Minden

Ruhr-Uni und Klinikum kontern Kritik des Wissenschaftsrates

Lothar Schmalen, Carolin Nieder-Entgelmeier und Henning Wandel

K RUB: Wie ein Qualitätssiegel prangt die Abkürzung des Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum neben dem Mindener Eingangsportal. Ein Gutachten des Wissenschaftsrates stellt das Konzept in Frage. MT-Foto: Henning Wandel - © Henning Wandel
K RUB: Wie ein Qualitätssiegel prangt die Abkürzung des Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum neben dem Mindener Eingangsportal. Ein Gutachten des Wissenschaftsrates stellt das Konzept in Frage. MT-Foto: Henning Wandel (© Henning Wandel)

Minden (mt). Die medizinische Fakultät der Bochumer Ruhr-Universität gibt sich nach der Kritik des Wissenschaftsrates kämpferisch. Gemeinsam mit den Kooperationskliniken würden die Studenten „sehr gut und mit hohem Engagement ausgebildet“, sagt der Dekan, Prof. Dr. Ralf Gold. Seit drei Jahren zählen auch die Mühlenkreiskliniken zu den Kooperationspartnern. Sie hatten sich gemeinsam mit dem Krankenhaus Herford in einem Bewerberverfahren unter anderem gegen Bielefeld durchgesetzt. Seitdem besteht der Verbund aus zwölf Kliniken unter dem Dach von acht unterschiedlichen Trägern. Der Wissenschaftsrat sieht darin strukturelle Schwächen, das Bochumer Modell wirke sich negativ auf das Studium, vor allem aber auch auf die Forschung aus.

Gold bekennt sich gegenüber dem MT deutlich zu dem Bochumer Modell, für die praktische Ausbildung der angehenden Mediziner mit unterschiedlichen Kliniken zusammenzuarbeiten: „Davon rücken wir nicht ab“, sagt er. Die Integration der ostwestfälischen Häuser sei sehr positiv, es gebe eine gute Zusammenarbeit, so Gold: „Wir geben die freiwillig nicht wieder her.“ Die Kritik an der aus Sicht des Wissenschaftsrates unzureichenden Forschung an den verstreuten Standorten versteht der Dekan auch als eine Ansage an das Land Nordrhein-Westfalen. Die Regierung in Düsseldorf müsse für die Grundlagenforschung die entsprechenden Mittel bereitstellen, zum Beispiel für ein kleines Forschungsgebäude in Minden. Doch schon das zehn Millionen Euro teure Hörsaalgebäude am Johannes-Wesling-Klinikum mussten die Mühlenkreiskliniken aus eigenen Mitteln und mit Hilfe von Sponsoren finanzieren. Vom Land gab es für dieses Projekt kein Geld.

Laut Ralf Gold gibt es insgesamt eine Schieflage bei der Finanzierung der Medizinischen Fakultäten in Nordrhein-Westfalen. So bekomme Bochum mit 68 Millionen Euro nur etwa die Hälfte der Summe, die beispielsweise für Münster oder Düsseldorf zur Verfügung gestellt werde, sagt der Professor. Und auch das politisch geförderte Projekt einer Medizinerausbildung an der Universität Bielefeld sei deutlich teurer als eine Fortführung des Bochumer Modells. Gold rechnet mit 500 Millionen Euro, um allein die Vorklinik in Bielefeld an den Start zu bringen. Ist der Vergleich, den der Wissenschaftsrat zwischen seit Jahrzehnten etablierten und finanziell besser ausgestatteten Hochschulen mit dem vergleichsweise jungen medizinischen Zweig in Bochum zieht, also ungerecht? „Oder nicht wirtschaftlich fundiert“, sagt Gold. Der Wissenschaftsrat greife mit seinem Gutachten das Gesamtkonzept des Bochumer Modells an, sagt der Professor. Über die Folgen des Gutachtens würden demnächst Gespräche mit dem Ministerium geführt. Einen Termin dafür gebe es noch nicht, im November werde es wohl auch keinen mehr geben.

Das Unternehmen Mühlenkreiskliniken äußert sich offiziell noch nicht zu dem Gutachten. Offenbar müssen sich die unterschiedlichen Klinikstandorte dazu noch einmal abstimmen. Die Professoren hingegen haben schon jetzt eine klare Meinung. Nach der ersten Betroffenheit sei das Gutachten auch ein Anreiz, sagt Professor Dr. Hansjürgen Piechota, ärztlicher Direktor des Johannes-Wesling-Klinikums: „Wir können das als Chance begreifen.“ Piechota kennt das Bochumer Modell auch noch aus der eigenen studentischen Perspektive und ist nach wie vor davon überzeugt. Obwohl vor 50 Jahren eher aus der Not geboren, sei es schon damals zukunftsträchtig gewesen: „Es bringt Hochleistungsmedizin in die Fläche.“ Gerade für den Standort Minden sei das JWK als Maximalversorger von großer Bedeutung, sagt auch Professor Dr. Peter Schellinger. Um den hohen Standard zu halten sei es „extrem wichtig, dass wir Universitätsklinik bleiben“. Das Gutachten geht aus seiner Sicht deutlich am Thema vorbei. Spitzenforschung sei am Standort Minden nicht der Hauptauftrag Zumal die Untersuchung aus den Jahren 2016 bis 2018 stamme, als die ostwestfälischen Standorte gerade erst an den Start gegangen sind.

Piechota und Schellinger verweisen nicht ohne Stolz auf die bisherige Entwicklung des noch jungen Universitätsklinikums. So werde die Lehre von den Studenten überdurchschnittlich gut bewertet. Jetzt müsse die Forschung weiter ausgebaut werden, sagt Piechota, doch dafür sei auch die nötige Infrastruktur notwendig. Hier sei laut Schellinger vor allem das Land, aber auch der Träger in der Pflicht – also der Kreis. Ein Forschungsgebäude etwa sei auch wichtig bei der Besetzung von Chefarztstellen. In den kommenden vier Jahren sind acht dieser Posten neu zu besetzten. Die Nachfolger kommen zum Teil als Lehrstuhlinhaber der Ruhr-Universität nach Minden – mit bedeutenden wissenschaftlichen Projekten. Dafür würden auch entsprechende Labore benötigt, sagt Piechota.

Die Enttäuschung über das Gutachten ist den beiden Medizinern anzumerken. Trotzdem verweisen beide auf die aus ihrer Sicht erfolgreiche Startphase des Medizincampus' OWL: „Wir verkriechen uns jetzt nicht“, sagt Piechota, „hier schlummert noch viel Potenzial.“

Ein zentraler Aspekt der Medizinerausbildung in Minden ist die Hoffnung, künftige Landärzte für die Region zu begeistern. Dafür ist nicht nur das klinische Studium an einem Standort wie dem Johannes-Wesling-Klinikum wichtig, sondern vor allem auch die allgemeinmedizinische Säule. Dieser Teil der Ausbildung findet nicht in einer Klinik statt, sondern in Lehrpraxen niedergelassener Ärzte. Die könnten zwar auch mit anderen Häusern kooperieren, trotzdem sei die Ausbildung am Mindener Uniklinikum wichtig, sagt Dr. Beate Lubbe. Sie koordiniert die Einsätze der Studenten in den Lehrpraxen. Allein in OWL gibt es davon etwa 85 bis 90 sagt die Ärztin, die selbst in Oberlübbe praktiziert. Es sei durchaus denkbar, dass auch ein Student von einer anderen Hochschule als Bochum in eine Mindener Lehrpraxis käme. Dennoch spricht sie sich klar für das Bochumer Modell aus. „Landärzte werden nicht in einer Großstadt ausgebildet“, sagt sie. Also nicht in Bochum – und auch nicht in Bielefeld. Eine Universitätsklinik in Minden hingegen hole den medizinischen Nachwuchs tatsächlich aufs Land. Von der klinischen Ausbildung am JWK ist der Schritt zu einer Lehrpraxis in Hille eben kürzer als von Bochum aus. „Ich schätze die Lehre an unseren Häusern in Minden, Bad Oeynhausen, Herford und Lübbecke sehr“, so Lubbe.

Dass so manches Vorurteil vor Ort schnell widerlegt werde, sagt auch der Bochumer Professor Dr. Ralf Gold. Bochum sei für viele Medizinstudenten nicht unbedingt die erste Wahl, trotzdem fühlten sich die meisten dann doch wohl. Ähnlich sei es zum Start in Minden gewesen. Nicht jeder hat sich aus tiefster Überzeugung für Ostwestfalen entschieden. Inzwischen bleibe aber etwa die Hälfte der Mindener Studenten auch für ihr praktisches Jahr hier. Die Rückmeldungen seien ganz überwiegend positiv. Das gelte im Übrigen auch für die Allgemeinmediziner, sagt Lubbe. Noch in diesem Monat wird es dann auch den ersten fertigen, in Minden ausgebildeten Arzt geben. Oder besser: eine Ärztin.

Bielefeld setzt auf die kurze Leine

Die geplante Medizin-Fakultät will sich starken Einfluss auf die Kooperationskliniken sichern

Bei der geplanten Kooperation der neuen Medizin-Fakultät in Bielefeld will die Universität die Kliniken eng an sich binden. So soll der Einfluss der Universität auf die Berufung von Chefärzten gesichert sein. Vertraglich sei zudem der Aufbau gemeinsamer Patientendatenbestände zu Forschungszwecken vereinbart. Das alles sind Kooperationsformen, deren Fehlen der Deutsche Wissenschaftsrat in seiner Begutachtung der Hochschulmedizin in NRW beim Bochumer Ausbildungsmodell moniert hatte. Doch auch an dem angekündigten Bielefelder Weg gibt es bereits Kritik.

Wie Rektor Gerhard Sagerer, die Dekanin der künftigen Fakultät, Claudia Hornberg, und Fakultätsgeschäftsführer Frank Lohkamp im Gespräch erläutern, erfolge die Zusammenarbeit von Fakultät und Krankenhaus in der um die Fakultätsleitung erweiterten Geschäftsführung der Kliniken.

Bei der Berufung der Chefärzte soll eine von der Fakultät eingesetzte Auswahlkommission die Personalentscheidungen treffen und die Kooperationskliniken lediglich ein Vetorecht haben, so Rektor Sagerer. In den Klinikgeschäftsführungen müssten die Klinikvertreter bei allen für den Forschungs- und Lehrbetrieb wichtigen Entscheidungen im Einvernehmen mit den Vertretern der Fakultät herstellen, erläutert Fakultätsgeschäftsführer Lohkamp.

Ziel ist eine gemeinsame Entwicklungs- und Wirtschaftsplanung von Universität und Kliniken. Dekanin Hornberg ergänzt, dabei dürfe es sich nicht allein um betriebswirtschaftliche Kriterien drehen. Es gehe vor allem um den Aufbau einer universitätsmedizinischen, also akademischen Einrichtung. Doch die betriebswirtschaftliche Arbeit hat häufig Priorität. Laut dem aktuellen Krankenhaus-Rating-Report droht fast jedem fünften deutschen Krankenhaus bis 2025 die Insolvenz.

Aus diesem Grund gibt es auch Kritik an den Plänen der Universität Bielefeld. „Kein Aufsichtsrat eines Krankenhauses kann der Geschäftsführung empfehlen, mit der Universität Bielefeld zu kooperieren, weil man einen Großteil der unternehmerischen Gestaltungsmöglichkeiten abgibt“, erklärt der Geschäftsführer eines Krankenhauses in OWL, der anonym bleiben möchte. „Eine gemeinsame Wirtschaftsplanung mit der Universität ist ein Etikett für ein permanentes Defizit.“

Problematisch sei auch die Berufung von Chefärzten durch die Universität, erklärt der Geschäftsführer. „Chefärzte sind die Aushängeschilder eines Krankenhauses und müssen neben herausragenden Qualifikationen und Leistungen auch zum jeweiligen Haus und seiner Ausrichtung passen. Da gehen die Interessen von Krankenhäusern und der Universität Bielefeld schnell weit auseinander.“

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MindenRuhr-Uni und Klinikum kontern Kritik des WissenschaftsratesHenning Wandel,Lothar Schmalen,Carolin Nieder-EntgelmeierMinden (mt). Die medizinische Fakultät der Bochumer Ruhr-Universität gibt sich nach der Kritik des Wissenschaftsrates kämpferisch. Gemeinsam mit den Kooperationskliniken würden die Studenten „sehr gut und mit hohem Engagement ausgebildet“, sagt der Dekan, Prof. Dr. Ralf Gold. Seit drei Jahren zählen auch die Mühlenkreiskliniken zu den Kooperationspartnern. Sie hatten sich gemeinsam mit dem Krankenhaus Herford in einem Bewerberverfahren unter anderem gegen Bielefeld durchgesetzt. Seitdem besteht der Verbund aus zwölf Kliniken unter dem Dach von acht unterschiedlichen Trägern. Der Wissenschaftsrat sieht darin strukturelle Schwächen, das Bochumer Modell wirke sich negativ auf das Studium, vor allem aber auch auf die Forschung aus. Gold bekennt sich gegenüber dem MT deutlich zu dem Bochumer Modell, für die praktische Ausbildung der angehenden Mediziner mit unterschiedlichen Kliniken zusammenzuarbeiten: „Davon rücken wir nicht ab“, sagt er. Die Integration der ostwestfälischen Häuser sei sehr positiv, es gebe eine gute Zusammenarbeit, so Gold: „Wir geben die freiwillig nicht wieder her.“ Die Kritik an der aus Sicht des Wissenschaftsrates unzureichenden Forschung an den verstreuten Standorten versteht der Dekan auch als eine Ansage an das Land Nordrhein-Westfalen. Die Regierung in Düsseldorf müsse für die Grundlagenforschung die entsprechenden Mittel bereitstellen, zum Beispiel für ein kleines Forschungsgebäude in Minden. Doch schon das zehn Millionen Euro teure Hörsaalgebäude am Johannes-Wesling-Klinikum mussten die Mühlenkreiskliniken aus eigenen Mitteln und mit Hilfe von Sponsoren finanzieren. Vom Land gab es für dieses Projekt kein Geld. Laut Ralf Gold gibt es insgesamt eine Schieflage bei der Finanzierung der Medizinischen Fakultäten in Nordrhein-Westfalen. So bekomme Bochum mit 68 Millionen Euro nur etwa die Hälfte der Summe, die beispielsweise für Münster oder Düsseldorf zur Verfügung gestellt werde, sagt der Professor. Und auch das politisch geförderte Projekt einer Medizinerausbildung an der Universität Bielefeld sei deutlich teurer als eine Fortführung des Bochumer Modells. Gold rechnet mit 500 Millionen Euro, um allein die Vorklinik in Bielefeld an den Start zu bringen. Ist der Vergleich, den der Wissenschaftsrat zwischen seit Jahrzehnten etablierten und finanziell besser ausgestatteten Hochschulen mit dem vergleichsweise jungen medizinischen Zweig in Bochum zieht, also ungerecht? „Oder nicht wirtschaftlich fundiert“, sagt Gold. Der Wissenschaftsrat greife mit seinem Gutachten das Gesamtkonzept des Bochumer Modells an, sagt der Professor. Über die Folgen des Gutachtens würden demnächst Gespräche mit dem Ministerium geführt. Einen Termin dafür gebe es noch nicht, im November werde es wohl auch keinen mehr geben. Das Unternehmen Mühlenkreiskliniken äußert sich offiziell noch nicht zu dem Gutachten. Offenbar müssen sich die unterschiedlichen Klinikstandorte dazu noch einmal abstimmen. Die Professoren hingegen haben schon jetzt eine klare Meinung. Nach der ersten Betroffenheit sei das Gutachten auch ein Anreiz, sagt Professor Dr. Hansjürgen Piechota, ärztlicher Direktor des Johannes-Wesling-Klinikums: „Wir können das als Chance begreifen.“ Piechota kennt das Bochumer Modell auch noch aus der eigenen studentischen Perspektive und ist nach wie vor davon überzeugt. Obwohl vor 50 Jahren eher aus der Not geboren, sei es schon damals zukunftsträchtig gewesen: „Es bringt Hochleistungsmedizin in die Fläche.“ Gerade für den Standort Minden sei das JWK als Maximalversorger von großer Bedeutung, sagt auch Professor Dr. Peter Schellinger. Um den hohen Standard zu halten sei es „extrem wichtig, dass wir Universitätsklinik bleiben“. Das Gutachten geht aus seiner Sicht deutlich am Thema vorbei. Spitzenforschung sei am Standort Minden nicht der Hauptauftrag Zumal die Untersuchung aus den Jahren 2016 bis 2018 stamme, als die ostwestfälischen Standorte gerade erst an den Start gegangen sind. Piechota und Schellinger verweisen nicht ohne Stolz auf die bisherige Entwicklung des noch jungen Universitätsklinikums. So werde die Lehre von den Studenten überdurchschnittlich gut bewertet. Jetzt müsse die Forschung weiter ausgebaut werden, sagt Piechota, doch dafür sei auch die nötige Infrastruktur notwendig. Hier sei laut Schellinger vor allem das Land, aber auch der Träger in der Pflicht – also der Kreis. Ein Forschungsgebäude etwa sei auch wichtig bei der Besetzung von Chefarztstellen. In den kommenden vier Jahren sind acht dieser Posten neu zu besetzten. Die Nachfolger kommen zum Teil als Lehrstuhlinhaber der Ruhr-Universität nach Minden – mit bedeutenden wissenschaftlichen Projekten. Dafür würden auch entsprechende Labore benötigt, sagt Piechota. Die Enttäuschung über das Gutachten ist den beiden Medizinern anzumerken. Trotzdem verweisen beide auf die aus ihrer Sicht erfolgreiche Startphase des Medizincampus' OWL: „Wir verkriechen uns jetzt nicht“, sagt Piechota, „hier schlummert noch viel Potenzial.“ Ein zentraler Aspekt der Medizinerausbildung in Minden ist die Hoffnung, künftige Landärzte für die Region zu begeistern. Dafür ist nicht nur das klinische Studium an einem Standort wie dem Johannes-Wesling-Klinikum wichtig, sondern vor allem auch die allgemeinmedizinische Säule. Dieser Teil der Ausbildung findet nicht in einer Klinik statt, sondern in Lehrpraxen niedergelassener Ärzte. Die könnten zwar auch mit anderen Häusern kooperieren, trotzdem sei die Ausbildung am Mindener Uniklinikum wichtig, sagt Dr. Beate Lubbe. Sie koordiniert die Einsätze der Studenten in den Lehrpraxen. Allein in OWL gibt es davon etwa 85 bis 90 sagt die Ärztin, die selbst in Oberlübbe praktiziert. Es sei durchaus denkbar, dass auch ein Student von einer anderen Hochschule als Bochum in eine Mindener Lehrpraxis käme. Dennoch spricht sie sich klar für das Bochumer Modell aus. „Landärzte werden nicht in einer Großstadt ausgebildet“, sagt sie. Also nicht in Bochum – und auch nicht in Bielefeld. Eine Universitätsklinik in Minden hingegen hole den medizinischen Nachwuchs tatsächlich aufs Land. Von der klinischen Ausbildung am JWK ist der Schritt zu einer Lehrpraxis in Hille eben kürzer als von Bochum aus. „Ich schätze die Lehre an unseren Häusern in Minden, Bad Oeynhausen, Herford und Lübbecke sehr“, so Lubbe. Dass so manches Vorurteil vor Ort schnell widerlegt werde, sagt auch der Bochumer Professor Dr. Ralf Gold. Bochum sei für viele Medizinstudenten nicht unbedingt die erste Wahl, trotzdem fühlten sich die meisten dann doch wohl. Ähnlich sei es zum Start in Minden gewesen. Nicht jeder hat sich aus tiefster Überzeugung für Ostwestfalen entschieden. Inzwischen bleibe aber etwa die Hälfte der Mindener Studenten auch für ihr praktisches Jahr hier. Die Rückmeldungen seien ganz überwiegend positiv. Das gelte im Übrigen auch für die Allgemeinmediziner, sagt Lubbe. Noch in diesem Monat wird es dann auch den ersten fertigen, in Minden ausgebildeten Arzt geben. Oder besser: eine Ärztin. Bielefeld setzt auf die kurze Leine Die geplante Medizin-Fakultät will sich starken Einfluss auf die Kooperationskliniken sichern Bei der geplanten Kooperation der neuen Medizin-Fakultät in Bielefeld will die Universität die Kliniken eng an sich binden. So soll der Einfluss der Universität auf die Berufung von Chefärzten gesichert sein. Vertraglich sei zudem der Aufbau gemeinsamer Patientendatenbestände zu Forschungszwecken vereinbart. Das alles sind Kooperationsformen, deren Fehlen der Deutsche Wissenschaftsrat in seiner Begutachtung der Hochschulmedizin in NRW beim Bochumer Ausbildungsmodell moniert hatte. Doch auch an dem angekündigten Bielefelder Weg gibt es bereits Kritik. Wie Rektor Gerhard Sagerer, die Dekanin der künftigen Fakultät, Claudia Hornberg, und Fakultätsgeschäftsführer Frank Lohkamp im Gespräch erläutern, erfolge die Zusammenarbeit von Fakultät und Krankenhaus in der um die Fakultätsleitung erweiterten Geschäftsführung der Kliniken. Bei der Berufung der Chefärzte soll eine von der Fakultät eingesetzte Auswahlkommission die Personalentscheidungen treffen und die Kooperationskliniken lediglich ein Vetorecht haben, so Rektor Sagerer. In den Klinikgeschäftsführungen müssten die Klinikvertreter bei allen für den Forschungs- und Lehrbetrieb wichtigen Entscheidungen im Einvernehmen mit den Vertretern der Fakultät herstellen, erläutert Fakultätsgeschäftsführer Lohkamp. Ziel ist eine gemeinsame Entwicklungs- und Wirtschaftsplanung von Universität und Kliniken. Dekanin Hornberg ergänzt, dabei dürfe es sich nicht allein um betriebswirtschaftliche Kriterien drehen. Es gehe vor allem um den Aufbau einer universitätsmedizinischen, also akademischen Einrichtung. Doch die betriebswirtschaftliche Arbeit hat häufig Priorität. Laut dem aktuellen Krankenhaus-Rating-Report droht fast jedem fünften deutschen Krankenhaus bis 2025 die Insolvenz. Aus diesem Grund gibt es auch Kritik an den Plänen der Universität Bielefeld. „Kein Aufsichtsrat eines Krankenhauses kann der Geschäftsführung empfehlen, mit der Universität Bielefeld zu kooperieren, weil man einen Großteil der unternehmerischen Gestaltungsmöglichkeiten abgibt“, erklärt der Geschäftsführer eines Krankenhauses in OWL, der anonym bleiben möchte. „Eine gemeinsame Wirtschaftsplanung mit der Universität ist ein Etikett für ein permanentes Defizit.“ Problematisch sei auch die Berufung von Chefärzten durch die Universität, erklärt der Geschäftsführer. „Chefärzte sind die Aushängeschilder eines Krankenhauses und müssen neben herausragenden Qualifikationen und Leistungen auch zum jeweiligen Haus und seiner Ausrichtung passen. Da gehen die Interessen von Krankenhäusern und der Universität Bielefeld schnell weit auseinander.“