Minden

Geschichtspreis für Streitigkeiten in der Lübbecker Mark

Jürgen Langenkämper

Geschichtspreis des Mindener Geschichtsvereins: Prof. Dr. Werner Freitag (von links), Sebastian Schröder, Peter Kock und Ulrike Grannemann bei der Preisverleihung. MT- - © Foto: Langenkämper
Geschichtspreis des Mindener Geschichtsvereins: Prof. Dr. Werner Freitag (von links), Sebastian Schröder, Peter Kock und Ulrike Grannemann bei der Preisverleihung. MT- (© Foto: Langenkämper)

Minden (mt). 20 bewaffnete Bürger zogen im Jahre 1688 von Lübbecke zum Rittergut Crollage, um vier Fuder Eichenholz zu beschlagnahmen, die der dortige Wassermüller abgeholzt hatte – illegal, wie die Bürger meinten. Dass wir heute von der Episode wissen, ist dem damals ausgefochtenen Rechtsstreit zu verdanken und der Akribie, mit der der Historiker Sebastian Schröder solchen Konflikten in der Lübbecker Feldmark nachgegangen ist – und das über einen Zeitraum von 130 Jahren.

Für seine 2016 vorgelegte Masterarbeit an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ist der 29-Jährige mit dem Geschichtspreis des Mindener Geschichtsvereins 2019 ausgezeichnet worden. Dem Preisträger sei es gelungen, „Agrargeschichte und Stadtgeschichte auf innovative Art und Weise zu verknüpfen“, sagte Prof. Dr. Werner Freitag in seiner Laudatio bei der Verleihung des mit 2.500 Euro dotierten Preises am Dienstagabend in der Aula der Domschule. „Dass Städte Herrschaftsansprüche über außerhalb des städtischen Umlandes befindliche Marken und über Markengenossen beanspruchten, ist bisher noch nicht thematisiert worden.“

Schröder untersuchte in seiner Arbeit, die mit Förderung durch die Paul und Karin Gauselmann-Stiftung 2018 als Band 29 in der Reihe „Westfalen in der Vormoderne“ publiziert wurde, auch die sozialen Träger der Markenherrschaft, die städtischen „Markenherren“ aus Ritterschaft, Bürgermeistern und Rat, oder die Holzgeschworenen, die Hölter, die Holzdiebstählen ahndeten. Aufgrund der Protokolle, der er im Stadtarchiv Lübbecke fand, konnte der Historiker in seiner Studie zeigen, dass die Holzgerichte „nicht nur der Abstrafung dienten“, so Freitag. „Oft ging es darum, dass die anwesenden Genossen anhand eines Fragenkatalogs die Rechte der Markenherren anerkannten.“ Die Darstellung lese sich „wie ein Krimi“, meinte der Landesgeschichtler, der inzwischen auch das Promotionsvorhaben des Nachwuchshistorikers aus Preußisch Oldendorf betreut. In dessen Mittelpunkt stehen Akzisestädte in Westfalen, eine vor 300 Jahren in Preußen geförderte Stadtform.

Der Preisträger schloss in seinen Dank an Familie, Freunde, Förderer, Weggefährten und Geschichtsverein auch jene „mehr als 600 Personen ein, mit denen ich mich im Rahmen der Masterarbeit beschäftigt habe“. Hätten sie sich nicht gestritten und Normen überschritten, hätte es auch keine schriftlichen Unterlagen als Basis für seine Forschung gegeben. Schröder unterstrich, dass es Ziel seiner „detektivischen Erkundungen“ sei, „Menschen und ihr Handeln zu verstehen“.

Es sei ihm „trefflich gelungen, diesen Teil der Geschichte darzustellen“, beglückwünschte die Vorsitzende des Kreiskulturausschusses, Ulrike Grannemann, den jungen Historiker bei der Veranstaltung. Daran nahmen neben zahlreichen Besuchern aus dem Lübbecker Raum und Vertretern der historischen Vereine aus Bielefeld und Lippe auch Mitglieder der Historischen Kommission für Westfalen teil. „Lokal- und Regionalgeschichte sind nicht allein Selbstzweck“, sagte der Vorsitzende des Mindener Geschichtsvereins, Peter Kock. „Sie steht im Rahmen gesellschaftspolitischer Relevanz und Notwendigkeit.“ Der Geschichtsverein, der sich als Institution nicht allein für die Stadt, sondern für das gesamte ehemalige Fürstentum Minden begreift, zeichnete mit der Lübbecker Mark nicht zum ersten Mal eine historische Studie aus dem Westkreis aus, so schon 2016 zum jüdischen Leben in Preußisch Oldendorf und 2013 zum Dorf Drohne.

Wie bedroht mutige historische Arbeit ist, zeigte Kock am Beispiel des Journalisten Julian Feldmann, der zur Ahnenstätte Seelenfeld geforscht hat. Aktuell versuchen Rechtsextreme massiv, ihn einzuschüchtern.

Sebastian Schröder, Die Lübbecker Mark. Die Organisation städtischer Markenherrschaft im Minden-Ravensberger Land (1570-1700), Münster 2018, Aschendorff-Verlag, 248 Seiten, 49 Euro, ISBN 3402150735

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MindenGeschichtspreis für Streitigkeiten in der Lübbecker MarkJürgen LangenkämperMinden (mt). 20 bewaffnete Bürger zogen im Jahre 1688 von Lübbecke zum Rittergut Crollage, um vier Fuder Eichenholz zu beschlagnahmen, die der dortige Wassermüller abgeholzt hatte – illegal, wie die Bürger meinten. Dass wir heute von der Episode wissen, ist dem damals ausgefochtenen Rechtsstreit zu verdanken und der Akribie, mit der der Historiker Sebastian Schröder solchen Konflikten in der Lübbecker Feldmark nachgegangen ist – und das über einen Zeitraum von 130 Jahren. Für seine 2016 vorgelegte Masterarbeit an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ist der 29-Jährige mit dem Geschichtspreis des Mindener Geschichtsvereins 2019 ausgezeichnet worden. Dem Preisträger sei es gelungen, „Agrargeschichte und Stadtgeschichte auf innovative Art und Weise zu verknüpfen“, sagte Prof. Dr. Werner Freitag in seiner Laudatio bei der Verleihung des mit 2.500 Euro dotierten Preises am Dienstagabend in der Aula der Domschule. „Dass Städte Herrschaftsansprüche über außerhalb des städtischen Umlandes befindliche Marken und über Markengenossen beanspruchten, ist bisher noch nicht thematisiert worden.“ Schröder untersuchte in seiner Arbeit, die mit Förderung durch die Paul und Karin Gauselmann-Stiftung 2018 als Band 29 in der Reihe „Westfalen in der Vormoderne“ publiziert wurde, auch die sozialen Träger der Markenherrschaft, die städtischen „Markenherren“ aus Ritterschaft, Bürgermeistern und Rat, oder die Holzgeschworenen, die Hölter, die Holzdiebstählen ahndeten. Aufgrund der Protokolle, der er im Stadtarchiv Lübbecke fand, konnte der Historiker in seiner Studie zeigen, dass die Holzgerichte „nicht nur der Abstrafung dienten“, so Freitag. „Oft ging es darum, dass die anwesenden Genossen anhand eines Fragenkatalogs die Rechte der Markenherren anerkannten.“ Die Darstellung lese sich „wie ein Krimi“, meinte der Landesgeschichtler, der inzwischen auch das Promotionsvorhaben des Nachwuchshistorikers aus Preußisch Oldendorf betreut. In dessen Mittelpunkt stehen Akzisestädte in Westfalen, eine vor 300 Jahren in Preußen geförderte Stadtform. Der Preisträger schloss in seinen Dank an Familie, Freunde, Förderer, Weggefährten und Geschichtsverein auch jene „mehr als 600 Personen ein, mit denen ich mich im Rahmen der Masterarbeit beschäftigt habe“. Hätten sie sich nicht gestritten und Normen überschritten, hätte es auch keine schriftlichen Unterlagen als Basis für seine Forschung gegeben. Schröder unterstrich, dass es Ziel seiner „detektivischen Erkundungen“ sei, „Menschen und ihr Handeln zu verstehen“. Es sei ihm „trefflich gelungen, diesen Teil der Geschichte darzustellen“, beglückwünschte die Vorsitzende des Kreiskulturausschusses, Ulrike Grannemann, den jungen Historiker bei der Veranstaltung. Daran nahmen neben zahlreichen Besuchern aus dem Lübbecker Raum und Vertretern der historischen Vereine aus Bielefeld und Lippe auch Mitglieder der Historischen Kommission für Westfalen teil. „Lokal- und Regionalgeschichte sind nicht allein Selbstzweck“, sagte der Vorsitzende des Mindener Geschichtsvereins, Peter Kock. „Sie steht im Rahmen gesellschaftspolitischer Relevanz und Notwendigkeit.“ Der Geschichtsverein, der sich als Institution nicht allein für die Stadt, sondern für das gesamte ehemalige Fürstentum Minden begreift, zeichnete mit der Lübbecker Mark nicht zum ersten Mal eine historische Studie aus dem Westkreis aus, so schon 2016 zum jüdischen Leben in Preußisch Oldendorf und 2013 zum Dorf Drohne. Wie bedroht mutige historische Arbeit ist, zeigte Kock am Beispiel des Journalisten Julian Feldmann, der zur Ahnenstätte Seelenfeld geforscht hat. Aktuell versuchen Rechtsextreme massiv, ihn einzuschüchtern. Sebastian Schröder, Die Lübbecker Mark. Die Organisation städtischer Markenherrschaft im Minden-Ravensberger Land (1570-1700), Münster 2018, Aschendorff-Verlag, 248 Seiten, 49 Euro, ISBN 3402150735