Minden

Wohn-Sharing: Das Ökodorf „Sieben Linden“ könnte für den Mühlenkreis beispielgebend werden

Michael Grundmeier

Wohn-Sharing, das heißt auch den Platz mit Tieren zu teilen und im Fall von „Sieben Linden“ viel Selbstversorgung. Foto: Rainer Jensen/dpa - © Rainer Jensen
Wohn-Sharing, das heißt auch den Platz mit Tieren zu teilen und im Fall von „Sieben Linden“ viel Selbstversorgung. Foto: Rainer Jensen/dpa (© Rainer Jensen)

Minden (mig). Früher war alles anders: In der Großfamilie lebten mehrere Generationen unter einem Dach, Kinder pflegten ihre Eltern. Heute gibt es an dieser Stelle ein Paradox: Trotz einer hohen Bevölkerungsdichte leiden immer mehr Menschen unter Einsamkeit. Andere wollen ihren ökologischen Fußabdruck verkleinern. Warum also nicht mit anderen zusammen ziehen? Wohn-Sharing sozusagen.

Alternative Wohnformen sind aktuell sehr gefragt. Gemeinsam statt einsam lautet die Devise, nach der sich immer mehr Menschen zusammen tun. Wie sich das in der Praxis lebt, hat Eva Stützel, die Mitbegründerin des „Ökodorfs Sieben Linden“ bei Salzwedel im nördlichen Sachsen-Anhalt, nun in Minden erzählt.

Das Wohn-Sharing nütze nicht nur dem sozialen Miteinander, auch die Ressourcen (Wohnung, Energie) würden viel besser genutzt. Zugegeben: Für jeden ist dieses Modell sicher nicht. Gemeinschaftliches Wohnen, egal in welcher Form, bedeutet auch Arbeit. Beziehungsarbeit, körperliche Arbeit. Einfach ist das nicht.

Das sehen Burkhard Kayser, Ramona Gieseking und Julia Raphaela Müller anders. Sie sehen in der Mehrarbeit kein Problem, im Gegenteil. Die drei haben zu dem Vortrag eingeladen, weil sie endlich anfangen wollen. „Wir haben Schnittstellen bei uns erkannt und uns deshalb zusammengetan“, erklärt Kayser. Zunächst habe man den Ist-Zustand abgeklärt: „Wie wohnst du? Wie möchtest du wohnen?“ Letztendlich sei das Ziel aber, ein gemeinsames Wohnprojekt aufzubauen – in welcher Form, das sei noch nicht entschieden. „Wir hören uns jetzt erst einmal an, wie andere zusammenleben.“ In einem zweiten Schritt will das Trio Gleichgesinnte finden. „Wir wollen uns jetzt erst einmal vernetzen und schauen, was es für Modelle gibt.“ Dabei gehe es um den Prozess der Gemeinschaftsbildung, erklärt Kayser.

Die Beweggründe für ein gemeinsames Wohnen sind vielfältig: Zum einen wollen die Drei ihren ökologischen Fußabdruck verkleinern. Das könne in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt besser erreicht werden, als alleine. Darüber hinaus gebe es Viele, die sich fragen: Wer kümmert sich um mich, wenn ich einmal alt bin? „Viele sozialen Probleme haben mit Wohnen zu tun“, etwa wenn Menschen ihre Miete nicht mehr bezahlen könnten. Das sei beim gemeinschaftlichen Wohnen anders. Hier könnten auftretende Probleme gemeinschaftlich angegangen werden, etwa wenn es um die Betreuung eines Kindes oder das gemeinsame Essen geht.

Die meisten der rund 20 Zuhörer bestätigen das in einer kurzen Vorstellungsrunde: Manche haben WG-Erfahrung, andere wollen „möglichst bald“ ein gemeinsames Wohnprojekt starten. Alle eint ihr Interesse an neuen Ideen und praktischen Alternativen. „Ich bin eigentlich schon seit meinem 16. Lebensjahr auf der Suche nach dem richtigen Projekt“, meinte eine Besucherin. Wie erste Schritte in diese Richtung aussehen könnten, schilderte Eva Stützel, die Mitbegründerin des Öko-Dorfes „Sieben Linden“. Sie wolle ihre Erfahrungen gerne weitergeben, sei auch genau deshalb in die Gemeinschaftsberatung gegangen, sagte Stützel. „Ich will Menschen von meinen Erfahrungen profitieren lassen.“ Als Werkzeug der Gemeinschaftsbildung hat Stützel einen „Gemeinschafts-Kompass“ entwickelt. In diesem Kompass befinde sich die Essenz von „25 Jahren Gemeinschaftsaufbau und 15 Jahren Gemeinschaftsberatung“, sagte sie.

Im Ökodorf „Sieben Linden“ leben 145 Menschen. Die Häuser werden aus Stroh gebaut, die Bewohner kochen vegan, als WC dient ein Kompostklo, auf den Feldern wird mit Pferden gepflügt – in großem Einklang mit der Umwelt. Auf der einen Seite liegt das Dörfchen Poppau, auf der anderen ein Kiefernwald, den die Sieben-Lindener inzwischen mit Laubbäumen veredelt haben. Dazwischen auf gut 40 Hektar „Sieben Linden“, das sich als ein „Modell- und Forschungsprojekt für eine zukunftsorientierte Lebensweise“ versteht. Das Dorf hat fast alles, was es braucht, um möglichst autark zu leben: Gemüsegärten, Brunnen, Biokläranlage, ein Amphitheater, einen Kindergarten, einen Laden, Sonnenkollektoren und sogar einen (nicht religiös spezifizierten) Meditationsraum.

Im Dorf selbst finden sich viele Typen: Ökopragmatiker und Veganer, manche verzichten auf Strom, andere nicht. Viele Bewohner haben ihre Arbeit im Dorf gefunden – sie arbeiten im Wald, in der Gärtnerei, in der Tischlerei, in der Küche. „Ein Teil unseres Geldes bleibt wie in einer Kreislaufwirtschaft im Dorf und geht nicht nach draußen“, erläutert Stützel den Vorteil. Dass die Dörfler ihr Gemüse selbst anbauen und einen Teil des Stromes selbst erzeugen, macht „Sieben Linden“ zumindest ein Stück weit unabhängig von der Außenwelt.

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MindenWohn-Sharing: Das Ökodorf „Sieben Linden“ könnte für den Mühlenkreis beispielgebend werdenMichael GrundmeierMinden (mig). Früher war alles anders: In der Großfamilie lebten mehrere Generationen unter einem Dach, Kinder pflegten ihre Eltern. Heute gibt es an dieser Stelle ein Paradox: Trotz einer hohen Bevölkerungsdichte leiden immer mehr Menschen unter Einsamkeit. Andere wollen ihren ökologischen Fußabdruck verkleinern. Warum also nicht mit anderen zusammen ziehen? Wohn-Sharing sozusagen. Alternative Wohnformen sind aktuell sehr gefragt. Gemeinsam statt einsam lautet die Devise, nach der sich immer mehr Menschen zusammen tun. Wie sich das in der Praxis lebt, hat Eva Stützel, die Mitbegründerin des „Ökodorfs Sieben Linden“ bei Salzwedel im nördlichen Sachsen-Anhalt, nun in Minden erzählt. Das Wohn-Sharing nütze nicht nur dem sozialen Miteinander, auch die Ressourcen (Wohnung, Energie) würden viel besser genutzt. Zugegeben: Für jeden ist dieses Modell sicher nicht. Gemeinschaftliches Wohnen, egal in welcher Form, bedeutet auch Arbeit. Beziehungsarbeit, körperliche Arbeit. Einfach ist das nicht. Das sehen Burkhard Kayser, Ramona Gieseking und Julia Raphaela Müller anders. Sie sehen in der Mehrarbeit kein Problem, im Gegenteil. Die drei haben zu dem Vortrag eingeladen, weil sie endlich anfangen wollen. „Wir haben Schnittstellen bei uns erkannt und uns deshalb zusammengetan“, erklärt Kayser. Zunächst habe man den Ist-Zustand abgeklärt: „Wie wohnst du? Wie möchtest du wohnen?“ Letztendlich sei das Ziel aber, ein gemeinsames Wohnprojekt aufzubauen – in welcher Form, das sei noch nicht entschieden. „Wir hören uns jetzt erst einmal an, wie andere zusammenleben.“ In einem zweiten Schritt will das Trio Gleichgesinnte finden. „Wir wollen uns jetzt erst einmal vernetzen und schauen, was es für Modelle gibt.“ Dabei gehe es um den Prozess der Gemeinschaftsbildung, erklärt Kayser. Die Beweggründe für ein gemeinsames Wohnen sind vielfältig: Zum einen wollen die Drei ihren ökologischen Fußabdruck verkleinern. Das könne in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt besser erreicht werden, als alleine. Darüber hinaus gebe es Viele, die sich fragen: Wer kümmert sich um mich, wenn ich einmal alt bin? „Viele sozialen Probleme haben mit Wohnen zu tun“, etwa wenn Menschen ihre Miete nicht mehr bezahlen könnten. Das sei beim gemeinschaftlichen Wohnen anders. Hier könnten auftretende Probleme gemeinschaftlich angegangen werden, etwa wenn es um die Betreuung eines Kindes oder das gemeinsame Essen geht. Die meisten der rund 20 Zuhörer bestätigen das in einer kurzen Vorstellungsrunde: Manche haben WG-Erfahrung, andere wollen „möglichst bald“ ein gemeinsames Wohnprojekt starten. Alle eint ihr Interesse an neuen Ideen und praktischen Alternativen. „Ich bin eigentlich schon seit meinem 16. Lebensjahr auf der Suche nach dem richtigen Projekt“, meinte eine Besucherin. Wie erste Schritte in diese Richtung aussehen könnten, schilderte Eva Stützel, die Mitbegründerin des Öko-Dorfes „Sieben Linden“. Sie wolle ihre Erfahrungen gerne weitergeben, sei auch genau deshalb in die Gemeinschaftsberatung gegangen, sagte Stützel. „Ich will Menschen von meinen Erfahrungen profitieren lassen.“ Als Werkzeug der Gemeinschaftsbildung hat Stützel einen „Gemeinschafts-Kompass“ entwickelt. In diesem Kompass befinde sich die Essenz von „25 Jahren Gemeinschaftsaufbau und 15 Jahren Gemeinschaftsberatung“, sagte sie. Im Ökodorf „Sieben Linden“ leben 145 Menschen. Die Häuser werden aus Stroh gebaut, die Bewohner kochen vegan, als WC dient ein Kompostklo, auf den Feldern wird mit Pferden gepflügt – in großem Einklang mit der Umwelt. Auf der einen Seite liegt das Dörfchen Poppau, auf der anderen ein Kiefernwald, den die Sieben-Lindener inzwischen mit Laubbäumen veredelt haben. Dazwischen auf gut 40 Hektar „Sieben Linden“, das sich als ein „Modell- und Forschungsprojekt für eine zukunftsorientierte Lebensweise“ versteht. Das Dorf hat fast alles, was es braucht, um möglichst autark zu leben: Gemüsegärten, Brunnen, Biokläranlage, ein Amphitheater, einen Kindergarten, einen Laden, Sonnenkollektoren und sogar einen (nicht religiös spezifizierten) Meditationsraum. Im Dorf selbst finden sich viele Typen: Ökopragmatiker und Veganer, manche verzichten auf Strom, andere nicht. Viele Bewohner haben ihre Arbeit im Dorf gefunden – sie arbeiten im Wald, in der Gärtnerei, in der Tischlerei, in der Küche. „Ein Teil unseres Geldes bleibt wie in einer Kreislaufwirtschaft im Dorf und geht nicht nach draußen“, erläutert Stützel den Vorteil. Dass die Dörfler ihr Gemüse selbst anbauen und einen Teil des Stromes selbst erzeugen, macht „Sieben Linden“ zumindest ein Stück weit unabhängig von der Außenwelt.