Minden

Nach Anschlagsversuch auf Synagoge in Halle: Polizei sieht keine konkrete Gefährdung in Minden

Sebastian Radermacherund Nadine Conti

Seit Bekanntwerden des versuchten Anschlags in Halle verstärkt die Polizei auch vor der Synagoge an der Kampstraße in Minden die Präsenz. MT- - © Foto: Patrick Schwemling
Seit Bekanntwerden des versuchten Anschlags in Halle verstärkt die Polizei auch vor der Synagoge an der Kampstraße in Minden die Präsenz. MT- (© Foto: Patrick Schwemling)

Minden (mt). Jalal Gavrilov war gerade auf der Arbeit, als seine Frau ihn anrief und von dem versuchten Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale berichtete. „Ich war schockiert und erschüttert“, sagt der 25-Jährige, der seit Mai 2018 Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde in Minden ist. „So etwas darf nicht passieren.“

Unmittelbar nach Bekanntwerden des Vorfalls am Mittwochmittag habe der Vorstand der Gemeinde Kontakt zur Kreispolizei Minden-Lübbecke aufgenommen. Daraufhin sei ein Streifenwagen ausgerückt und habe Präsenz vor der Synagoge an der Kampstraße gezeigt. Denn ein Großteil der rund 90 Mitglieder hatte sich dort am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, zusammengefunden und zwei Gottesdienste gefeiert. Jalal Gavrilov ist froh, dass die Polizei ihre Schutzmaßnahmen auch in Minden verstärkt. Wie Friedrich Rodenberg, Leiter der Polizeiwache Minden, auf MT-Anfrage bekräftigt, sei die Polizei zurzeit dauerhaft präsent an der Kampstraße und werde die Lage immer wieder neu bewerten. Nach dem Anschlagsversuch in Halle sehe er aktuell keine konkrete Gefährdung für Minden. Aber: „Ein latentes Potenzial ist immer da“, gibt Rodenberg zu. Für den heutigen Freitag haben beide Seiten kurzfristig ein Treffen organisiert, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Wie lange genau die verstärkten Schutzmaßnahmen andauern werden, sagt der Polizeihauptkommissar öffentlich nicht, nur so viel: „Das Thema hat bei uns Priorität.“

In den vergangenen Jahren hat es in Minden keine größeren Zwischenfälle rund um die jüdische Gemeinde gegeben. „Kleinere negative Sachen kommen gelegentlich vor, aber zum Glück ist noch nichts Schlimmes passiert“, sagt Gavrilov. Auch Rodenberg sind keine besonderen Vorkommnisse bekannt. In den Sozialen Medien gebe es zwar immer mal wieder negative Kommentare oder „Fake-Meldungen“, die die jüdische Gemeinde beträfen. Diese Hinweise gebe die Polizei an den Staatsschutz weiter. „Insgesamt sind wir froh, dass es bislang keine größeren Vorfälle gab“, sagt Rodenberg. In diesem Zusammenhang loben sowohl Rodenberg als auch Gavrilov ausdrücklich die gute Zusammenarbeit und den engen Austausch zwischen Polizei und Gemeinde. Man treffe sich regelmäßig, spreche über anstehende Termine und angemessene Sicherheitsvorkehrungen. Die Absprache sei vorbildlich. Jalal Gavrilov bedauert, dass die Gemeinde jede Veranstaltung bei der Polizei anmelden muss – vom Religionsunterricht bis zu einer Führung durch die Synagoge. Doch dies sei nicht zu ändern, denn die Sicherheit der Menschen gehe vor. „Leider kann immer etwas passieren, niemand kann sich zu 100 Prozent sicher fühlen“, sagt der Vorsitzende.

Deshalb arbeiten Vertreter der Gemeinde und der Polizei auch bereits seit längerer Zeit an einem neuen Sicherheitskonzept. Dabei gehe es vor allem um die Frage, durch welche baulichen Veränderungen der Schutz optimiert werden kann. Wie Harald Scheurenberg, der 33 Jahre Vorsitzender der Kultusgemeinde war, berichtet, schließe die Gemeinde in der Regel zwar das Tor und die Eingangstüren bei Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen ab. Doch ob das im Ernstfall ausreichend Schutz bringt, bezweifelt er.

Gemeinsam haben die Gemeindevertreter und die Polizeibeamten deshalb verschiedene Überlegungen für mehr Sicherheit ausgearbeitet, Rodenberg nennt als Beispiele die Stichworte Fensterscheiben und Videoüberwachung. Momentan liege das Konzept zur Bewertung beim Land NRW, das festlege, wann es umgesetzt werde. „Wir hoffen, dass es 2020 soweit sein wird“, sagt Gavrilov, der über die Menschen in Minden nur Positives berichten kann. „Ich habe hier keine negativen Erfahrungen gemacht und viele Freunde gefunden.“

Auch Nina Pape, die Vorsitzende der hiesigen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, hat sich daran gewöhnt, alle Veranstaltungen im Gemeindesaal der Synagoge vorher bei der Polizei anzumelden. Sie würde sich ja wünschen, dass Antisemitismus in Deutschland so weit verschwunden wäre, dass Synagogen wie Kirchen tagsüber offen stehen könnten, sagt sie. Stattdessen erlebe sie aber eher, dass sich die rote Linie, das berühmte „das wird man doch noch sagen dürfen“, in den vergangenen Jahren immer weiter verschoben hat. Sie ruft alle Mindener Bürger auf, am 9. November um 18 Uhr zur Gedenkveranstaltung an die Reichspogromnacht in die Synagoge zu kommen. „Um an die Vergangenheit zu erinnern und Respekt zu zollen.“

Der Evangelische Kirchenkreis Minden hat in einem Brief an den Gemeindevorstand sein Mitgefühl zum Ausdruck gebracht und Solidarität im Kampf gegen Antisemitismus und für ein friedliches Zusammenleben versichert. Man sehe eine große Verpflichtung, „Ihnen unseren Beistand in diesen Zeiten neuer Angst vor Bedrohung und Anschlägen zuzusagen“, schreiben Superintendent Jürgen Tiemann und sein Stellvertreter Bernhard Speller.

Die jüdische Gemeinde in Minden

Die Anfänge der jüdischen Gemeinde in Minden reichen in das 13. Jahrhundert zurück. Während der Pestjahre Mitte des 14. Jahrhunderts wurde sie durch Verfolgung komplett ausgelöscht.

Am 14. März 1865 weihte die Gemeinde eine Synagoge im maurischen Stil in der Kampstraße ein.

1945 gab es auf Initiative von Emil Samuel wieder die ersten jüdischen Gottesdienste mit rund 100 Menschen, die größtenteils aus den Lagern um Lahde kamen und überwiegend aus Osteuropa stammten.

Anfang 1946 wurde die Jüdische Kultusgemeinde Minden und Umgebung wieder gegründet. Am 15. Juni 1958 wurde die neue Synagoge eingeweiht.

Seit Mai 2018 ist Jalal Gavrilov Vorsitzender der Gemeinde.

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MindenNach Anschlagsversuch auf Synagoge in Halle: Polizei sieht keine konkrete Gefährdung in MindenSebastian Radermacherund Nadine ContiMinden (mt). Jalal Gavrilov war gerade auf der Arbeit, als seine Frau ihn anrief und von dem versuchten Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale berichtete. „Ich war schockiert und erschüttert“, sagt der 25-Jährige, der seit Mai 2018 Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde in Minden ist. „So etwas darf nicht passieren.“ Unmittelbar nach Bekanntwerden des Vorfalls am Mittwochmittag habe der Vorstand der Gemeinde Kontakt zur Kreispolizei Minden-Lübbecke aufgenommen. Daraufhin sei ein Streifenwagen ausgerückt und habe Präsenz vor der Synagoge an der Kampstraße gezeigt. Denn ein Großteil der rund 90 Mitglieder hatte sich dort am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, zusammengefunden und zwei Gottesdienste gefeiert. Jalal Gavrilov ist froh, dass die Polizei ihre Schutzmaßnahmen auch in Minden verstärkt. Wie Friedrich Rodenberg, Leiter der Polizeiwache Minden, auf MT-Anfrage bekräftigt, sei die Polizei zurzeit dauerhaft präsent an der Kampstraße und werde die Lage immer wieder neu bewerten. Nach dem Anschlagsversuch in Halle sehe er aktuell keine konkrete Gefährdung für Minden. Aber: „Ein latentes Potenzial ist immer da“, gibt Rodenberg zu. Für den heutigen Freitag haben beide Seiten kurzfristig ein Treffen organisiert, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Wie lange genau die verstärkten Schutzmaßnahmen andauern werden, sagt der Polizeihauptkommissar öffentlich nicht, nur so viel: „Das Thema hat bei uns Priorität.“ In den vergangenen Jahren hat es in Minden keine größeren Zwischenfälle rund um die jüdische Gemeinde gegeben. „Kleinere negative Sachen kommen gelegentlich vor, aber zum Glück ist noch nichts Schlimmes passiert“, sagt Gavrilov. Auch Rodenberg sind keine besonderen Vorkommnisse bekannt. In den Sozialen Medien gebe es zwar immer mal wieder negative Kommentare oder „Fake-Meldungen“, die die jüdische Gemeinde beträfen. Diese Hinweise gebe die Polizei an den Staatsschutz weiter. „Insgesamt sind wir froh, dass es bislang keine größeren Vorfälle gab“, sagt Rodenberg. In diesem Zusammenhang loben sowohl Rodenberg als auch Gavrilov ausdrücklich die gute Zusammenarbeit und den engen Austausch zwischen Polizei und Gemeinde. Man treffe sich regelmäßig, spreche über anstehende Termine und angemessene Sicherheitsvorkehrungen. Die Absprache sei vorbildlich. Jalal Gavrilov bedauert, dass die Gemeinde jede Veranstaltung bei der Polizei anmelden muss – vom Religionsunterricht bis zu einer Führung durch die Synagoge. Doch dies sei nicht zu ändern, denn die Sicherheit der Menschen gehe vor. „Leider kann immer etwas passieren, niemand kann sich zu 100 Prozent sicher fühlen“, sagt der Vorsitzende. Deshalb arbeiten Vertreter der Gemeinde und der Polizei auch bereits seit längerer Zeit an einem neuen Sicherheitskonzept. Dabei gehe es vor allem um die Frage, durch welche baulichen Veränderungen der Schutz optimiert werden kann. Wie Harald Scheurenberg, der 33 Jahre Vorsitzender der Kultusgemeinde war, berichtet, schließe die Gemeinde in der Regel zwar das Tor und die Eingangstüren bei Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen ab. Doch ob das im Ernstfall ausreichend Schutz bringt, bezweifelt er. Gemeinsam haben die Gemeindevertreter und die Polizeibeamten deshalb verschiedene Überlegungen für mehr Sicherheit ausgearbeitet, Rodenberg nennt als Beispiele die Stichworte Fensterscheiben und Videoüberwachung. Momentan liege das Konzept zur Bewertung beim Land NRW, das festlege, wann es umgesetzt werde. „Wir hoffen, dass es 2020 soweit sein wird“, sagt Gavrilov, der über die Menschen in Minden nur Positives berichten kann. „Ich habe hier keine negativen Erfahrungen gemacht und viele Freunde gefunden.“ Auch Nina Pape, die Vorsitzende der hiesigen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, hat sich daran gewöhnt, alle Veranstaltungen im Gemeindesaal der Synagoge vorher bei der Polizei anzumelden. Sie würde sich ja wünschen, dass Antisemitismus in Deutschland so weit verschwunden wäre, dass Synagogen wie Kirchen tagsüber offen stehen könnten, sagt sie. Stattdessen erlebe sie aber eher, dass sich die rote Linie, das berühmte „das wird man doch noch sagen dürfen“, in den vergangenen Jahren immer weiter verschoben hat. Sie ruft alle Mindener Bürger auf, am 9. November um 18 Uhr zur Gedenkveranstaltung an die Reichspogromnacht in die Synagoge zu kommen. „Um an die Vergangenheit zu erinnern und Respekt zu zollen.“ Der Evangelische Kirchenkreis Minden hat in einem Brief an den Gemeindevorstand sein Mitgefühl zum Ausdruck gebracht und Solidarität im Kampf gegen Antisemitismus und für ein friedliches Zusammenleben versichert. Man sehe eine große Verpflichtung, „Ihnen unseren Beistand in diesen Zeiten neuer Angst vor Bedrohung und Anschlägen zuzusagen“, schreiben Superintendent Jürgen Tiemann und sein Stellvertreter Bernhard Speller. Die jüdische Gemeinde in Minden Die Anfänge der jüdischen Gemeinde in Minden reichen in das 13. Jahrhundert zurück. Während der Pestjahre Mitte des 14. Jahrhunderts wurde sie durch Verfolgung komplett ausgelöscht. Am 14. März 1865 weihte die Gemeinde eine Synagoge im maurischen Stil in der Kampstraße ein. 1945 gab es auf Initiative von Emil Samuel wieder die ersten jüdischen Gottesdienste mit rund 100 Menschen, die größtenteils aus den Lagern um Lahde kamen und überwiegend aus Osteuropa stammten. Anfang 1946 wurde die Jüdische Kultusgemeinde Minden und Umgebung wieder gegründet. Am 15. Juni 1958 wurde die neue Synagoge eingeweiht. Seit Mai 2018 ist Jalal Gavrilov Vorsitzender der Gemeinde.