Minden

Aus zwei wird eins: Förderschule Rodenbeck legt Standorte zusammen

Anja Peper

Die Förderschule Rodenbeck wird erweitert und soll in Zukunft einziger Standort sein. Mehr Platz soll geschaffen werden für Kreativbereiche, Berufsvorbereitung sowie Therapie und Beratung. MT- - © Foto: Alex Lehn
Die Förderschule Rodenbeck wird erweitert und soll in Zukunft einziger Standort sein. Mehr Platz soll geschaffen werden für Kreativbereiche, Berufsvorbereitung sowie Therapie und Beratung. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Minden (mt). Eine Schule an zwei Standorten: als Provisorium denkbar, aber auf Dauer keine gute Lösung. Darum soll die Förderschule Rodenbeck am Standort Wilhelm-Tell-Straße ausgebaut werden. „Die EU-weite Ausschreibung soll noch dieses Jahr erfolgen“, sagt Kreisdirektorin Cornelia Schöder. Bis zum Ausbau müssen sich Schüler und Lehrer mit der Enge arrangieren. 2020 könne die konkrete Planung beginnen., in den Folgejahren soll gebaut werden.

Wenn der Ausbau – der irgendwie während des laufenden Unterrichts passieren muss – abgeschlossen ist, soll der Nebenstandort an der Fasanenstraße geschlossen werden. Aktuell lernen dort 80 Schüler, die große Mehrheit von ihnen ist männlich. Weitere sechs stehen auf der Warteliste. Die Förderschulen sind gefragt.

Viele dieser Schüler hatten keinen leichten Start ins Leben, leben oft in Pflegefamilien oder Wohngruppen. Scheinbar aus dem Nichts entstehende Aggressionen stellen die Lehrer täglich neu vor Herausforderungen.

Grafik: MT
Grafik: MT

Die Schule Rodenbeck ist eine Förderschule des Kreises Minden-Lübbecke für Schüler mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung (Sekundarstufe I). Ziel der Pädagogen dort ist es, die Schüler soweit zu stärken, dass sie entweder an eine Regelschule wechseln oder nach dem zehnten Schuljahr den Übergang in den Beruf schaffen.

Bevor der Umbau beginnt, muss das pädagogische Konzept klar sein. Der Kreis hat dazu einen externen Schulentwickler hinzugezogen: Raimund Patt hat mehr als 34 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebens- und Lernsituationen. Er hat selbst eine Förderschule in der Jugendhilfe geleitet und ist seit 2006 freiberuflich tätig (Entwicklungsbüro Schulhorizonte, Niederkassel-Rheidt). Raimund Patt hat in Rodenbeck hospitiert, um sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. Er spricht von „Multiproblemlagen“, die weder einfach noch schnell lösbar sind. Belastende Lebensverhältnisse der Schüler – wie Armut – wirken sich als Stressoren unmittelbar auf den Unterricht aus. Die Sonderpädagogen müssen tagtäglich Fels in der Brandung sei.

Einmal pro Woche gibt es eine Doppelstunde Deeskalationstraining. In Übungen und Rollenspielen sollen die Schüler lernen, sich selbst besser zu verstehen: Wie kommt das, was ich sage und tue, bei Anderen an? Wie kommt das, was Andere sagen und tun, bei mir an? Was fühle ich, bevor ich ausraste? Ziel ist, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Für all' diese Angebote braucht es Platz, darum geht die Bedarfsplanung aktuell von hundert Schülern aus.

Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber hier an der Förderschule besonders wichtig: „Schule muss ein sicherer Ort sein“, fordert Raimund Patt. „Kontinuität, Sicherheit, Orientierung, Struktur und Bindung“ seien für diese Schüler enorm wichtig: „Einige von ihnen sind äußerlich 16, innen aber erst sechs.“ Daher müssten auch die individuellen Anforderungen geschult werden: Training der Regulation, der Selbstwahrnehmung und der motorischen Koordination. Auch alternative Angebote zum herkömmlichen Unterricht seien wichtig: Kultur, Ausflüge, Klettern, Werken, Gartenarbeit, Tiere, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Schulentwickler Raimund Patt möchte die „Teilnahme am ganz normalen Leben“ ermöglichen. Darum seien zusätzliche Funktionsräume erforderlich: Kreativbereiche, Werkstatt und Technik, Berufsvorbereitung. Auch Therapie und Beratung gehören zum Konzept.Am Klassenraum-Konzept und den zehn Lerngruppen soll festgehalten werden: „Das ist gut für die Kontinuität.“

Trotz des Inklusions-Anspruchs wachsen viele Förderschulen wieder. Offenbar sind viele Eltern der Ansicht, dass die Bedingungen an den allgemeinen Schulen (noch) nicht ausreichend sind. Außerdem wissen sie, dass die Kinder auch hier den Hauptschulabschluss erreichen können. Laut Raimund Patt kommen auch einige „Rückläufer“ von den weiterführenden Schulen zurück.

Der Bedarf für eine größere Schule ist also da. Etwa 1.770 Quadratmeter Nutzfläche soll sie bekommen. Das ist auf dem Gelände in Rodenbeck aber auch problemlos möglich, dort ist genug Platz vorhanden.

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MindenAus zwei wird eins: Förderschule Rodenbeck legt Standorte zusammenAnja PeperMinden (mt). Eine Schule an zwei Standorten: als Provisorium denkbar, aber auf Dauer keine gute Lösung. Darum soll die Förderschule Rodenbeck am Standort Wilhelm-Tell-Straße ausgebaut werden. „Die EU-weite Ausschreibung soll noch dieses Jahr erfolgen“, sagt Kreisdirektorin Cornelia Schöder. Bis zum Ausbau müssen sich Schüler und Lehrer mit der Enge arrangieren. 2020 könne die konkrete Planung beginnen., in den Folgejahren soll gebaut werden. Wenn der Ausbau – der irgendwie während des laufenden Unterrichts passieren muss – abgeschlossen ist, soll der Nebenstandort an der Fasanenstraße geschlossen werden. Aktuell lernen dort 80 Schüler, die große Mehrheit von ihnen ist männlich. Weitere sechs stehen auf der Warteliste. Die Förderschulen sind gefragt. Viele dieser Schüler hatten keinen leichten Start ins Leben, leben oft in Pflegefamilien oder Wohngruppen. Scheinbar aus dem Nichts entstehende Aggressionen stellen die Lehrer täglich neu vor Herausforderungen. Die Schule Rodenbeck ist eine Förderschule des Kreises Minden-Lübbecke für Schüler mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung (Sekundarstufe I). Ziel der Pädagogen dort ist es, die Schüler soweit zu stärken, dass sie entweder an eine Regelschule wechseln oder nach dem zehnten Schuljahr den Übergang in den Beruf schaffen. Bevor der Umbau beginnt, muss das pädagogische Konzept klar sein. Der Kreis hat dazu einen externen Schulentwickler hinzugezogen: Raimund Patt hat mehr als 34 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebens- und Lernsituationen. Er hat selbst eine Förderschule in der Jugendhilfe geleitet und ist seit 2006 freiberuflich tätig (Entwicklungsbüro Schulhorizonte, Niederkassel-Rheidt). Raimund Patt hat in Rodenbeck hospitiert, um sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. Er spricht von „Multiproblemlagen“, die weder einfach noch schnell lösbar sind. Belastende Lebensverhältnisse der Schüler – wie Armut – wirken sich als Stressoren unmittelbar auf den Unterricht aus. Die Sonderpädagogen müssen tagtäglich Fels in der Brandung sei. Einmal pro Woche gibt es eine Doppelstunde Deeskalationstraining. In Übungen und Rollenspielen sollen die Schüler lernen, sich selbst besser zu verstehen: Wie kommt das, was ich sage und tue, bei Anderen an? Wie kommt das, was Andere sagen und tun, bei mir an? Was fühle ich, bevor ich ausraste? Ziel ist, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Für all' diese Angebote braucht es Platz, darum geht die Bedarfsplanung aktuell von hundert Schülern aus. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber hier an der Förderschule besonders wichtig: „Schule muss ein sicherer Ort sein“, fordert Raimund Patt. „Kontinuität, Sicherheit, Orientierung, Struktur und Bindung“ seien für diese Schüler enorm wichtig: „Einige von ihnen sind äußerlich 16, innen aber erst sechs.“ Daher müssten auch die individuellen Anforderungen geschult werden: Training der Regulation, der Selbstwahrnehmung und der motorischen Koordination. Auch alternative Angebote zum herkömmlichen Unterricht seien wichtig: Kultur, Ausflüge, Klettern, Werken, Gartenarbeit, Tiere, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Schulentwickler Raimund Patt möchte die „Teilnahme am ganz normalen Leben“ ermöglichen. Darum seien zusätzliche Funktionsräume erforderlich: Kreativbereiche, Werkstatt und Technik, Berufsvorbereitung. Auch Therapie und Beratung gehören zum Konzept.Am Klassenraum-Konzept und den zehn Lerngruppen soll festgehalten werden: „Das ist gut für die Kontinuität.“ Trotz des Inklusions-Anspruchs wachsen viele Förderschulen wieder. Offenbar sind viele Eltern der Ansicht, dass die Bedingungen an den allgemeinen Schulen (noch) nicht ausreichend sind. Außerdem wissen sie, dass die Kinder auch hier den Hauptschulabschluss erreichen können. Laut Raimund Patt kommen auch einige „Rückläufer“ von den weiterführenden Schulen zurück. Der Bedarf für eine größere Schule ist also da. Etwa 1.770 Quadratmeter Nutzfläche soll sie bekommen. Das ist auf dem Gelände in Rodenbeck aber auch problemlos möglich, dort ist genug Platz vorhanden.