Minden

Begraben auf dem Nordfriedhof: Jürgen A. Mayer fiel mit 25 Jahren in Vietnam

Jürgen Langenkämper

Minden (mt). Kein Krieg der jüngeren Geschichte hat das Bewusstsein der amerikanischen Nation so sehr geprägt wie der Vietnam-Krieg. Die Schätzungen der Opferzahlen gehen weit auseinander und schwanken zwischen zwei und mehr als fünf Millionen, darunter bis zu 1,4 Millionen Soldaten und der Rest – je nach Schätzung – mehr oder weniger Zivilisten. Auch in Minden hinterließ der Krieg Narben. Auf dem Nordfriedhof liegt seit 1966 ein US-Soldat, Sergeant Juergen A. Mayer. Für eine Freiwilligenorganisation war er eines der letzten unbekannten Gesichter ihrer weltweiten Suchaktion.

Sergeant Jürgen A. Mayer. - © Foto: Sammlung Hochwald
Sergeant Jürgen A. Mayer. (© Foto: Sammlung Hochwald)

„Von den 58.310 Männern und acht Frauen, die in Vietnam starben, haben wir jetzt mindestens ein Foto von 57.925 veröffentlicht auf der Wand der Gesichter“, schrieben Mary DeWitt-Huensch und Janna Hoehn dem Mindener Tageblatt. Beide engagieren sich beim Vietnam Veterans Memorial Fund (VVMF) in Washington, D. C., für das Foto-Projekt „The Wall of Faces“. „Derzeit suchen wir nach Familienmitgliedern eines jungen Mannes namens Jürgen August Mayer“, schrieben sie. „Er und zwei weitere Männer starben, als ihr Konvoi am 8. August 1966 in einen Hinterhalt geriet.“ Sie wussten auch, dass der gefallene Sergeant der US-Army, der in einer Artillerie-Nachrichteneinheit gedient hatte, auf dem Nordfriedhof „in der Marienstraße in Minden“ beigesetzt war. Eine sehr konkrete Ortsangabe, die eine Verwechslung mit einem der Minden in den USA, in Louisiana, Nebraska, Nevada oder sonst wo ausschloss.

Und tatsächlich ließen sich im digitalen Archiv eine kurze Notiz über den Tod und kurz darauf zwei Fotos mit einigen wenigen, pietätvollen Zeilen finden – mit einem kleinen Fehler. „Hans [sic] Jürgen Mayer aus Minden, der vor fünf Jahren in die USA auswanderte und kürzlich die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hatte, ist als amerikanischer Soldat in Vietnam gefallen“, erfuhren die MT-Leser am 1. September 1966. „Diese schmerzliche Nachricht mußte den in Minden lebenden Eltern überbracht werden.“ Der Leichnam solle hier beigesetzt werden. „Der Gefallene war kurz nach dem Erwerb der amerikanischen Staatsbürgerschaft zur US-Armee als Rekrut einberufen und nach Vietnam abkommandiert worden“, hieß es in lakonischen Worten.

Hinweise auf noch lebende Angehörige lieferte im MT eine Traueranzeige für den Vater. Hotelgeschäftsführer i. R. August Mayer starb 1977 im Alter von 77 Jahren und wurde an der Seite seines Sohnes auf dem Nordfriedhof beigesetzt. Neben seiner Frau Marianne hinterließ er seine Tochter Heidi und ihren Mann Manfred Hochwald mit zwei Enkelkindern – die Spur zu einem Foto!

Auch 42 Jahre nach dem Tod des Familienoberhauptes und mehr als 50 Jahre nach dem des Bruders und Schwagers lebt das Ehepaar Hochwald noch in der Region, in Barkhausen. Die Suchaktion und der Anruf aus der MT-Redaktion wecken alte Erinnerungen, auch bittere. „Mein Vater hat das Meiste verbrannt“, sagt Heidi Hochwald gleich. Als ihre Mutter merkte, was der verbitterte Vater tat, war es für viele Erinnerungsstücke schon zu spät. Den Tod des Sohnes verwand der einstige Geschäftsführer des „König von Preußen“ bis zu seinem eigenen Tod elf Jahre später nicht.

Erinnerungen: Seine Schwester Heidi und Manfred Hochwald haben noch ein paar Fotos und viele Briefe von Jürgen A. Mayer, der als Sergeant der US-Army in Vietnam fiel. Postum wurde dem Gefallenen das Verwundetenabzeichen „Purple Heart“ verliehen. MT- - © Foto: Langenkämper
Erinnerungen: Seine Schwester Heidi und Manfred Hochwald haben noch ein paar Fotos und viele Briefe von Jürgen A. Mayer, der als Sergeant der US-Army in Vietnam fiel. Postum wurde dem Gefallenen das Verwundetenabzeichen „Purple Heart“ verliehen. MT- (© Foto: Langenkämper)

Geblieben sind Heidi Hochwald Briefe ihres Bruders, aus fernen Ländern geschickt, wie die Luftpostumschläge erahnen lassen, alles sorgfältig gebündelt. „Er hat auch aus Korea und Vietnam geschrieben“, sagt sie und zeigt, wie ausführlich seine Beschreibungen waren.

Geboren wurde Jürgen August Mayer 1941 im sächsischen Zwickau. Die Schwester kam zwei Jahre später zur Welt. Nach Kriegsende ging der Vater in den Westen. „Meine Mutter folgte ihm mit uns Kindern schwarz über die Zonengrenze“, erzählt Heidi Hochwald. Das muss 1946 gewesen sein. Eigene Erinnerungen hat sie, damals drei Jahre alt, kaum daran. Nur eines: „Es waren Schüsse zu hören.“ Auch die Nähmaschine, die ihre Mutter auf dem Rücken mit sich schleppte, bekam einen Einschuss ab. „Mein Bruder trug eine Briefmarksammlung unter seinem Teddybär.“

Mit militärischen Ehren: Die Beisetzung erfolgte im September 1966 auf dem Nordfriedhof durch Pfarrer Braunschmidt und einen amerikanischen Geistlichen im Beisein der Eltern und weiterer Angehöriger sowie Vertretern der US-Army. Fotos: Jost-Ulrich Meyer/MT
Mit militärischen Ehren: Die Beisetzung erfolgte im September 1966 auf dem Nordfriedhof durch Pfarrer Braunschmidt und einen amerikanischen Geistlichen im Beisein der Eltern und weiterer Angehöriger sowie Vertretern der US-Army. Fotos: Jost-Ulrich Meyer/MT

Die Geschwister wuchsen in Minden auf und gingen hier zur Schule, erst zur Volksschule, dann zum Gymnasium. Sie selbst kam zum Lyzeum, ihr Bruder zum Besselgymnasium. Doch noch vor dem Abitur verließ er die Schule und machte sich auf nach Frankfurt. „Dort hat er in einem Casino als Barmixer gearbeitet“, sagt die Schwester.

In Hessen, das zur amerikanischen Zone gehörte, kam Jürgen Mayer in Kontakt zu Amerikanern, und bald reifte sein Wunsch, in die USA auszuwandern. 1. März 1961 weist die mit den Jahren verblichene Green Card mit der Nummer 12 143 297 des United State Department of Justice für den damals 20-jährigen Immigranten als Datum aus, ab dem er im Land der unbegrenzten Möglichkeiten leben und arbeiten durfte. Diese Karte, versehen mit einem recht jugendlich wirkenden Foto, musste er fortan stets bei sich tragen und nötigenfalls auch bei einer Wiedereinreise nach einem Auslandsaufenthalt von „nicht mehr als einem Jahr“ vorweisen.

Juergen A. Mayer, wie sein Name jetzt nach typisch amerikanischer Art ohne Umlaut und mit dem Initial des „Middle Name“ geschrieben wurde, ließ sich in Millwood, Ware County, in Georgia, 350 Kilometer südöstlich von Atlanta und 70 Kilometer von der Staatsgrenze zu Florida entfernt, nieder. „Mein Bruder bewirtschaftete dort eine Farm“, erzählt Heidi Hochwald.

Ob er die amerikanische Staatsbürgerschaft schon in der Tasche hatte, wissen weder die Schwester noch Jessica McBride mit Sicherheit zu sagen. „Ich bin nicht sicher, ob Juergen Mayer zum Zeitpunkt seines Todes deutscher Bürger oder US-Bürger war“, antwortet die Journalistik-Dozentin der Universität von Wisconsin in Milwaukee, die den VVMF und das Fotoprojekt unterstützt. Mit ihren Studenten hat sie 2015 alle noch fehlenden Fotos der insgesamt 1.160 Vietnam-Toten aus Wisconsin ermittelt.

Inzwischen sind neben Georgia nur noch sechs weitere US-Bundesstaaten – Kalifornien (13 von 5.573), Massachusetts (2/1.330), Michigan (11/2.655)), New York (213/4.123), Pennsylvania (1/3.147) und Virginia (15/1.304) – sowie die Außenterritorien Guam (1/70) und Puerto Rico (113/345) nicht vollständig – „completed“. Für Georgia, das aus US-Sicht als der Heimatstaat des Deutschamerikaners gilt, fehlten Anfang Juli noch 64 Fotos, als Janna Hoehn und ihre Mitstreiter sich mit dem Aufruf an die örtliche Presse wandten, die Leser möchten doch bitte nach Fotos ihrer gefallenen Angehörigen suchen – mit Erfolg! Aktuell fehlen lediglich noch 21 Fotos – das von Jürgen A. Mayer abgezogen.

Vor Heidi und Manfred Hochwald liegen ein paar Fotos des Bruders und Schwagers, mal als Zivilist, mal in Uniform. „Als er in Italien war, hat er meine Eltern getroffen, die dort Urlaub gemacht haben“, sagt die Barkhauserin. Die Familie habe kein gutes Gefühl gehabt, als Jürgen Mayer eingezogen wurde und nach Vietnam gehen sollte. „Der kommt nicht wieder, haben wir gesagt“, beschreibt Heidi Hochwald die Ängste, die sie gleich beschlichen.

Zunächst ging alles gut – bis zum 18. August 1966. „Zum Zeitpunkt seines Todes hatte er zwei Jahre gedient“, teilt Jessica McBride mit, deren starkes Interesse auch daher rührt, dass sie selbst familiäre Wurzeln in Deutschland hat – wie Millionen Amerikaner, denn deutsch ist die am häufigsten genannte Herkunft der Vorfahren über Generationen hinweg.

Das Internetlexikon Wikipedia weist deutsch als Nationalität von sieben der 121 Opfer aus anderen Ländern aus. Jürgen A. Mayer kann nicht darunter geführt worden sein – ebenso wenig wie etliche andere Deutsche, die bereits in die USA eingewandert waren und deren Einbürgerung noch lief.

Um die Wartezeit zu verkürzen, folgten offenbar junge Männer ihrer Einberufung – so wie Franz Gerhard Prediger, der 1960 ausgewandert war und 1962 nach Vietnam geschickt wurde. Als er fiel und im Frühsommer 1966 – wenige Wochen vor Jürgen Mayers Tod – in Mannheim beigesetzt wurde, berichtete die DDR-Presse vom Tod eines „westdeutschen Söldners“. Aus Furcht vor DDR-Journalisten verhängte die Polizei – „unter Berufung auf einen Paragraphen der Friedhofsordnung aus dem vorigen Jahrhundert“, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ schrieb – ein generelles Fotografierverbot.

So angespannt und so streng waren die Lage und die Regeln in Minden nicht, als Jürgen A. Mayer am 12. September 1966 beigesetzt wurde. Jost-Ulrich Meyer und andere Pressefotografen taten ihre Arbeit aus gebührendem Abstand. Die Familie selbst dachte nicht an Fotos. „Ich war zu ergriffen“, erinnert sich Heidi Hochwald. „Dreimal bellten gestern die Gewehre auf dem Nordfriedhof, dreimal wurde die friedliche Stille zerrissen“, war tags darauf zu lesen. „Das Banner der Vereinigten Staaten verhüllte den Sarg, als der Trauerzug sich langsam zum Grabe bewegte, in dem Jürgen Mayer seine letzte Ruhe fand.“ Das Sternenbanner, in einem Zeremoniell sorgsam gefaltet und den Angehörigen überreicht, hat der Vater wohl verbrannt. Geblieben sind die Briefe und zwei Orden – und bald ein Foto in der „Wall of Faces“. Jürgen A. Mayer ist dann nicht nur ein Name, er hat auch wieder ein Gesicht.

www.vvmf.org/Wall-of-Faces

www.vvmf.org/Wall-of-Faces/ 33169/Juergen-A-Mayer/

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MindenBegraben auf dem Nordfriedhof: Jürgen A. Mayer fiel mit 25 Jahren in VietnamJürgen LangenkämperMinden (mt). Kein Krieg der jüngeren Geschichte hat das Bewusstsein der amerikanischen Nation so sehr geprägt wie der Vietnam-Krieg. Die Schätzungen der Opferzahlen gehen weit auseinander und schwanken zwischen zwei und mehr als fünf Millionen, darunter bis zu 1,4 Millionen Soldaten und der Rest – je nach Schätzung – mehr oder weniger Zivilisten. Auch in Minden hinterließ der Krieg Narben. Auf dem Nordfriedhof liegt seit 1966 ein US-Soldat, Sergeant Juergen A. Mayer. Für eine Freiwilligenorganisation war er eines der letzten unbekannten Gesichter ihrer weltweiten Suchaktion. „Von den 58.310 Männern und acht Frauen, die in Vietnam starben, haben wir jetzt mindestens ein Foto von 57.925 veröffentlicht auf der Wand der Gesichter“, schrieben Mary DeWitt-Huensch und Janna Hoehn dem Mindener Tageblatt. Beide engagieren sich beim Vietnam Veterans Memorial Fund (VVMF) in Washington, D. C., für das Foto-Projekt „The Wall of Faces“. „Derzeit suchen wir nach Familienmitgliedern eines jungen Mannes namens Jürgen August Mayer“, schrieben sie. „Er und zwei weitere Männer starben, als ihr Konvoi am 8. August 1966 in einen Hinterhalt geriet.“ Sie wussten auch, dass der gefallene Sergeant der US-Army, der in einer Artillerie-Nachrichteneinheit gedient hatte, auf dem Nordfriedhof „in der Marienstraße in Minden“ beigesetzt war. Eine sehr konkrete Ortsangabe, die eine Verwechslung mit einem der Minden in den USA, in Louisiana, Nebraska, Nevada oder sonst wo ausschloss. Und tatsächlich ließen sich im digitalen Archiv eine kurze Notiz über den Tod und kurz darauf zwei Fotos mit einigen wenigen, pietätvollen Zeilen finden – mit einem kleinen Fehler. „Hans [sic] Jürgen Mayer aus Minden, der vor fünf Jahren in die USA auswanderte und kürzlich die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hatte, ist als amerikanischer Soldat in Vietnam gefallen“, erfuhren die MT-Leser am 1. September 1966. „Diese schmerzliche Nachricht mußte den in Minden lebenden Eltern überbracht werden.“ Der Leichnam solle hier beigesetzt werden. „Der Gefallene war kurz nach dem Erwerb der amerikanischen Staatsbürgerschaft zur US-Armee als Rekrut einberufen und nach Vietnam abkommandiert worden“, hieß es in lakonischen Worten. Hinweise auf noch lebende Angehörige lieferte im MT eine Traueranzeige für den Vater. Hotelgeschäftsführer i. R. August Mayer starb 1977 im Alter von 77 Jahren und wurde an der Seite seines Sohnes auf dem Nordfriedhof beigesetzt. Neben seiner Frau Marianne hinterließ er seine Tochter Heidi und ihren Mann Manfred Hochwald mit zwei Enkelkindern – die Spur zu einem Foto! Auch 42 Jahre nach dem Tod des Familienoberhauptes und mehr als 50 Jahre nach dem des Bruders und Schwagers lebt das Ehepaar Hochwald noch in der Region, in Barkhausen. Die Suchaktion und der Anruf aus der MT-Redaktion wecken alte Erinnerungen, auch bittere. „Mein Vater hat das Meiste verbrannt“, sagt Heidi Hochwald gleich. Als ihre Mutter merkte, was der verbitterte Vater tat, war es für viele Erinnerungsstücke schon zu spät. Den Tod des Sohnes verwand der einstige Geschäftsführer des „König von Preußen“ bis zu seinem eigenen Tod elf Jahre später nicht. Geblieben sind Heidi Hochwald Briefe ihres Bruders, aus fernen Ländern geschickt, wie die Luftpostumschläge erahnen lassen, alles sorgfältig gebündelt. „Er hat auch aus Korea und Vietnam geschrieben“, sagt sie und zeigt, wie ausführlich seine Beschreibungen waren. Geboren wurde Jürgen August Mayer 1941 im sächsischen Zwickau. Die Schwester kam zwei Jahre später zur Welt. Nach Kriegsende ging der Vater in den Westen. „Meine Mutter folgte ihm mit uns Kindern schwarz über die Zonengrenze“, erzählt Heidi Hochwald. Das muss 1946 gewesen sein. Eigene Erinnerungen hat sie, damals drei Jahre alt, kaum daran. Nur eines: „Es waren Schüsse zu hören.“ Auch die Nähmaschine, die ihre Mutter auf dem Rücken mit sich schleppte, bekam einen Einschuss ab. „Mein Bruder trug eine Briefmarksammlung unter seinem Teddybär.“ Die Geschwister wuchsen in Minden auf und gingen hier zur Schule, erst zur Volksschule, dann zum Gymnasium. Sie selbst kam zum Lyzeum, ihr Bruder zum Besselgymnasium. Doch noch vor dem Abitur verließ er die Schule und machte sich auf nach Frankfurt. „Dort hat er in einem Casino als Barmixer gearbeitet“, sagt die Schwester. In Hessen, das zur amerikanischen Zone gehörte, kam Jürgen Mayer in Kontakt zu Amerikanern, und bald reifte sein Wunsch, in die USA auszuwandern. 1. März 1961 weist die mit den Jahren verblichene Green Card mit der Nummer 12 143 297 des United State Department of Justice für den damals 20-jährigen Immigranten als Datum aus, ab dem er im Land der unbegrenzten Möglichkeiten leben und arbeiten durfte. Diese Karte, versehen mit einem recht jugendlich wirkenden Foto, musste er fortan stets bei sich tragen und nötigenfalls auch bei einer Wiedereinreise nach einem Auslandsaufenthalt von „nicht mehr als einem Jahr“ vorweisen. Juergen A. Mayer, wie sein Name jetzt nach typisch amerikanischer Art ohne Umlaut und mit dem Initial des „Middle Name“ geschrieben wurde, ließ sich in Millwood, Ware County, in Georgia, 350 Kilometer südöstlich von Atlanta und 70 Kilometer von der Staatsgrenze zu Florida entfernt, nieder. „Mein Bruder bewirtschaftete dort eine Farm“, erzählt Heidi Hochwald. Ob er die amerikanische Staatsbürgerschaft schon in der Tasche hatte, wissen weder die Schwester noch Jessica McBride mit Sicherheit zu sagen. „Ich bin nicht sicher, ob Juergen Mayer zum Zeitpunkt seines Todes deutscher Bürger oder US-Bürger war“, antwortet die Journalistik-Dozentin der Universität von Wisconsin in Milwaukee, die den VVMF und das Fotoprojekt unterstützt. Mit ihren Studenten hat sie 2015 alle noch fehlenden Fotos der insgesamt 1.160 Vietnam-Toten aus Wisconsin ermittelt. Inzwischen sind neben Georgia nur noch sechs weitere US-Bundesstaaten – Kalifornien (13 von 5.573), Massachusetts (2/1.330), Michigan (11/2.655)), New York (213/4.123), Pennsylvania (1/3.147) und Virginia (15/1.304) – sowie die Außenterritorien Guam (1/70) und Puerto Rico (113/345) nicht vollständig – „completed“. Für Georgia, das aus US-Sicht als der Heimatstaat des Deutschamerikaners gilt, fehlten Anfang Juli noch 64 Fotos, als Janna Hoehn und ihre Mitstreiter sich mit dem Aufruf an die örtliche Presse wandten, die Leser möchten doch bitte nach Fotos ihrer gefallenen Angehörigen suchen – mit Erfolg! Aktuell fehlen lediglich noch 21 Fotos – das von Jürgen A. Mayer abgezogen. Vor Heidi und Manfred Hochwald liegen ein paar Fotos des Bruders und Schwagers, mal als Zivilist, mal in Uniform. „Als er in Italien war, hat er meine Eltern getroffen, die dort Urlaub gemacht haben“, sagt die Barkhauserin. Die Familie habe kein gutes Gefühl gehabt, als Jürgen Mayer eingezogen wurde und nach Vietnam gehen sollte. „Der kommt nicht wieder, haben wir gesagt“, beschreibt Heidi Hochwald die Ängste, die sie gleich beschlichen. Zunächst ging alles gut – bis zum 18. August 1966. „Zum Zeitpunkt seines Todes hatte er zwei Jahre gedient“, teilt Jessica McBride mit, deren starkes Interesse auch daher rührt, dass sie selbst familiäre Wurzeln in Deutschland hat – wie Millionen Amerikaner, denn deutsch ist die am häufigsten genannte Herkunft der Vorfahren über Generationen hinweg. Das Internetlexikon Wikipedia weist deutsch als Nationalität von sieben der 121 Opfer aus anderen Ländern aus. Jürgen A. Mayer kann nicht darunter geführt worden sein – ebenso wenig wie etliche andere Deutsche, die bereits in die USA eingewandert waren und deren Einbürgerung noch lief. Um die Wartezeit zu verkürzen, folgten offenbar junge Männer ihrer Einberufung – so wie Franz Gerhard Prediger, der 1960 ausgewandert war und 1962 nach Vietnam geschickt wurde. Als er fiel und im Frühsommer 1966 – wenige Wochen vor Jürgen Mayers Tod – in Mannheim beigesetzt wurde, berichtete die DDR-Presse vom Tod eines „westdeutschen Söldners“. Aus Furcht vor DDR-Journalisten verhängte die Polizei – „unter Berufung auf einen Paragraphen der Friedhofsordnung aus dem vorigen Jahrhundert“, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ schrieb – ein generelles Fotografierverbot. So angespannt und so streng waren die Lage und die Regeln in Minden nicht, als Jürgen A. Mayer am 12. September 1966 beigesetzt wurde. Jost-Ulrich Meyer und andere Pressefotografen taten ihre Arbeit aus gebührendem Abstand. Die Familie selbst dachte nicht an Fotos. „Ich war zu ergriffen“, erinnert sich Heidi Hochwald. „Dreimal bellten gestern die Gewehre auf dem Nordfriedhof, dreimal wurde die friedliche Stille zerrissen“, war tags darauf zu lesen. „Das Banner der Vereinigten Staaten verhüllte den Sarg, als der Trauerzug sich langsam zum Grabe bewegte, in dem Jürgen Mayer seine letzte Ruhe fand.“ Das Sternenbanner, in einem Zeremoniell sorgsam gefaltet und den Angehörigen überreicht, hat der Vater wohl verbrannt. Geblieben sind die Briefe und zwei Orden – und bald ein Foto in der „Wall of Faces“. Jürgen A. Mayer ist dann nicht nur ein Name, er hat auch wieder ein Gesicht. www.vvmf.org/Wall-of-Faces www.vvmf.org/Wall-of-Faces/ 33169/Juergen-A-Mayer/