Minden

1.900 Menschen demonstrieren in Minden für eine klimafreundliche Umweltpolitik

Vasco Stemmer

Aufwachen! Viele Demonstranten hatten kreative Schilder im Gepäck.
Aufwachen! Viele Demonstranten hatten kreative Schilder im Gepäck.

Minden (mt). Die Sonne scheint, die Temperatur ist angenehm und der Marktplatz stößt an seine Kapazitätsgrenze, als sich der Demonstrationszug in Richtung Domhof in Bewegung setzt. Etwa 1.900 Menschen sind es, die laut Polizeischätzung, dem Aufruf der „Fridays for Future“-Bewegung gefolgt sind, um sich am internationalen Klimastreik zu beteiligen. Damit hat es ein Bündnis von Schülern geschafft, eine der größten politischen Demonstrationen auf die Beine zu stellen, die Minden in den letzten Jahren gesehen hat. Am Abend folgte das „Concert for Future“ in der Marienkirche.

Die Demonstration

Viele Demonstranten haben Plakate und Schilder mitgebracht, lautstark skandieren sie: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“. Es ist die Forderung nach der Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens. Es sind nicht nur Schüler gekommen. Die Altersgruppen sind durchmischt. Die Zahl von Jugendlichen und Erwachsenen scheint sich in etwa die Waage zu halten. Viele Familien haben sich auf den Weg gemacht. Die jungen Mütter Michelle und Lara sind mit ihren Kindern dabei. „Wir sind hier, weil wir Kinder haben“, sagt Lara. Sie habe Angst, dass die Kleinen eine intakte Natur nur noch als Märchen aus der Vergangenheit erleben können.

Trotz der ernsten Anliegen herrschte unter den Teilnehmern positive Stimmung.
Trotz der ernsten Anliegen herrschte unter den Teilnehmern positive Stimmung.

Der 50-Jährige Andre ist sauer. Sauer auf sich selbst und seine Generation. „Es ist unfassbar, dass wir darauf gewartet haben, dass ein Mädchen aus Schweden den Stein ins Rollen bringt. Wir haben den Arsch nicht hochbekommen, obwohl wir wussten, dass wir Mist bauen“, erklärt er.

Langsam setzt sich die Demonstration fort. Die Pulverstraße können die Menschen nur in kleinen Reihen passieren. Dann geht es durch die Fußgängerzone zurück. Am Ende des Zuges läuft eine Gruppe Grundschulkinder, die unermüdlich und lautstark Parolen gegen den Klimawandel skandieren.

Der Demonstrationszug schob sich langsam und lautstark durch die Mindener Innenstadt in Richtung Marktplatz. Dort fand die Abschlusskundgebung mit einigen Gastrednern statt. Fotos: Alexander Lehn
Der Demonstrationszug schob sich langsam und lautstark durch die Mindener Innenstadt in Richtung Marktplatz. Dort fand die Abschlusskundgebung mit einigen Gastrednern statt. Fotos: Alexander Lehn

Auch Philip ist mit seiner Familie gekommen. Warum er hier ist? „Damit sich noch was tut in Sachen Klimaschutz“, erklärt der 36-Jährige, der sich derzeit in Elternzeit befindet.

Die Kundgebung

Als der Kopf der Demonstration aus Richtung Scharn wieder am Marktplatz ankommt, dauert es noch mehr als zehn Minuten, bis auch die letzten Teilnehmer wieder auf dem Platz eintreffen. Alle verhalten sich friedlich, begegnen einander mit Respekt. Ein Mädchen im Einhornkostüm verteilt gratis Umarmungen. Im Nachhinein wird ein Polizeisprecher sagen: „Es gab keine Vorkommnisse, genau wie erwartet“.

Auf dem Markt ist eine kleine Bühne aufgebaut. Rentnerin Klara Ahlert von den „Oldies for Future“ erklärt ihren Respekt für die Organisatoren: „Keiner kann sagen, die Jugend wäre faul, sie sind nicht nur aktiv, sie arbeiten wirklich für ihre Sache“.

Es folgt ein Redebeitrag von Jule Kegel und Rüdiger Höcker. Beide sind für die Bewegung „Seebrücke“ aktiv. Sie warnen, dass in Zukunft Menschen durch den Klimawandel ihre Heimat verlieren könnten. Mancherorts seien die Auswirkungen bereits spürbar. „Jakarta versinkt bald im Meer“, gibt Höcker einen düsteren Ausblick. Jacob Grossmann von der Bürgerinitiative „Verkehrswende Petershagen“ fordert einen Ausbau des ÖPNV in seiner Heimatstadt. „Im ländlichen Raum sind mehrere Autos für eine Familie schon fast Pflicht“, beklagt Grossmann.

Während der Redebeiträge lichtet sich der Marktplatz langsam. Doch viele bleiben und hören den Aktivisten bis zum Ende zu. „Ich bin total glücklich. Wir waren fast doppelt so viele wie erwartet. Wenn das im kleinen Minden passiert, wie ist es dann erst in anderen Städten?“, erklärt Schüler Paul Schilling, von „Fridays for Future – Minden“.

Warum tun die das?

„Fridays for Future gibt es seit neun Monaten. In Minden machen wir seit Februar mit“, erklärt Paul Schilling. Mit seinen Freunden Theo, Enno und Lotte war der 16-Jährige von Anfang an dabei. Das Quartett bildet den Kern der Mindener „Fridays for Future-Gruppe“ und war maßgeblich an der Organisation der Demonstration am Freitag beteiligt. Es seien auch immer wieder andere mit dabei, manche mit Pausen, andere nur für kurze Zeit, erklärt Paul.

„Wir demonstrieren, weil jeder Tag den wir so weiterleben wie bisher, unzählige Tage des Leids für unsere Nachkommen bedeutet“, ist sich Paul sicher. „Fridays for Future“ fordert, dass die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens erreicht werden. „Unser Ziel ist das 1,5 Grad Ziel, welches im Pariser Abkommen steht und von der derzeitigen Regierung realpolitisch nicht anvisiert wird“, so Paul weiter.

Er sieht in erster Linie die Bundesregierung in der Pflicht, die selbstgesteckten Ziele einzuhalten und nicht die Aktivisten: „Wir sind keine Regierung und haben keine Verantwortung für das Leben von 80 Millionen Menschen und deren Nachkommen“. Dennoch würden auch viele seiner Mitstreiter persönlich etwas tun, um ein klimafreundliches Leben zu führen und auf Fleisch verzichten, keinen Führerschein machen oder nicht fliegen.

Der Autor ist erreichbar unter Telefon (0571) 882 260 oder Vasco.Stemmer@MT.de

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Die Zahl von Jugendlichen und Erwachsenen scheint sich in etwa die Waage zu halten. Viele Familien haben sich auf den Weg gemacht. Die jungen Mütter Michelle und Lara sind mit ihren Kindern dabei. „Wir sind hier, weil wir Kinder haben“, sagt Lara. Sie habe Angst, dass die Kleinen eine intakte Natur nur noch als Märchen aus der Vergangenheit erleben können. Der 50-Jährige Andre ist sauer. Sauer auf sich selbst und seine Generation. „Es ist unfassbar, dass wir darauf gewartet haben, dass ein Mädchen aus Schweden den Stein ins Rollen bringt. Wir haben den Arsch nicht hochbekommen, obwohl wir wussten, dass wir Mist bauen“, erklärt er. Langsam setzt sich die Demonstration fort. Die Pulverstraße können die Menschen nur in kleinen Reihen passieren. Dann geht es durch die Fußgängerzone zurück. Am Ende des Zuges läuft eine Gruppe Grundschulkinder, die unermüdlich und lautstark Parolen gegen den Klimawandel skandieren. Auch Philip ist mit seiner Familie gekommen. Warum er hier ist? „Damit sich noch was tut in Sachen Klimaschutz“, erklärt der 36-Jährige, der sich derzeit in Elternzeit befindet. Die Kundgebung Als der Kopf der Demonstration aus Richtung Scharn wieder am Marktplatz ankommt, dauert es noch mehr als zehn Minuten, bis auch die letzten Teilnehmer wieder auf dem Platz eintreffen. Alle verhalten sich friedlich, begegnen einander mit Respekt. Ein Mädchen im Einhornkostüm verteilt gratis Umarmungen. Im Nachhinein wird ein Polizeisprecher sagen: „Es gab keine Vorkommnisse, genau wie erwartet“. Auf dem Markt ist eine kleine Bühne aufgebaut. Rentnerin Klara Ahlert von den „Oldies for Future“ erklärt ihren Respekt für die Organisatoren: „Keiner kann sagen, die Jugend wäre faul, sie sind nicht nur aktiv, sie arbeiten wirklich für ihre Sache“. Es folgt ein Redebeitrag von Jule Kegel und Rüdiger Höcker. Beide sind für die Bewegung „Seebrücke“ aktiv. Sie warnen, dass in Zukunft Menschen durch den Klimawandel ihre Heimat verlieren könnten. Mancherorts seien die Auswirkungen bereits spürbar. „Jakarta versinkt bald im Meer“, gibt Höcker einen düsteren Ausblick. Jacob Grossmann von der Bürgerinitiative „Verkehrswende Petershagen“ fordert einen Ausbau des ÖPNV in seiner Heimatstadt. „Im ländlichen Raum sind mehrere Autos für eine Familie schon fast Pflicht“, beklagt Grossmann. Während der Redebeiträge lichtet sich der Marktplatz langsam. Doch viele bleiben und hören den Aktivisten bis zum Ende zu. „Ich bin total glücklich. Wir waren fast doppelt so viele wie erwartet. Wenn das im kleinen Minden passiert, wie ist es dann erst in anderen Städten?“, erklärt Schüler Paul Schilling, von „Fridays for Future – Minden“. Warum tun die das? „Fridays for Future gibt es seit neun Monaten. In Minden machen wir seit Februar mit“, erklärt Paul Schilling. Mit seinen Freunden Theo, Enno und Lotte war der 16-Jährige von Anfang an dabei. Das Quartett bildet den Kern der Mindener „Fridays for Future-Gruppe“ und war maßgeblich an der Organisation der Demonstration am Freitag beteiligt. Es seien auch immer wieder andere mit dabei, manche mit Pausen, andere nur für kurze Zeit, erklärt Paul. „Wir demonstrieren, weil jeder Tag den wir so weiterleben wie bisher, unzählige Tage des Leids für unsere Nachkommen bedeutet“, ist sich Paul sicher. „Fridays for Future“ fordert, dass die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens erreicht werden. „Unser Ziel ist das 1,5 Grad Ziel, welches im Pariser Abkommen steht und von der derzeitigen Regierung realpolitisch nicht anvisiert wird“, so Paul weiter. Er sieht in erster Linie die Bundesregierung in der Pflicht, die selbstgesteckten Ziele einzuhalten und nicht die Aktivisten: „Wir sind keine Regierung und haben keine Verantwortung für das Leben von 80 Millionen Menschen und deren Nachkommen“. Dennoch würden auch viele seiner Mitstreiter persönlich etwas tun, um ein klimafreundliches Leben zu führen und auf Fleisch verzichten, keinen Führerschein machen oder nicht fliegen. Der Autor ist erreichbar unter Telefon (0571) 882 260 oder Vasco.Stemmer@MT.de