mindener Brauereien aufgestellt. „Ich neige ein wenig zum Aufräumen“, sagt Cordes. Das wirkt dann allerdings nicht ansprechend für die Besucher und die Logos auf den Gläsern ließen sich nicht mehr erkennen. Die Bierkrüge hat er dann aber doch in sauberen Reihen angeordnet. Sie sind mit Silikonplatten unterfüttert, damit nichts wackeln kann„Wir müssen hier eine große Menge an Ausstellungsstücken unterbringen, haben aber nicht allzu viel Einflussmöglichkeiten, weil bereits feststeht, welche Glaswände mit Text versehen werden“, berichtet Cordes.

Statt auf der Diele hätte das Museum diese Ausstellung zu gerne im Keller präsentiert, erzählt Tüting. Das sei allerdings wegen der Brandschutzvorschriften nicht möglich, weil der Raum nur über einen schmalen Fluchtweg verfügt. Nur bei Führungen durch das Haus kann das Team den Keller des Hauses zeigen, in dem in vergangenen Jahrhunderten tatsächlich Bier hergestellt worden ist.

Von 300 Brauhäusern im 18. Jahrhundert auf Null:

Das Bierbrauen hat in Minden eine lange Tradition, erläutert die Historikerin Uschi Bender-Wittmann. Im Mittelalter habe Minden ein Privileg gehabt. Das bedeutet, dass in den Schänken der Stadt nur Mindener Bier ausgeschenkt werden durfte. Der Bischof, der damals im Schloss Petershagen residierte, braute sein eigenes Bier. Minden sei in der Herstellung allerdings nie so bedeutend gewesen, wie etwa Einbeck oder auch Hannover.

Das Wasser für Bier wird aufgekocht. Darum war es im Mittelalter das gesündere Getränk, als das häufig verunreinigte Wasser, berichtet Bender-Wittmann.

Aus der Weserterrasse traten am Markt und am unteren Ende der Bäckerstraße Quellen hervor, berichtet die Expertin. Die Feldschlösschen Brauerei an der Marienstraße habe über einen eigenen Brunnen verfügt. Aber auch das Wasser der Stadtbeeke sei zum Brauen verwendet worden.

Das Bierbrauen habe sich in der frühen Neuzeit, im 16. Jahrhundert, zu einem Geschäftsmodell entwickelt.

Brauen durfte zunächst jeder für den Hausgebrauch, berichtet Bender-Wittmann. Für den Verkauf allerdings war eine Braugerechtigkeit Voraussetzung, die bezahlt werden musste. Darüber wachte die Stadt. Eine Genehmigung bekamen nur Bürger, die ein Haus besaßen. „Brauer war damals kein Beruf, sondern eine zusätzliche Einnahmequelle“, sagt Bender-Wittmann.

Um 1785 habe es in Minden an die 300 Brauhäuser gegeben. Das habe allerdings einen ungeheuren bürokratischen Aufwand bedeutet. Auch sei es schwierig gewesen, die Qualität zu halten. Darum seien fünf städtische Brauhäuser eingerichtet worden, die ständig unter Aufsicht standen.

Im 19. Jahrhundert verfiel die Bierwirtschaft. Die Ernährungsgewohnheiten hatten sich geändert. Kartoffeln lösten die Biersuppe als Grundnahrungsmittel ab, Kaffee und Tee wurden immer beliebter.

Die Verbreitung von bayerischem und englischem Bier hätten dem Getränk einen neuen Boom beschert, berichtet Bender-Wittmann. Eine andere Hefe war die Grundlage. Dampfmaschinen wurden in der Produktion eingesetzt. Die Feldschlösschen-Brauerei wurde 1865 in der Bäckerstraße gegründet, die Stiftsbrauerei 1879 in der Nähe des heutigen Gerichtszentrums, die 1918 von Feldschlösschen geschluckt wurde.

Feldschlösschen geriet in den 30er Jahren in wirtschaftliche Schwierigkeiten, 1951 erwarb die Schultheiss-Brauerei Anteile, die schließlich in die Radeberger-Gruppe des Oetker-Konzerns übergingen. Die Brauerei in Minden wurde Anfang der 1980er Jahre stillgelegt, das Betriebsgelände 1990 verkauft.

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MindenHandarbeit für jedes Exponat: Im Musem entsteht eine Bier-AusstellungUrsula KochMinden (mt). Für kurze Zeit verwandelt sich die Diele des Hauses Ritterstraße 23 der Museumszeile in eine Werkstatt. Vor dem Fenster zum Innenhof ist ein Arbeitstisch aufgebaut, neben der Treppe stehen große Kartons, auf dem Boden steht noch ein großes Metallbehältnis, das auf die endgültige Platzierung wartet. Das Berliner Unternehmen Zehnpfennig und Weber richtet für das Mindener Museum die Ausstellung über Bier ein. Dafür sind die beiden Objekteinrichter Christian Cordes und Martin Joef angereist. „Wir haben nicht das Pesonal, um solche Aufgaben zu erledigen“, berichtet die stellvertretende Museumsleiterin Dr. Marion Tüting, die zusammen mit Philipp Koch und der Museumspädagogin den laufenden Betrieb managt. Das Konzept für die Ausstellung hat die Mindener Historikerin Uschi Bender-Wittmann erarbeitet. Sie hat die Themenkomplexe festgelegt, die Exponate aus dem Depot ausgewählt und die Erläuterungstexte geschrieben. Damit, die Objekte einfach in Vitrinen zu stellen, ist es nicht getan. Historische Glasgefäße müssen gesichert werden, damit sie nicht durch Erschütterungen des Bodens umkippen können. Außerdem sollen die Besucher möglichst auf den ersten Blick erkennen können, worum es sich bei dem Objekt handelt oder Hefte müssen so aufgestellt werden, dass sich das Publikum nicht verrenken muss, um den Text lesen zu können. Dafür ist viel Expertenwissen notwendig, denn die historischen Objekte sind empfindlich. Darum ist es nun Aufgabe von Joef und Cordes, die Vitrinen nach den Vorgaben einzurichten. Joef schneidet aus säurefreiem Karton ein kleine Podest für ein kleines Heftchen, Cordes biegt Edelstahldraht zurecht. Damit will er einen Brandstempel schwebend in der Vitrine aufstellen, damit der Besucher das Stadtwappen und die Jahreszahl 1690 entziffern kann. Für einige Objekte muss jeweils eine individuelle Halterung angepasst werden. Um den Draht zu löten, wechselt Cordes in einen der Innenhöfe, damit kein Brandmelder Alarm schlägt. Die Museumsdiele ist eben doch nur eine improvisierte Werkstatt. „In den 70er Jahren wurde in Museen viel mit Kunstharz gearbeitet“, berichtet Joef. Darum sei heute allerdings von manchen historischen Objekten nur noch die äußere Hülle übrig. Marion Tüting hat schlechte Erfahrungen mit „Museumswachs“ gemacht. „Das war in das Tongefäß hineingezogen. Das hatte ich bei einem Produkt, das als Museumswachs bezeichnet wird, nicht erwartet“, erinnert sie sich. Cordes und Joef haben beide Kunst studiert, Joef ist Bildhauer, Cordes Maler und Designer. Beide gestalten bereits seit Jahrzehnten Ausstellungen für Museen. In drei Tagen wollen sie alle Vitrinen, die von einem anderen Spezialunternehmen angefertigt worden sind, mit den Exponaten bestückt haben. Beide waren zuletzt in der Schweiz tätig, in Weimar, Kempten und in Pforzheim haben sie ein Schmuckmuseum eingerichtet. Die Arbeit ist vielseitig, die Anforderungen sind es auch. Hassobjekt beider Experten sind Münzen: Das bedeutet viel Fummelarbeit, weil für jedes einzelne Stück eine zierliche Drahthalterung gebaut werden muss, die der Betrachter möglichst gar nicht bemerken soll. In Minden sind es allerdings vor allem Gefäße, darunter ein sogenanntes Daubenschälchen. „Das ist ein Holzschälchen aus dem 12. Jahrhundert und war damals ein ganz übliches Trinkgefäß“, erläutert Tüting. Es sei in der großen Ausgrabung in der Bäckerstraße entdeckt worden. Ein Foto, das die Fundsituation zeigt, wird in der Schublade der Vitrine zu sehen sein. In einer weiteren Vitrine liegen Hohlmaße aus Messing aus dem 16. Jahrhundert, die der Stadt gehörten. Sie sind Ausdruck dafür, dass es schon damals auf die korrekte Menge ankam. In einer großen Vitrine steht das untere Fach voller historischer Bierflaschen in den unterschiedlichsten Formen. Darüber sind die unterschiedlichen Gläser der verschiedenen Mindener Brauereien aufgestellt. „Ich neige ein wenig zum Aufräumen“, sagt Cordes. Das wirkt dann allerdings nicht ansprechend für die Besucher und die Logos auf den Gläsern ließen sich nicht mehr erkennen. Die Bierkrüge hat er dann aber doch in sauberen Reihen angeordnet. Sie sind mit Silikonplatten unterfüttert, damit nichts wackeln kann„Wir müssen hier eine große Menge an Ausstellungsstücken unterbringen, haben aber nicht allzu viel Einflussmöglichkeiten, weil bereits feststeht, welche Glaswände mit Text versehen werden“, berichtet Cordes. Statt auf der Diele hätte das Museum diese Ausstellung zu gerne im Keller präsentiert, erzählt Tüting. Das sei allerdings wegen der Brandschutzvorschriften nicht möglich, weil der Raum nur über einen schmalen Fluchtweg verfügt. Nur bei Führungen durch das Haus kann das Team den Keller des Hauses zeigen, in dem in vergangenen Jahrhunderten tatsächlich Bier hergestellt worden ist. Von 300 Brauhäusern im 18. Jahrhundert auf Null: Das Bierbrauen hat in Minden eine lange Tradition, erläutert die Historikerin Uschi Bender-Wittmann. Im Mittelalter habe Minden ein Privileg gehabt. Das bedeutet, dass in den Schänken der Stadt nur Mindener Bier ausgeschenkt werden durfte. Der Bischof, der damals im Schloss Petershagen residierte, braute sein eigenes Bier. Minden sei in der Herstellung allerdings nie so bedeutend gewesen, wie etwa Einbeck oder auch Hannover. Das Wasser für Bier wird aufgekocht. Darum war es im Mittelalter das gesündere Getränk, als das häufig verunreinigte Wasser, berichtet Bender-Wittmann. Aus der Weserterrasse traten am Markt und am unteren Ende der Bäckerstraße Quellen hervor, berichtet die Expertin. Die Feldschlösschen Brauerei an der Marienstraße habe über einen eigenen Brunnen verfügt. Aber auch das Wasser der Stadtbeeke sei zum Brauen verwendet worden. Das Bierbrauen habe sich in der frühen Neuzeit, im 16. Jahrhundert, zu einem Geschäftsmodell entwickelt. Brauen durfte zunächst jeder für den Hausgebrauch, berichtet Bender-Wittmann. Für den Verkauf allerdings war eine Braugerechtigkeit Voraussetzung, die bezahlt werden musste. Darüber wachte die Stadt. Eine Genehmigung bekamen nur Bürger, die ein Haus besaßen. „Brauer war damals kein Beruf, sondern eine zusätzliche Einnahmequelle“, sagt Bender-Wittmann. Um 1785 habe es in Minden an die 300 Brauhäuser gegeben. Das habe allerdings einen ungeheuren bürokratischen Aufwand bedeutet. Auch sei es schwierig gewesen, die Qualität zu halten. Darum seien fünf städtische Brauhäuser eingerichtet worden, die ständig unter Aufsicht standen. Im 19. Jahrhundert verfiel die Bierwirtschaft. Die Ernährungsgewohnheiten hatten sich geändert. Kartoffeln lösten die Biersuppe als Grundnahrungsmittel ab, Kaffee und Tee wurden immer beliebter. Die Verbreitung von bayerischem und englischem Bier hätten dem Getränk einen neuen Boom beschert, berichtet Bender-Wittmann. Eine andere Hefe war die Grundlage. Dampfmaschinen wurden in der Produktion eingesetzt. Die Feldschlösschen-Brauerei wurde 1865 in der Bäckerstraße gegründet, die Stiftsbrauerei 1879 in der Nähe des heutigen Gerichtszentrums, die 1918 von Feldschlösschen geschluckt wurde. Feldschlösschen geriet in den 30er Jahren in wirtschaftliche Schwierigkeiten, 1951 erwarb die Schultheiss-Brauerei Anteile, die schließlich in die Radeberger-Gruppe des Oetker-Konzerns übergingen. Die Brauerei in Minden wurde Anfang der 1980er Jahre stillgelegt, das Betriebsgelände 1990 verkauft.