Minden

Mindener Betrugsopfer Heinrich Traue landet mit seiner Phantom-Geschichte im Fernsehen

Stefan Koch

Nachdem die Maskenbildnerin am Werk war, stellte sich Heinrich Traue den Fragen. Der Termin mit dem Kamerateam dauerte gestern einen ganzen Tag. MT- - © Foto: Stefan Koch
Nachdem die Maskenbildnerin am Werk war, stellte sich Heinrich Traue den Fragen. Der Termin mit dem Kamerateam dauerte gestern einen ganzen Tag. MT- (© Foto: Stefan Koch)

Minden (mt). „Ich will wirklich nicht im Fokus stehen", versichert Heinrich Traue (61). Dass einmal ein Fernsehteam im Auftrag des ZDF extra wegen ihm nach Minden kommt, sich im Victoria Hotel einquartiert, dort einen Raum als Drehort herrichtet, um ihn einen ganzen Tag lang zu interviewen, hätte er nicht gedacht. Doch das passierte gestern. Und während der Frührentner die Arbeit der Maskenbildnerin über sich ergehen lässt, der Tontechniker Kabel unter seiner Kleidung installiert, der Kameramann die Beleuchtung testet, passiert in Wuppertal etwas, mit dem er und auch die Fernsehmannschaft schon gar nicht mehr gerechnet hatten.

Heinrich Traue ist vor drei Jahren das Opfer eines Betrügers geworden. Ein offenbar Vorbestrafter hatte monatelang die Identität des Mindeners missbraucht. Er ließ sich unter dem Namen des 61-Jährigen in Kliniken in Remscheid, Bielefeld, Gütersloh, Düsseldorf und Wuppertal als Notfallpatient aufnehmen und gab an, die Rechnung zunächst direkt begleichen zu wollen. Zudem bestellte er vom Krankenbett aus Waren aller Art, führte kostspielige Telefonate und ließ sich unter anderem mit Sex-Hotlines verbinden. Anschließend verschwand er unerkannt und blieb ein Phantom.

Die geschädigten Firmen schickten dagegen dem Mindener ihre Rechnungen, da der Betrüger seine Adresse angegeben hatte. Lebensversicherungen meldeten sich bei ihm und wollen Geld sehen. Banken schickten Formulare und Anwählte Mahnschreiben. Zuletzt sollte Traue sogar Gebühren für Familiendokumente entrichten, die der Unbekannte bei Standesämtern angefordert hatte. Aus Tschechien kamen vor zwei Jahren noch Antragsformulare für einen Führerschein. Dann hörte Traue nichts mehr. Es interessierten sich weder Ermittler noch Gerichte für ihn. Lediglich die Schufa hatte ihn weiterhin als kreditunwürdige Person gespeichert, obwohl der Diebstahl seiner Identität und damit das Missverständnis längst erwiesen war.

Eher beiläufig teilte die Polizei Gütersloh Heinrich Traue im August mit, dass das Phantom irgendwann gefasst worden sei. Es handelte sich um einen 55-jährigen Deutschen. Das Wuppertaler Schöffengericht klagte den Mann wegen gewerbsmäßigen Betruges an.

Auf den Fall wurden die überregionalen Medien rasch aufmerksam. Nachdem bereits der WDR und Radio Westfalica ihre Beiträge über Traue als Betrugsopfer gesendet hatten, meldete sich auch das Fernsehen an. So will das ZDF für seine Serie „Vorsicht Betrug" aus der Aktenzeichen-XY-Reihe Traues Geschichte nachstellen. Dazu war vor einigen Wochen das Medienunternehmen Securitel aus Ismaning (München) bei Traue zu Besuch, um Material zum Drehbuch für die Sendung am 26. Februar kommenden Jahres zu sammeln. Und auch zur Gerichtsverhandlung in Wuppertal am 15. November wollte das Fernsehteam mit Traue vor Ort sein, als sich der 55-jährige Angeklagte für die Taten verantworten sollte. Doch wenige Tage zuvor stellte sich heraus, dass er erneut die Flucht ergriffen hatte. Offenbar aufgrund einer Justizpanne konnte er unter der Auflage, sich einer Drogentherapie zu unterziehen, die Haftanstalt in Remscheid verlassen. So glaubt auch gestern Morgen noch das Team der Securitel GmbH im Victoria Hotel, dass sich der Gesuchte auf freiem Fuß befindet.

Wenn der Fall im kommenden Jahr im ZDF zu sehen ist, stellen Schauspieler die Handlung nach. Zwischendurch werden Sequenzen aus dem Interview mit Heinrich Traue eingeblendet. Auf den Termin bereitete das Medienunternehmen den Mindener vor. Drei Garnituren Garderobe sollte er mitbringen. Darunter sollten sich keine karierten oder weißen Hemden befinden. Am besten, so hatten ihm die Fernsehleute mitgeteilt, seien blaue Sachen. Rudolf Schweiger von der Securitel GmbH fragt ihn jetzt, wie er sich erkläre könne, zum Opfer des Identitätsdiebes geworden zu sein.

Viele Laien seien bei solchen Drehtermin aufgeregt meint Schweiger danach. Er versuche dann, den Ablauf möglichst ruhig zu gestalten und den Interviewten von der laufenden Kamera abzulenken, die nun einmal ihm gegenüber stehen müsse.

Aufgeregt? „Nur ein bisschen", sagt Traue, dem das Team eine Zigarettenpause gönnt. „Beim Interview mit Radio Westfalica war ich jedenfalls aufgeregter als jetzt." Dennoch ist er von der Menge an Technik beeindruckt, die ihn in dem für den Drehtermin umgeräumten Nebenraum umgibt. „Das hätte nicht in meine Wohnung hineingepasst."

Traue ist sich bewusst, dass er nicht zum letzten Mal vor einer Kamera sitzen wird. Denn wenn am Aschermittwoch im kommenden Jahr ab 20.15 Uhr die Live-Übertragung „Vorsicht Betrug" in München ausgestrahlt wird, sitzt er auf Einladung des ZDF mit im Publikum. Wenn Rudi Cerne die Sendung moderiert, kommen auch Opfer anderer Betrüger zur Sprache. Dann geht es um Baubetrug und „Love Scam", bei dem die Hintermänner im Internet mit virtuellen Liebespartnern eine Art Heiratsschwindel betreiben. Auch der „CEO Fraud", eine Masche, bei der Kriminelle durch fingierte Rechnungen Firmen um Geld erleichtern, kommt zur Sprache. Und da muss auch Traue damit rechnen, vor einer Öffentlichkeit von rund fünf Millionen Fernsehzuschauern über seinen Fall zu reden. „Vielleicht schaut dann der, der mir das alles eingebrockt hat selbst zu", sagt der 61-Jährige.

Doch kurze Zeit später schlägt eine Nachricht wie ein Blitz ein. Die Wuppertaler Staatsanwaltschaft teilt Schweiger während der Dreharbeiten mit, dass soeben die Wuppertaler Polizei den wegen Betruges angeklagten Flüchtigen erneut geschnappt hat. Über die Umstände der Festnahme können weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaft gegenüber dem MT genauere Angaben machen. Sollte die Justiz nicht wieder versagen, wird der 55-Jährige die Ausstrahlung über das Knast-Fernsehen verfolgen müssen.

Mehr als eine Sensation

Kommentar von Stefan Koch 

Ein Betrüger benutzt geschickt den guten Namen eines Mindeners, um eine gigantische Serie an Straftaten hinzulegen – das ist die Sensation, die es bis ins Fernsehen geschafft hat. Aber ist damit die Geschichte wirklich zu Ende?

Hinter dem spektakulären Fall steht ein menschliches Schicksal wie es leider viel zu viele gibt. Um die Opfer von Straftaten kümmert sich nämlich nach Abschluss der Ermittlung weder die Justiz noch die Polizei. Deshalb gibt es seit mehr als 40 Jahren die Hilfsorganisation „Weißer Ring". Doch der ist nicht überall gut aufgestellt und derzeit gibt es vor Ort keine Leitung. Heinrich Traue kann nun selbst zusehen, wie er seinen Eintrag als kreditunwürdige Person bei der Schufa los wird, zu dem ihm der unter seinem Namen operierende Betrüger verholfen hat. Ein Anruf bei den Verantwortlichen des Schuldner-Prangers führte bislang für den Betroffenen ins Leere. Weder Justiz noch Polizei unterstützen ihn bei der Löschung. So muss er sich an jeden einzelnen Gläubiger des Kriminellen wenden, damit dieser seine Denunziation des Falschen zurücknimmt. Derweil zahlt Traue alles in bar, weil er auch keine Kreditkarten benutzen darf.

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Er ließ sich unter dem Namen des 61-Jährigen in Kliniken in Remscheid, Bielefeld, Gütersloh, Düsseldorf und Wuppertal als Notfallpatient aufnehmen und gab an, die Rechnung zunächst direkt begleichen zu wollen. Zudem bestellte er vom Krankenbett aus Waren aller Art, führte kostspielige Telefonate und ließ sich unter anderem mit Sex-Hotlines verbinden. Anschließend verschwand er unerkannt und blieb ein Phantom. Die geschädigten Firmen schickten dagegen dem Mindener ihre Rechnungen, da der Betrüger seine Adresse angegeben hatte. Lebensversicherungen meldeten sich bei ihm und wollen Geld sehen. Banken schickten Formulare und Anwählte Mahnschreiben. Zuletzt sollte Traue sogar Gebühren für Familiendokumente entrichten, die der Unbekannte bei Standesämtern angefordert hatte. Aus Tschechien kamen vor zwei Jahren noch Antragsformulare für einen Führerschein. Dann hörte Traue nichts mehr. Es interessierten sich weder Ermittler noch Gerichte für ihn. Lediglich die Schufa hatte ihn weiterhin als kreditunwürdige Person gespeichert, obwohl der Diebstahl seiner Identität und damit das Missverständnis längst erwiesen war. Eher beiläufig teilte die Polizei Gütersloh Heinrich Traue im August mit, dass das Phantom irgendwann gefasst worden sei. Es handelte sich um einen 55-jährigen Deutschen. Das Wuppertaler Schöffengericht klagte den Mann wegen gewerbsmäßigen Betruges an. Auf den Fall wurden die überregionalen Medien rasch aufmerksam. Nachdem bereits der WDR und Radio Westfalica ihre Beiträge über Traue als Betrugsopfer gesendet hatten, meldete sich auch das Fernsehen an. So will das ZDF für seine Serie „Vorsicht Betrug" aus der Aktenzeichen-XY-Reihe Traues Geschichte nachstellen. Dazu war vor einigen Wochen das Medienunternehmen Securitel aus Ismaning (München) bei Traue zu Besuch, um Material zum Drehbuch für die Sendung am 26. Februar kommenden Jahres zu sammeln. Und auch zur Gerichtsverhandlung in Wuppertal am 15. November wollte das Fernsehteam mit Traue vor Ort sein, als sich der 55-jährige Angeklagte für die Taten verantworten sollte. Doch wenige Tage zuvor stellte sich heraus, dass er erneut die Flucht ergriffen hatte. Offenbar aufgrund einer Justizpanne konnte er unter der Auflage, sich einer Drogentherapie zu unterziehen, die Haftanstalt in Remscheid verlassen. So glaubt auch gestern Morgen noch das Team der Securitel GmbH im Victoria Hotel, dass sich der Gesuchte auf freiem Fuß befindet. Wenn der Fall im kommenden Jahr im ZDF zu sehen ist, stellen Schauspieler die Handlung nach. Zwischendurch werden Sequenzen aus dem Interview mit Heinrich Traue eingeblendet. Auf den Termin bereitete das Medienunternehmen den Mindener vor. Drei Garnituren Garderobe sollte er mitbringen. Darunter sollten sich keine karierten oder weißen Hemden befinden. Am besten, so hatten ihm die Fernsehleute mitgeteilt, seien blaue Sachen. Rudolf Schweiger von der Securitel GmbH fragt ihn jetzt, wie er sich erkläre könne, zum Opfer des Identitätsdiebes geworden zu sein. Viele Laien seien bei solchen Drehtermin aufgeregt meint Schweiger danach. Er versuche dann, den Ablauf möglichst ruhig zu gestalten und den Interviewten von der laufenden Kamera abzulenken, die nun einmal ihm gegenüber stehen müsse. Aufgeregt? „Nur ein bisschen", sagt Traue, dem das Team eine Zigarettenpause gönnt. „Beim Interview mit Radio Westfalica war ich jedenfalls aufgeregter als jetzt." Dennoch ist er von der Menge an Technik beeindruckt, die ihn in dem für den Drehtermin umgeräumten Nebenraum umgibt. „Das hätte nicht in meine Wohnung hineingepasst." Traue ist sich bewusst, dass er nicht zum letzten Mal vor einer Kamera sitzen wird. Denn wenn am Aschermittwoch im kommenden Jahr ab 20.15 Uhr die Live-Übertragung „Vorsicht Betrug" in München ausgestrahlt wird, sitzt er auf Einladung des ZDF mit im Publikum. Wenn Rudi Cerne die Sendung moderiert, kommen auch Opfer anderer Betrüger zur Sprache. Dann geht es um Baubetrug und „Love Scam", bei dem die Hintermänner im Internet mit virtuellen Liebespartnern eine Art Heiratsschwindel betreiben. Auch der „CEO Fraud", eine Masche, bei der Kriminelle durch fingierte Rechnungen Firmen um Geld erleichtern, kommt zur Sprache. Und da muss auch Traue damit rechnen, vor einer Öffentlichkeit von rund fünf Millionen Fernsehzuschauern über seinen Fall zu reden. „Vielleicht schaut dann der, der mir das alles eingebrockt hat selbst zu", sagt der 61-Jährige. Doch kurze Zeit später schlägt eine Nachricht wie ein Blitz ein. Die Wuppertaler Staatsanwaltschaft teilt Schweiger während der Dreharbeiten mit, dass soeben die Wuppertaler Polizei den wegen Betruges angeklagten Flüchtigen erneut geschnappt hat. Über die Umstände der Festnahme können weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaft gegenüber dem MT genauere Angaben machen. Sollte die Justiz nicht wieder versagen, wird der 55-Jährige die Ausstrahlung über das Knast-Fernsehen verfolgen müssen. Mehr als eine Sensation Kommentar von Stefan Koch  Ein Betrüger benutzt geschickt den guten Namen eines Mindeners, um eine gigantische Serie an Straftaten hinzulegen – das ist die Sensation, die es bis ins Fernsehen geschafft hat. Aber ist damit die Geschichte wirklich zu Ende? Hinter dem spektakulären Fall steht ein menschliches Schicksal wie es leider viel zu viele gibt. Um die Opfer von Straftaten kümmert sich nämlich nach Abschluss der Ermittlung weder die Justiz noch die Polizei. Deshalb gibt es seit mehr als 40 Jahren die Hilfsorganisation „Weißer Ring". Doch der ist nicht überall gut aufgestellt und derzeit gibt es vor Ort keine Leitung. Heinrich Traue kann nun selbst zusehen, wie er seinen Eintrag als kreditunwürdige Person bei der Schufa los wird, zu dem ihm der unter seinem Namen operierende Betrüger verholfen hat. Ein Anruf bei den Verantwortlichen des Schuldner-Prangers führte bislang für den Betroffenen ins Leere. Weder Justiz noch Polizei unterstützen ihn bei der Löschung. So muss er sich an jeden einzelnen Gläubiger des Kriminellen wenden, damit dieser seine Denunziation des Falschen zurücknimmt. Derweil zahlt Traue alles in bar, weil er auch keine Kreditkarten benutzen darf. Weitere Artikel zum Thema finden Sie hier.