Standpunkt zum Holzhauser Kabinen-Skandal: Der Bote als Buhmann

Benjamin Piel

Es ist ein uraltes Prinzip: Der Überbringer schlechter Nachrichten lebt gefährlich. So ist es auch nach der Berichterstattung zum Holzhauser Skandal-Video passiert. Es zeigt Spieler einer Fußball-Mannschaft, die mit strafbaren „Sieg Heil"-Rufen den Aufstieg feierten.

„Töte nicht den Boten", soll der antike Dichter Sophokles vor hunderten Jahren gesagt haben. Genau das ist aber verlockend einfach: Wer den Boten tötet, muss keinen Schuldigen mehr suchen.

Information
Die gesamte Berichterstattung zum Thema finden Sie hier. 


Einige meinen, auf dem Holzhauser Sportplatz hätte alles so schön ruhig bleiben können, wäre die schlechte Botschaft nur nicht angekommen. Doch der Auftrag von Journalisten ist nun einmal zu veröffentlichen. Wenn Spieler eines Vereins so sehr aus der Rolle fallen, dass es mutmaßlich strafbar wird, können Pressevertreter nicht so tun, als sei nichts gewesen. Zumal dann nicht, wenn das Thema bereits wochenlang durch Dutzende WhatsApp-Gruppen waberte und in Sportlerkreisen schon einigen bekannt war.

Die MT-Redaktion bemühte sich um eine sachliche Aufarbeitung: alle Seiten zu Wort kommen lassen, Gesagtes prüfen, handelnde Personen anonymisieren und am Ende nur das veröffentlichen, was zweifelsfrei belegt werden kann.

Trotzdem erheben Menschen nun den Vorwurf (auch in Leserbriefen), es habe eine Hetzjagd stattgefunden. Ein Leser schrieb mir: „Ihre Redaktion hat sicher die Sektkorken knallen lassen, nachdem sie erfahren hat, was die Konsequenzen für den Verein und die Spieler sind."

Das ist eine ganz falsche Vorstellung. Sie verwechselt Ursache und Wirkung. Niemand in der Redaktion verspürt Freude daran, wenn ein Verein, über den wir seit Jahren berichten und dessen Akteure uns vertraut sind, in Schwierigkeiten gerät, weil einige wenige sich daneben benehmen. Was hätten wir auch davon?

Der Redaktion war es stattdessen ein Anliegen, den Vorstand anzuhören, statt gnadenlos über seinen Kopf hinweg zu agieren. Auch Spieler hätten wir gerne zu Wort kommen lassen – ob anonym oder kollektiv im Team. Leider wollte sich niemand aus der Deckung wagen. Wer sich äußert und wer nicht, das kann die Redaktion jedoch nicht beeinflussen. Wir berichten, wir steuern nicht.

Einige, mit denen ich in dieser Woche telefoniert habe, fanden die Berichterstattung angebracht, meinten aber, ein Artikel hätte gereicht. Das ist auf den ersten Blick verständlich. Allerdings haben solche Ereignisse eine Dynamik. Der Verein meldete seine Mannschaft ab, einige Vereine positionierten sich, andere solidarisierten sich. Der Verband bot seine Unterstützung bei der Aufarbeitung an uns so weiter.

Die Redaktion konnte diese Entwicklungen nicht ignorieren und natürlich geschahen sie nicht alle zum gleichen Zeitpunkt, sondern schrittweise. So entstanden mehrere Artikel.

Parallel zerrissen sich Menschen auf Facebook das Maul jenseits des Sachlichen. Das stört die Redaktion – sie kann es aber nicht verhindern. Auch das ist Meinungsfreiheit.

So bleibt es am Ende dabei: Der Bote lebt gefährlich – wie sehr er sich auch bemühen mag, alles richtig zu machen.

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Standpunkt zum Holzhauser Kabinen-Skandal: Der Bote als BuhmannBenjamin PielEs ist ein uraltes Prinzip: Der Überbringer schlechter Nachrichten lebt gefährlich. So ist es auch nach der Berichterstattung zum Holzhauser Skandal-Video passiert. Es zeigt Spieler einer Fußball-Mannschaft, die mit strafbaren „Sieg Heil"-Rufen den Aufstieg feierten. „Töte nicht den Boten", soll der antike Dichter Sophokles vor hunderten Jahren gesagt haben. Genau das ist aber verlockend einfach: Wer den Boten tötet, muss keinen Schuldigen mehr suchen. Einige meinen, auf dem Holzhauser Sportplatz hätte alles so schön ruhig bleiben können, wäre die schlechte Botschaft nur nicht angekommen. Doch der Auftrag von Journalisten ist nun einmal zu veröffentlichen. Wenn Spieler eines Vereins so sehr aus der Rolle fallen, dass es mutmaßlich strafbar wird, können Pressevertreter nicht so tun, als sei nichts gewesen. Zumal dann nicht, wenn das Thema bereits wochenlang durch Dutzende WhatsApp-Gruppen waberte und in Sportlerkreisen schon einigen bekannt war. Die MT-Redaktion bemühte sich um eine sachliche Aufarbeitung: alle Seiten zu Wort kommen lassen, Gesagtes prüfen, handelnde Personen anonymisieren und am Ende nur das veröffentlichen, was zweifelsfrei belegt werden kann. Trotzdem erheben Menschen nun den Vorwurf (auch in Leserbriefen), es habe eine Hetzjagd stattgefunden. Ein Leser schrieb mir: „Ihre Redaktion hat sicher die Sektkorken knallen lassen, nachdem sie erfahren hat, was die Konsequenzen für den Verein und die Spieler sind." Das ist eine ganz falsche Vorstellung. Sie verwechselt Ursache und Wirkung. Niemand in der Redaktion verspürt Freude daran, wenn ein Verein, über den wir seit Jahren berichten und dessen Akteure uns vertraut sind, in Schwierigkeiten gerät, weil einige wenige sich daneben benehmen. Was hätten wir auch davon? Der Redaktion war es stattdessen ein Anliegen, den Vorstand anzuhören, statt gnadenlos über seinen Kopf hinweg zu agieren. Auch Spieler hätten wir gerne zu Wort kommen lassen – ob anonym oder kollektiv im Team. Leider wollte sich niemand aus der Deckung wagen. Wer sich äußert und wer nicht, das kann die Redaktion jedoch nicht beeinflussen. Wir berichten, wir steuern nicht. Einige, mit denen ich in dieser Woche telefoniert habe, fanden die Berichterstattung angebracht, meinten aber, ein Artikel hätte gereicht. Das ist auf den ersten Blick verständlich. Allerdings haben solche Ereignisse eine Dynamik. Der Verein meldete seine Mannschaft ab, einige Vereine positionierten sich, andere solidarisierten sich. Der Verband bot seine Unterstützung bei der Aufarbeitung an uns so weiter. Die Redaktion konnte diese Entwicklungen nicht ignorieren und natürlich geschahen sie nicht alle zum gleichen Zeitpunkt, sondern schrittweise. So entstanden mehrere Artikel. Parallel zerrissen sich Menschen auf Facebook das Maul jenseits des Sachlichen. Das stört die Redaktion – sie kann es aber nicht verhindern. Auch das ist Meinungsfreiheit. So bleibt es am Ende dabei: Der Bote lebt gefährlich – wie sehr er sich auch bemühen mag, alles richtig zu machen.