Minden

Schiffsmeldungen: Herder-Schüler diskutieren mit Experten

Vasco Stemmer

Die Fahrt auf dem Schiff „Europa“ wurde auch zeichnerisch festgehalten. Das Bild ist Teil der Dokumentation der Veranstaltung. Fotos: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert
Die Fahrt auf dem Schiff „Europa“ wurde auch zeichnerisch festgehalten. Das Bild ist Teil der Dokumentation der Veranstaltung. Fotos: Kerstin Rickert (© Kerstin Rickert)

Minden (mt). Justin interessiert sich eigentlich nicht so wirklich für Politik, sagt er. Dennoch ist er dabei, als am Dienstag etwa hundert Schüler des Herder-Gymnasiums auf Experten aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen treffen, um über das Thema Europa zu diskutieren. An Bord der MS Europa ist es deutlich ruhiger, als von einem Ausflugsschiff mit 100 Jugendlichen an Bord zu erwarten wäre. Die Gespräche an den Tischen verlaufen sachlich und immer in einem ruhigen Ton.

Der Experte an Justins Tisch ist Achim Post, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion für die Bereiche Europa, Haushalt und Finanzen. Ihm ist Tim als Coach zur Seite gestellt. Tim musste im Vorfeld ein Moderationstraining an der Volkshochschule absolvieren. Nun soll er das Tischgespräch leiten. Er bittet seine Mitschüler, ihre Namen zu nennen und ihre Fragen zu stellen – sollten sie denn welche haben. Nur zögerlich beginnt die erste Fragerunde. Den Anfang machen will keiner. Doch die Schüler kommen nicht drum herum. Ben interessiert sich für den Brexit: „Könnte der Austritt Großbritanniens nur der Anfang gewesen sein?" Martin treiben ebenfalls Sorgen um den europäischen Zusammenhalt um. Anna gibt sich ähnlich politikverdrossen wie Justin, uninformiert sei sie aber nicht. Sie bekomme mit, was in den Medien passiert. Ein Thema interessiert Justin dann doch: die EU-Urheberrechtsreform.

Mehr positiven Journalismus forderten die Schüler vom ehemaligen MT-Chefredakteur Christoph Pepper (3. von links). - © Kerstin Rickert
Mehr positiven Journalismus forderten die Schüler vom ehemaligen MT-Chefredakteur Christoph Pepper (3. von links). (© Kerstin Rickert)

Achim Post merkt man den Politikprofi deutlich an. Souverän geht er auf die Fragen der Schüler ein. Spricht von den langfristigen Nachteilen, die Großbritannien ereilen werden, wenn der Brexit Realität wird. Diese würden andere Staaten von ihren Austrittsfantasien abbringen. „Keiner würde folgen, alle würden sehen, wie schlimm das für England wird", ist sich der Politiker sicher. Das Verhalten des britischen Parlaments nennt er destruktiv und räumt auf Nachfrage der Schüler dann doch ein: „Europa ist zerbrechlich wie nie." Es wirkt als würde Post mit anderen Politikern reden.

Achim Post (2. von rechts) war als Europa-Kenner im Gespräch mit Schülern des Herder-Gymnasiums vor allem zum Brexit gefragt. - © Kerstin Rickert
Achim Post (2. von rechts) war als Europa-Kenner im Gespräch mit Schülern des Herder-Gymnasiums vor allem zum Brexit gefragt. (© Kerstin Rickert)

An manch anderem Tisch scheint die Stimmung gelöster, auch wenn die Themen schwer sind. „Erst ändert sich die Sprache, dann die Realität", erklärt Thomas Lange von der Gedenkstätte Porta Westfalica, den Schülern die Auswirkungen einer verrohten Sprache, die häufig von politischen Strömungen ausgeht, die sich auch gegen offene Grenzen ausspricht. „Was bedeutet euch denn Schengen?", fragt Lange in die Runde und erklärt, wie sehr ihm offene Grenzen beim Touren mit Bands zugute kommen, die er als Geschäftsführer eines Unternehmens für Veranstaltungstechnik betreut.

Beim ehemaligen MT-Chefredakteur Christoph Pepper tun die Schüler ihren Unmut kund: Es würde zu viel über Negatives berichtet, über Konflikte und Streit. Sie fordern einen positiveren Journalismus. Mit Pepper entsteht eine lebhafte Diskussion. Wie positiver Journalismus aussehen könnte, fragt Moderator Marco Düsterwald Pepper im Anschluss. Seine Antwort: „Dass man ohne Probleme zu verschweigen, auch über Positives berichtet."

Jörn Lohmann von der CDU gibt sich demütig: „Ich will nicht so tun, als sei die CDU eine Klimaschutzpartei", erklärt der Student der Rechtswissenschaften. Der Umgang mit dem Video des YouTubers „Rezo" sei vonseiten der CDU nicht klug gewesen, erklärt er den Schülern. Lohmann ist als Ersatz für Elmar Brok unterwegs, der sich die Hand gebrochen hatte. Der deutlich jüngere Lohmann scheint keine schlechte Wahl zu sein. Er findet einen guten Zugang zu den Jugendlichen und erzählt von seinen ersten Gehversuchen in der Politik: „Die perfekte Partei gab es nicht, aber ich wollte auf kommunaler Ebene etwas erreichen. Das funktioniert am besten in einer der Volksparteien."

Mit den Experten scheinen die Schüler mal mehr und mal weniger auf Augenhöhe zu sein. Die Essenz aus den Fragerunden notieren die Coaches am Ende auf Karten. Die Karten werden den Experten später mit auf den Weg gegeben. Die Schüler wollen, dass ihre Anregungen auch nach der Veranstaltung im Handeln der Experten eine Rolle spielen. Die Experten versprechen, sie in Zukunft in ihre Tätigkeit einfließen lassen.

„Ob sie sich etwas annehmen, weiß man natürlich nie", sagt Schüler Gianluca. Dennoch habe ihm die Veranstaltung gefallen. Es sei interessant gewesen zu hören, was Vertreter von Parteien denken. Mika, der mit Wiebke Buth von Amnesty International an einem Tisch saß, sieht das ähnlich: „Das Gespräch hat mein Bild von Menschenrechten verändert."

Leonard, der als Coach dabei war, hat dagegen gemischte Gefühle. Wie gut die Diskussion gewesen ist, habe stark damit zusammengehangen, an welchem Tisch jeder Einzelne gesessen habe. „Letztlich ist es eine Pflichtveranstaltung am Nachmittag, da ist einfach nicht jeder gleichermaßen motiviert."

Marco Düsterwald, der neue Leiter der Volkshochschule Minden, lobt die Arbeit der Coaches, die sich schon seit den Sommerferien auf die Veranstaltung vorbereitet haben. Die Volkshochschule und das Herder-Gymnasium hatten sie gemeinsam auf die Beine gestellt. Düsterwald selbst wolle mit seiner Arbeit die Lust an politischer Teilhabe stärken und fordert: „Politische Jugendbildung muss immer kostenlos sein."

Eine reine Diskussionsveranstaltung ist der Nachmittag auf dem Schiff nicht. Die Poetry Slam AG des Herder-Gymnasiums tritt auf, während die Coaches formulieren, was die Experten mitnehmen sollen. Bis sich zeigt, ob die Schüler mit ihren Ideen auf offene Ohren gestoßen sind, muss aber wohl noch einiges an Wasser die Weser runterlaufen.

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Nur zögerlich beginnt die erste Fragerunde. Den Anfang machen will keiner. Doch die Schüler kommen nicht drum herum. Ben interessiert sich für den Brexit: „Könnte der Austritt Großbritanniens nur der Anfang gewesen sein?" Martin treiben ebenfalls Sorgen um den europäischen Zusammenhalt um. Anna gibt sich ähnlich politikverdrossen wie Justin, uninformiert sei sie aber nicht. Sie bekomme mit, was in den Medien passiert. Ein Thema interessiert Justin dann doch: die EU-Urheberrechtsreform. Achim Post merkt man den Politikprofi deutlich an. Souverän geht er auf die Fragen der Schüler ein. Spricht von den langfristigen Nachteilen, die Großbritannien ereilen werden, wenn der Brexit Realität wird. Diese würden andere Staaten von ihren Austrittsfantasien abbringen. „Keiner würde folgen, alle würden sehen, wie schlimm das für England wird", ist sich der Politiker sicher. Das Verhalten des britischen Parlaments nennt er destruktiv und räumt auf Nachfrage der Schüler dann doch ein: „Europa ist zerbrechlich wie nie." Es wirkt als würde Post mit anderen Politikern reden. An manch anderem Tisch scheint die Stimmung gelöster, auch wenn die Themen schwer sind. „Erst ändert sich die Sprache, dann die Realität", erklärt Thomas Lange von der Gedenkstätte Porta Westfalica, den Schülern die Auswirkungen einer verrohten Sprache, die häufig von politischen Strömungen ausgeht, die sich auch gegen offene Grenzen ausspricht. „Was bedeutet euch denn Schengen?", fragt Lange in die Runde und erklärt, wie sehr ihm offene Grenzen beim Touren mit Bands zugute kommen, die er als Geschäftsführer eines Unternehmens für Veranstaltungstechnik betreut. Beim ehemaligen MT-Chefredakteur Christoph Pepper tun die Schüler ihren Unmut kund: Es würde zu viel über Negatives berichtet, über Konflikte und Streit. Sie fordern einen positiveren Journalismus. Mit Pepper entsteht eine lebhafte Diskussion. Wie positiver Journalismus aussehen könnte, fragt Moderator Marco Düsterwald Pepper im Anschluss. Seine Antwort: „Dass man ohne Probleme zu verschweigen, auch über Positives berichtet." Jörn Lohmann von der CDU gibt sich demütig: „Ich will nicht so tun, als sei die CDU eine Klimaschutzpartei", erklärt der Student der Rechtswissenschaften. Der Umgang mit dem Video des YouTubers „Rezo" sei vonseiten der CDU nicht klug gewesen, erklärt er den Schülern. Lohmann ist als Ersatz für Elmar Brok unterwegs, der sich die Hand gebrochen hatte. Der deutlich jüngere Lohmann scheint keine schlechte Wahl zu sein. Er findet einen guten Zugang zu den Jugendlichen und erzählt von seinen ersten Gehversuchen in der Politik: „Die perfekte Partei gab es nicht, aber ich wollte auf kommunaler Ebene etwas erreichen. Das funktioniert am besten in einer der Volksparteien." Mit den Experten scheinen die Schüler mal mehr und mal weniger auf Augenhöhe zu sein. Die Essenz aus den Fragerunden notieren die Coaches am Ende auf Karten. Die Karten werden den Experten später mit auf den Weg gegeben. Die Schüler wollen, dass ihre Anregungen auch nach der Veranstaltung im Handeln der Experten eine Rolle spielen. Die Experten versprechen, sie in Zukunft in ihre Tätigkeit einfließen lassen. „Ob sie sich etwas annehmen, weiß man natürlich nie", sagt Schüler Gianluca. Dennoch habe ihm die Veranstaltung gefallen. Es sei interessant gewesen zu hören, was Vertreter von Parteien denken. Mika, der mit Wiebke Buth von Amnesty International an einem Tisch saß, sieht das ähnlich: „Das Gespräch hat mein Bild von Menschenrechten verändert." Leonard, der als Coach dabei war, hat dagegen gemischte Gefühle. Wie gut die Diskussion gewesen ist, habe stark damit zusammengehangen, an welchem Tisch jeder Einzelne gesessen habe. „Letztlich ist es eine Pflichtveranstaltung am Nachmittag, da ist einfach nicht jeder gleichermaßen motiviert." Marco Düsterwald, der neue Leiter der Volkshochschule Minden, lobt die Arbeit der Coaches, die sich schon seit den Sommerferien auf die Veranstaltung vorbereitet haben. Die Volkshochschule und das Herder-Gymnasium hatten sie gemeinsam auf die Beine gestellt. Düsterwald selbst wolle mit seiner Arbeit die Lust an politischer Teilhabe stärken und fordert: „Politische Jugendbildung muss immer kostenlos sein." Eine reine Diskussionsveranstaltung ist der Nachmittag auf dem Schiff nicht. Die Poetry Slam AG des Herder-Gymnasiums tritt auf, während die Coaches formulieren, was die Experten mitnehmen sollen. Bis sich zeigt, ob die Schüler mit ihren Ideen auf offene Ohren gestoßen sind, muss aber wohl noch einiges an Wasser die Weser runterlaufen.