Minden

Im Streit um die Zukunft der Kampa-Halle verhärten sich die Fronten

Henning Wandel

Der Kreistag steht vor einer schweren Entscheidung: Soll die Kampa-Halle für 15 Millionen Euro saniert werden? Wenn ja, wäre das Kapitel Multihalle wohl beendet. Bei einem Nein stünde Handball-Bundesligist GWD Minden sehr plötzlich ohne Halle da. MT-Foto: Alex Lehn - © Ale Lehn
Der Kreistag steht vor einer schweren Entscheidung: Soll die Kampa-Halle für 15 Millionen Euro saniert werden? Wenn ja, wäre das Kapitel Multihalle wohl beendet. Bei einem Nein stünde Handball-Bundesligist GWD Minden sehr plötzlich ohne Halle da. MT-Foto: Alex Lehn (© Ale Lehn)

Minden (mt). Der Aufruf zu einer mutigen Entscheidung kommt ausgerechnet vom Kämmerer. Norbert Kresse glaubt daran, dass die Stadt Minden ihren Anteil an der Multifunktionsarena finanzieren kann: „Ja, wir trauen uns das zu", entgegnet er auf die Frage der Grünen Stadtverordneten Renate Müller, ob der Haushalt eine solche Investition denn hergebe. Was folgt, ist der zumindest aus dieser Richtung eher seltene Appell, Mut zu zeigen. „Wenn unsere Stadtväter nicht mutig gewesen wären, hätten wir vielleicht nicht mal eine Weserbrücke," sagt Kresse.

Für die Stadt geht es nach aktuellen Planungen um 7,5 Millionen Euro für den Bau der Halle und eine jährliche Belastung von knapp 650.000 Euro. Weitere sieben Millionen Euro hat demnach die Wirtschaft zugesagt, an deren Spitze sich Melitta gestellt. Die Unternehmen haben sich zusätzlich bereit erklärt, für 20 Jahre das Betriebsrisiko zu übernehmen. Dieser schwer zu kalkulierende Posten war für die Stadt eines der größten Hindernisse. Selbst im besten Fall war der Verwaltungsvorstand von einer jährlichen Belastung von knapp einer Million Euro ausgegangen. Der aktuelle Vorschlag würde das Risiko demnach deutlich reduzieren.

Was jetzt noch fehlt, ist ein Signal aus dem Kreis. Er soll 14,5 Millionen Euro beisteuern, dafür aber mit den Risiken von Bau und Betrieb nichts mehr zu tun haben. Doch stattdessen soll der Kreistag am 7. Oktober beschließen, die marode Kampa-Halle für bis zu 15 Millionen Euro zu sanieren. In der Vergangenheit hatte Landrat Ralf Niermann (SPD) keine konkreten Zahlen für eine mögliche Beteiligung an der Multihalle genannt. Die Summe von 14,5 Millionen Euro habe Minden nie mit der Kreisverwaltung abgestimmt. Dass Niermann jetzt auf der Grundlage eines internen Gutachtens die Schließung der Kampa-Halle androht, falls der Kreistag nicht für eine Sanierung stimmt, sorgt im Mindener Rat für Unverständnis.

Die deutlichste Attacke gegen Niermann kam von Frank Tomaschewski. Der Landrat sei kein weiteres Jahr mehr zu ertragen und müsse abgesetzt werden, sagte der parteilose Vorsitzende der Liberalen Fraktion (LF). „Das Gutachten ist doch nicht vom Himmel gefallen", sagt Tomaschewski weiter. Der Landrat solle sich vor dem Rat erklären: „Wir warten schon über ein Jahr auf eine Entscheidung." Auch Bürgermeister Michael Jäcke (SPD) wurde in diesem Zusammenhang zur Zielscheibe: Der Vorgang sei eine Bankrotterklärung für die Kommunikation zwischen Stadt und Kreis, sagte etwa der fraktionslose Hartmut Freise (FDP). Claudia Herziger-Möhlmann (BBM) legte noch einen drauf: Jäcke hätte das Gutachten besorgen müssen: „Als Bürgermeister haben sie das Problem zu lösen." Jäcke wiederum ließ keinen Zweifel daran, wen er für verantwortlich hält. Der Kreis sei bei allen Schritten mit ins Boot geholt worden – „aber zur Kommunikation gehören immer zwei. Den Schuh ziehe ich mir nicht an", sagt Jäcke, allerdings ohne direkt Bezug auf den Landrat zu nehmen.

Niermann wiederum kontert einen Tag später in Espelkamp. Er nutzt sein traditionelles Grußwort zur Eröffnung des City-Festes für eine scharfe Replik. Schon seit 2014 sei die Nutzung der Kampa-Halle nur unter „ganz enormen Anstrengungen der Kreisverwaltung möglich", so Niermann laut der danach veröffentlichten Presseerklärung zu seiner Rede. Jetzt empfiehlt ein Brandschutzexperte die Schließung, falls die Entscheidung für eine Sanierung ausbleibt. Derzeit werde auf ihn und seine Mitarbeiter „erheblicher Druck ausgeübt", um die Kampa-Halle bis zur Fertigstellung der Multifunktionsarena offen zu halten. Für eine neue Halle gebe es aber „hier momentan keine Unterlagen und keine konkrete Basis". Schließlich erhöht Niermann noch einmal deutlich den Druck auf den Kreistag: „Mit Carolin Kebekus am 31. Oktober geht die Geschichte der Kampa-Halle – ohne ein klares politisches Bekenntnis zur Sanierung – zu Ende." Die Folgen für den Kreis und den Bundesliga-Handball seien unabsehbar.

Der Mindener Baubeigeordnete Lars Bursian hält sich im Rat mit einer klaren Beurteilung zurück. Er macht aber auch deutlich, dass die Bauaufsicht für die Kampa-Halle bei der Stadt liegt. Die nächste Prüfung des Gebäudes steht im kommenden Jahr an, dafür würden dann auch Gutachten bewertet. Man müsse jetzt sehen, „ob das, was dem Kreis vorliegt, so relevant ist, dass wir baurechtlich einschreiten müssten." Der Stadt liege die aktuelle Bewertung allerdings nicht vor.

Vor allem Peter Kock (SPD) und Ulrich Stadtmann (CDU) versuchen im Laufe der Ratssitzung, die Gräben zu überbrücken. Stadtmann wirft sich für die Wirtschaft in die Bresche, nachdem unter anderem von Bettina Fuhg (Grüne) der Vorwurf kam, die Unternehmen würden sich mit sieben Millionen Euro nicht ausreichend beteiligen. Melitta habe sich „enorm reingehängt" und die jährliche Belastung für die Stadt deutlich gesenkt. Kock erinnert daran, dass die Multihalle nur gemeinsam mit den drei Partnern Stadt, Wirtschaft und eben Kreis gebaut werden könne. Einzelne zu beschimpfen helfe nicht weiter, so Kock. Die Halle sei ein Projekt für die Region, „und danach müssen wir uns auch verhalten."

Kommentar: Nicht nur der Landrat verliert

Von Henning Wandel

Es braucht schon viel Fantasie, sich vorzustellen, wie diese Kuh noch einmal vom Eis geholt werden soll. Mit seinem politisch nicht abgestimmten Ultimatum hat Landrat Ralf Niermann allen Beteiligten die Pistole auf die Brust gesetzt – und das völlig ohne Not. Denn die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Besteht in der fast 50 Jahre alten Halle eine konkrete Gefahr für Leib und Leben? Wenn ja, müsste sie längst geschlossen sein. Da sie es aber nicht ist, gibt es offenbar noch Spielraum. Dass nicht einmal das Mindener Bauamt als Aufsichtsbehörde offiziell über den aktuellen Zustand der Halle informiert ist, verstärkt diesen Eindruck.

Wie schon in der Auseinandersetzung um eine Neuausrichtung der Mühlenkreiskliniken hat Niermann auch jetzt die Chance verpasst, ein kritisches Thema im Vorfeld breit zu diskutieren und so für einen Konsens zu sorgen. Stattdessen stehen Minden und auch der Kreis vor einer Zerreißprobe. Denn der Kreistag kann nur falsch entscheiden: Stimmt er für die Sanierung, ist die Multihalle erledigt. Stimmt er dagegen, steht GWD vor einem Scherbenhaufen.

Es gibt neben Niermann aber noch einen weiteren Verlierer in diesem Konflikt: die SPD. Anstatt gemeinsam mit dem Landrat nach einer Lösung zu suchen, betreibt sie selbst dessen Demontage. So wie die Kreistagsfraktion mit ihrer öffentlichen Resolution. Oder der Kreisvorstand, der einen Kandidaten sucht, der sich explizit um die Mühlenkreiskliniken kümmern soll – ein Affront, den Niermann sehr wohl verstehen wird. Ein Jahr vor der Kommunalwahl geben die Genossen hier kein gutes Bild ab.

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MindenIm Streit um die Zukunft der Kampa-Halle verhärten sich die FrontenHenning WandelMinden (mt). Der Aufruf zu einer mutigen Entscheidung kommt ausgerechnet vom Kämmerer. Norbert Kresse glaubt daran, dass die Stadt Minden ihren Anteil an der Multifunktionsarena finanzieren kann: „Ja, wir trauen uns das zu", entgegnet er auf die Frage der Grünen Stadtverordneten Renate Müller, ob der Haushalt eine solche Investition denn hergebe. Was folgt, ist der zumindest aus dieser Richtung eher seltene Appell, Mut zu zeigen. „Wenn unsere Stadtväter nicht mutig gewesen wären, hätten wir vielleicht nicht mal eine Weserbrücke," sagt Kresse. Für die Stadt geht es nach aktuellen Planungen um 7,5 Millionen Euro für den Bau der Halle und eine jährliche Belastung von knapp 650.000 Euro. Weitere sieben Millionen Euro hat demnach die Wirtschaft zugesagt, an deren Spitze sich Melitta gestellt. Die Unternehmen haben sich zusätzlich bereit erklärt, für 20 Jahre das Betriebsrisiko zu übernehmen. Dieser schwer zu kalkulierende Posten war für die Stadt eines der größten Hindernisse. Selbst im besten Fall war der Verwaltungsvorstand von einer jährlichen Belastung von knapp einer Million Euro ausgegangen. Der aktuelle Vorschlag würde das Risiko demnach deutlich reduzieren. Was jetzt noch fehlt, ist ein Signal aus dem Kreis. Er soll 14,5 Millionen Euro beisteuern, dafür aber mit den Risiken von Bau und Betrieb nichts mehr zu tun haben. Doch stattdessen soll der Kreistag am 7. Oktober beschließen, die marode Kampa-Halle für bis zu 15 Millionen Euro zu sanieren. In der Vergangenheit hatte Landrat Ralf Niermann (SPD) keine konkreten Zahlen für eine mögliche Beteiligung an der Multihalle genannt. Die Summe von 14,5 Millionen Euro habe Minden nie mit der Kreisverwaltung abgestimmt. Dass Niermann jetzt auf der Grundlage eines internen Gutachtens die Schließung der Kampa-Halle androht, falls der Kreistag nicht für eine Sanierung stimmt, sorgt im Mindener Rat für Unverständnis. Die deutlichste Attacke gegen Niermann kam von Frank Tomaschewski. Der Landrat sei kein weiteres Jahr mehr zu ertragen und müsse abgesetzt werden, sagte der parteilose Vorsitzende der Liberalen Fraktion (LF). „Das Gutachten ist doch nicht vom Himmel gefallen", sagt Tomaschewski weiter. Der Landrat solle sich vor dem Rat erklären: „Wir warten schon über ein Jahr auf eine Entscheidung." Auch Bürgermeister Michael Jäcke (SPD) wurde in diesem Zusammenhang zur Zielscheibe: Der Vorgang sei eine Bankrotterklärung für die Kommunikation zwischen Stadt und Kreis, sagte etwa der fraktionslose Hartmut Freise (FDP). Claudia Herziger-Möhlmann (BBM) legte noch einen drauf: Jäcke hätte das Gutachten besorgen müssen: „Als Bürgermeister haben sie das Problem zu lösen." Jäcke wiederum ließ keinen Zweifel daran, wen er für verantwortlich hält. Der Kreis sei bei allen Schritten mit ins Boot geholt worden – „aber zur Kommunikation gehören immer zwei. Den Schuh ziehe ich mir nicht an", sagt Jäcke, allerdings ohne direkt Bezug auf den Landrat zu nehmen. Niermann wiederum kontert einen Tag später in Espelkamp. Er nutzt sein traditionelles Grußwort zur Eröffnung des City-Festes für eine scharfe Replik. Schon seit 2014 sei die Nutzung der Kampa-Halle nur unter „ganz enormen Anstrengungen der Kreisverwaltung möglich", so Niermann laut der danach veröffentlichten Presseerklärung zu seiner Rede. Jetzt empfiehlt ein Brandschutzexperte die Schließung, falls die Entscheidung für eine Sanierung ausbleibt. Derzeit werde auf ihn und seine Mitarbeiter „erheblicher Druck ausgeübt", um die Kampa-Halle bis zur Fertigstellung der Multifunktionsarena offen zu halten. Für eine neue Halle gebe es aber „hier momentan keine Unterlagen und keine konkrete Basis". Schließlich erhöht Niermann noch einmal deutlich den Druck auf den Kreistag: „Mit Carolin Kebekus am 31. Oktober geht die Geschichte der Kampa-Halle – ohne ein klares politisches Bekenntnis zur Sanierung – zu Ende." Die Folgen für den Kreis und den Bundesliga-Handball seien unabsehbar. Der Mindener Baubeigeordnete Lars Bursian hält sich im Rat mit einer klaren Beurteilung zurück. Er macht aber auch deutlich, dass die Bauaufsicht für die Kampa-Halle bei der Stadt liegt. Die nächste Prüfung des Gebäudes steht im kommenden Jahr an, dafür würden dann auch Gutachten bewertet. Man müsse jetzt sehen, „ob das, was dem Kreis vorliegt, so relevant ist, dass wir baurechtlich einschreiten müssten." Der Stadt liege die aktuelle Bewertung allerdings nicht vor. Vor allem Peter Kock (SPD) und Ulrich Stadtmann (CDU) versuchen im Laufe der Ratssitzung, die Gräben zu überbrücken. Stadtmann wirft sich für die Wirtschaft in die Bresche, nachdem unter anderem von Bettina Fuhg (Grüne) der Vorwurf kam, die Unternehmen würden sich mit sieben Millionen Euro nicht ausreichend beteiligen. Melitta habe sich „enorm reingehängt" und die jährliche Belastung für die Stadt deutlich gesenkt. Kock erinnert daran, dass die Multihalle nur gemeinsam mit den drei Partnern Stadt, Wirtschaft und eben Kreis gebaut werden könne. Einzelne zu beschimpfen helfe nicht weiter, so Kock. Die Halle sei ein Projekt für die Region, „und danach müssen wir uns auch verhalten." Kommentar: Nicht nur der Landrat verliert Von Henning Wandel Es braucht schon viel Fantasie, sich vorzustellen, wie diese Kuh noch einmal vom Eis geholt werden soll. Mit seinem politisch nicht abgestimmten Ultimatum hat Landrat Ralf Niermann allen Beteiligten die Pistole auf die Brust gesetzt – und das völlig ohne Not. Denn die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Besteht in der fast 50 Jahre alten Halle eine konkrete Gefahr für Leib und Leben? Wenn ja, müsste sie längst geschlossen sein. Da sie es aber nicht ist, gibt es offenbar noch Spielraum. Dass nicht einmal das Mindener Bauamt als Aufsichtsbehörde offiziell über den aktuellen Zustand der Halle informiert ist, verstärkt diesen Eindruck. Wie schon in der Auseinandersetzung um eine Neuausrichtung der Mühlenkreiskliniken hat Niermann auch jetzt die Chance verpasst, ein kritisches Thema im Vorfeld breit zu diskutieren und so für einen Konsens zu sorgen. Stattdessen stehen Minden und auch der Kreis vor einer Zerreißprobe. Denn der Kreistag kann nur falsch entscheiden: Stimmt er für die Sanierung, ist die Multihalle erledigt. Stimmt er dagegen, steht GWD vor einem Scherbenhaufen. Es gibt neben Niermann aber noch einen weiteren Verlierer in diesem Konflikt: die SPD. Anstatt gemeinsam mit dem Landrat nach einer Lösung zu suchen, betreibt sie selbst dessen Demontage. So wie die Kreistagsfraktion mit ihrer öffentlichen Resolution. Oder der Kreisvorstand, der einen Kandidaten sucht, der sich explizit um die Mühlenkreiskliniken kümmern soll – ein Affront, den Niermann sehr wohl verstehen wird. Ein Jahr vor der Kommunalwahl geben die Genossen hier kein gutes Bild ab.