Minden

Während der Wartezeit: Miete für Betreutes Wohnen schnellt für Seniorin in die Höhe

Stefan Koch

Bezahlbare Seniorenwohnungen sind überall knapp. Auch das Mindener Stadtgebiet bildet hier keine Ausnahme. Foto: Friso Gentsch/dpa - © Friso Gentsch
Bezahlbare Seniorenwohnungen sind überall knapp. Auch das Mindener Stadtgebiet bildet hier keine Ausnahme. Foto: Friso Gentsch/dpa (© Friso Gentsch)

Minden (mt). „Betreutes Wohnen“ klingt gut – kann aber sehr teuer sein. Das musste eine 70-jährige Mindenerin feststellen, als sie sich in einem Mindener Pflegeheim für ein solches Angebot bewerben wollte. Anfang 2018 hatte sie sich für eine rund 46 Quadratmeter große Wohnung in dem Heim auf die Warteliste setzen lassen, weil der Quadratmeterpreis mit 9,42 Euro für sie gerade noch erschwinglich war. Als Anfang 2019 dann der ersehnte Platz frei war, sollte sie nunmehr einen Vertrag mit 15,10 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter unterschreiben. Zusammen mit weiteren Zuschlägen hätte die Rentnerin eine Gesamtmiete von 922,15 Euro berappen müssen. „Das ist weit mehr, als ich mir bei meiner kleinen Rente leisten kann“, klagt die Seniorin.

Sie beschwerte sich bei der Heimleitung, und es hieß, dass die Nettokaltmiete im Vertrag versehentlich falsch eingetragen sei – was das Heim auf MT-Anfrage bestätigte, ohne sich zu den Gründen der dennoch exorbitanten Kostensteigerung äußern zu wollen. Denn mit den tatsächlich geltenden 12,50 Euro für den Quadratmeter verlangt das Heim immer noch fast das Doppelte fürs Wohnen, als der Mindener Mietspiel hergibt. Innerhalb der Wartezeit von fast einem Jahr war die Miete um rund 30 Prozent erhöht worden.

Vor allem aber ärgerte sich die Seniorin darüber, dass sie noch eine zusätzliche Servicepauschale von 100 Euro im Monat zahlen sollte. „Ich fühle mich unfair behandelt“, sagt sie.

Wie die Verbraucherzentrale NRW auf MT-Anfrage erklärt, sei es unzulässig, einen solchen Servicevertrag in den Mietvertrag einzubinden. „Es muss zwei getrennte Verträge geben“, erklärt Verena Querling, Pflegejuristin bei der Verbraucherzentrale. Die Heime, die Betreutes Wohnen anböten, erwarteten aber, dass der Interessent beide Verträge unterschreibe. Für die 100 Euro hätte die 70-Jährige den hausinternen 24-Stunden-Notruf bedienen können, eine Pflegekraft hätte sich täglich nach ihrem Wohlbefinden erkundigt, und sie hätte an Veranstaltungen und Therapieangeboten des Pflegeheimes teilgenommen. Leistungen, die die Seniorin nicht braucht, da sie kein Pflegefall ist.

„Wir erhalten oft Beschwerden, dass Kunden beim Betreuten Wohnen für Dinge bezahlen sollen, die sie gar nicht in Anspruch nehmen“, sagt Querling. Viele ältere Menschen, die derartige Verträge unterschrieben, hätten auch das Gefühl, keine andere Wahl zu haben. „Wir nennen das sogenannte Betreute Wohnen ,Service-Wohnen´, weil oft eine Betreuung im eigentlichen Sinn nicht stattfindet“, sagt die Juristin der Verbraucherzentrale.

Wie Regina Pallapies und Freerk Petersen von der Wohnberatung im Kreis Minden-Lübbecke – eine Agentur der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege und des Kreises – mitteilen, sei der Begriff „Betreutes Wohnen“ nicht geschützt und lasse sich deshalb inhaltlich unterschiedlich interpretieren. Unter Betreutem Wohnen werde in Minden und Umgebung allgemein ein eigenständiges Wohnen älterer Menschen in einem angemieteten Appartement verstanden. Über eine zusätzliche Betreuungspauschale ließen sich Angebote der zumeist angeschlossenen Pflegeeinrichtungen dazu kaufen.

Nach Einschätzung der Wohnberatung nimmt die Nachfrage nach Angeboten des Betreuten Wohnens in Minden und Umgebung zu. Wichtig sei, dass diese Einrichtungen auch für breite Bevölkerungsschichten bezahlbar seien, so Pallapies und Petersen. „Nach unseren Erfahrungen sind viele aktuelle Angebote im Betreuten Wohnen besonders für Menschen mit Grundsicherung nach SGB XII oder niedrigen Renten nicht finanzierbar.“ Sei seien häufig von solchen Angeboten ausgeschlossen.

Die Wohnberatung im Kreis Minden-Lübbecke hat festgestellt, dass bereits mehrere Träger auf die steigende Nachfrage im Betreuten Wohnen reagiert haben. Beispielsweise befänden sich in Minden und Lübbecke mehrere Objekte für Menschen mit Betreuungs- und Pflegebedarf in Planung. Unterschiedliche Träger seien hier aktiv.

Zur Orientierung bietet die Wohnberatung eine Liste von Pflegeheimen und Seniorenwohnungen im Kreis Minden-Lübbecke an. Daraus geht hervor, dass es in Minden Wohnungsanbieter gibt, die sich auf barrierefreie Wohnungen mit moderaten Nettokaltmieten für Senioren spezialisiert haben, ohne dass die Möglichkeit besteht, weitere Betreuungsangebote hinzu zu buchen.

Preisgünstig sind gemeinnützige Organisationen, die beide Leistungen erbringen. Daneben gibt es private Häuser mit gemeinnützigen Betreuungsträgern. Private Häuser, die auch für die Betreuung zuständig sind, sind meist am teuersten. Betreuungspauschalen können dann mehr als 100 Euro im Monat betragen.

Warum das so ist? „Ein Grund für die abweichende Preisgestaltung ist, dass gemeinnützige Unternehmen ihre Gewinne zu 100 Prozent in Angebote für Menschen vor Ort investieren“, so die Mitarbeiter der Wohnberatung.

Die 70-Jährige hat den Mietvertrag des von ihr favorisierten Pflegeheimses nicht unterschrieben. „Ich habe mich entschieden, weiterhin als normale Mieterin zu wohnen und mich bei Bedarf ambulant betreuen zu lassen“, sagt die Frau. Außerdem habe sie sich bei einem gemeinnützigen Träger um einen Platz beworben. Und damit steht sie wieder auf der Warteliste.

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MindenWährend der Wartezeit: Miete für Betreutes Wohnen schnellt für Seniorin in die HöheStefan KochMinden (mt). „Betreutes Wohnen“ klingt gut – kann aber sehr teuer sein. Das musste eine 70-jährige Mindenerin feststellen, als sie sich in einem Mindener Pflegeheim für ein solches Angebot bewerben wollte. Anfang 2018 hatte sie sich für eine rund 46 Quadratmeter große Wohnung in dem Heim auf die Warteliste setzen lassen, weil der Quadratmeterpreis mit 9,42 Euro für sie gerade noch erschwinglich war. Als Anfang 2019 dann der ersehnte Platz frei war, sollte sie nunmehr einen Vertrag mit 15,10 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter unterschreiben. Zusammen mit weiteren Zuschlägen hätte die Rentnerin eine Gesamtmiete von 922,15 Euro berappen müssen. „Das ist weit mehr, als ich mir bei meiner kleinen Rente leisten kann“, klagt die Seniorin. Sie beschwerte sich bei der Heimleitung, und es hieß, dass die Nettokaltmiete im Vertrag versehentlich falsch eingetragen sei – was das Heim auf MT-Anfrage bestätigte, ohne sich zu den Gründen der dennoch exorbitanten Kostensteigerung äußern zu wollen. Denn mit den tatsächlich geltenden 12,50 Euro für den Quadratmeter verlangt das Heim immer noch fast das Doppelte fürs Wohnen, als der Mindener Mietspiel hergibt. Innerhalb der Wartezeit von fast einem Jahr war die Miete um rund 30 Prozent erhöht worden. Vor allem aber ärgerte sich die Seniorin darüber, dass sie noch eine zusätzliche Servicepauschale von 100 Euro im Monat zahlen sollte. „Ich fühle mich unfair behandelt“, sagt sie. Wie die Verbraucherzentrale NRW auf MT-Anfrage erklärt, sei es unzulässig, einen solchen Servicevertrag in den Mietvertrag einzubinden. „Es muss zwei getrennte Verträge geben“, erklärt Verena Querling, Pflegejuristin bei der Verbraucherzentrale. Die Heime, die Betreutes Wohnen anböten, erwarteten aber, dass der Interessent beide Verträge unterschreibe. Für die 100 Euro hätte die 70-Jährige den hausinternen 24-Stunden-Notruf bedienen können, eine Pflegekraft hätte sich täglich nach ihrem Wohlbefinden erkundigt, und sie hätte an Veranstaltungen und Therapieangeboten des Pflegeheimes teilgenommen. Leistungen, die die Seniorin nicht braucht, da sie kein Pflegefall ist. „Wir erhalten oft Beschwerden, dass Kunden beim Betreuten Wohnen für Dinge bezahlen sollen, die sie gar nicht in Anspruch nehmen“, sagt Querling. Viele ältere Menschen, die derartige Verträge unterschrieben, hätten auch das Gefühl, keine andere Wahl zu haben. „Wir nennen das sogenannte Betreute Wohnen ,Service-Wohnen´, weil oft eine Betreuung im eigentlichen Sinn nicht stattfindet“, sagt die Juristin der Verbraucherzentrale. Wie Regina Pallapies und Freerk Petersen von der Wohnberatung im Kreis Minden-Lübbecke – eine Agentur der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege und des Kreises – mitteilen, sei der Begriff „Betreutes Wohnen“ nicht geschützt und lasse sich deshalb inhaltlich unterschiedlich interpretieren. Unter Betreutem Wohnen werde in Minden und Umgebung allgemein ein eigenständiges Wohnen älterer Menschen in einem angemieteten Appartement verstanden. Über eine zusätzliche Betreuungspauschale ließen sich Angebote der zumeist angeschlossenen Pflegeeinrichtungen dazu kaufen. Nach Einschätzung der Wohnberatung nimmt die Nachfrage nach Angeboten des Betreuten Wohnens in Minden und Umgebung zu. Wichtig sei, dass diese Einrichtungen auch für breite Bevölkerungsschichten bezahlbar seien, so Pallapies und Petersen. „Nach unseren Erfahrungen sind viele aktuelle Angebote im Betreuten Wohnen besonders für Menschen mit Grundsicherung nach SGB XII oder niedrigen Renten nicht finanzierbar.“ Sei seien häufig von solchen Angeboten ausgeschlossen. Die Wohnberatung im Kreis Minden-Lübbecke hat festgestellt, dass bereits mehrere Träger auf die steigende Nachfrage im Betreuten Wohnen reagiert haben. Beispielsweise befänden sich in Minden und Lübbecke mehrere Objekte für Menschen mit Betreuungs- und Pflegebedarf in Planung. Unterschiedliche Träger seien hier aktiv. Zur Orientierung bietet die Wohnberatung eine Liste von Pflegeheimen und Seniorenwohnungen im Kreis Minden-Lübbecke an. Daraus geht hervor, dass es in Minden Wohnungsanbieter gibt, die sich auf barrierefreie Wohnungen mit moderaten Nettokaltmieten für Senioren spezialisiert haben, ohne dass die Möglichkeit besteht, weitere Betreuungsangebote hinzu zu buchen. Preisgünstig sind gemeinnützige Organisationen, die beide Leistungen erbringen. Daneben gibt es private Häuser mit gemeinnützigen Betreuungsträgern. Private Häuser, die auch für die Betreuung zuständig sind, sind meist am teuersten. Betreuungspauschalen können dann mehr als 100 Euro im Monat betragen. Warum das so ist? „Ein Grund für die abweichende Preisgestaltung ist, dass gemeinnützige Unternehmen ihre Gewinne zu 100 Prozent in Angebote für Menschen vor Ort investieren“, so die Mitarbeiter der Wohnberatung. Die 70-Jährige hat den Mietvertrag des von ihr favorisierten Pflegeheimses nicht unterschrieben. „Ich habe mich entschieden, weiterhin als normale Mieterin zu wohnen und mich bei Bedarf ambulant betreuen zu lassen“, sagt die Frau. Außerdem habe sie sich bei einem gemeinnützigen Träger um einen Platz beworben. Und damit steht sie wieder auf der Warteliste.