Minden (usk)

Mindener "Ring" mündet in Jubelsturm

Udo Stephan Köhne

Minden (usk). „Vollendet das ewige Werk“. Der Ausruf des Göttervaters in der zweiten Rheingold-Szene kann jetzt mühelos auch für den Mindener „Ring“ Verwendung finden. Zur Aufführung gebracht und fertig gestellt ist, was kaum für möglich gehalten wurde: Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, das wohl größte Werk der Operngeschichte, hat es als zyklische Aufführung auf die Bühne des Mindener Stadttheaters geschafft. Ein Datum für die Geschichtsbücher. Das Ganze ein Triumph für die Ausführenden. Dass der in einen Jubelsturm mündende Schlussapplaus stolze 13 Minuten anhielt, sollte dabei nicht als schlechtes Omen betrachtet werden.

Zu dem hervorragenden Sängerensemble des Mindener „Rings“ gehören Heiko Trinsinger als Alberich und Tiina Pentinen als eine der Rheintöchter. - © Foto: MT-Archiv/Lehn
Zu dem hervorragenden Sängerensemble des Mindener „Rings“ gehören Heiko Trinsinger als Alberich und Tiina Pentinen als eine der Rheintöchter. (© Foto: MT-Archiv/Lehn)

Die vier Wiederaufnahme-Premieren belegten, wie sorgfältig die Neueinstudierung erfolgt ist; und dies szenisch wie musikalisch gleichermaßen. Fast scheint es, als sei das Bühnenspiel sogar noch intensiviert gegenüber den Vorjahren. Auch jetzt noch beeindruckt die Bühnenausstattung, die das Prinzip der räumlichen und technischen Beschränkung – der Zuseher muss 14 Stunden und 32 Minuten lang (Nettospielzeit) auf die gleiche szenische Grundausstattung schauen – zum Prinzip erhebt und daraus regieliche Funken schlagen lässt.

Und tatsächlich gelingt dieses Kunststück: immer dann wenn man geneigt ist, die karge Mindener Bühnensituation zu verfluchen, gelingen der Regie von Gerd Heinz mit Unterstützung der einmal genial, dann wieder banal gestalteten, in jedem Fall wunderbar verrätselten Videos von Matthias Lippert eindrucksvolle Momente, vor allem aber hoch emotionale. So der Feuerzauber in der „Walküre“, oder auch die Verwandlung zurück auf den Brünnhildenfelsen im „Siegfried“. Wo an anderen Opernhäusern hier geschoben und versenkt wird (Beispiel 3. Aufzug Siegfried), findet in Minden ein Lichtspiel statt: so einfach und doch so magisch kann Szene sein. An anderer Stelle aber hängt es doch durch, trauert man den fehlenden technischen Möglichkeiten schmerzlich nach. Vor allem im ersten Götterdämmerungs-Aufzug, der zur ziemlichen langatmigen Geschichte wird.

Auch weil hier die Tempi eher breit sind. Aber Dirigent Frank Beermann ist einer, der den in Sachen Wagner den vollen Überblick hat und es versteht, seine Zuhörer zu überwältigen. Und so stellt sich im Verlaufe der vielen Stunden der Eindruck eines „So-und-nicht-anders“ ein. Weise möchte man diese Art der Gestaltung nennen, die von organischen Tempoübergängen geprägt ist. Beermann weiß um das Ganze: das Ende der „Götterdämmerung“ wird schon in den Anfangstönen des „Rheingolds“ quasi mitgedacht. Dieses Dirigat liebt das Cantabile und das Aussingen melodischer Ströme: quälend langsam aber irgendwie auch betörend schön Brünnhildes „Ewig war ich“ im „Siegfried“ beispielsweise; Beermann dirigiert selten hektisch aufgeregt, schon gar nicht experimentell analytisch. Beermann lässt vielmehr das Gefühl sprechen.

Die Nordwestdeutsche Philharmonie ist ihm dabei ein mehr als nur treuer Partner, sondern mit einem bemerkenswert charakteristischen Wagnerklang zur Stelle. Dazu musikalisch ziemlich perfekt unterwegs (was bei einem Werk von solchen Ausmaßen eine Bemerkung wert sein muss), noch dazu instrumental extrem ausgeglichen. Soll man (nur ein besonders beglückendes Beispiel) die eindringlich gestalteten Hornrufe hervorheben, die selbst an größeren Häusern regelmäßig verunglücken? Schön dass die Nordwestdeutsche selbst im Parkett gut zu hören ist. Zum Glück keine Bayreuther Verhältnisse also, wo das Orchester akustisch eher eine Nebenrolle spielt. In Minden gehört der „Nordwestdeutschen“ die Krone.

Eine andere muss Thomas Mohr aufgesetzt werden. Alle vier Tenorrollen in einer zyklischen Aufführung zu übernehmen: eine Titanenleistung. Mehr noch: Thomas Mohr weiß alle mit tenoraler Individualität auszustatten, und das ist das eigentlich Fantastische. Dem Loge gibt er vokale Verschlagenheit, dem Siegmund heldentenorale Grandezza. Den Siegfried-Marathon bewältigt Mohr dann derart konditionsstark, dass selbst die nach viereinhalb Stunden dazustoßende Brünnhilde ihre Mühe hat, mitzuhalten. Und in „Götterdämmerung“ spielt er geradezu mit der Partie: Klarheit im Ausdruck, Strahlkraft der Stimme und Eleganz der Tongebung verbinden sich zu einer phänomenalen Gesamtleistung.

Unfair vielleicht zusätzlich einzelne Gesangsleistungen aus einem insgesamt vorbildlich ausgeglichenem Ensemble hervorzuheben. Trotzdem: Renatus Meszar als Wotan, Wanderer und Gunther ist die zweite sängerische Hauptstütze dieses Minden-Rings. Darstellerisch eine Wucht, dazu sängerisch tief berührend (so etwa im Finale der „Walküre“): Meszar lässt keinen Zuhörer kalt.

Gut aufgestellt auch die Damen-Riege. Dara Hobbs ist Brünnhilde und beeindruckt mit kräftiger und doch zugleich flexibler Tongebung, ein vokaler Fels in der Brandung. Magdalena Anna Hofmann gibt eine kämpferische Sieglinde mit kerniger Stimme; Hofmann wertet später auch die Gutrune (in „Götterdämmerung“) erheblich auf. Dazu Julia Bauer als Meisterin der Vielseitigkeit und der bezaubernden Soprantöne und Kathrin Göring als vokal autoritätsstarke Fricka, dann noch als leidenschaftlich auftrumpfende Waltraute – starke Leistungen. Nicht zu vergessen Janina Baechle als Erda, die ihren kleinen Auftritt im „Rheingold“ zum Gänsehautmoment werden lässt.

Nachdrücklich und zugleich schönstimmig Heiko Trinsingers Alberich-Porträt. Jeff Martins Mime kann ebenfalls kräftig punkten dank charaktervoller Töne. Ebenso der von Andreas Hörl mit bedrohlicher Tiefe gestaltete Hagen. Stimmlich groß die Riesen: Bedauerlich also dass Tiyl Faveyts als Fasolt gleich am ersten Abend erschlagen wird. Doch Johannes Stermann als Fafner hat auch viele und gute gesangliche Argumente zu bieten. Ausgewogen besetzt das Walküren-Oktett, perfekt abgestimmt das Rheintöchter-Trio. Gut trainiert zeigt sich der um Coruso ergänzte Wagner-Chor 2019. Am Ende sind alle im Taumel: Wagners „Ring“-Droge hat wieder einmal gewirkt.

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Auch jetzt noch beeindruckt die Bühnenausstattung, die das Prinzip der räumlichen und technischen Beschränkung – der Zuseher muss 14 Stunden und 32 Minuten lang (Nettospielzeit) auf die gleiche szenische Grundausstattung schauen – zum Prinzip erhebt und daraus regieliche Funken schlagen lässt. Und tatsächlich gelingt dieses Kunststück: immer dann wenn man geneigt ist, die karge Mindener Bühnensituation zu verfluchen, gelingen der Regie von Gerd Heinz mit Unterstützung der einmal genial, dann wieder banal gestalteten, in jedem Fall wunderbar verrätselten Videos von Matthias Lippert eindrucksvolle Momente, vor allem aber hoch emotionale. So der Feuerzauber in der „Walküre“, oder auch die Verwandlung zurück auf den Brünnhildenfelsen im „Siegfried“. Wo an anderen Opernhäusern hier geschoben und versenkt wird (Beispiel 3. Aufzug Siegfried), findet in Minden ein Lichtspiel statt: so einfach und doch so magisch kann Szene sein. An anderer Stelle aber hängt es doch durch, trauert man den fehlenden technischen Möglichkeiten schmerzlich nach. Vor allem im ersten Götterdämmerungs-Aufzug, der zur ziemlichen langatmigen Geschichte wird. Auch weil hier die Tempi eher breit sind. Aber Dirigent Frank Beermann ist einer, der den in Sachen Wagner den vollen Überblick hat und es versteht, seine Zuhörer zu überwältigen. Und so stellt sich im Verlaufe der vielen Stunden der Eindruck eines „So-und-nicht-anders“ ein. Weise möchte man diese Art der Gestaltung nennen, die von organischen Tempoübergängen geprägt ist. Beermann weiß um das Ganze: das Ende der „Götterdämmerung“ wird schon in den Anfangstönen des „Rheingolds“ quasi mitgedacht. Dieses Dirigat liebt das Cantabile und das Aussingen melodischer Ströme: quälend langsam aber irgendwie auch betörend schön Brünnhildes „Ewig war ich“ im „Siegfried“ beispielsweise; Beermann dirigiert selten hektisch aufgeregt, schon gar nicht experimentell analytisch. Beermann lässt vielmehr das Gefühl sprechen. Die Nordwestdeutsche Philharmonie ist ihm dabei ein mehr als nur treuer Partner, sondern mit einem bemerkenswert charakteristischen Wagnerklang zur Stelle. Dazu musikalisch ziemlich perfekt unterwegs (was bei einem Werk von solchen Ausmaßen eine Bemerkung wert sein muss), noch dazu instrumental extrem ausgeglichen. Soll man (nur ein besonders beglückendes Beispiel) die eindringlich gestalteten Hornrufe hervorheben, die selbst an größeren Häusern regelmäßig verunglücken? Schön dass die Nordwestdeutsche selbst im Parkett gut zu hören ist. Zum Glück keine Bayreuther Verhältnisse also, wo das Orchester akustisch eher eine Nebenrolle spielt. In Minden gehört der „Nordwestdeutschen“ die Krone. Eine andere muss Thomas Mohr aufgesetzt werden. Alle vier Tenorrollen in einer zyklischen Aufführung zu übernehmen: eine Titanenleistung. Mehr noch: Thomas Mohr weiß alle mit tenoraler Individualität auszustatten, und das ist das eigentlich Fantastische. Dem Loge gibt er vokale Verschlagenheit, dem Siegmund heldentenorale Grandezza. Den Siegfried-Marathon bewältigt Mohr dann derart konditionsstark, dass selbst die nach viereinhalb Stunden dazustoßende Brünnhilde ihre Mühe hat, mitzuhalten. Und in „Götterdämmerung“ spielt er geradezu mit der Partie: Klarheit im Ausdruck, Strahlkraft der Stimme und Eleganz der Tongebung verbinden sich zu einer phänomenalen Gesamtleistung. Unfair vielleicht zusätzlich einzelne Gesangsleistungen aus einem insgesamt vorbildlich ausgeglichenem Ensemble hervorzuheben. Trotzdem: Renatus Meszar als Wotan, Wanderer und Gunther ist die zweite sängerische Hauptstütze dieses Minden-Rings. Darstellerisch eine Wucht, dazu sängerisch tief berührend (so etwa im Finale der „Walküre“): Meszar lässt keinen Zuhörer kalt. Gut aufgestellt auch die Damen-Riege. Dara Hobbs ist Brünnhilde und beeindruckt mit kräftiger und doch zugleich flexibler Tongebung, ein vokaler Fels in der Brandung. Magdalena Anna Hofmann gibt eine kämpferische Sieglinde mit kerniger Stimme; Hofmann wertet später auch die Gutrune (in „Götterdämmerung“) erheblich auf. Dazu Julia Bauer als Meisterin der Vielseitigkeit und der bezaubernden Soprantöne und Kathrin Göring als vokal autoritätsstarke Fricka, dann noch als leidenschaftlich auftrumpfende Waltraute – starke Leistungen. Nicht zu vergessen Janina Baechle als Erda, die ihren kleinen Auftritt im „Rheingold“ zum Gänsehautmoment werden lässt. Nachdrücklich und zugleich schönstimmig Heiko Trinsingers Alberich-Porträt. Jeff Martins Mime kann ebenfalls kräftig punkten dank charaktervoller Töne. Ebenso der von Andreas Hörl mit bedrohlicher Tiefe gestaltete Hagen. Stimmlich groß die Riesen: Bedauerlich also dass Tiyl Faveyts als Fasolt gleich am ersten Abend erschlagen wird. Doch Johannes Stermann als Fafner hat auch viele und gute gesangliche Argumente zu bieten. Ausgewogen besetzt das Walküren-Oktett, perfekt abgestimmt das Rheintöchter-Trio. Gut trainiert zeigt sich der um Coruso ergänzte Wagner-Chor 2019. Am Ende sind alle im Taumel: Wagners „Ring“-Droge hat wieder einmal gewirkt. Lesen Sie dazu auch: FAZ-Kritiker Josef Oehrlein Der Ring zum Ring Veranstaltungen rund um den "Ring" Tenor mit Humor: Jeff Martin Ausstellung Wagnis Wagner