Minden

Zeitmaschine: Bei der Reenactormesse tummeln sich wieder Freunde der Vergangenheit auf Kanzlers Weide

Michael Grundmeier

Einige Teilnehmer stellen bei der Reenactormesse auf Kanzlers Weide den Amerikanischen Bürgerkrieg nach. Foto: Michael Grundmeier - © Foto: Michael Grundmeier
Einige Teilnehmer stellen bei der Reenactormesse auf Kanzlers Weide den Amerikanischen Bürgerkrieg nach. Foto: Michael Grundmeier (© Foto: Michael Grundmeier)

Minden (mig). Greifvögel jagen durch die Luft, von ferne sind die Klänge eines Tamburins zu hören - wer die Tore der Reenactormesse durchschreitet, kommt in eine fremde, seltsam vertraute Welt. An jeder Ecke gibt es zu sehen und zu staunen, an den Marktständen sind Händler aus aller Welt vertreten. Sie kommen aus den USA, aus Ungarn, Frankreich - und die meisten haben etwas anzubieten, das sonst keiner hat. Herrlich gefertigte Broschen und Schmuck, Schwerter und Rüstungsteile, sogar Stoffe gibt es hier zu kaufen. So oder so ähnlich wie am Weserufer in Minden dürfte es auch auf einem mittelalterlichen Markt zugegangen sein.

Und genau wie auf einem mittelalterlichen Markt, wird gehandelt und gefeilscht. Die gewünschte Kopfbedeckung ist zu groß? Dann wird sie eben kleiner gemacht. Eine kleine Vorführung fürs Publikum inklusive. Überhaupt gibt es neben dem offiziellen Programm auch ein inoffizielles an den Ständen. Viele Händler haben ihre Werkzeuge mitgebracht und sticheln, spleißen, feilen was das Zeug hält. Die Besucher bleiben stehen und staunen. „Das ist der Grund, warum ich immer wieder hierherkomme", erklärt Besucher Thomas Koch aus Bad Oeynhausen. „Ich kann mich mit den Händlern unterhalten und mir ihre Techniken zeigen lassen".

Reeanactormesse auf Kanzlers Weide 2019 (Plus-Inhalt)

Koch ist an diesem Tag mit seiner Frau und zwei Freundinnen unterwegs. Die Vier wollen hier einen schönen Nachmittag verleben und möglichst viel von den Ständen sehen. „Wir wollen uns ein bisschen für unser Hobby ausrüsten", sagt Susanne Koch. Ihr Hobby: das sogenannte „Fantasie-Rollenspiel", dass die Mitspieler in Rollen schlüpfen lässt. Beim „LARP", dem „Live Action Roleplaying" werden sogar „in echt" Szenen nachgestellt. Man kann sich das wie ein Schauspiel vorstellen, dessen Richtung nur grob vorgegeben ist, sagt Koch. „Für uns ist das ein Hobby. Sobald Wochenende werden die Kostüme rausgeholt und los gehts".

Etwas anders sieht das Marko Steiner, der an einem Stand nach geeigneten Knöpfen sucht. Für ihn steht historische Genauigkeit an erster Stelle, „die Gewandung sollte zur Zeit passen", findet er. Er selbst verkörpert einen Adligen aus der Zeit des Barocks, sein Kostüm hat er diesmal aber zu Hause gelassen. „Ich bin eigentlich nur hier, um mich mit Ersatzteilen einzudecken", sagt er. Zum Reenactment kam Steiner auf Umwegen, zunächst vor allem über die Genealogie. „Da habe ich zunächst im Netz meinen eigenen Familienstammbaum erforscht und gesehen, dass wir einige interessante Figuren in der Familie hatten". Das habe er so spannend gefunden, dass er auch ganz real in ihre Fußstapfen treten wollte.

Nicht ganz so ernst meinen es Heinz-Günter, Madlen und Olav aus Hildesheim. Die Drei sind in Gewandung, Olav und Tochter Madlen verkörpern zwei Wikinger, Heinz-Günter einen Händler des 16./17. Jahrhunderts. Die historische Genauigkeit sei ihn nicht ganz so wichtig, „wir passen aber auf, dass wir nicht aus dem Rahmen fallen". Olav hat sich Stoffe für einen Umhang gekauft, die anderen sind noch auf der Suche. „Hier findet man wirklich alles, was man braucht", sagt Olav und ergänzt: „Das Schöne an diesem Markt ist, dass es hier ein ganz anderes Angebot gibt, als auf den Mittelaltermärkten. Da ist das Angebot, egal in welcher Stadt, oft sehr ähnlich oder sogar dasselbe".

Warum sie überhaupt einen Ausflug ins Mittelalter unternehmen? Olav lächelt: „Weil das wie ein kleiner Urlaub ist, der Stress ist sofort weg". Außerdem „sind die Leute hier anders, wesentlich offener, hier sind viele Freundschaften entstanden". Heinz-Günter ergänzt: „Es gibt Freunde auf Märkten, die sieht man nur einmal im Jahr, dann aber richtig". Die Leute hier seien „ein anderer Menschenschlag". Jörg Nagler, der ein bisschen entfernt sein Handwerk, das Spleißen zeigt, sieht das ein bisschen anders. Er hat auch schon Anfeindungen erlebt, von Veganern, die sich an den Werkzeugen zur Wal- und Robbenjagd störten, die hier ausgestellt sind. Eigentlich ist Nagler ein selbstständiger Fischer, der seinen Fang an Land verkauft. Auf der Messe zeigt er Besuchern, wie richtig gespleißt wird (schafft eine feste Verbindung).

Ein alter Mann will wissen, ob auch die anderen Fischer ihre Seile noch selbst spleißen. Nagler bejaht. „Einem Fischer kommt nichts anders ins Boot. Nichts hält besser". Von Plastikseilen und ähnlichem hält Nagler nur wenig. Auf alte Utensilien vertrauen auch die Männer und Frauen vom America Civil War in den Zelten gegenüber. Hier wird der Amerikanische Bürgerkrieg nachgestellt, komplett mit den verfeindeten Seiten. Wobei Süd- und Nordstaatler hier einträchtig zusammensitzen, „wir haben gerade Feierabend vom Krieg", meint einer fröhlich. Für Isabella Strangmeier ist das „kein Faschingshobby, sondern lebendige Geschichte". Hier könne sie am besten vom Alltag abschalten. „Da kann man nicht einfach schnell was in den Thermomix werfen, hier dauert das Kochen Stunden", erklärt Freund Manuel Ebel.

Während die Frauen Karotten für einen Eintopf schnippeln, kommt Ebel ins Reden. 2013 sei er schon einmal bei einer Nachstellung des Bürgerkriegs in den USA gewesen. „Da war unglaublich was los, ein tolles Erlebnis". Sein Interesse an Geschichte ist danach weitergewachsen. Denn, was kaum einer weiß: Im amerikanischen Bürgerkrieg haben auch viele Deutsche mitgekämpft. „Die sind nach der Revolution 1848 aus Deutschland ausgewandert", erzählt Carsten Römermann, der sogar einen Vorfahren hat, der damals mitgekämpft hat. „Wir waren schon immer ein bisschen rebellisch", meint Ebel. Dann endlich ist auch das Essen fertig: es gibt Eintopf, lecker.

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MindenZeitmaschine: Bei der Reenactormesse tummeln sich wieder Freunde der Vergangenheit auf Kanzlers WeideMichael GrundmeierMinden (mig). Greifvögel jagen durch die Luft, von ferne sind die Klänge eines Tamburins zu hören - wer die Tore der Reenactormesse durchschreitet, kommt in eine fremde, seltsam vertraute Welt. An jeder Ecke gibt es zu sehen und zu staunen, an den Marktständen sind Händler aus aller Welt vertreten. Sie kommen aus den USA, aus Ungarn, Frankreich - und die meisten haben etwas anzubieten, das sonst keiner hat. Herrlich gefertigte Broschen und Schmuck, Schwerter und Rüstungsteile, sogar Stoffe gibt es hier zu kaufen. So oder so ähnlich wie am Weserufer in Minden dürfte es auch auf einem mittelalterlichen Markt zugegangen sein. Und genau wie auf einem mittelalterlichen Markt, wird gehandelt und gefeilscht. Die gewünschte Kopfbedeckung ist zu groß? Dann wird sie eben kleiner gemacht. Eine kleine Vorführung fürs Publikum inklusive. Überhaupt gibt es neben dem offiziellen Programm auch ein inoffizielles an den Ständen. Viele Händler haben ihre Werkzeuge mitgebracht und sticheln, spleißen, feilen was das Zeug hält. Die Besucher bleiben stehen und staunen. „Das ist der Grund, warum ich immer wieder hierherkomme", erklärt Besucher Thomas Koch aus Bad Oeynhausen. „Ich kann mich mit den Händlern unterhalten und mir ihre Techniken zeigen lassen". Koch ist an diesem Tag mit seiner Frau und zwei Freundinnen unterwegs. Die Vier wollen hier einen schönen Nachmittag verleben und möglichst viel von den Ständen sehen. „Wir wollen uns ein bisschen für unser Hobby ausrüsten", sagt Susanne Koch. Ihr Hobby: das sogenannte „Fantasie-Rollenspiel", dass die Mitspieler in Rollen schlüpfen lässt. Beim „LARP", dem „Live Action Roleplaying" werden sogar „in echt" Szenen nachgestellt. Man kann sich das wie ein Schauspiel vorstellen, dessen Richtung nur grob vorgegeben ist, sagt Koch. „Für uns ist das ein Hobby. Sobald Wochenende werden die Kostüme rausgeholt und los gehts". Etwas anders sieht das Marko Steiner, der an einem Stand nach geeigneten Knöpfen sucht. Für ihn steht historische Genauigkeit an erster Stelle, „die Gewandung sollte zur Zeit passen", findet er. Er selbst verkörpert einen Adligen aus der Zeit des Barocks, sein Kostüm hat er diesmal aber zu Hause gelassen. „Ich bin eigentlich nur hier, um mich mit Ersatzteilen einzudecken", sagt er. Zum Reenactment kam Steiner auf Umwegen, zunächst vor allem über die Genealogie. „Da habe ich zunächst im Netz meinen eigenen Familienstammbaum erforscht und gesehen, dass wir einige interessante Figuren in der Familie hatten". Das habe er so spannend gefunden, dass er auch ganz real in ihre Fußstapfen treten wollte. Nicht ganz so ernst meinen es Heinz-Günter, Madlen und Olav aus Hildesheim. Die Drei sind in Gewandung, Olav und Tochter Madlen verkörpern zwei Wikinger, Heinz-Günter einen Händler des 16./17. Jahrhunderts. Die historische Genauigkeit sei ihn nicht ganz so wichtig, „wir passen aber auf, dass wir nicht aus dem Rahmen fallen". Olav hat sich Stoffe für einen Umhang gekauft, die anderen sind noch auf der Suche. „Hier findet man wirklich alles, was man braucht", sagt Olav und ergänzt: „Das Schöne an diesem Markt ist, dass es hier ein ganz anderes Angebot gibt, als auf den Mittelaltermärkten. Da ist das Angebot, egal in welcher Stadt, oft sehr ähnlich oder sogar dasselbe". Warum sie überhaupt einen Ausflug ins Mittelalter unternehmen? Olav lächelt: „Weil das wie ein kleiner Urlaub ist, der Stress ist sofort weg". Außerdem „sind die Leute hier anders, wesentlich offener, hier sind viele Freundschaften entstanden". Heinz-Günter ergänzt: „Es gibt Freunde auf Märkten, die sieht man nur einmal im Jahr, dann aber richtig". Die Leute hier seien „ein anderer Menschenschlag". Jörg Nagler, der ein bisschen entfernt sein Handwerk, das Spleißen zeigt, sieht das ein bisschen anders. Er hat auch schon Anfeindungen erlebt, von Veganern, die sich an den Werkzeugen zur Wal- und Robbenjagd störten, die hier ausgestellt sind. Eigentlich ist Nagler ein selbstständiger Fischer, der seinen Fang an Land verkauft. Auf der Messe zeigt er Besuchern, wie richtig gespleißt wird (schafft eine feste Verbindung). Ein alter Mann will wissen, ob auch die anderen Fischer ihre Seile noch selbst spleißen. Nagler bejaht. „Einem Fischer kommt nichts anders ins Boot. Nichts hält besser". Von Plastikseilen und ähnlichem hält Nagler nur wenig. Auf alte Utensilien vertrauen auch die Männer und Frauen vom America Civil War in den Zelten gegenüber. Hier wird der Amerikanische Bürgerkrieg nachgestellt, komplett mit den verfeindeten Seiten. Wobei Süd- und Nordstaatler hier einträchtig zusammensitzen, „wir haben gerade Feierabend vom Krieg", meint einer fröhlich. Für Isabella Strangmeier ist das „kein Faschingshobby, sondern lebendige Geschichte". Hier könne sie am besten vom Alltag abschalten. „Da kann man nicht einfach schnell was in den Thermomix werfen, hier dauert das Kochen Stunden", erklärt Freund Manuel Ebel. Während die Frauen Karotten für einen Eintopf schnippeln, kommt Ebel ins Reden. 2013 sei er schon einmal bei einer Nachstellung des Bürgerkriegs in den USA gewesen. „Da war unglaublich was los, ein tolles Erlebnis". Sein Interesse an Geschichte ist danach weitergewachsen. Denn, was kaum einer weiß: Im amerikanischen Bürgerkrieg haben auch viele Deutsche mitgekämpft. „Die sind nach der Revolution 1848 aus Deutschland ausgewandert", erzählt Carsten Römermann, der sogar einen Vorfahren hat, der damals mitgekämpft hat. „Wir waren schon immer ein bisschen rebellisch", meint Ebel. Dann endlich ist auch das Essen fertig: es gibt Eintopf, lecker. Lesen Sie zu diesem Thema auch "Reise durch den Zeittunnel: Reenactor lassen am Wochenende die Vergangenheit aufleben"