Minden

Ausländische Hersteller mit Problemen: Lieferengpässe bei Medikamenten

Kerstin Rickert

Blick in das Regal mit den unbedenklichen Grundstoffen. Foto: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert
Blick in das Regal mit den unbedenklichen Grundstoffen. Foto: Kerstin Rickert (© Kerstin Rickert)

Minden (kr). Während Ärzte bei der Verordnung von Glucose auf abgepackte Ware aus der Apotheke zurückgreifen können, ist das bei anderen Präparaten nicht ganz so einfach. Dennoch gehört die Suche nach Alternativen für Mediziner und Pharmazeuten mittlerweile zum Alltag. Der Grund: Bei vielen Arzneimitteln kommt es zu Lieferengpässen, die Liste wird immer länger.

„Hier in #Minden sind bereits Medikamente nicht lieferbar", schreibt jemand auf Twitter und verweist in diesem Zusammenhang auf einen kürzlich auf aerzteblatt.de erschienenen Artikel. Darin heißt es, „die FDP-Gesundheitsexpertin Katrin Helling-Plahr befürchtet nach dem Brexit Engpässe bei der Versorgung deutscher Patienten mit einigen Medikamenten". „Die Lieferprobleme sind massiv, und das hat nichts mit dem Brexit zu tun", sagt Sebastian Sokolowski, Sprecher der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, zur aktuellen Lage auf dem Arzneimittelmarkt. „Die Apotheken führen Listen, welche Medikamente nicht lieferbar sind. Je nach Kundenstruktur sind darauf inzwischen regelmäßig 100 bis 200 Arzneimittel verzeichnet."

Die Palette reiche von Blutdrucksenkern über Antidepressiva bis zu hoch dosierten Schmerzmitteln wie Ibuprofen, die teils über mehrere Monate nicht lieferbar seien. Die Ursachen seien vielfältig, vor allem aber auf den Kostendruck in der Gesellschaft zurückzuführen. „Politik und Krankenkassen sagen, es muss möglichst billig sein. Zahlreiche Wirkstoffe werden bei uns kaum noch hergestellt", so Sokolowski. Antibiotika etwa würden nur noch China und Indien produziert.

„Seit einigen Jahren ist eine Verlagerung der Produktion pharmazeutischer Wirkstoffe in außereuropäische Länder bei gleichzeitiger Konzentration auf wenige Produktionsstätten zu beobachten. Treten dort Schwierigkeiten auf, kann der weltweit wachsende Bedarf nicht bedient werden", erklärt dazu Thomas Porstner vom Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (Phagro). Zu dessen Mitgliedern gehört die Firma Gehe mit Standort in Porta Westfalica, von der auch die Königstor-Apotheke in Minden einen Teil ihrer Ware bezieht.

Die Gründe dafür, dass er sich mehrfach täglich mit nicht lieferbaren Arzneimitteln herumschlagen muss, sieht Inhaber Günter Stange vor allem in „Fehlern der Politik". „Deutschland ist extrem billig, andere Länder sind wesentlich teurer. Das war mal umgekehrt." Sebastian Sokolowski sieht das ähnlich. Bei Engpässen stehe Deutschland am Ende der Lieferkette, weil hier weniger zu verdienen sei als anderswo. „Großbritannien ist bereit, das Doppelte zu zahlen, und die Apotheker in Deutschland spielen tagtäglich Feuerlöscher." Denn die Nichtverfügbarkeit eines verordneten Medikaments bedeute schließlich auch, dass in Absprache mit den Ärzten Alternativen zur Umstellung auf andere Präparate gefunden werden müssten. Das sei mit zusätzlichem Aufwand verbunden.

Durch den Brexit könnte die Lage weiter verschärft werden. Die Folgen richteten sich stark danach, ob und in welcher Form Großbritannien und die EU Rahmenbedingungen vereinbarten. „Es ist nicht auszuschließen, dass bei der Einfuhr aus Großbritannien in die EU und andersherum in Zukunft Zölle erhoben werden", sagt Gehe-Sprecher Dustin Tusch.

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MindenAusländische Hersteller mit Problemen: Lieferengpässe bei MedikamentenKerstin RickertMinden (kr). Während Ärzte bei der Verordnung von Glucose auf abgepackte Ware aus der Apotheke zurückgreifen können, ist das bei anderen Präparaten nicht ganz so einfach. Dennoch gehört die Suche nach Alternativen für Mediziner und Pharmazeuten mittlerweile zum Alltag. Der Grund: Bei vielen Arzneimitteln kommt es zu Lieferengpässen, die Liste wird immer länger. „Hier in #Minden sind bereits Medikamente nicht lieferbar", schreibt jemand auf Twitter und verweist in diesem Zusammenhang auf einen kürzlich auf aerzteblatt.de erschienenen Artikel. Darin heißt es, „die FDP-Gesundheitsexpertin Katrin Helling-Plahr befürchtet nach dem Brexit Engpässe bei der Versorgung deutscher Patienten mit einigen Medikamenten". „Die Lieferprobleme sind massiv, und das hat nichts mit dem Brexit zu tun", sagt Sebastian Sokolowski, Sprecher der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, zur aktuellen Lage auf dem Arzneimittelmarkt. „Die Apotheken führen Listen, welche Medikamente nicht lieferbar sind. Je nach Kundenstruktur sind darauf inzwischen regelmäßig 100 bis 200 Arzneimittel verzeichnet." Die Palette reiche von Blutdrucksenkern über Antidepressiva bis zu hoch dosierten Schmerzmitteln wie Ibuprofen, die teils über mehrere Monate nicht lieferbar seien. Die Ursachen seien vielfältig, vor allem aber auf den Kostendruck in der Gesellschaft zurückzuführen. „Politik und Krankenkassen sagen, es muss möglichst billig sein. Zahlreiche Wirkstoffe werden bei uns kaum noch hergestellt", so Sokolowski. Antibiotika etwa würden nur noch China und Indien produziert. „Seit einigen Jahren ist eine Verlagerung der Produktion pharmazeutischer Wirkstoffe in außereuropäische Länder bei gleichzeitiger Konzentration auf wenige Produktionsstätten zu beobachten. Treten dort Schwierigkeiten auf, kann der weltweit wachsende Bedarf nicht bedient werden", erklärt dazu Thomas Porstner vom Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (Phagro). Zu dessen Mitgliedern gehört die Firma Gehe mit Standort in Porta Westfalica, von der auch die Königstor-Apotheke in Minden einen Teil ihrer Ware bezieht. Die Gründe dafür, dass er sich mehrfach täglich mit nicht lieferbaren Arzneimitteln herumschlagen muss, sieht Inhaber Günter Stange vor allem in „Fehlern der Politik". „Deutschland ist extrem billig, andere Länder sind wesentlich teurer. Das war mal umgekehrt." Sebastian Sokolowski sieht das ähnlich. Bei Engpässen stehe Deutschland am Ende der Lieferkette, weil hier weniger zu verdienen sei als anderswo. „Großbritannien ist bereit, das Doppelte zu zahlen, und die Apotheker in Deutschland spielen tagtäglich Feuerlöscher." Denn die Nichtverfügbarkeit eines verordneten Medikaments bedeute schließlich auch, dass in Absprache mit den Ärzten Alternativen zur Umstellung auf andere Präparate gefunden werden müssten. Das sei mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Durch den Brexit könnte die Lage weiter verschärft werden. Die Folgen richteten sich stark danach, ob und in welcher Form Großbritannien und die EU Rahmenbedingungen vereinbarten. „Es ist nicht auszuschließen, dass bei der Einfuhr aus Großbritannien in die EU und andersherum in Zukunft Zölle erhoben werden", sagt Gehe-Sprecher Dustin Tusch. Lesen Sie zu diesem Thema auch Nach Todesfällen in Köln: So hoch sind die Sicherheitsstandards in Mindener Apotheken