Minden

Nach Todesfällen in Köln: So hoch sind die Sicherheitsstandards in Mindener Apotheken

Kerstin Rickert

Minden (kr). Es sollte nur ein Routine-Test im Rahmen der üblichen Vorsorge für werdende Mütter sein, doch er endete tödlich. In Köln starb eine Schwangere nach der Einnahme einer Glucoselösung aus einer Apotheke. Auch ihr per Notkaiserschnitt geborenes Baby überlebte nicht. Wie das passieren konnte, wird derzeit noch untersucht. Klar ist bisher, dass die von der Apotheke zubereitete und abgegebene Glucose mit einem Narkosemittel verunreinigt war. Der Fall hat auch in Minden die Herstellung sogenannter Rezepturarzneimittel in den Fokus gerückt. Ärzte und Patienten sorgen sich um Reinheit und Sicherheit selbst hergestellter Medikamente und fragen vermehrt in Apotheken nach. Auch das MT hat sich umgehört und Einblicke in den Apotheken-Alltag erhalten.

In dem Labor rührt Dana Winkel täglich Salben, Tinkturen und andere Präparate auf Rezept zusammen. Es gelten höchste Sicherheitsbestimmungen bei der Herstellung. Foto: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert
In dem Labor rührt Dana Winkel täglich Salben, Tinkturen und andere Präparate auf Rezept zusammen. Es gelten höchste Sicherheitsbestimmungen bei der Herstellung. Foto: Kerstin Rickert (© Kerstin Rickert)

Ab und zu ist das Quietschen des Medikamenten-Aufzugs zu hören, ansonsten ist es im Keller der Königstor-Apotheke absolut ruhig. Hinter einer Tür hat Dana Winkel ihr Domizil: das Labor. Hier stellt die Pharmazeutisch-Technische Assistentin – kurz PTA – tagtäglich Salben, Tinkturen und weitere Präparate auf Rezept her. Das Tragen von Handschuhen, Mundschutz und Kittel gehört für sie dabei ebenso zur Routine wie die genaueste Beachtung von Herstellungsanweisungen und die Dokumentation jedes einzelnen Schritts.

Neben Dana Winkel liegt das Rezept eines Arztes für eine Kortisonsalbe. In Reichweite stehen Fachbücher für die Arzneimittelherstellung und reihenweise Ordner mit Verordnungen, Anweisungen und Protokollen im Regal. Auf einer Präzisionswaage misst Dana Winkel exakt die benötigte Menge Kortison ab. Die Waage ist ausgestattet mit einem Windschutz, der sich von oben und den Seiten öffnen lässt. Dadurch wird gewährleistet, dass kein Lüftchen das Messergebnis beeinträchtigen kann und keine Umwelteinflüsse in die Substanz gelangen.

Dana Winkel geht hochkonzentriert vor und notiert jeden einzelnen Schritt. Nachdem sie die benötigte Menge Kortison aufs Milligramm genau abgewogen hat, macht sie sich daran, die erforderliche Salbengrundlage abzumessen. Beide Substanzen hat die Apotheke nach der Lieferung durch den Pharmagroßhandel bereits überprüft und die Ergebnisse in einem Protokoll schriftlich festgehalten. Das ist ebenso vorgeschrieben wie die Anfertigung der Rezeptur nach einer vorgegebenen Herstellungsanweisung und das Protokollieren der einzelnen Schritte bis zum fertigen Präparat.

Während Dana Winkel das Kortison früher manuell unter die Salbe hätte mischen müssen, steht dafür heute eine spezielle Rührmaschine zur Verfügung, bei der sie die Geschwindigkeit laut Herstellungsanweisung einstellen kann. „Bei der Salbenherstellung ist inzwischen für jede Rezeptur genau festgelegt, mit wie vielen Umdrehungen pro Minute diese gerührt werden müssen", erklärt Günter Stange, Inhaber der Königstor-Apotheke und Vertrauensapotheker für den Kreis Minden-Lübbecke. Auf diese Weise werde eine besonders hohe Qualität der fertigen Salbe erreicht, die durchgängig dieselbe Konzentration der verarbeiteten Substanzen aufweise.

Genaue Regeln gelten auch für die Aufbewahrung sämtlicher Substanzen. Unbedenkliche Grundstoffe wie Olivenöl, Vaselin oder verschiedene Alkohole stehen im Labor der Königstor-Apotheke griffbereit in einem Regal. „Alles, was gefährlich ist, lagert unter Verschluss", erklärt Stange. Stoffe, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, sogar in einem Tresor. Insofern könne es auch nicht passieren, dass ein Narkosemittel in eine Glucoselösung gerate, die ja lediglich aus Traubenzucker und Wasser bestehe. „Jedenfalls nicht aus Versehen", sagt Stange. Was in Köln passiert ist, nennt er „bestürzend, weil absolut nicht vorstellbar."

Ähnlich äußert sich Sebastian Sokolowski, Sprecher der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. „Die Herstellung von Rezepturen ist genau geregelt und unterliegt strengen Vorschriften, deren Einhaltung auch regelmäßig überprüft wird." Wenngleich Arzneien heute nicht mehr so häufig selbst hergestellt würden wie früher, so hätten sie in vielen Bereichen doch noch immer eine große Bedeutung. Etwa dann, wenn Fertigarzneimittel gar nicht oder nicht in der benötigten Dosierung zur Verfügung stünden.

„Die Dosis bei Herzmedikamenten für Kleinkinder richtet sich zum Beispiel nach dem Körpergewicht", erklärt Sokolowski. Bei einem Rezepturarzneimittel werde die Dosis auf Grundlage der Verordnung des Arztes in der Apotheke entsprechend angepasst. „Jede Apotheke vor Ort muss das vom Gesetz her anbieten und ist auch entsprechend ausgestattet. Die Rezeptur ist das tägliche Doing in jeder Apotheke."

Eine, die „relativ viele Rezepturen" herstellt, ist die Stifts-Apotheke in Minden. „Auch Glucose", wie eine Mitarbeiterin erklärt. Allerdings werde die Abgabe anders gehandhabt als in Köln. „Wir füllen nur das Pulver ab, die Weiterverarbeitung erfolgt in der Arztpraxis", bestätigt der Inhaber, Apotheker Ulrich Welge. Nachfragen besorgter Patienten habe es in seiner Apotheke bislang nicht gegeben.

Eingesetzt wird Glucose, besser bekannt als Traubenzucker, unter anderem für den sogenannten oralen Glucosetoleranz-Test. Seit 2012 gehört dieser Zuckerbelastungstest zur Feststellung von Schwangerschaftsdiabetes zum Vorsorge-Programm werdender Mütter.

Sowohl Ärzte als auch Kunden hätten sich nach den tragischen Todesfällen in Köln vor Ort erkundigt, sagt Peter Brand, der die Brandsche Apotheke in Minden und in Porta Westfalica betreibt. „Die Angst, die den Leuten nach so einem Vorfall im Nacken sitzt, ist auch absolut verständlich. Bedenken konnten wir aber ausräumen", sagt Brand. In seinen Apotheken komme ein Infrarot-Spektrometer zum Einsatz, um die Ausgangsstoffe für Rezepturen zu prüfen und deren Reinheit und Sicherheit zu gewährleisten.

Angesprochen auf die Abgabe von Glucose, schließt auch er eine versehentliche Beimischung schädlicher Substanzen aus. Traubenzucker als nicht verschreibungspflichtiges Lebensmittel stehe im Labor der Apotheke ganz woanders als beispielsweise ein Narkotikum. „Verschreibungspflichtige Substanzen stehen grundsätzlich unter Verschluss", so Brand. Auch in seinen Apotheken wird Glucose nicht direkt an die Patienten abgegeben, sondern an die verordnenden Ärzte. „Dabei handelt es sich um geprüfte pharmazeutische Ware, die von uns abgefüllt wird."

Nötig wäre dieses Vorgehen laut Sebastian Sokolowski von der Apothekerkammer grundsätzlich nicht. „Glucose gibt es auch als Fertigpräparat, aber das ist teurer und wird als nicht wirtschaftlich erachtet", sagt er. Das sei einer der Gründe, warum Glucose in Apotheken aus Eimern in Tütchen abgefüllt und dann in den Praxen für den oralen Glucosetoleranz-Test aufgelöst werden müsse. Dazu kommt, dass es bei dem einzigen Fertigpräparat am Markt immer wieder Lieferengpässe gibt und es somit oft gar nicht zur Verfügung steht.

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Hinter einer Tür hat Dana Winkel ihr Domizil: das Labor. Hier stellt die Pharmazeutisch-Technische Assistentin – kurz PTA – tagtäglich Salben, Tinkturen und weitere Präparate auf Rezept her. Das Tragen von Handschuhen, Mundschutz und Kittel gehört für sie dabei ebenso zur Routine wie die genaueste Beachtung von Herstellungsanweisungen und die Dokumentation jedes einzelnen Schritts. Neben Dana Winkel liegt das Rezept eines Arztes für eine Kortisonsalbe. In Reichweite stehen Fachbücher für die Arzneimittelherstellung und reihenweise Ordner mit Verordnungen, Anweisungen und Protokollen im Regal. Auf einer Präzisionswaage misst Dana Winkel exakt die benötigte Menge Kortison ab. Die Waage ist ausgestattet mit einem Windschutz, der sich von oben und den Seiten öffnen lässt. Dadurch wird gewährleistet, dass kein Lüftchen das Messergebnis beeinträchtigen kann und keine Umwelteinflüsse in die Substanz gelangen. Dana Winkel geht hochkonzentriert vor und notiert jeden einzelnen Schritt. Nachdem sie die benötigte Menge Kortison aufs Milligramm genau abgewogen hat, macht sie sich daran, die erforderliche Salbengrundlage abzumessen. Beide Substanzen hat die Apotheke nach der Lieferung durch den Pharmagroßhandel bereits überprüft und die Ergebnisse in einem Protokoll schriftlich festgehalten. Das ist ebenso vorgeschrieben wie die Anfertigung der Rezeptur nach einer vorgegebenen Herstellungsanweisung und das Protokollieren der einzelnen Schritte bis zum fertigen Präparat. Während Dana Winkel das Kortison früher manuell unter die Salbe hätte mischen müssen, steht dafür heute eine spezielle Rührmaschine zur Verfügung, bei der sie die Geschwindigkeit laut Herstellungsanweisung einstellen kann. „Bei der Salbenherstellung ist inzwischen für jede Rezeptur genau festgelegt, mit wie vielen Umdrehungen pro Minute diese gerührt werden müssen", erklärt Günter Stange, Inhaber der Königstor-Apotheke und Vertrauensapotheker für den Kreis Minden-Lübbecke. Auf diese Weise werde eine besonders hohe Qualität der fertigen Salbe erreicht, die durchgängig dieselbe Konzentration der verarbeiteten Substanzen aufweise. Genaue Regeln gelten auch für die Aufbewahrung sämtlicher Substanzen. Unbedenkliche Grundstoffe wie Olivenöl, Vaselin oder verschiedene Alkohole stehen im Labor der Königstor-Apotheke griffbereit in einem Regal. „Alles, was gefährlich ist, lagert unter Verschluss", erklärt Stange. Stoffe, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, sogar in einem Tresor. Insofern könne es auch nicht passieren, dass ein Narkosemittel in eine Glucoselösung gerate, die ja lediglich aus Traubenzucker und Wasser bestehe. „Jedenfalls nicht aus Versehen", sagt Stange. Was in Köln passiert ist, nennt er „bestürzend, weil absolut nicht vorstellbar." Ähnlich äußert sich Sebastian Sokolowski, Sprecher der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. „Die Herstellung von Rezepturen ist genau geregelt und unterliegt strengen Vorschriften, deren Einhaltung auch regelmäßig überprüft wird." Wenngleich Arzneien heute nicht mehr so häufig selbst hergestellt würden wie früher, so hätten sie in vielen Bereichen doch noch immer eine große Bedeutung. Etwa dann, wenn Fertigarzneimittel gar nicht oder nicht in der benötigten Dosierung zur Verfügung stünden. „Die Dosis bei Herzmedikamenten für Kleinkinder richtet sich zum Beispiel nach dem Körpergewicht", erklärt Sokolowski. Bei einem Rezepturarzneimittel werde die Dosis auf Grundlage der Verordnung des Arztes in der Apotheke entsprechend angepasst. „Jede Apotheke vor Ort muss das vom Gesetz her anbieten und ist auch entsprechend ausgestattet. Die Rezeptur ist das tägliche Doing in jeder Apotheke." Eine, die „relativ viele Rezepturen" herstellt, ist die Stifts-Apotheke in Minden. „Auch Glucose", wie eine Mitarbeiterin erklärt. Allerdings werde die Abgabe anders gehandhabt als in Köln. „Wir füllen nur das Pulver ab, die Weiterverarbeitung erfolgt in der Arztpraxis", bestätigt der Inhaber, Apotheker Ulrich Welge. Nachfragen besorgter Patienten habe es in seiner Apotheke bislang nicht gegeben. Eingesetzt wird Glucose, besser bekannt als Traubenzucker, unter anderem für den sogenannten oralen Glucosetoleranz-Test. Seit 2012 gehört dieser Zuckerbelastungstest zur Feststellung von Schwangerschaftsdiabetes zum Vorsorge-Programm werdender Mütter. Sowohl Ärzte als auch Kunden hätten sich nach den tragischen Todesfällen in Köln vor Ort erkundigt, sagt Peter Brand, der die Brandsche Apotheke in Minden und in Porta Westfalica betreibt. „Die Angst, die den Leuten nach so einem Vorfall im Nacken sitzt, ist auch absolut verständlich. Bedenken konnten wir aber ausräumen", sagt Brand. In seinen Apotheken komme ein Infrarot-Spektrometer zum Einsatz, um die Ausgangsstoffe für Rezepturen zu prüfen und deren Reinheit und Sicherheit zu gewährleisten. Angesprochen auf die Abgabe von Glucose, schließt auch er eine versehentliche Beimischung schädlicher Substanzen aus. Traubenzucker als nicht verschreibungspflichtiges Lebensmittel stehe im Labor der Apotheke ganz woanders als beispielsweise ein Narkotikum. „Verschreibungspflichtige Substanzen stehen grundsätzlich unter Verschluss", so Brand. Auch in seinen Apotheken wird Glucose nicht direkt an die Patienten abgegeben, sondern an die verordnenden Ärzte. „Dabei handelt es sich um geprüfte pharmazeutische Ware, die von uns abgefüllt wird." Nötig wäre dieses Vorgehen laut Sebastian Sokolowski von der Apothekerkammer grundsätzlich nicht. „Glucose gibt es auch als Fertigpräparat, aber das ist teurer und wird als nicht wirtschaftlich erachtet", sagt er. Das sei einer der Gründe, warum Glucose in Apotheken aus Eimern in Tütchen abgefüllt und dann in den Praxen für den oralen Glucosetoleranz-Test aufgelöst werden müsse. Dazu kommt, dass es bei dem einzigen Fertigpräparat am Markt immer wieder Lieferengpässe gibt und es somit oft gar nicht zur Verfügung steht.  Lesen Sie zu diesem Thema auch  Ausländische Hersteller mit Problemen: Lieferengpässe bei Medikamenten