Minden

Anja Wester-Strübe kämpft für sich und für andere Krebserkrankte

Monika Jäger

„Nicht unterkriegen lassen“, ist eine dieser leeren Sätze, die schwer Kranke oft hören: Mal sagen das andere, meist sie sich selbst. Für Anja Wester-Strübe bedeutet das auch: Gepflegt aussehen, ihren Alltag selbst bestimmen und sich weder ihren Ängsten noch der Entkräftung hingeben. - © Foto: pr
„Nicht unterkriegen lassen“, ist eine dieser leeren Sätze, die schwer Kranke oft hören: Mal sagen das andere, meist sie sich selbst. Für Anja Wester-Strübe bedeutet das auch: Gepflegt aussehen, ihren Alltag selbst bestimmen und sich weder ihren Ängsten noch der Entkräftung hingeben. (© Foto: pr)

Minden (mt). Heute hat Anja Wester-Strübe keine Perücke auf. Sie trägt ein himmelblaues Tuch um den Kopf, ist apart geschminkt. „Ich mache das mal so, mal so“, sagt sie. Manchmal ist ihr eben nicht danach, dass alle denken: „Ob diese Frau wohl Krebs hat?“. Manchmal möchte sie ein bisschen Normalität. Manchmal hat sie richtig gute Tage. Und manchmal richtig schlechte.

Was heute für einer ist? Sie sagt es nicht. Aber an der heißen Schokolade nippt sie nur, das Glas Wasser hat sie gleich weit weg gestellt. Und trotzdem: Wie sie da sitzt, schmal in die wuchtigen Polster des Café gedrückt, wirkt sie stark. Sie hat sich viele Notizen für das Gespräch gemacht und blickt doch nur zum Schluss noch einmal darauf. Situationen selbst bestimmen, soweit es nur geht, aktiv sein statt passiv: Dieses Prinzip ist im Moment der Mittelpunkt ihres Lebens. Und wohl auch darum kämpft sie gerade nicht nur für sich und gegen ihren Krebs, sondern setzt sich für alle Menschen ein, die in der Region erkranken.

Ulrike Weber-Krumwiede ist stolz, dass es nun den neuen Ordner für Patientinnen gibt. MT- - © Foto: Lehn
Ulrike Weber-Krumwiede ist stolz, dass es nun den neuen Ordner für Patientinnen gibt. MT- (© Foto: Lehn)

Sie möchte einen Ausbildungsgang zum Onkolotsen anstoßen und hat sich darum an die Akademie für Gesundheitsberufe gewandt. Die ersten Reaktionen von dort haben ihr Mut gemacht, sie freut sich, dass es weitere Gespräche geben soll – wenn auch erst nur telefonisch. In Schleswig-Holstein und Sachsen gibt es schon solche Fachleute, die sich um frisch an Krebs Erkrankte kümmern. Sie helfen, den besten Weg für die persönliche Therapie zu finden, gehen bei Bedarf zu Gesprächen beim Arzt mit, vermitteln Kontakte zu Beratungsstellen und Hilfseinrichtungen.

Vorn beim Bogenschießen: Anja Wester-Strübe und ihr Mann luden die Frauen zum Wettbewerb. „Ich kann viel mehr schaffen, als ich dachte“, sagt sie. „An den guten Tagen.“ - © Foto: pr
Vorn beim Bogenschießen: Anja Wester-Strübe und ihr Mann luden die Frauen zum Wettbewerb. „Ich kann viel mehr schaffen, als ich dachte“, sagt sie. „An den guten Tagen.“ (© Foto: pr)

„Ich als medizinische Fachangestellte kann alles erfragen. Aber wer keine Ahnung hat, der muss vieles so hin nehmen, was in oft sehr belastenden Situationen gesagt wird“, sagt Anja Wester-Strübe. Dabei helfe es vielen Patientinnen ungemein, auch in dieser Ausnahmesituation nicht passiv und ängstlich, sondern selbstbestimmt und selbstbewusst sein zu können. Und dafür sind Informationen der Schlüssel, davon ist sie überzeugt.

Und darum findet sie auch das Angebot des Vereins Brustkrebshilfe OWL so wichtig, betroffenen Frauen von Anfang an einen Ordner in die Hand zu geben. In dem finden sich nicht nur Informationen und Kontaktadressen, sondern vor allem die Möglichkeit, die eigenen Befunde und Untersuchungsergebnisse an einem Platz zu sammeln. „In manchen Praxen bekommt man seine Unterlagen direkt, in anderen muss man fragen – aber es ist sehr wichtig, immer alles dabei zu haben.“ Gut findet sie darum auch, dass diese Ordner nun auch im radiologischen Versorgungszentrum an der Ringstraße mit ausgehändigt werden. „Ich habe dann meine Erkrankung in der Hand.“

In der Hand haben – das bestimmt gerade das Leben der 54-Jährigen. „Krebs ist das Wetterleuchten des Todes: Es kann sich verziehen“ hat sie neulich irgendwo gelesen, das hat ihr gefallen. Beruflich hatte sie es oft mit schwer erkrankten Menschen zu tun, und da habe sie selbstverständlich auch immer mal wieder darüber nachgedacht, wie es wäre, selbst betroffen zu sein. „Ich habe immer gedacht, dass es mich irgendwann erwischen könnte.“ Aber als sie dann aus ungeklärtem Grund Gewicht verlor, immer schlapp war, war sie trotzdem nicht sofort alarmiert. Erst kurz vorher hatte sie noch Kontrolluntersuchungen gehabt. Schon immer hatte sie sich gesund ernährt, und viel bewegt, nur pflanzliche Medikamente genommen. „Ich weiß, dass das nicht zusammenhängt, aber ich habe mich nach der Diagnose doch oft gefragt: Was soll ich denn noch anders machen?“

Auch mit dem Thema Sterben hatte sie sich seit ihrer Jugend beschäftigt, sich in der Hospizbewegung engagiert. „Ich habe immer gedacht, ich hätte keine Angst vor dem Tod. Aber wenn man dann selbst sehr nah dran ist, ist es doch beängstigend“. Und darum ist sie neulich auch im Hospiz gewesen und hat sich da informiert. Und fühlte sich hinterher stärker.

Wer Krebs hat, erlebt, dass Familie und Freunde es schwer finden, mit der Krankheit umzugehen. Bei ihrem Mann findet Anja Wester-Strübe großen Halt. Beide gehen jeden Abend spazieren, unternehmen was an den „guten“ Tagen, und er engagiert sich in der Gruppe der Frauen mit Brustkrebs. Neulich hat er ein Bogenschießen-Turnier angeboten. Anja Wester-Strübe lächelt, als sie das erzählt. Das sei für die Gruppe der Frauen eine wunderbare Abwechslung gewesen. Vor allem aber: So etwas gibt auch dem Partner die Möglichkeit, mit der Krankheit umzugehen.

Denn Partnerschaft ändert sich für Krebskranke. Allein schon durch die Infektionsgefahr scheuen manche vor engem Kontakt zurück: Jeder Schnupfen kann gefährlich werden. Auch damit müssen Partner umgehen. Anja Wester-Strübe sagt: „Das alles muss man offen besprechen. Tabus nützen da gar nichts.“ Darüber reden würde auch ihr helfen, auch bei ihren Freunden. Denn auch so könnte sie besser mit eigenen Ängsten umgehen.

Und Ängste gibt es reichlich. Nicht nur dazu, was die Krankheit mit ihrem Körper macht und was wohl die nächste Untersuchung ergibt. Sondern ganz andere: Wird sie später wieder arbeiten können? Wird sie wieder leistungsfähig sein? Wird sie ihren 60. Geburtstag feiern können? Wer wird sie einstellen, werden ihre Bekannten sie weiter auf dem Weg begleiten wollen? Und immer, immer wieder: Wie viele Leukozyten hat sie wohl gerade?

Ihre Tage hat sie klar strukturiert, und jeden Tag nimmt sie sich eine Sache vor: „Es ist gut, einen Grund zu haben aufzustehen.“ Doch der Krebs gibt manchmal eben doch den Takt an: Manche Tage sind keine guten Tage.

Sie gönnt der Krankheit keinen Millimeter Vorsprung. Zwei Tage, bevor absehbar war, dass ihre Haare wegen der Therapie ausfallen würden, ging sie zu ihrer Friseurin. Die schloss den Laden ab, und dann fing sie an zu schneiden: Erst stutzte sie die langen Haare auf Kinnlänge, dann zu einem Kurzhaarschnitt. Und dann auf drei Millimeter. „Ich fand das eigentlich ganz okay am Ende“, sagt Anja Wester-Strübe. „Und die drei Millimeter sind dann auch lange geblieben.“ Ein Schminkkurs gab ihr ebenfalls Selbstvertrauen: „Man möchte nett aussehen, nicht so elend.“

Ob es hilft, dass sie sich mit aller Macht wehrt? Seit einigen Wochen ist der Tumor nicht mehr im Ultraschall zu sehen. „Das ist ein gutes Gefühl. So weiß ich, dass die Chemotherapie die richtige war.“ Im Januar steht nun noch eine Operation an. Dann erst wird sich das endgültige Ergebnis nach einer genauen Untersuchung des Gewebes zeigen.

Insgesamt habe sie die Krebserkrankung sogar stärker gemacht, sagt Anja Wester-Strübe. „Ich habe mehr Biss, ich kann auch schwierige Situationen besser aushalten. Ich habe viel mehr innere Kraft, als ich dachte.“

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MindenAnja Wester-Strübe kämpft für sich und für andere KrebserkrankteMonika JägerMinden (mt). Heute hat Anja Wester-Strübe keine Perücke auf. Sie trägt ein himmelblaues Tuch um den Kopf, ist apart geschminkt. „Ich mache das mal so, mal so“, sagt sie. Manchmal ist ihr eben nicht danach, dass alle denken: „Ob diese Frau wohl Krebs hat?“. Manchmal möchte sie ein bisschen Normalität. Manchmal hat sie richtig gute Tage. Und manchmal richtig schlechte. Was heute für einer ist? Sie sagt es nicht. Aber an der heißen Schokolade nippt sie nur, das Glas Wasser hat sie gleich weit weg gestellt. Und trotzdem: Wie sie da sitzt, schmal in die wuchtigen Polster des Café gedrückt, wirkt sie stark. Sie hat sich viele Notizen für das Gespräch gemacht und blickt doch nur zum Schluss noch einmal darauf. Situationen selbst bestimmen, soweit es nur geht, aktiv sein statt passiv: Dieses Prinzip ist im Moment der Mittelpunkt ihres Lebens. Und wohl auch darum kämpft sie gerade nicht nur für sich und gegen ihren Krebs, sondern setzt sich für alle Menschen ein, die in der Region erkranken. Sie möchte einen Ausbildungsgang zum Onkolotsen anstoßen und hat sich darum an die Akademie für Gesundheitsberufe gewandt. Die ersten Reaktionen von dort haben ihr Mut gemacht, sie freut sich, dass es weitere Gespräche geben soll – wenn auch erst nur telefonisch. In Schleswig-Holstein und Sachsen gibt es schon solche Fachleute, die sich um frisch an Krebs Erkrankte kümmern. Sie helfen, den besten Weg für die persönliche Therapie zu finden, gehen bei Bedarf zu Gesprächen beim Arzt mit, vermitteln Kontakte zu Beratungsstellen und Hilfseinrichtungen. „Ich als medizinische Fachangestellte kann alles erfragen. Aber wer keine Ahnung hat, der muss vieles so hin nehmen, was in oft sehr belastenden Situationen gesagt wird“, sagt Anja Wester-Strübe. Dabei helfe es vielen Patientinnen ungemein, auch in dieser Ausnahmesituation nicht passiv und ängstlich, sondern selbstbestimmt und selbstbewusst sein zu können. Und dafür sind Informationen der Schlüssel, davon ist sie überzeugt. Und darum findet sie auch das Angebot des Vereins Brustkrebshilfe OWL so wichtig, betroffenen Frauen von Anfang an einen Ordner in die Hand zu geben. In dem finden sich nicht nur Informationen und Kontaktadressen, sondern vor allem die Möglichkeit, die eigenen Befunde und Untersuchungsergebnisse an einem Platz zu sammeln. „In manchen Praxen bekommt man seine Unterlagen direkt, in anderen muss man fragen – aber es ist sehr wichtig, immer alles dabei zu haben.“ Gut findet sie darum auch, dass diese Ordner nun auch im radiologischen Versorgungszentrum an der Ringstraße mit ausgehändigt werden. „Ich habe dann meine Erkrankung in der Hand.“ In der Hand haben – das bestimmt gerade das Leben der 54-Jährigen. „Krebs ist das Wetterleuchten des Todes: Es kann sich verziehen“ hat sie neulich irgendwo gelesen, das hat ihr gefallen. Beruflich hatte sie es oft mit schwer erkrankten Menschen zu tun, und da habe sie selbstverständlich auch immer mal wieder darüber nachgedacht, wie es wäre, selbst betroffen zu sein. „Ich habe immer gedacht, dass es mich irgendwann erwischen könnte.“ Aber als sie dann aus ungeklärtem Grund Gewicht verlor, immer schlapp war, war sie trotzdem nicht sofort alarmiert. Erst kurz vorher hatte sie noch Kontrolluntersuchungen gehabt. Schon immer hatte sie sich gesund ernährt, und viel bewegt, nur pflanzliche Medikamente genommen. „Ich weiß, dass das nicht zusammenhängt, aber ich habe mich nach der Diagnose doch oft gefragt: Was soll ich denn noch anders machen?“ Auch mit dem Thema Sterben hatte sie sich seit ihrer Jugend beschäftigt, sich in der Hospizbewegung engagiert. „Ich habe immer gedacht, ich hätte keine Angst vor dem Tod. Aber wenn man dann selbst sehr nah dran ist, ist es doch beängstigend“. Und darum ist sie neulich auch im Hospiz gewesen und hat sich da informiert. Und fühlte sich hinterher stärker. Wer Krebs hat, erlebt, dass Familie und Freunde es schwer finden, mit der Krankheit umzugehen. Bei ihrem Mann findet Anja Wester-Strübe großen Halt. Beide gehen jeden Abend spazieren, unternehmen was an den „guten“ Tagen, und er engagiert sich in der Gruppe der Frauen mit Brustkrebs. Neulich hat er ein Bogenschießen-Turnier angeboten. Anja Wester-Strübe lächelt, als sie das erzählt. Das sei für die Gruppe der Frauen eine wunderbare Abwechslung gewesen. Vor allem aber: So etwas gibt auch dem Partner die Möglichkeit, mit der Krankheit umzugehen. Denn Partnerschaft ändert sich für Krebskranke. Allein schon durch die Infektionsgefahr scheuen manche vor engem Kontakt zurück: Jeder Schnupfen kann gefährlich werden. Auch damit müssen Partner umgehen. Anja Wester-Strübe sagt: „Das alles muss man offen besprechen. Tabus nützen da gar nichts.“ Darüber reden würde auch ihr helfen, auch bei ihren Freunden. Denn auch so könnte sie besser mit eigenen Ängsten umgehen. Und Ängste gibt es reichlich. Nicht nur dazu, was die Krankheit mit ihrem Körper macht und was wohl die nächste Untersuchung ergibt. Sondern ganz andere: Wird sie später wieder arbeiten können? Wird sie wieder leistungsfähig sein? Wird sie ihren 60. Geburtstag feiern können? Wer wird sie einstellen, werden ihre Bekannten sie weiter auf dem Weg begleiten wollen? Und immer, immer wieder: Wie viele Leukozyten hat sie wohl gerade? Ihre Tage hat sie klar strukturiert, und jeden Tag nimmt sie sich eine Sache vor: „Es ist gut, einen Grund zu haben aufzustehen.“ Doch der Krebs gibt manchmal eben doch den Takt an: Manche Tage sind keine guten Tage. Sie gönnt der Krankheit keinen Millimeter Vorsprung. Zwei Tage, bevor absehbar war, dass ihre Haare wegen der Therapie ausfallen würden, ging sie zu ihrer Friseurin. Die schloss den Laden ab, und dann fing sie an zu schneiden: Erst stutzte sie die langen Haare auf Kinnlänge, dann zu einem Kurzhaarschnitt. Und dann auf drei Millimeter. „Ich fand das eigentlich ganz okay am Ende“, sagt Anja Wester-Strübe. „Und die drei Millimeter sind dann auch lange geblieben.“ Ein Schminkkurs gab ihr ebenfalls Selbstvertrauen: „Man möchte nett aussehen, nicht so elend.“ Ob es hilft, dass sie sich mit aller Macht wehrt? Seit einigen Wochen ist der Tumor nicht mehr im Ultraschall zu sehen. „Das ist ein gutes Gefühl. So weiß ich, dass die Chemotherapie die richtige war.“ Im Januar steht nun noch eine Operation an. Dann erst wird sich das endgültige Ergebnis nach einer genauen Untersuchung des Gewebes zeigen. Insgesamt habe sie die Krebserkrankung sogar stärker gemacht, sagt Anja Wester-Strübe. „Ich habe mehr Biss, ich kann auch schwierige Situationen besser aushalten. Ich habe viel mehr innere Kraft, als ich dachte.“