Minden

Beratungsklau: Im Geschäft fragen und im Netz kaufen - wie läuft es in Minden?

Stefan Koch

Mal eben ein paar preisgünstige Schuhe online bestellen, macht erst dann richtig Spaß, wenn die guten Stücke auch passen. Viele gehen deshalb vorher zum Anprobieren in ein Geschäft. Foto: Laurin Schmid/dpa - © dpa
Mal eben ein paar preisgünstige Schuhe online bestellen, macht erst dann richtig Spaß, wenn die guten Stücke auch passen. Viele gehen deshalb vorher zum Anprobieren in ein Geschäft. Foto: Laurin Schmid/dpa (© dpa)

Minden (mt). In den Laden gehen, sich den Fotoapparat, die Jacke oder das Küchengerät ausführlich vorführen lassen und dann wieder gehen – nicht ohne die dreiste Bemerkung, dass es das im Internet doch viel billiger gibt: solche Kunden sind auch im Mindener Einzelhandel unterwegs. In Braunschweig verlangte nun ein Händler von Heimwerkergeräten zehn Euro für Informationen über seine Ware – nur wer bei ihm kauft, muss dies nicht bezahlen. Das soll Beratungsschnorrer abschrecken. Mindener Einzelhändler finden das gut. Aber bislang trauen sie sich nicht, ebenso zu verfahren.

„Es wäre in der Tat das Beste, wenn wir das auch so machen“, sagt Hans-Joachim Sachs von Kaiser & Knaake, einem alteingesessenen Eisenwarenhandel in Minden, der im Sortiment auch Elektrogeräte und Handwerkerbedarf vorhält. Vor einige Jahren habe sich auch bei ihm der Trend eingestellt, dass vermeintliche Kunden das Geschäft betreten, um sich für einen Kauf im Internet vorab zu informieren. „Man hat mittlerweile schon ein Gespür dafür, wer nur mit diesem Ziel hereinkommt.“ Derartige Besucher fotografierten Elektrogeräte und gingen dann wieder. „Einer hat schon einmal direkt darum gebeten, dass wir ein bestimmtes Modell bestellen, damit er es sich für einen Onlinekauf vorher noch einmal anschauen kann.“

Aber es gebe auch viele Kunden, die Service zu schätzen wüssten, meint Sachs. „Beispielsweise wenn wir Schließanlagen bestellen müssen und dafür zu den Kunden rausfahren und vor Ort nachmessen.“

Ähnliche Erfahrungen hat auch Laura Barduhn, Inhaberin eines Geschäftes für Sicherheitstechnik, gemacht. „Meistens geht es um unterschiedliche Geräte, wenn jemand kommt und sich nur informieren will“, meint die Geschäftsfrau. Wenn Kunden ihre Mitarbeiter ins Haus bestellten, um Angebote für Alarmanlagen, Fenstersicherungen oder ähnliches einzuholen, sei auch von einem Auftrag auszugehen.

Horst Bludau, Inhaber eines Geschäftes für Unterhaltungselektronik, hat Verständnis für Händler, die eine Beratungsgebühr verlangen. „So etwas lässt sich in Minden aber nicht durchsetzen“, meint er. „Dazu müssen alle an einem Strang ziehen, aber das ist in unserer Branche schwierig.“

Auch Bludau stellt fest, dass Kunden sein Geschäft betreten, die Ware betrachten, das Smartphone zücken, um Typennummern abzufotografieren und dann wieder verschwinden. „Ärgerlich ist es, wenn man vorher noch viel Zeit für ein Beratungsgespräch verbraucht hat und der Kunde hinter online bestellt.“

„Das beste ist, den Laden einfach zuzumachen und nur noch im Internet zu verkaufen“, sagt von Beratungsschnorrern sichtlich genervt Wolfgang Oehlmann. Er fährt bereits zweigleisig und ist nicht nur mit einem Fotogeschäft in Minden vertreten, sondern hat auch einen Online-Handel. „Die Leute, die sich die Geräte nur vorführen lassen wollen, bringen dazu den Ausdruck von der Konkurrenz aus dem Internet sogar noch in das Geschäft mit“, meint er. Seiner Meinung nach sei eine Beratungsgebühr sinnvoll. Gleichwohl werde er sie nicht einführen.

Bekleidung anprobieren, die richtig Größe finden, online bestellen – geht das? Pamela Maria Zerner, die in der Mindener Innenstadt ein Modegeschäft hat, bekommt es nur mit wenigen Kundinnen zu tun, die sich ohne ernste Kaufabsicht beraten lassen. „Das ist bei mir selten“, meint sie. „Die meisten fühlen sich durch unsere Beratung mit uns verbunden und wir haben außerdem Artikel, die im Internet ohnehin nicht zu finden sind.“

Gleichwohl ist der Missbrauch von Beratungsleistungen auch im textilen Einzelhandel festzustellen. „Es kommt vor, dass Kunden Bekleidungsstücke anprobieren, um die richtige Größe zu ermitteln und dann die Ware im Onlinehandel bestellen, wenn der Preis dort günstiger ist“, sagt Dr. Axel Berger, Geschäftsführer der Geschäftsstelle Minden-Lübbecke und Herford des Handelsverbandes OWL. Er rät den Einzelhandelsunternehmen, beim Produktverkauf auf den Service hinzuweisen, der später noch möglich ist. „Wer zum Beispiel eine Fernsehantenne anbietet, kann auf die Hilfe bei der Installation hinweisen.“ Geschäftsleute könnten bei einem längeren Beratungsgespräch auch deutlich machen, dass dies mit Aufwand verbunden sei und sie schon von einer Kaufabsicht ausgingen. „Aber bei so etwas ist immer Fingerspitzengefühl gefordert, um Kunden nicht zu verprellen.“

Berger selbst ist kein Fall bekannt, in dem ein Mindener Geschäft von seinen Kunden eine Beratungsgebühr verlangt. Seiner Meinung nach geht die Informationsbeschaffung von Konsumenten im Onlinezeitalter auch in die andere Richtung. „Ein großer Teil von Kunden hat sich schon vor dem Kauf im Internet ein Bild von Funktion, Leistung oder Preis der Ware gemacht, wenn er ein Geschäft betritt, um dort einzukaufen.“

Das Problem von Beratungswünschen, ohne eine Kaufabsicht damit zu verbinden, ist übrigens kein Thema für die Verbraucherberatung in Minden. Bislang ist dort nicht bekannt, ob ein Mindener Geschäft eine entsprechende Gebühr erhebt. Und ob das überhaupt zulässig ist, scheint derzeit auch noch nicht geklärt zu sein.

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MindenBeratungsklau: Im Geschäft fragen und im Netz kaufen - wie läuft es in Minden?Stefan KochMinden (mt). In den Laden gehen, sich den Fotoapparat, die Jacke oder das Küchengerät ausführlich vorführen lassen und dann wieder gehen – nicht ohne die dreiste Bemerkung, dass es das im Internet doch viel billiger gibt: solche Kunden sind auch im Mindener Einzelhandel unterwegs. In Braunschweig verlangte nun ein Händler von Heimwerkergeräten zehn Euro für Informationen über seine Ware – nur wer bei ihm kauft, muss dies nicht bezahlen. Das soll Beratungsschnorrer abschrecken. Mindener Einzelhändler finden das gut. Aber bislang trauen sie sich nicht, ebenso zu verfahren. „Es wäre in der Tat das Beste, wenn wir das auch so machen“, sagt Hans-Joachim Sachs von Kaiser & Knaake, einem alteingesessenen Eisenwarenhandel in Minden, der im Sortiment auch Elektrogeräte und Handwerkerbedarf vorhält. Vor einige Jahren habe sich auch bei ihm der Trend eingestellt, dass vermeintliche Kunden das Geschäft betreten, um sich für einen Kauf im Internet vorab zu informieren. „Man hat mittlerweile schon ein Gespür dafür, wer nur mit diesem Ziel hereinkommt.“ Derartige Besucher fotografierten Elektrogeräte und gingen dann wieder. „Einer hat schon einmal direkt darum gebeten, dass wir ein bestimmtes Modell bestellen, damit er es sich für einen Onlinekauf vorher noch einmal anschauen kann.“ Aber es gebe auch viele Kunden, die Service zu schätzen wüssten, meint Sachs. „Beispielsweise wenn wir Schließanlagen bestellen müssen und dafür zu den Kunden rausfahren und vor Ort nachmessen.“ Ähnliche Erfahrungen hat auch Laura Barduhn, Inhaberin eines Geschäftes für Sicherheitstechnik, gemacht. „Meistens geht es um unterschiedliche Geräte, wenn jemand kommt und sich nur informieren will“, meint die Geschäftsfrau. Wenn Kunden ihre Mitarbeiter ins Haus bestellten, um Angebote für Alarmanlagen, Fenstersicherungen oder ähnliches einzuholen, sei auch von einem Auftrag auszugehen. Horst Bludau, Inhaber eines Geschäftes für Unterhaltungselektronik, hat Verständnis für Händler, die eine Beratungsgebühr verlangen. „So etwas lässt sich in Minden aber nicht durchsetzen“, meint er. „Dazu müssen alle an einem Strang ziehen, aber das ist in unserer Branche schwierig.“ Auch Bludau stellt fest, dass Kunden sein Geschäft betreten, die Ware betrachten, das Smartphone zücken, um Typennummern abzufotografieren und dann wieder verschwinden. „Ärgerlich ist es, wenn man vorher noch viel Zeit für ein Beratungsgespräch verbraucht hat und der Kunde hinter online bestellt.“ „Das beste ist, den Laden einfach zuzumachen und nur noch im Internet zu verkaufen“, sagt von Beratungsschnorrern sichtlich genervt Wolfgang Oehlmann. Er fährt bereits zweigleisig und ist nicht nur mit einem Fotogeschäft in Minden vertreten, sondern hat auch einen Online-Handel. „Die Leute, die sich die Geräte nur vorführen lassen wollen, bringen dazu den Ausdruck von der Konkurrenz aus dem Internet sogar noch in das Geschäft mit“, meint er. Seiner Meinung nach sei eine Beratungsgebühr sinnvoll. Gleichwohl werde er sie nicht einführen. Bekleidung anprobieren, die richtig Größe finden, online bestellen – geht das? Pamela Maria Zerner, die in der Mindener Innenstadt ein Modegeschäft hat, bekommt es nur mit wenigen Kundinnen zu tun, die sich ohne ernste Kaufabsicht beraten lassen. „Das ist bei mir selten“, meint sie. „Die meisten fühlen sich durch unsere Beratung mit uns verbunden und wir haben außerdem Artikel, die im Internet ohnehin nicht zu finden sind.“ Gleichwohl ist der Missbrauch von Beratungsleistungen auch im textilen Einzelhandel festzustellen. „Es kommt vor, dass Kunden Bekleidungsstücke anprobieren, um die richtige Größe zu ermitteln und dann die Ware im Onlinehandel bestellen, wenn der Preis dort günstiger ist“, sagt Dr. Axel Berger, Geschäftsführer der Geschäftsstelle Minden-Lübbecke und Herford des Handelsverbandes OWL. Er rät den Einzelhandelsunternehmen, beim Produktverkauf auf den Service hinzuweisen, der später noch möglich ist. „Wer zum Beispiel eine Fernsehantenne anbietet, kann auf die Hilfe bei der Installation hinweisen.“ Geschäftsleute könnten bei einem längeren Beratungsgespräch auch deutlich machen, dass dies mit Aufwand verbunden sei und sie schon von einer Kaufabsicht ausgingen. „Aber bei so etwas ist immer Fingerspitzengefühl gefordert, um Kunden nicht zu verprellen.“ Berger selbst ist kein Fall bekannt, in dem ein Mindener Geschäft von seinen Kunden eine Beratungsgebühr verlangt. Seiner Meinung nach geht die Informationsbeschaffung von Konsumenten im Onlinezeitalter auch in die andere Richtung. „Ein großer Teil von Kunden hat sich schon vor dem Kauf im Internet ein Bild von Funktion, Leistung oder Preis der Ware gemacht, wenn er ein Geschäft betritt, um dort einzukaufen.“ Das Problem von Beratungswünschen, ohne eine Kaufabsicht damit zu verbinden, ist übrigens kein Thema für die Verbraucherberatung in Minden. Bislang ist dort nicht bekannt, ob ein Mindener Geschäft eine entsprechende Gebühr erhebt. Und ob das überhaupt zulässig ist, scheint derzeit auch noch nicht geklärt zu sein.