Minden/Petershagen

Verlorene Heimat: Der neue Roman von Michael Göring

Jürgen Langenkämper

Minden/Petershagen (mt). Ein nach Australien ausgewanderter Deutscher kommt an den Ort seiner Kindheit zurück und wird dort mit der Vergangenheit und ebenso mit der Gegenwart konfrontiert. In dem Roman „Hotel Dellbrück“ geht es um Flüchtlingsschicksale damals wie heute. Der Autor Michael Göring rollt in seinem jüngsten Werk 80 Jahre deutsche Geschichte aus. Am Samstag und Sonntag liest er daraus im Begegnungszentrum „Mer Ketne“ und im Alten Amtsgericht Petershagen.

Vor 80 Jahren: Ein Denkmal erinnert in Berlin an die Kindertransporte, durch die rund 10.000 jüdische Kinder gerettet wurden. Foto: Jörg Carstensen/dpa - © (c) Copyright 2018, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
Vor 80 Jahren: Ein Denkmal erinnert in Berlin an die Kindertransporte, durch die rund 10.000 jüdische Kinder gerettet wurden. Foto: Jörg Carstensen/dpa (© (c) Copyright 2018, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten)

Frido Ross, eigentlich: Rosenbaum, begegnet beim Besuch des einstigen Hotels Dellbrück, das seinem Großvater Antonius „Tono“ Dellbrück gehörte, syrischen Flüchtlingen. Die Suche nach der eigenen Vergangenheit bekommt aktuelle Bezüge, wo der „unbegleitete Minderjährige“ Djad bei seiner Flucht kaum älter ist als Fridos Vater, Sigmund Rosenbaum, im November 1938.

Sigmund, 1923 geboren, war nach dem frühen Tod seiner ledigen jüdischen Mutter, die als Kaltmamsell in dem Hotel gearbeitet hatte, in die katholische Familie des Hotelbesitzers aufgenommen worden. Doch dann kamen die Nazis an die Macht. Nach dem Novemberpogrom 1938 entschloss sich der Ziehvater, den 15-Jährigen nach England zu schicken.

„Ich wollte auf den hierzulande ziemlich unbekannten Akt der englischen Zivilcourage aufmerksam machen“, erklärt der Autor. Drei Tage nach der Pogromnacht hatten Engländer verschiedener Religionsgemeinschaften in einem offenen Brief an Premierminister Chamberlain diesen aufgefordert, jüdische Kinder und Jugendliche nach England zu holen und vor den antisemitischen Ausschreitungen zu retten. Tatsächlich entgingen durch die Hilfsaktion vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mehr als 10.000 Kinder der späteren Massenvernichtung durch die NS-Maschinerie. Auch aus Minden sind Kinder wie der damals siebenjährige Hans Werberg entkommen, ihre Eltern aber vielfach nicht.

Görings Roman spielt in weiten Teilen in der Mindener Verhältnissen nicht unähnlichen westfälischen Kleinstadt Lippstadt, in der auch der Autor selbst aufgewachsen ist und deren Geschichte und Atmosphäre er deswegen umso besser kennt. Dorthin lässt er Sigmund auch nach Kriegsende zurückkehren. Dieser heiratet die Tochter seines Ziehvaters, Marie, genannt Rile, die ihm während des Krieges nach England schrieb.

„Briefe waren nicht so ohne Weiteres möglich“, sagt Michael Göring. Aber er lässt die weibliche Hauptfigur sich eines Pfarrers bedienen, der die Briefe als Kurier mit in die Schweiz nimmt und von dort verschickt. „Es war mir wichtig, dadurch in dem Roman das Kriegsgeschehen in Lippstadt zu zeigen.“

Nach Deutschland zurückgekehrt, arbeitet Sigmund als Englischlehrer, bis einer seiner ehemaligen Lehrer in den Dienst zurückkehrt und ihn erneut drangsaliert. Das Opfer weicht aus und wird Hochschuldozent.

Die bohrende Frage vieler überlebender Opfer, warum gerade sie überleben durften und nicht andere und der sich daraus entwickelnde Schuldkomplex, treibt Sigmund dazu, die Judenverfolgung vor Ort zu erforschen. Doch Zeitungen wollen davon lange nichts wissen und drucken seine Artikel nicht. In den Erlebnissen aus Schule und Medien wird die Verdrängung der Judenverfolgung in den ersten Nachkriegsjahrzehnten deutlich.

Sigmunds und Riles Sohn Friedemann, genannt Frido, entzieht sich der Auseinandersetzung mit dem Schicksal seines zwischen Schuld- und Hassgefühlen hin und her gerissenen Vaters nach dem Schulabschluss zunächst durch eine Reise ins indische Poona. Dort lernt er eine junge Australierin, selbst Tochter eines jüdischen Exilanten, wie sich später herausstellt, und wandert ihretwegen dorthin aus, bis er schließlich mit 63 Jahren – ebenso alt wie der Autor selbst – an den Ursprungsort seiner Familie zurückkehrt.

Letztlich ist Görings vierter Roman auch eine gänzlich unorthodoxe Begegnung mit Religionen und Konfessionen. Sigmund, der Junge jüdischen Glaubens, lässt sich in England aus Dankbarkeit zu seiner methodistischen Gastfamilie taufen. Nach Lippstadt zurückgekehrt, konvertiert er zum Katholizismus, um Rile zu heiraten. Sein Sohn sucht Sinn im Hinduismus und Buddhismus, lässt seinen eigenen Sohn beschneiden und diskutiert schließlich mit dem jungen muslimischen Flüchtling über Sufismus.

„Was mich immer wieder interessiert hat, ist, wie ein junger Mensch reagiert, der aus seinem Nest geworfen wird, der sich eine neue Heimat suchen muss“, sagt Göring. Aus dieser Perspektive sind die Schicksale der jungen jüdischen Flüchtlinge in den 1930er-Jahren und der arabischen Flüchtlinge des Jahres 2015 ineinander verwoben in einer ebenso dichten wie leichten Erzählweise über drei Generationen hinweg, einer Handlung, wie sie in Minden ebenso gespielt haben könnte wie in Lippstadt. Diese Geschichte ist Prof. Dr. Michael Göring in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Zeit-Stiftung und des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen immer wieder begegnet.

Auch „Hotel Dellbrück“ und seine zweite Hauptfigur Frido haben „ein paar Ähnlichkeiten“ mit ihm selbst, wie Göring zugibt, aber einen autobiografischen Hintergrund gebe es nicht – Detailkenntnisse der westfälischen Provinz nicht ausgeschlossen. Der Wahl-Hamburger liest am Samstag, 14. September, um 18 Uhr auf Einladung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und des Vereins Deutscher Sinti im „Mer Ketne“ in Minden, Königstraße 3, und am Sonntag, 15. September, um 15 Uhr auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge im Alten Amtsgericht Petershagen, Mindener Straße 16.

Michael Göring, Hotel Dellbrück, Hamburg 2018, Osburg Verlag, 421 Seiten, ISBN 3955101657, 22 Euro.

Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 168 oder Juergen.Langenkaemper@MT.de

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Minden/PetershagenVerlorene Heimat: Der neue Roman von Michael GöringJürgen LangenkämperMinden/Petershagen (mt). Ein nach Australien ausgewanderter Deutscher kommt an den Ort seiner Kindheit zurück und wird dort mit der Vergangenheit und ebenso mit der Gegenwart konfrontiert. In dem Roman „Hotel Dellbrück“ geht es um Flüchtlingsschicksale damals wie heute. Der Autor Michael Göring rollt in seinem jüngsten Werk 80 Jahre deutsche Geschichte aus. Am Samstag und Sonntag liest er daraus im Begegnungszentrum „Mer Ketne“ und im Alten Amtsgericht Petershagen. Frido Ross, eigentlich: Rosenbaum, begegnet beim Besuch des einstigen Hotels Dellbrück, das seinem Großvater Antonius „Tono“ Dellbrück gehörte, syrischen Flüchtlingen. Die Suche nach der eigenen Vergangenheit bekommt aktuelle Bezüge, wo der „unbegleitete Minderjährige“ Djad bei seiner Flucht kaum älter ist als Fridos Vater, Sigmund Rosenbaum, im November 1938. Sigmund, 1923 geboren, war nach dem frühen Tod seiner ledigen jüdischen Mutter, die als Kaltmamsell in dem Hotel gearbeitet hatte, in die katholische Familie des Hotelbesitzers aufgenommen worden. Doch dann kamen die Nazis an die Macht. Nach dem Novemberpogrom 1938 entschloss sich der Ziehvater, den 15-Jährigen nach England zu schicken. „Ich wollte auf den hierzulande ziemlich unbekannten Akt der englischen Zivilcourage aufmerksam machen“, erklärt der Autor. Drei Tage nach der Pogromnacht hatten Engländer verschiedener Religionsgemeinschaften in einem offenen Brief an Premierminister Chamberlain diesen aufgefordert, jüdische Kinder und Jugendliche nach England zu holen und vor den antisemitischen Ausschreitungen zu retten. Tatsächlich entgingen durch die Hilfsaktion vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mehr als 10.000 Kinder der späteren Massenvernichtung durch die NS-Maschinerie. Auch aus Minden sind Kinder wie der damals siebenjährige Hans Werberg entkommen, ihre Eltern aber vielfach nicht. Görings Roman spielt in weiten Teilen in der Mindener Verhältnissen nicht unähnlichen westfälischen Kleinstadt Lippstadt, in der auch der Autor selbst aufgewachsen ist und deren Geschichte und Atmosphäre er deswegen umso besser kennt. Dorthin lässt er Sigmund auch nach Kriegsende zurückkehren. Dieser heiratet die Tochter seines Ziehvaters, Marie, genannt Rile, die ihm während des Krieges nach England schrieb. „Briefe waren nicht so ohne Weiteres möglich“, sagt Michael Göring. Aber er lässt die weibliche Hauptfigur sich eines Pfarrers bedienen, der die Briefe als Kurier mit in die Schweiz nimmt und von dort verschickt. „Es war mir wichtig, dadurch in dem Roman das Kriegsgeschehen in Lippstadt zu zeigen.“ Nach Deutschland zurückgekehrt, arbeitet Sigmund als Englischlehrer, bis einer seiner ehemaligen Lehrer in den Dienst zurückkehrt und ihn erneut drangsaliert. Das Opfer weicht aus und wird Hochschuldozent. Die bohrende Frage vieler überlebender Opfer, warum gerade sie überleben durften und nicht andere und der sich daraus entwickelnde Schuldkomplex, treibt Sigmund dazu, die Judenverfolgung vor Ort zu erforschen. Doch Zeitungen wollen davon lange nichts wissen und drucken seine Artikel nicht. In den Erlebnissen aus Schule und Medien wird die Verdrängung der Judenverfolgung in den ersten Nachkriegsjahrzehnten deutlich. Sigmunds und Riles Sohn Friedemann, genannt Frido, entzieht sich der Auseinandersetzung mit dem Schicksal seines zwischen Schuld- und Hassgefühlen hin und her gerissenen Vaters nach dem Schulabschluss zunächst durch eine Reise ins indische Poona. Dort lernt er eine junge Australierin, selbst Tochter eines jüdischen Exilanten, wie sich später herausstellt, und wandert ihretwegen dorthin aus, bis er schließlich mit 63 Jahren – ebenso alt wie der Autor selbst – an den Ursprungsort seiner Familie zurückkehrt. Letztlich ist Görings vierter Roman auch eine gänzlich unorthodoxe Begegnung mit Religionen und Konfessionen. Sigmund, der Junge jüdischen Glaubens, lässt sich in England aus Dankbarkeit zu seiner methodistischen Gastfamilie taufen. Nach Lippstadt zurückgekehrt, konvertiert er zum Katholizismus, um Rile zu heiraten. Sein Sohn sucht Sinn im Hinduismus und Buddhismus, lässt seinen eigenen Sohn beschneiden und diskutiert schließlich mit dem jungen muslimischen Flüchtling über Sufismus. „Was mich immer wieder interessiert hat, ist, wie ein junger Mensch reagiert, der aus seinem Nest geworfen wird, der sich eine neue Heimat suchen muss“, sagt Göring. Aus dieser Perspektive sind die Schicksale der jungen jüdischen Flüchtlinge in den 1930er-Jahren und der arabischen Flüchtlinge des Jahres 2015 ineinander verwoben in einer ebenso dichten wie leichten Erzählweise über drei Generationen hinweg, einer Handlung, wie sie in Minden ebenso gespielt haben könnte wie in Lippstadt. Diese Geschichte ist Prof. Dr. Michael Göring in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Zeit-Stiftung und des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen immer wieder begegnet. Auch „Hotel Dellbrück“ und seine zweite Hauptfigur Frido haben „ein paar Ähnlichkeiten“ mit ihm selbst, wie Göring zugibt, aber einen autobiografischen Hintergrund gebe es nicht – Detailkenntnisse der westfälischen Provinz nicht ausgeschlossen. Der Wahl-Hamburger liest am Samstag, 14. September, um 18 Uhr auf Einladung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und des Vereins Deutscher Sinti im „Mer Ketne“ in Minden, Königstraße 3, und am Sonntag, 15. September, um 15 Uhr auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge im Alten Amtsgericht Petershagen, Mindener Straße 16. Michael Göring, Hotel Dellbrück, Hamburg 2018, Osburg Verlag, 421 Seiten, ISBN 3955101657, 22 Euro. Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 168 oder Juergen.Langenkaemper@MT.de