Minden/Espelkamp

Von der Dorfwerkstatt zum Weltkonzern: Dietmar Harting wird 80

Reinhard Günnewig

Förderer des Sports: DH mit Ehefrau Margrit bei der Erweiterung des Espelkamper
Stadtions (2013) - © Foto: R. Günnewig[cid][cid]
Förderer des Sports: DH mit Ehefrau Margrit bei der Erweiterung des Espelkamper
Stadtions (2013) (© Foto: R. Günnewig[cid][cid])

Minden/Espelkamp (gü). Die ersten Brocken Englisch lernte er kurz nach Ende des Krieges. „Die Züge mit englischen Soldaten fuhren hinter unserem Haus an der Bahnstraße in Dankersen vorbei. ‚Chocolate’ haben wir ihnen zugerufen und sie haben tatsächlich Schokolade von den Waggons abgeworfen." Als sich sein Vater 1945 nach der Flucht aus Berlin an der Mindener Stiftsallee mit einer kleinen mechanischen Werkstatt selbstständig gemacht hatte und ein paar Jahre später mit Amerikanern geschäftlich verhandelte, war der Sohn mit seinen Sprachkenntnissen gefragt. „Ich saß bei den Gesprächen dabei und konnte beim Übersetzen helfen", erinnert sich Dietmar Harting.

Aus dem Start-up in dörflicher Umgebung ist längst ein Global Player geworden. Und fast ein halbes Jahrhundert stand der Junge, der in Minden aufwuchs und dort einige Jahre zur Schule ging, an der Spitze des Konzerns mit inzwischen 5.000 Beschäftigten, Vertriebsbüros und Fabriken in 44 Ländern, An diesem Sonntag (15. September) nun vollendet Dietmar Harting sein 80. Lebensjahr.

Im Mindener Land und der Umgebung war Dietmar mit seinen Eltern und seinem (bereits 1973 verstorbenen) Bruder regelmäßig unterwegs. Am Wochenende ging’s zum „Böger-hof" in Extertal, zur „Süßen Mutter" und zum „Gasthaus Walter" in Obernkirchen. „Da konnte ich meine geliebten Mettbrötchen essen", sagt Harting und gerät dabei fast ins Schwärmen.

Als das Unternehmen 2001 einen Standort für die Deutschland GmbH der Technologiegruppe suchte, fiel die Wahl schnell auf Minden, nicht zuletzt wegen der biografischen – und wohl auch emotionalen – Verbindung zu dieser Stadt. Engagiert für das Projekt wurde der internationale Stararchitekt Mario Botta. Und das Bekenntnis zur Region findet seinen Ausdruck auch in der tatkräftigen und großzügigen („mit einer ordentlichen Summe") Unterstützung des Handballsports. Schon seit mehreren Jahren ist Harting Hauptsponsor des Handball-Bundesligisten, Gesellschafter der GmbH und fördert vor allem die Nachwuchsarbeit des Vereins. Schon sein Vater Wilhelm Harting engagierte sich für den lokalen Sport und stellte Fahrzeug und Chauffeur für die Fahrten der GWD-Handballer zu den Auswärtsspielen in der Oberliga zur Verfügung.

Der Abschied von Minden – ab 1950 wurde der Firmensitz schrittweise nach Espelkamp verlegt – war dennoch unumgänglich. Nach dem Wechsel von der Mindener Stiftsallee in nicht mehr genutzte Gebäude am Simeonsglacis waren die Erweiterungsmöglichkeiten der rasch expandierenden Firma im Gründungsort erschöpft. Minden konnte die benötigen Flächen und Räume nicht anbieten; Espelkamp lockte mit günstigen Bedingungen neue Unternehmen. Flüchtlinge und Vertriebene waren für Harting willkommene Arbeitskräfte.

2015 übergab Dietmar Harting, –-unter anderem langjähriger Präsident des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), des Deutschen Instituts für Normung (DIN) und viele Jahre führend in nationalen und internationalen Verbänden und Gremien der Normungsarbeit, – den Vorstandsvorsitz an seinen Sohn Philip und widmet sich nun vor allem Themen und Fragen rund um neuen Technologien und Aspekten der Globalisierung.

Und er hat mehr Zeit für sein Hobby, die Geschichte und die Archäologie. Denn Archäologe wollte der nunmehr 80-jährige eigentlich werden, nachdem er nachts als Schüler unter der Bettdecke „Götter, Gräber und Gelehrte" von C.W. Ceram verschlungen hatte. Doch der Vater dachte unternehmerisch und an die nächste Generation und verfügte: „Du studierst Physik!". So wurde aus dem verhinderten Historiker ein technikbegeisterter und vielfach ausgezeichneter Unternehmer (u.a. mit der Ehrendoktorwürde der Leibniz Universität Hannover), ein großer Stratege, „Mr. Normung" und vor allem: „Kopf" der Erfolgsgeschichte von Harting.

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Minden/EspelkampVon der Dorfwerkstatt zum Weltkonzern: Dietmar Harting wird 80Reinhard GünnewigMinden/Espelkamp (gü). Die ersten Brocken Englisch lernte er kurz nach Ende des Krieges. „Die Züge mit englischen Soldaten fuhren hinter unserem Haus an der Bahnstraße in Dankersen vorbei. ‚Chocolate’ haben wir ihnen zugerufen und sie haben tatsächlich Schokolade von den Waggons abgeworfen." Als sich sein Vater 1945 nach der Flucht aus Berlin an der Mindener Stiftsallee mit einer kleinen mechanischen Werkstatt selbstständig gemacht hatte und ein paar Jahre später mit Amerikanern geschäftlich verhandelte, war der Sohn mit seinen Sprachkenntnissen gefragt. „Ich saß bei den Gesprächen dabei und konnte beim Übersetzen helfen", erinnert sich Dietmar Harting. Aus dem Start-up in dörflicher Umgebung ist längst ein Global Player geworden. Und fast ein halbes Jahrhundert stand der Junge, der in Minden aufwuchs und dort einige Jahre zur Schule ging, an der Spitze des Konzerns mit inzwischen 5.000 Beschäftigten, Vertriebsbüros und Fabriken in 44 Ländern, An diesem Sonntag (15. September) nun vollendet Dietmar Harting sein 80. Lebensjahr. Im Mindener Land und der Umgebung war Dietmar mit seinen Eltern und seinem (bereits 1973 verstorbenen) Bruder regelmäßig unterwegs. Am Wochenende ging’s zum „Böger-hof" in Extertal, zur „Süßen Mutter" und zum „Gasthaus Walter" in Obernkirchen. „Da konnte ich meine geliebten Mettbrötchen essen", sagt Harting und gerät dabei fast ins Schwärmen. Als das Unternehmen 2001 einen Standort für die Deutschland GmbH der Technologiegruppe suchte, fiel die Wahl schnell auf Minden, nicht zuletzt wegen der biografischen – und wohl auch emotionalen – Verbindung zu dieser Stadt. Engagiert für das Projekt wurde der internationale Stararchitekt Mario Botta. Und das Bekenntnis zur Region findet seinen Ausdruck auch in der tatkräftigen und großzügigen („mit einer ordentlichen Summe") Unterstützung des Handballsports. Schon seit mehreren Jahren ist Harting Hauptsponsor des Handball-Bundesligisten, Gesellschafter der GmbH und fördert vor allem die Nachwuchsarbeit des Vereins. Schon sein Vater Wilhelm Harting engagierte sich für den lokalen Sport und stellte Fahrzeug und Chauffeur für die Fahrten der GWD-Handballer zu den Auswärtsspielen in der Oberliga zur Verfügung. Der Abschied von Minden – ab 1950 wurde der Firmensitz schrittweise nach Espelkamp verlegt – war dennoch unumgänglich. Nach dem Wechsel von der Mindener Stiftsallee in nicht mehr genutzte Gebäude am Simeonsglacis waren die Erweiterungsmöglichkeiten der rasch expandierenden Firma im Gründungsort erschöpft. Minden konnte die benötigen Flächen und Räume nicht anbieten; Espelkamp lockte mit günstigen Bedingungen neue Unternehmen. Flüchtlinge und Vertriebene waren für Harting willkommene Arbeitskräfte. 2015 übergab Dietmar Harting, –-unter anderem langjähriger Präsident des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), des Deutschen Instituts für Normung (DIN) und viele Jahre führend in nationalen und internationalen Verbänden und Gremien der Normungsarbeit, – den Vorstandsvorsitz an seinen Sohn Philip und widmet sich nun vor allem Themen und Fragen rund um neuen Technologien und Aspekten der Globalisierung. Und er hat mehr Zeit für sein Hobby, die Geschichte und die Archäologie. Denn Archäologe wollte der nunmehr 80-jährige eigentlich werden, nachdem er nachts als Schüler unter der Bettdecke „Götter, Gräber und Gelehrte" von C.W. Ceram verschlungen hatte. Doch der Vater dachte unternehmerisch und an die nächste Generation und verfügte: „Du studierst Physik!". So wurde aus dem verhinderten Historiker ein technikbegeisterter und vielfach ausgezeichneter Unternehmer (u.a. mit der Ehrendoktorwürde der Leibniz Universität Hannover), ein großer Stratege, „Mr. Normung" und vor allem: „Kopf" der Erfolgsgeschichte von Harting.