Minden

Archäologen untersuchen Siedlungsreste auf Deichhof-Baustelle

Thomas Lieske

Das Grabungsfeld aus der Vogelperspektive: Archäologen untersuchen derzeit die rund 700 Jahre alten Überreste im Boden am Deichhof. Dort soll das Stiftungshaus Deichhof entstehen. MT- - © Foto: Alex Lehn
Das Grabungsfeld aus der Vogelperspektive: Archäologen untersuchen derzeit die rund 700 Jahre alten Überreste im Boden am Deichhof. Dort soll das Stiftungshaus Deichhof entstehen. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Minden (mt). Mit einer Spitzkelle kratzt ein Arbeiter ein Pfahlfundament frei. Ganz sorgfältig, Zentimeter für Zentimeter. „Wir befinden uns in etwa auf der Bodenschicht des 13. Jahrhunderts“, erklärt Dr. Sven Spiong. Für den Archäologen und Leiter der Außenstelle Bielefeld des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) sind es spannende Zeiten auf der Baustelle am Deichhof. Denn die Gebäudegrundrisse und Holzkonstruktionen, die die Archäologen dort derzeit freilegen, verraten Neues über die Mindener Stadtgeschichte.

„Wir gehen derzeit davon aus, dass dieses Stadtgebiet rund 100 Jahre früher besiedelt wurde als bisher angenommen“, erklärt Spiong. Die gut erhaltenen Überreste stammen vermutlich aus dem 13. Jahrhundert. „Bisher hatten wir angenommen, dass die Zersiedlung außerhalb der Stadtmauer im 14. Jahrhundert begann.“ Glück für die Archäologen: Der Untergrund ist feucht. „So wurden die Materialien gut erhalten“, freut sich Spiong.

Die Antwort auf die Frage, wie alt die Funde sind, liefert den Experten ausgerechnet der Abfall von damals. „Glück für uns ist, dass die Menschen damals alles auf den Hof geworfen haben“, weiß Grabungsleiter Dr. Ulrich Holtfester. „Mit den Fundstücken können wir die Siedlung datieren.“ Vor allem Keramik kommt den Archäologen zugute. „Die verrät uns, dass es sich hier um das 13. Jahrhundert handeln muss.“

Zu sehen sind auf dem Grabungsgelände zahlreiche Pfosten, die senkrecht im Boden stecken. Aber auch eine quadratische Sandsteinfläche – vermutlich ein alter Stall. Erst durch die Pfosten, die noch überall zu sehen sind, sei es überhaupt möglich gewesen, an dieser feuchten Stelle Gebäude zu errichten, sind sich die Experten sicher. Auch einen Abwasserkanal haben die Archäologen gefunden: Zwei Holzlattungen verlaufen über mehrere Meter parallel in Richtung Straße.

Die Ausgrabungen an Ort und Stelle seien die eine Sache, sagt Spiong. Auf der anderen Seite müsse alles dokumentiert werden. Was früher nur mühevoll per Handskizze möglich war, geschieht heute dank modernster Technik deutlich einfacher. „Wir haben einen 3D-Scanner im Einsatz. So lässt sich am Ende eine Skizze per Computer erstellen, die aussieht, als sei sie aus der Luft aufgenommen“, sagt der Außenstellenleiter.

Von den Fundstücken behalten die Archäologen eher die kleinen Dinge: kleinere Holzstücken, Keramik, Knochen. „Vielleicht stellen wir einen kleinen Teil der Funde im Mindener Museum aus“, sagt Spiong. Zunächst müssen sie aber in Bielefeld begutachtet werden.

Die Baustelle am Deichhof ist für die Archäologen von großer Bedeutung. Für manchen Bauherren sind solche Grabungen aber auch lästig. Auch im Fall Deichhof? „Die Grabungen haben wir natürlich einkalkuliert“, erklärt Marc Pierro von der Steuerberatungsgesellschaft Südmeier und Partner. Sie vertritt die RS Stiftungshaus Deichhof GbR als Bauherrin – ein Zusammenschluss der Rudloff-Stiftung und der Strothmann-Stiftung. Beide Mindener Stiftungen engagieren sich seit mehr als zehn Jahre für soziale Projekte vor Ort.

„Noch sind wir entspannt“, schiebt Pierro hinterher. Generell laufe die Abstimmung zwischen Archäologen und Bauherrin gut. „Am Ende wollen ja alle das Gleiche: alte Funde erhalten und ein neues Gebäude für etwas Gutes.“ Das Stiftungshaus Deichhof ist als Familienzentrum konzipiert. „Wir Archäologen wollen keine Verhinderer sein. Wir wollen nur Altes erhalten, bevor Neues entsteht“, betont Dr. Sven Spiong.

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