Minden

Trotz hochgradiger Hörbehinderung: Mindener Justin Sebastian Jagieniak (28) schafft sein Studium mit "sehr gut"

Sabine Haederle

Justin Sebastian Jagieniak besuchte das Mindener Ratsgymnasium bis zur zehnten Klasse und wechselte auf eine Schule mit Förderschwerpunkt Hören. Jetzt hat der Mindener an der FH seinen Master gemacht. - © Foto: Sabine Haederle
Justin Sebastian Jagieniak besuchte das Mindener Ratsgymnasium bis zur zehnten Klasse und wechselte auf eine Schule mit Förderschwerpunkt Hören. Jetzt hat der Mindener an der FH seinen Master gemacht. (© Foto: Sabine Haederle)

Minden (hae). Das war ein glücklicher Moment für Justin Sebastian Jagieniak, als er am vergangenen Freitag in einer Feierstunde von der Fachhochschule Bielefeld, Abteilung Minden, mit einem sehr guten Masterabschluss in Informatik verabschiedet wurde. Erst einmal scheint das nichts Außergewöhnliches zu sein, allerdings: der junge Wissenschaftler hat dies trotz einer Hörbehinderung geschafft.

Jagieniak ist hochgradig schwerhörig. „Ich habe sehr viel Unterstützung von meinen Kommilitonen und den Lehrkräften bekommen, wofür ich sehr dankbar bin.“ Diese Erfahrung möchte der neugebackene Master der Informatik gerne weiter geben. Er möchte allen Schwerhörigen, die sich nicht trauen, mit einem Studium zu beginnen, Mut machen. Denn viele hochgradig Schwerhörige machen lieber eine Ausbildung, weil sie sich durch ein Studium und das Leben an der Hochschule überfordert fühlen. Aber es geht – und das auch erfolgreich. „Gerade eine kleinere Hochschule, wie hier in Minden, ist ideal“, sagt der Absolvent.

Dabei hatte die Schullaufbahn von Jagieniak gar nicht so einfach angefangen. Als er ins Mindener Ratsgymnasium kam, war Inklusion noch kaum ein Thema für Gymnasien. Das kam erst in den vergangenen Jahren. Die Lehrer waren teilweise überfordert. Seine Familie und er mussten kämpfen, um die notwendige Unterstützung zu erhalten. Nach der zehnten Klasse wechselte er zum Rheinisch-Westfälische Berufskolleg Essen, eine Schule mit Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation. Dort nahm er am Berufsbildungsgang zum Physikalisch-technischen Assistenten teil und konnte auch sein Abitur machen.

In der Klasse waren nur acht Schüler, die alle mit denselben Problemen zu kämpfen hatten wie er. Untergebracht war er in dieser Zeit im Schulinternat. Das war am Anfang nicht einfach. Immer vier Jugendliche leben dort in einer Wohngemeinschaft und müssen sich selbst versorgen. Eine Betreuung war aber vorhanden. Nach dem Abitur begann er sein Studium in Minden. Anfangs war alles neu, so viele Menschen, so viele Störgeräusche. „Aber ich habe gleich im ersten Semester nette Kommilitonen kennen gelernt, die großes Interesse zeigten und mich unterstützt haben“, sagt Jagieniak.

In den Vorlesungen setzte er sich möglichst weit nach vorne. Er nutzte eine spezielle Mikrophonanlage – ein Ansteckmikrophon, womit man Sprache in schwierigen Hörumgebungen besser verstehen kann. Der aufgefangene Schall wird vom Mikrophon direkt an die Hörgeräte weiter geleitet. Er informierte seine Professoren darüber, die ihm gleich Hilfe anboten. Im Notfall bekam er auch mal Mitschriften von seinen Kommilitonen.

Seine Masterarbeit schrieb er bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig und entwickelte dort kalibrierende Sensoren in der Messtechnik. Nach Studienabschluss bekam er dort sofort eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Sein Arbeitsbereich ist die Digitalisierung der Messtechnik. „Das ist ein guter Job, ich habe einen netten Chef und hilfsbereite Kollegen“, sagt der 28-Jährige.

Inzwischen lebt Jagieniak in Braunschweig – im eigenen Haushalt und kommt gut klar. Sogar in seiner Freizeit kommt er nicht immer weg vom Bildschirm. Neben Wandern und Schachspielen programmiert er auch gerne an seinem PC.

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MindenTrotz hochgradiger Hörbehinderung: Mindener Justin Sebastian Jagieniak (28) schafft sein Studium mit "sehr gut"Sabine HaederleMinden (hae). Das war ein glücklicher Moment für Justin Sebastian Jagieniak, als er am vergangenen Freitag in einer Feierstunde von der Fachhochschule Bielefeld, Abteilung Minden, mit einem sehr guten Masterabschluss in Informatik verabschiedet wurde. Erst einmal scheint das nichts Außergewöhnliches zu sein, allerdings: der junge Wissenschaftler hat dies trotz einer Hörbehinderung geschafft. Jagieniak ist hochgradig schwerhörig. „Ich habe sehr viel Unterstützung von meinen Kommilitonen und den Lehrkräften bekommen, wofür ich sehr dankbar bin.“ Diese Erfahrung möchte der neugebackene Master der Informatik gerne weiter geben. Er möchte allen Schwerhörigen, die sich nicht trauen, mit einem Studium zu beginnen, Mut machen. Denn viele hochgradig Schwerhörige machen lieber eine Ausbildung, weil sie sich durch ein Studium und das Leben an der Hochschule überfordert fühlen. Aber es geht – und das auch erfolgreich. „Gerade eine kleinere Hochschule, wie hier in Minden, ist ideal“, sagt der Absolvent. Dabei hatte die Schullaufbahn von Jagieniak gar nicht so einfach angefangen. Als er ins Mindener Ratsgymnasium kam, war Inklusion noch kaum ein Thema für Gymnasien. Das kam erst in den vergangenen Jahren. Die Lehrer waren teilweise überfordert. Seine Familie und er mussten kämpfen, um die notwendige Unterstützung zu erhalten. Nach der zehnten Klasse wechselte er zum Rheinisch-Westfälische Berufskolleg Essen, eine Schule mit Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation. Dort nahm er am Berufsbildungsgang zum Physikalisch-technischen Assistenten teil und konnte auch sein Abitur machen. In der Klasse waren nur acht Schüler, die alle mit denselben Problemen zu kämpfen hatten wie er. Untergebracht war er in dieser Zeit im Schulinternat. Das war am Anfang nicht einfach. Immer vier Jugendliche leben dort in einer Wohngemeinschaft und müssen sich selbst versorgen. Eine Betreuung war aber vorhanden. Nach dem Abitur begann er sein Studium in Minden. Anfangs war alles neu, so viele Menschen, so viele Störgeräusche. „Aber ich habe gleich im ersten Semester nette Kommilitonen kennen gelernt, die großes Interesse zeigten und mich unterstützt haben“, sagt Jagieniak. In den Vorlesungen setzte er sich möglichst weit nach vorne. Er nutzte eine spezielle Mikrophonanlage – ein Ansteckmikrophon, womit man Sprache in schwierigen Hörumgebungen besser verstehen kann. Der aufgefangene Schall wird vom Mikrophon direkt an die Hörgeräte weiter geleitet. Er informierte seine Professoren darüber, die ihm gleich Hilfe anboten. Im Notfall bekam er auch mal Mitschriften von seinen Kommilitonen. Seine Masterarbeit schrieb er bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig und entwickelte dort kalibrierende Sensoren in der Messtechnik. Nach Studienabschluss bekam er dort sofort eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Sein Arbeitsbereich ist die Digitalisierung der Messtechnik. „Das ist ein guter Job, ich habe einen netten Chef und hilfsbereite Kollegen“, sagt der 28-Jährige. Inzwischen lebt Jagieniak in Braunschweig – im eigenen Haushalt und kommt gut klar. Sogar in seiner Freizeit kommt er nicht immer weg vom Bildschirm. Neben Wandern und Schachspielen programmiert er auch gerne an seinem PC.