Minden

Sparkasse Minden-Lübbecke kündigt Prämiensparverträge

Stefan Koch

während Banken früher die Zinsen sprudeln ließen, legen sie heute bei den Spareinlagen drauf. Nun versuchern sie, Verluste zu begrenzen. Foto: Tobias Hase/dpa - © Tobias Hase
während Banken früher die Zinsen sprudeln ließen, legen sie heute bei den Spareinlagen drauf. Nun versuchern sie, Verluste zu begrenzen. Foto: Tobias Hase/dpa (© Tobias Hase)

Minden (mt). Bundesweit kündigen Sparkassen für Kunden lukrative Sparverträge, deren Laufzeit in den Jahren begann, als es noch nennenswerte Zinsen gab. Und die Sparkasse Minden-Lübbecke ist auch dabei. Das musste unter anderem eine 55-jährige Mindenerin feststellen, die im September ein entsprechendes Schreiben erhielt.

„Eigentlich wollte ich mit der Geldanlage meine Rente aufbessern", sagt die Frau, die vor 23 Jahren ihren Prämiensparvertrag abgeschlossen hatte. Jeden Monat zahlte sie vertragsgemäß einen zweistelligen Betrag ein – erst in D-Mark, dann in Euro. Auf die jeweils eingezahlte Summe erhält sie mittlerweile drei Prozent Zinsen. Doch so wie wie bei rund 1.200 anderen Prämiensparern der Sparkasse Minden-Lübbecke ist bis Ende des Jahres Schluss damit.

In ihren Kündigungsschreiben begründet die Sparkasse iesenMinden-Lübbecke d Schritt mit dem anhaltend niedrigen Zinsniveau und beruft sich auf das Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH). Der hatte im April den Geldinstituten Grünes Licht für den Ausstieg aus Sparverträgen gegeben, wenn erstens der vertragliche Prämiengipfel erreicht ist und die Bank zweitens den Schritt sachgerecht begründen kann.

Nach Auskunft von Gerald Watermann, Pressesprecher der Sparkasse Minden-Lübbecke, haben die gekündigten Sparverträge eine Laufzeit von 20 bis 25 Jahren. Wie hoch die Verluste für das öffentlich-rechtliche Geldinstitut durch ihre Prämiensparer geworden wären? Das könne pauschal nicht beantwortet werden, da es letztlich auch von der weiteren Zinsentwicklung an den Kapitalmärkten abhinge", erklärt Watermann. „Die aktuelle jährliche Mehrbelastung aus diesem Anlageprodukt gegenüber einer zurzeit marktgerechten Verzinsung ist für die Sparkasse aber im siebenstelligen Euro-Bereich angesiedelt und so auf Dauer wirtschaftlich nicht vertretbar."

Nicht alle Kunden verstehen das. Watermann räumt ein, dass es vereinzelte Unmutsäußerungen gegeben habe. Dennoch könne der überwiegende Teil der Betroffenen die Beweggründe der Sparkasse, wie die Null- und Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank, durchaus nachvollziehen. „Wir bieten allen Kunden Beratungsgespräche mit individuell gestalteten und auf die jeweilige Kundensituation abgestellten Anlagemöglichkeiten an", erklärt der Pressesprecher. In einer Vielzahl von Fällen seien diesbezüglich Anlageberatungsgespräche vereinbart worden.

Nicht nur die Sparkassen, sondern auch Genossenschaftsbanken steigen aus dem Prämiensparen aus. So erklärt auf MT-Anfrage Sylvia Hackel, Leiterin Unternehmenskommunikation bei der Verbund-Volksbank OWL, dass aufgrund der Zinsentwicklung diese Sparform seit August des Jahres nicht mehr angeboten werde. Die Laufzeiten reichten von zehn bis 25 Jahren.

Anders dagegen die Volksbank Mindener Land: „Ein vergleichbares Produkt wie das Prämiensparen bei den Sparkassen ist unser VRBonusplan", so Vorstandsassistentin Viktoria Schech. „Diesen bieten wir weiterhin aktiv an und es ist aktuell auch nicht geplant, dieses Angebot einzuschränken." Die Laufzeit betrage maximal 25 Jahre – ab dem dritten Jahr stiege der Bonus auf die jährliche Sparleistung von einem Prozent bis auf 15 Prozent in den letzten beiden Jahren.

Auch bei der Beratungsstelle Minden der Verbraucherzentrale NRW melden sich Bankkunden, die die Abschaffung des Prämiensparens nicht einfach hinnehmen wollen. „Es ist keineswegs so, dass die Sparkassen nun alle Prämiensparverträge kündigen dürfen", teilen die Verbraucherschützer auf MT-Anfrage mit. „Daran ändert auch die in vielen Kündigungsschreiben zitierte Entscheidung des BGH vom Mai 2019 nichts." Der Kunde müsse also schon in jedem Einzelfall prüfen, ob das Geldinstitut tatsächlich kündigen dürfe. „Wir raten Verbrauchern daher, die Kündigung anwaltlich überprüfen zu lassen. Das ist auch in vielen unserer Beratungsstellen möglich."

Die 55-jährige Prämiensparerin hat mit ihrem Kündigungsschreiben die Information bekommen, dass ihr Guthaben mit dreimonatiger Kündigungsfrist im kommenden Jahr weitergeführt wird – bei 0,001 Prozent Zinsen. Zudem bietet die Sparkasse wie in den anderen Fällen ein Beratungsgespräch an, um über Alternativen „für einen weiteren regelmäßigen Vermögensaufbau" zu informieren.

Die Mindenerin überlegt derweil, ob sie sich das Sparen nicht gleich sparen kann. „Ich weiß noch nicht, was ich mit dem Geld mache." Auf jeden Fall wolle sie keine Aktien oder anderen Risikoanlagen. „Zur Not kommt alles unter das Kopfkissen."

Eine Frage des Vertrauens

Kommentar von Benjamin Piel

Am Ende gewinnt immer die Bank. Man kennt das aus dem Spielkasino. Es hat die Wahrscheinlichkeitsrechnung auf seiner Seite. Und so sind beim Roulette die Rollen klar verteilt: Der Kasinobesitzer wird gewinnen, die Spieler gehen halbwegs leer aus – Ausnahmen bestätigen die Regel. Für Sparkassen und Volksbanken sollte das gerade nicht gelten. Sie wollen als „ehrliche Banken" gelten, nicht als abgezockt Lächelnde am längeren Hebel. Sie sollen die Vermögensbildung unterstützen. Die Sparkassen „fördern die finanzielle Eigenvorsorge", steht im Sparkassengesetz. Und: „Gewinnerzielung ist nicht Hauptzweck." Das heißt nicht, dass eine Sparkasse wirtschaftliches Denken ignorieren kann. Und natürlich sieht alles danach aus, dass die kündigenden Banken die Rechtsprechung in vielen Fällen auf ihrer Seite haben. Das heißt aber nicht, dass das Vorgehen auch geschickt ist. Denn für den Kunden, der für sein Sparkonto die Kündigung bekommt, ergibt sich der Eindruck: „Wann immer es für mich halbwegs gut läuft, zieht die Bank sich raus." Kurzfristig mögen die Banken, die so handeln, nachvollziehbar und wirtschaftlich vertretbar agieren. Doch langfristig stellt sich die Frage: Wäre das Vertrauen der Kunden nicht sehr viel mehr wert?

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In ihren Kündigungsschreiben begründet die Sparkasse iesenMinden-Lübbecke d Schritt mit dem anhaltend niedrigen Zinsniveau und beruft sich auf das Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH). Der hatte im April den Geldinstituten Grünes Licht für den Ausstieg aus Sparverträgen gegeben, wenn erstens der vertragliche Prämiengipfel erreicht ist und die Bank zweitens den Schritt sachgerecht begründen kann. Nach Auskunft von Gerald Watermann, Pressesprecher der Sparkasse Minden-Lübbecke, haben die gekündigten Sparverträge eine Laufzeit von 20 bis 25 Jahren. Wie hoch die Verluste für das öffentlich-rechtliche Geldinstitut durch ihre Prämiensparer geworden wären? Das könne pauschal nicht beantwortet werden, da es letztlich auch von der weiteren Zinsentwicklung an den Kapitalmärkten abhinge", erklärt Watermann. „Die aktuelle jährliche Mehrbelastung aus diesem Anlageprodukt gegenüber einer zurzeit marktgerechten Verzinsung ist für die Sparkasse aber im siebenstelligen Euro-Bereich angesiedelt und so auf Dauer wirtschaftlich nicht vertretbar." Nicht alle Kunden verstehen das. Watermann räumt ein, dass es vereinzelte Unmutsäußerungen gegeben habe. Dennoch könne der überwiegende Teil der Betroffenen die Beweggründe der Sparkasse, wie die Null- und Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank, durchaus nachvollziehen. „Wir bieten allen Kunden Beratungsgespräche mit individuell gestalteten und auf die jeweilige Kundensituation abgestellten Anlagemöglichkeiten an", erklärt der Pressesprecher. In einer Vielzahl von Fällen seien diesbezüglich Anlageberatungsgespräche vereinbart worden. Nicht nur die Sparkassen, sondern auch Genossenschaftsbanken steigen aus dem Prämiensparen aus. So erklärt auf MT-Anfrage Sylvia Hackel, Leiterin Unternehmenskommunikation bei der Verbund-Volksbank OWL, dass aufgrund der Zinsentwicklung diese Sparform seit August des Jahres nicht mehr angeboten werde. Die Laufzeiten reichten von zehn bis 25 Jahren. Anders dagegen die Volksbank Mindener Land: „Ein vergleichbares Produkt wie das Prämiensparen bei den Sparkassen ist unser VRBonusplan", so Vorstandsassistentin Viktoria Schech. „Diesen bieten wir weiterhin aktiv an und es ist aktuell auch nicht geplant, dieses Angebot einzuschränken." Die Laufzeit betrage maximal 25 Jahre – ab dem dritten Jahr stiege der Bonus auf die jährliche Sparleistung von einem Prozent bis auf 15 Prozent in den letzten beiden Jahren. Auch bei der Beratungsstelle Minden der Verbraucherzentrale NRW melden sich Bankkunden, die die Abschaffung des Prämiensparens nicht einfach hinnehmen wollen. „Es ist keineswegs so, dass die Sparkassen nun alle Prämiensparverträge kündigen dürfen", teilen die Verbraucherschützer auf MT-Anfrage mit. „Daran ändert auch die in vielen Kündigungsschreiben zitierte Entscheidung des BGH vom Mai 2019 nichts." Der Kunde müsse also schon in jedem Einzelfall prüfen, ob das Geldinstitut tatsächlich kündigen dürfe. „Wir raten Verbrauchern daher, die Kündigung anwaltlich überprüfen zu lassen. Das ist auch in vielen unserer Beratungsstellen möglich." Die 55-jährige Prämiensparerin hat mit ihrem Kündigungsschreiben die Information bekommen, dass ihr Guthaben mit dreimonatiger Kündigungsfrist im kommenden Jahr weitergeführt wird – bei 0,001 Prozent Zinsen. Zudem bietet die Sparkasse wie in den anderen Fällen ein Beratungsgespräch an, um über Alternativen „für einen weiteren regelmäßigen Vermögensaufbau" zu informieren. Die Mindenerin überlegt derweil, ob sie sich das Sparen nicht gleich sparen kann. „Ich weiß noch nicht, was ich mit dem Geld mache." Auf jeden Fall wolle sie keine Aktien oder anderen Risikoanlagen. „Zur Not kommt alles unter das Kopfkissen." Eine Frage des Vertrauens Kommentar von Benjamin Piel Am Ende gewinnt immer die Bank. Man kennt das aus dem Spielkasino. Es hat die Wahrscheinlichkeitsrechnung auf seiner Seite. Und so sind beim Roulette die Rollen klar verteilt: Der Kasinobesitzer wird gewinnen, die Spieler gehen halbwegs leer aus – Ausnahmen bestätigen die Regel. Für Sparkassen und Volksbanken sollte das gerade nicht gelten. Sie wollen als „ehrliche Banken" gelten, nicht als abgezockt Lächelnde am längeren Hebel. Sie sollen die Vermögensbildung unterstützen. Die Sparkassen „fördern die finanzielle Eigenvorsorge", steht im Sparkassengesetz. Und: „Gewinnerzielung ist nicht Hauptzweck." Das heißt nicht, dass eine Sparkasse wirtschaftliches Denken ignorieren kann. Und natürlich sieht alles danach aus, dass die kündigenden Banken die Rechtsprechung in vielen Fällen auf ihrer Seite haben. Das heißt aber nicht, dass das Vorgehen auch geschickt ist. Denn für den Kunden, der für sein Sparkonto die Kündigung bekommt, ergibt sich der Eindruck: „Wann immer es für mich halbwegs gut läuft, zieht die Bank sich raus." Kurzfristig mögen die Banken, die so handeln, nachvollziehbar und wirtschaftlich vertretbar agieren. Doch langfristig stellt sich die Frage: Wäre das Vertrauen der Kunden nicht sehr viel mehr wert?