Wochenende: Vom Glück des Pessimisten oder Gucken wie Ralf Stegner

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Von Hartmut Nolte

Kommentarfoto Hartmut Nolte - © MT
Kommentarfoto Hartmut Nolte (© MT)

Der Pessimist macht ungleich mehr positive Erfahrungen als der Optimist. Schon zur Schulzeit galt für mich dieser alte Zweifler-Wahlspruch. Ich fürchtete bei Zeugnissen und Rückgabe insbesondere von Mathearbeiten immer das Schlimmste. Meine Klassenkameraden sagten, das sei Realismus und kein Pessimismus.

Es kann nur besser werden,” sagt der Optimist. “Es hätte schlimmer kommen können. Und es kam schlimmer,” hält ihm der Pessimist seine Erfahrungen entgegen. “Früher war alles besser”, sagt der Volksmund und der bayrische Kabarettist Karl Valentin wusste: “Die Zukunft ist auch nicht mehr, was sie mal war”. Die psychischen Erkrankungen nehmen zu. Gerade haben Studien der alten Volksweisheiten bewiesen, dass Kummer auf den Magen schlägt, dass Sorgen das Herz belasten, dass die Angst ihren Sitz im Nacken hat. Und welchen Schluss ziehen die Forscher daraus: Optimisten leben bis zu 15 Jahren länger. Ähnlich wie langjährig Verheiratete. Als ein solcher, aber aber auch als eingefleischter Pessimist frage ich: Wozu?

Die Frage hätte man den Leuten stellen sollen, die sich jetzt in einer Umfrage so glücklich wie noch nie gezeigt haben. Allzeithoch von 7,14 von zehn Punkten auf einer angeblichen Glücksskala? Das sollen echte Deutsche sein? Da könnte ein Rechtspopulist doch auf den Gedanken kommen, hier hätten Leute, die aus anderen nicht so reichen Ländern flüchteten, schon die Biodeutschen unterwandert. Denn Nörgeln und Besserwissen gelten als unsere typischen Eigenschaften. Der typische Deutsche hat einen Ralf-Stegner-Gesichtsausdruck. Man muss sich den Glücksatlas mal genauer ansehen. Die Umfrage dazu ist übrigens im Auftrag der Deutschen Post gemacht worden. Ein Schelm der Böses dabei denkt. Die Deutsche Bahn oder das Call-Center der Telekom wären noch plausiblere Auftraggeber gewesen, wenn man von Schwächen ablenken will. Also diese angeblich repräsentative Umfrage mit dem tendenziösen Titel ist in Regionen unterteilt. Danach liegt Westfalen auf dem letzten Platz aller 13 westdeutschen Regionen. Das ist, schaut man sich mal um, durchaus plausibel.

Dass Westfalen unglücklicher sind als Kölner und Düsseldorfer hat vielleicht etwas mit Karneval und Kirchenzugehörigkeit zu tun. Ich vermute aber, die meisten schlechten Westfalen-Werte stammen aus Minden. Wer die unsägliche Geschichte um die Kampa-Halle kennt, kann kaum “Ich fühle mich in meiner Stadt glücklich” ankreuzen. Auch nicht als Optimist. Als Pessimist kann ich nur hoffen, das meine Erwartungen in dieser Sache enttäuscht werden. Denn auch wir Zweifler glauben, dass die Hoffnung zuletzt stirbt.

In diesem Sinne ein schönes Wochenende.

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Wochenende: Vom Glück des Pessimisten oder Gucken wie Ralf StegnerVon Hartmut Nolte Der Pessimist macht ungleich mehr positive Erfahrungen als der Optimist. Schon zur Schulzeit galt für mich dieser alte Zweifler-Wahlspruch. Ich fürchtete bei Zeugnissen und Rückgabe insbesondere von Mathearbeiten immer das Schlimmste. Meine Klassenkameraden sagten, das sei Realismus und kein Pessimismus. Es kann nur besser werden,” sagt der Optimist. “Es hätte schlimmer kommen können. Und es kam schlimmer,” hält ihm der Pessimist seine Erfahrungen entgegen. “Früher war alles besser”, sagt der Volksmund und der bayrische Kabarettist Karl Valentin wusste: “Die Zukunft ist auch nicht mehr, was sie mal war”. Die psychischen Erkrankungen nehmen zu. Gerade haben Studien der alten Volksweisheiten bewiesen, dass Kummer auf den Magen schlägt, dass Sorgen das Herz belasten, dass die Angst ihren Sitz im Nacken hat. Und welchen Schluss ziehen die Forscher daraus: Optimisten leben bis zu 15 Jahren länger. Ähnlich wie langjährig Verheiratete. Als ein solcher, aber aber auch als eingefleischter Pessimist frage ich: Wozu? Die Frage hätte man den Leuten stellen sollen, die sich jetzt in einer Umfrage so glücklich wie noch nie gezeigt haben. Allzeithoch von 7,14 von zehn Punkten auf einer angeblichen Glücksskala? Das sollen echte Deutsche sein? Da könnte ein Rechtspopulist doch auf den Gedanken kommen, hier hätten Leute, die aus anderen nicht so reichen Ländern flüchteten, schon die Biodeutschen unterwandert. Denn Nörgeln und Besserwissen gelten als unsere typischen Eigenschaften. Der typische Deutsche hat einen Ralf-Stegner-Gesichtsausdruck. Man muss sich den Glücksatlas mal genauer ansehen. Die Umfrage dazu ist übrigens im Auftrag der Deutschen Post gemacht worden. Ein Schelm der Böses dabei denkt. Die Deutsche Bahn oder das Call-Center der Telekom wären noch plausiblere Auftraggeber gewesen, wenn man von Schwächen ablenken will. Also diese angeblich repräsentative Umfrage mit dem tendenziösen Titel ist in Regionen unterteilt. Danach liegt Westfalen auf dem letzten Platz aller 13 westdeutschen Regionen. Das ist, schaut man sich mal um, durchaus plausibel. Dass Westfalen unglücklicher sind als Kölner und Düsseldorfer hat vielleicht etwas mit Karneval und Kirchenzugehörigkeit zu tun. Ich vermute aber, die meisten schlechten Westfalen-Werte stammen aus Minden. Wer die unsägliche Geschichte um die Kampa-Halle kennt, kann kaum “Ich fühle mich in meiner Stadt glücklich” ankreuzen. Auch nicht als Optimist. Als Pessimist kann ich nur hoffen, das meine Erwartungen in dieser Sache enttäuscht werden. Denn auch wir Zweifler glauben, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. In diesem Sinne ein schönes Wochenende.