Minden

Buchautor Ulrich Drüner gab Einblicke in Richard Wagners Leben und Werk

Udo Stephan Köhne

Minden (usk). Wagner und kein Ende. Auch die Stadtbibliothek leistete jetzt ihren – im Programm der Wagnerwochen seltsamerweise nicht verzeichneten – Beitrag. Dabei trug die Lesung mit Ulrich Drüner eine ganze Menge zur Ergänzung des gängigen Wagnerbildes bei: Mehr Aufmerksamkeit hätte ihr das Wagnerpublikum also durchaus schenken dürfen.

- © Udo Stephan K
p1090518 - 1 (© Udo Stephan K)

Drüner war 2016 mit einer in jeder Hinsicht schwergewichtigen Biographie des Komponisten an die Öffentlichkeit getreten. „Die Inszenierung eines Lebens“, so der Untertitel: eine Anspielung auf den Umstand, dass Richard Wagner ein Meister der Selbstdarstellung war. Für den Kenner gewiss keine Überraschung, dass vieles in der autobiographischen Schrift „Mein Leben“ und später in den Tagebüchern seiner zweiten Frau Cosima dazu diente, ein selbstinszeniertes Bild des Komponisten und seiner Anschauungen zu überliefern. Das stellte Drüner dar, ohne den Komponisten zu diffamieren.

Sorgfältig erläutert wurden jene Dresdner Maitage 1849, als Wagner an vorderster Front mit den Aufständischen kämpfte und nur mit viel Glück dem Tod entging. Interessant auch Ausführungen zur prekären wirtschaftlichen Situation von Komponisten in der damaligen Zeit. Entscheidend aber der Hinweis auf das von Wagner verbreitete Bild, die vermeintliche Erfolglosigkeit seiner Opern sei das Ergebnis von Machenschaften jüdischer Kreise.

Dies alles berichtete Drüner, der als Musiker selbst zahlreiche Wagnerschlachten geschlagen hat, unaufgeregt und sachlich. Brisant dann allerdings die These, die in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu „Oper und Drama“ (Wagners wichtigstem opernästhetischen Werk) entstandene Schrift über das „Judentum in der Musik“ sei ein Strategiepapier und Impuls zur Komposition von „Das Rheingold“, dem Ring-Vorabend, gewesen. Auch die Zuordnung bestimmter Frauen, mit denen Wagner eine mehr oder weniger enge amouröse Beziehung pflegte, als Inspirationsquelle zur Komposition von Opern erschien als mutige, wenngleich nicht gerade neue These. Dem könnte entgegen gehalten werden, dass biographische Momente selten entscheidenden Einfluss auf die Entstehung von Meisterwerken hatten.

Gerade diese querständigen Gedanken aber machen Drüners Wagner-Biographie lesenswert, denn sie werden ohne jede Besserwisserei präsentiert. So auch jetzt in der Stadtbibliothek: Ulrich Drüner gab sich nicht als agitierender Wagnerhasser zu erkennen, ebenso wenig als dem Bayreuther Komponisten hemmungslos ergebener Jünger. Drüner wies vielmehr darauf hin, die positiven wie die bedenklichen Seiten dieses Komponisten zusammen denken zu wollen: dies sei auch ein wichtiges Ziel seines Buches gewesen. Und tatsächlich: Man muss Drüner nicht in allem bedingungslos folgen; aber seine Thesen sind eine wichtige Anregung zum kritischen Umgang mit Richard Wagner. Ein Faszinosum bleibt dieser Komponist in jedem Fall.

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MindenBuchautor Ulrich Drüner gab Einblicke in Richard Wagners Leben und WerkUdo Stephan KöhneMinden (usk). Wagner und kein Ende. Auch die Stadtbibliothek leistete jetzt ihren – im Programm der Wagnerwochen seltsamerweise nicht verzeichneten – Beitrag. Dabei trug die Lesung mit Ulrich Drüner eine ganze Menge zur Ergänzung des gängigen Wagnerbildes bei: Mehr Aufmerksamkeit hätte ihr das Wagnerpublikum also durchaus schenken dürfen. Drüner war 2016 mit einer in jeder Hinsicht schwergewichtigen Biographie des Komponisten an die Öffentlichkeit getreten. „Die Inszenierung eines Lebens“, so der Untertitel: eine Anspielung auf den Umstand, dass Richard Wagner ein Meister der Selbstdarstellung war. Für den Kenner gewiss keine Überraschung, dass vieles in der autobiographischen Schrift „Mein Leben“ und später in den Tagebüchern seiner zweiten Frau Cosima dazu diente, ein selbstinszeniertes Bild des Komponisten und seiner Anschauungen zu überliefern. Das stellte Drüner dar, ohne den Komponisten zu diffamieren. Sorgfältig erläutert wurden jene Dresdner Maitage 1849, als Wagner an vorderster Front mit den Aufständischen kämpfte und nur mit viel Glück dem Tod entging. Interessant auch Ausführungen zur prekären wirtschaftlichen Situation von Komponisten in der damaligen Zeit. Entscheidend aber der Hinweis auf das von Wagner verbreitete Bild, die vermeintliche Erfolglosigkeit seiner Opern sei das Ergebnis von Machenschaften jüdischer Kreise. Dies alles berichtete Drüner, der als Musiker selbst zahlreiche Wagnerschlachten geschlagen hat, unaufgeregt und sachlich. Brisant dann allerdings die These, die in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu „Oper und Drama“ (Wagners wichtigstem opernästhetischen Werk) entstandene Schrift über das „Judentum in der Musik“ sei ein Strategiepapier und Impuls zur Komposition von „Das Rheingold“, dem Ring-Vorabend, gewesen. Auch die Zuordnung bestimmter Frauen, mit denen Wagner eine mehr oder weniger enge amouröse Beziehung pflegte, als Inspirationsquelle zur Komposition von Opern erschien als mutige, wenngleich nicht gerade neue These. Dem könnte entgegen gehalten werden, dass biographische Momente selten entscheidenden Einfluss auf die Entstehung von Meisterwerken hatten. Gerade diese querständigen Gedanken aber machen Drüners Wagner-Biographie lesenswert, denn sie werden ohne jede Besserwisserei präsentiert. So auch jetzt in der Stadtbibliothek: Ulrich Drüner gab sich nicht als agitierender Wagnerhasser zu erkennen, ebenso wenig als dem Bayreuther Komponisten hemmungslos ergebener Jünger. Drüner wies vielmehr darauf hin, die positiven wie die bedenklichen Seiten dieses Komponisten zusammen denken zu wollen: dies sei auch ein wichtiges Ziel seines Buches gewesen. Und tatsächlich: Man muss Drüner nicht in allem bedingungslos folgen; aber seine Thesen sind eine wichtige Anregung zum kritischen Umgang mit Richard Wagner. Ein Faszinosum bleibt dieser Komponist in jedem Fall.